Theater

Corpus Christi

von Terrence McNally Theater

 

26. Juni, 19.30 Uhr Gastspiel in Kassel, Staatstheater
28. Juni 2000 Gastspiel in Hamburg, Kampnagel
2. Juli, 19.30 Uhr Gastspiel im Stadttheater Pforzheim /abgesagt
6. Juli, 19.30 Uhr Gastspiel in Weimar, Nationaltheater
8. Juli, 20.00 Uhr Gastspiel im Landestheater, Tübingen
14. Juli, 19 Uhr Gastspiel im Schauspielhaus Karlruhe / abgesagt
18. Juli, ca. 20 Uhr Gastspiel in den Städtischen Bühnen, Freiburg

                                

Aufruf der Partei Bibeltreuer Christen PBC zur Demonstation gegen das Theaterstück am 8. April:

„Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten!
Denn was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten.“

(Galater 6,7)

Der Bundesvorstand der PBC spricht sich uneingeschränkt gegen eine gewaltsame Auseinandersetzung wegen dem gotteslästerlichen Theater „Corpus Christi“ aus. Wir verurteilen jede Art von Gewaltandrohung oder Ausübung von Gewalt.

Wir verurteilen jedoch auch die Darstellung durch das Theater. In der Aufführung wird auf gemeine Art und Weise die Wahrheit verdreht und nach unserem Verständnis Geschichtsfälschung betrieben.

Das läßt sich leicht durch das Lesen der Bibel belegen. Durch dieses gotteslästerliche „Schmierentheaterstück“ wie es in den Medien bezeichnet wurde, werden grob und mutwillig die Glaubensinhalte von Millionen von Christen weltweit verunglimpft, verletzt und beleidigt. Das trifft nicht nur auf „sogenannte Fundamentalisten“ zu.

Das Stück verletzt nach Grundgesetz Artikel 5, Absatz 2 „...das Recht auf persönliche Ehre.“ Nach StGB 166 verletzt es religiöse Gefühle und stört den öffentlichen Frieden.
Deshalb rufen wir alle Christen in unserem Land auf, an der Demonstration am 08.04.2000 zahlreich in Heilbronn zu erscheinen!

Wir schämen uns für unser „Christliches Abendland“. Muslime die in unserem Land leben beschämen uns und zeigen uns, wie wir mit „Heiligem“ umgehen sollten!

[Zit. aus: www.pbc.de]

 

Das Stück selber mag interessant sein. Aber das "Theater", was sich um das Stück herum abspielt, ist noch viel interessanter. Wer also nicht unbedingt das Stück selber sehen möchte, hat vielleicht Lust die protestierende Truppe draußen zu bewundern:

"Möge Allah diesen Ketzern Unglück bescheren", heißt es in einem per Internet verbreiteten Appell. "Im Namen des Erhabenen" wettert eine nicht namentlich bekannte, aber als radikal eingeschätzte Muslim-Organisation gegen "Corpus Christi", ein Stück des amerikanischen Dramatikers Terrence McNally, das am Heilbronner Theater im September seine deutsche Uraufführung erlebte. Seither bemühen sich vor allem fromme Christen um eine Absetzung des als blasphemisch verurteilten Treibens der 13 Schauspieler. Vor jeder Vorstellung postiert sich eine Mahnwache, mobilisiert von der Partei Bibeltreuer Christen. Die allermeisten der Demonstranten, von denen etliche auch kleine Kinder mitbringen, kennen "Corpus Christi" nur vom Hörensagen.

Während drinnen die Geschichte von Jesus Christus im modernen Rahmen einer schwulen Gemeinschaft im heutigen Amerika erzählt wird, singen draußen Gläubige drei Stunden lang kirchliche Lieder. Weil Intendant Klaus Wagner den Spielplan nicht ändern will und offensichtlich auch die Gebete um Erleuchtung der angeblich teuflischen Theaterleute nicht erhört wurden, suchen aufgebrachte Christen - die auch gerne Drohbriefe schreiben - Beistand bei weltlichen Juristen. Doch Strafanzeigen wegen Gotteslästerung und Beleidigung wurden ebenso abgelehnt wie Anträge auf Verbotsverfügungen. Weder Staatsanwälte noch Richter wollten sich als Zensoren aufspielen.

Der Aufruhr, der auch Leserbriefspalten der Lokalpresse füllt, brachte dem Theater volle Ränge ein. "Wir sind immer ausverkauft", freut sich der Dramaturg James McDowell, "das Stück ist der absolute Renner." Wegen des großen Interesses wird "Corpus Christi" bis Februar verlängert.

