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Otto von Corvin: Pfaffenspiegel.
Die Erstauflage des Pfaffenspiegel erschien 1845. Die vorliegende Internet-Version
entspricht der 1996 im Verlag Hubert Freistühler erschienenen Variante der
43. revidierten Original-Ausgabe (Rudolstädter Ausgabe 1927). Diese Variante
ist teilweise zensiert im Sinne des §166 StGB (Gotteslästerungsparagraph)
gemäß einem am 28.3.1927 ergangenen Urteil der I. großen Strafkammer des
Landgerichts II in Berlin.
Im Vorwort der Freistühler-Ausgabe heißt es:
Aus [der Rudolstädter Ausgabe] wurden jene Zeilen entfernt, die durch dieses Urteil als Verstoß gegen §166 StGB angesehen wurden und nur einige Zeilen Text ausmachten. Auch aus den Vorreden und der Einleitung des Verfassers wurden einige belanglose Stellen weggelassen. Mit Hilfe von Jürgen Kurz ist es mir gelungen, einige der aus den Vorreden und der Einleitung entfernten Passagen zu rekonstruieren. Diese habe ich eingerückt mit dem Vorsatz "Entfernte Textstelle" an den entsprechenden Stellen eingefügt. Wieso nun diese Stellen als belanglos angesehen wurden, ist mir nicht klar. Mitunter sind die Entfernungen im Text grob sinnentstellend. Links auf diese Seite und ausführliches Zitieren sind ausdrücklich erwünscht. Für Hinweise auf Fehler im Text, die bei einer Digitalisierung unvermeidlich sind, bin ich dankbar. Inhaltliche Anmerkung zum ersten Kapitel: Corvin musste davon ausgehen, dass die in der Bibel beschriebenen Ereignisse sich wirklich zugetragen haben. Entsprechend bemüht er sich, diese zu erklären. Heute weiß man, dass sowohl das Alte als auch das Neue Testament ein Sammelsurium der obskursten Fälschungen und Entstellungen sind. Der angebliche Kindermord des Herodes ist zum Beispiel eine dreiste Lüge. Auch die Darstellung, große Teile der Welt hätten unter dem "römischen Joche" gelitten, ist falsch. Tatsächlich profitierten viele der von Rom eroberten Länder von der römischen Kultur. Dies gilt auch für Israel, wo es vor allem gewalttätige Fundamentalisten waren, die sich der zunehmenden Säkularisierung durch die römischen Besatzer widersetzten. Zur Person Jesu wurden erst durch die Entdeckung der Qumran-Rollen Mitte des 20. Jahrhunderts einige Schlüsselinformationen bekannt, siehe hierzu Michael Baigent, Richard Leigh: Verschlusssache Jesus. Der §166 StGB existiert übrigens noch heute und heißt nun "Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen". Erik Möller, . S. 6
Pio Nono! "Sollte Dir, heiligster Vater, dieses Büchlein gefallen und Du mir solches öffentlich zu erkennen geben, so will ich mich bemühen, mit ähnlichen Geschenken aufzuwarten." S. 7
(1845) Die Welt ist schon oft mit einem Narrenhause verglichen worden. Der Vergleich ist für uns nicht schmeichelhaft, aber leider ist er passend. Schauen wir um uns! Wo wir hinsehen, finden wir die charakteristischen Kennzeichen eines Tollhauses: Entfernte Textstelle:
Überall rennen wir gegen verschlossene Türen, überall erblicken wir vergitterte Fenster und drohend geschwungene Peitschen eines Aufsehers, wenn wir etwas zu unternehmen trachten, was gegen die Hausordnung verstößt. Doch das alles hat die Welt auch mit einem Zuchthause gemein; das Treffende des Vergleichs wird uns erst klar, wenn wir ihre Bewohner, die Menschen, in ihrem Treiben beobachten. Dort erblicken wir hochmütige Narren, die sich für die Herren der Welt halten und steif und fest glauben, Gott habe dieselbe mit allen Menschen nur zu ihrem Privatvergnügen geschaffen; vor ihnen liegen Millionen noch größerer Narren im Staube, die ihnen glauben und demutsvoll gehorchen. Dort sitzt ein anderer und nennt sich Vizegott. Er