Weil sich jetzt Moslems mit den wütenden Christen solidarisieren, sieht sich die Polizei mit "einer anderen Dimension" konfrontiert. Im Internet wird dazu aufgefordert, "lauthals vor dem Theater" gegen das "höchst lästerliche Stück" zu protestieren, zumal das Abendmahl mit Prophet Isa (der arabische Name für Jesus) als "Saufgelage" gezeigt werde. Verschärft wird die Situation durch die Tatsache, dass der Autor Terrence McNally (61) nach der Aufführung in London von Scheich Omar Bakri Muhammed, einem Islam-Führer, für vogelfrei erklärt wurde, als er die Fatwa gegen ihn aussprach. Diese, schränkte er zynisch ein, solle "nur in islamischen Staaten vollstreckt" werden. Auch Schauspieler, die bei "Corpus Christi" in Heilbronn mitwirken, können ihres Lebens nicht mehr sicher sein. Es wurde einem Akteur anonymgedroht: "Wir werden dein Haus abbrennen."
[Zit. aus: Südwest Presse, 30.11.99]


Ein Bericht über Inhalt und Vorkommnisse rund um das Theaterstück von Percy Brauch (Schauspieler):

Es ist schwierig, genau die Urheber des Terrors zu lokalisieren. Aber man kann sicher behaupten, dass der offensiv geführte Protest z.B. der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) den Boden gelegt hat für diese Form der Eskalation. Man sollte aber die Macht der PBC nicht überschätzen, denn in diesem Fall haben alle Hand in Hand gearbeitet. Die Kirchen, Opus Dei, katholische Laiengruppen wie die "Blaue Armee Mariens", Moslems und auch die Presse. Wenn im Videotext des BR steht "In dem Stück werden Jesus und seine Jünger als trinkfreudige Homosexuelle dargestellt", dann trifft das einfach nicht den Sachverhalt. Natürlich sind die Figuren homosexuell, aber das ist nicht deren Hauptmotiv, und es wird auch einmal viel getrunken, und zwar beim letzten Abendmahl. Aber das ist doch seit Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar" ein alter Hut. In einer Zeitung steht, Maria werde als Hure dargestellt. Nun, das ist total falsch. Textbeispiel:

Josef: Von mir ist das Kind jedenfalls nicht!
Maria: Es ist auch von keinem anderen. Ich bin Jungfrau, Josef.
Josef: Wem sagst Du das...

Aber mit all diesen Gerüchten und Halbwahrheiten über das Stück wird Öffentlichkeit gemacht. Wertekonservative Christen fühlen sich aufgrund dieser Halbinformationen beleidigt und ihren Gott gelästert, latent radikale Christen vergessen ihr "latent" und so kommen die Morddrohungen zustande.

Es wäre schön, wenn sich mehr Leute genauer informieren würde. Wie J. Filmm beim Intendantentreffen in Wiesbaden gesagt hat: Wer über das Stück reden will, muss es gelesen haben, wer über die Aufführung reden will, muss sie gesehen haben.

Viele Pfarrer, die das Stück gesehen haben, fanden es sehr gut und sind teilweise mit ihren Konfirmationsklassen noch einmal hinein. Ein Religionswissenschaftler nannte das Stück "harmlos und lammfromm".

Zum Inhalt von "Corpus" gibt nicht so viel zu erzählen: Die Leidensgeschichte Jesu kennt ja jeder.

Zu Anfang kommen wir Schauspieler quasi privat (in sehr extravaganten Kostümen, deswegen quasi privat) auf die Bühne, werden getauft und ziehen einen dunklen Anzug als Zeichen der Aufnahme in die Gruppe an.

Die Jünger haben moderne Berufe: Masseur, Lehrer, Arzt, Sänger, Anwalt, Schauspieler, Frisör, Architekt, Stricher, Fischer, Restaurantbesitzer und einer fungiert als Chronist. Dann werden die Rollen verteilt, die jeder während des Stücks spielen muss. Vom LKW-Fahrer bis zum römischen Hauptmann ist alles dabei. Dann geht die Geschichte los. Joshua durchlebt folgende Stationen:

Geburt in einem miesen Motel / Kinderzeit mit Sport-, Tanz- und Gesangsunterricht / Highschool-Zeit mit Abschlußball, wo er Judas kennenlernt / Wanderjahre in der Wüste (Treffen mit dem toten James Dean) / Sammeln der Jüger (einen z.B. in einer Diskothek) / Leben in der Gemeinschaft mit den Jüngern, Vollbringen von Wundern / Abendmahl / Kreuzigung.

Dann folgt noch ein kurzer Epilog.


Mittlerweile hat sich die Lage zugespitzt. Ein Bericht aus den Aufzeichnungen des Schauspielers Percy Brauch (das Aktuellste zuerst):

14.03.2000: Die aufgrund der ersten Bombendrohung abgebrochene Vorstellung (vom 24.02.) des Stücks "Corpus Christi" wurde wiederholt. Die Vorstellung fand wieder unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt, wieder wurden z.B. alle Zuschauer und Mitarbeiter vor Betreten des Theaters nach Waffen oder Sprengstoff abgetastet oder mit Detektoren abgesucht. Ca. 1 Stunde nach Beginn der Vorstellung ging auch wieder eine anonyme Bombendrohung ein, die den Ablauf der Vorstellung jedoch nicht beeinflusste. Langsam regt sich auch die Theaterlandschaft: Von div. Bühnen wurden Einladungen ausgesprochen, das Stück auch in Ihrer Stadt zu zeigen.

01.03.2000: Heute ging, neben den üblichen, von christlichen Laiengruppen wie der "Blauen Armee Mariens" inszenierten Droh- und Schmähbriefen, folgendes Fax im Theater ein, das zeigt, welcher Form von Gedankengut wir uns mittlerweile ausgesetzt sehen: "Ich wette, Ihre Intendanz besteht aus Juden, denn nur diese seelenlosen unanständigen Menschen sind bekanntlich so voller Hass, um sogar Gott zu lästern. Schalom ..." Die Adresse und der Name auf dem Fax sind gefälscht, die Faxkennung war dahingehend manipuliert, dass sie nichts anzeigte.
Aufgrund der extremen Zuspitzung der Situation in den letzten Tagen möchte ich Sie bitten, sich mit uns solidarisch zu zeigen, in dem Sie an diese Adresse eine Mail schicken: mail@percybrauch.de. Spätestens jetzt sollte klar sein, dass wir uns wehren müssen. Die "christliche" Kritik an unserem Stück (mit der wir uns immer auseinandergesetzt haben) darf nicht zu einem Aufleben braunen Gedankenguts führen.

29.02.2000: Auch währen der gestrigen Vorstellung von "Corpus Christi" kam es zu massiven Drohungen seitens der Stückgegner. Zuerst ging bei der Polizei eine Bombendrohung ein. Die Polizei hat diese jedoch nicht so ernst genommen, als dass die Vorstellung in Gefahr gekommen wäre, abgebrochen zu werden. Später fand ein Polizist auserdem in einem Papierkorb vor dem Bühneneingang des Theaters die Attrappe einer Rohrbombe. Die Umgebung des Theaters wurde wieder weiträumig abgesperrt.

28.02.2000: Unter massivem Polizeischutz ging "Corpus Christi" über die Bühne. Das Publikum erschien vollzählig (die Vorstellung war bereits weit vor Wochen ausverkauft). Ebenso wie die Freude darüber, dass die Zuschauer und wir uns nicht von den plumpen Drohungen der letzten Tage haben einschüchtern lassen kommt in mir jedoch auch ein Gefühl der Traurigkeit auf, dass man ein Stück, in dem es um Nächstenliebe und Toleranz geht, nur unter Polizeischutz spielen kann.
Übrigens: Die Heilbronner Stimme hat verlautbaren lassen, dass es bei der von ihr durchgeführten Internet-Abstimmung bezüglich "Corpus Christi" zu massiven Manipulationsversuchen seitens der Gegner des Stückes gekommen ist.

Am 24.02.2000 kam die Auseinandersetzung um "Corpus Christi" zu einem unrühmlichen Höhepunkt. Es ging eine anonyme Bombendrohung gegen das Theater bei der Polizei ein und die laufende Vorstellung musste abgebrochen werden. Es ist traurig, dass es zu dieser tumben Form der Gewaltausübung kam, erschütternd, dass radikale Menschen unter dem Deckmantel "Christentum" zu solchen freiheitsfeindlichen Mitteln greifen. Uns bleibt in meinen Augen nur eines: Weiterspielen! Solchen Kräften darf nicht nachgegeben werden.

"Corpus Christi" und kein Ende! Heute morgen (23.02.2000) weckte mich mein Radiowecker mit der Meldung, dass bis jetzt 15.000 Unterschriften beim Theater eingegangen seien. Außerdem seien gegen den Heilbronner Oberbürgermeister Himmelsbach sowie gegen unseren Intendanten Wagner Morddrohungen ausgesprochen worden. Und alles im Namen des Christentums. Gehen da nicht einige Leute zu weit? Bei der Vorstellung morgen wird jedendfalls einigens zu erwarten sein.

Entgegen anderslautenden Berichten werden die Vorstellungen von "Corpus Christi" am 24.02. und am 28.02.2000 nicht die letzten sein. Es wird noch eine Vorstellung am 13.04.2000, und, wenn die Nachfrage so hoch bleibt, eine weitere im Mai stattfinden. Die Aufregung um das Stück nimmt wieder zu. Mittlerweile gingen ca. 10.000 Briefe im Theater ein, die eine Absetzung fordern. Die Briefe kommen von religiösen Fanatikern aus dem ganzen Bundesgebiet und enthalten teils unverhohlene Drohungen. Ob die alle das Stück gesehen haben? Also: Sie haben noch die Möglichkeit! Sehen Sie es sich an! Diskutieren Sie mit uns! Es finden weiterhin nach jeder Vorstellungen Publikumsdiskussionen statt!

[Entnommen der Homepage von Percy Brauch]


Mai 2000  Der Humanist
erstellt von
Heike Jackler