liebt das Geld wie ein altrömischer Statthalter, und die Menge rennt herbei und füllt ihm die Taschen mit Gold, wofür er ihr Einlaßkarten - zum Himmel gibt. Dort knien Tausende anbetend vor einer Bildsäule, dort vor einer Schlange, dort vor einem Ochsen. Jene beten die Sonne an, diese den Mond, andere das Wasser. Seht euch diese Leute genauer an, denn von ihnen handelt dies Buch. Ihr findet unter ihnen Wahnsinnige von allen Graden, vom rasend Tollen bis zum armen Blödsinnigen, der unter Zittern und Zagen seinen Rosenkranz betet und beständig fürchtet, der Teufel möchte ihn holen. Wie mannigfach sind nicht die Äußerungen ihres Wahnsinns, oft grauenerregend, oft lächerlich, oft Abscheu und Zorn, oft Mitleid erweckend. Diese Religionstollheit verdient schon eine genauere Betrachtung, denn sie ist über die ganze Erde verbreitet und hat unsägliches Elend über die Menschen gebracht. Und ist denn diese Krankheit unheilbar? O nein! Aber die Ärzte, die es vermöchten, sie zu heilen, meinen es nicht ehrlich, denn sie beuten diese Pest des Menschengeschlechtes zu ihrem Vorteil aus und fürchten ihre Macht zu verlieren, wenn die S. 8
Welt von diesem Übel befreit wird. Andere meinen es ehrlich; aber Machthaber fesseln ihnen nicht allein die Arme, sondern versiegeln ihnen auch den Mund. Entfernte Textstelle:
Vor etwa zweitausend Jahren wurde zum Glücke der tollen Menschheit der Welt ein Heiland geboren. Er war ein großer Arzt, und wer seine Mittel gebrauchte, der genas von der Religionstollheit, die schon von Anbeginn unter dem Menschengeschlechte wütete. Aber er fiel als ein Opfer seiner Menschenfreundlichkeit und wurde ans Kreuz gehängt. Seine Schüler schrieben die Lehren des Meisters nieder, so gut sie dieselben begriffen, aber sie taten es in der überschwenglichen Ausdrucksweise des Morgenlandes, und das war es, was das Abendland noch toller machte, als es vorher war. Hier verstand man den Geist der Sprache nicht, man hielt sich an den Wortlaut, fing an zu drehen und zu deuteln, und in die ganze Heilmethode kam grenzenlose Verwirrung. Die gute Absicht des großen Arztes, die Menschheit aus den Fesseln des Wahns zu erlösen, ging verloren, die geistige Finsternis wurde immer dichter, und die Menschen sind nach zweitausend Jahren noch verrückter, als sie es vorher waren. Es ist meine ehrliche und aufrichtige Meinung, daß das Christentum unendliches Elend über die Welt gebracht hat! Das Gute, welches es erzeugte, wäre auf anderen Wegen gewiß weit herrlicher erreicht worden, und dann steht es mit dem Bösen, dessen Ursache es war, in gar keinem Verhältnis ... Rom und Griechenland sind ohne Christentum groß geworden, und welcher christliche Staat kann so herrliche Beispiele von Bürgertugend und wahrer Mannesgröße aufweisen? Was hätte aus dem trefflich begabten deutschen Volke werden können, wenn es sich auf ähnlichem Wege wie das griechische entwickelt hätte, oder auch - wenn ihm Christi Lehre in ihrer reinen Gestalt überliefert worden wäre! Aber was hat die christliche Kirche mit Christus gemein! Er predigte die Freiheit - sie aber die Sklaverei. Was haben die Deutschen durch das von den Pfaffen verpfuschte Christentum gewonnen? - Sie, die sonst frei waren, wurden durch dasselbe Sklaven und sind es geblieben bis auf den heutigen Tag. Statt hölzerner und steinerner Götzenbilder, die keinen Schaden taten, bekamen sie lebendige Pfaffen. Die Verteidiger des Christentums rühmen, daß es die Barbaren entwilderte. Ich will zugeben, daß dies für den Augenblick geschah, allein wie bald zerknickte nicht das Papsttum die durch die neue Lehre hervorgerufenen dürftigen Blüten der Kultur und versenkte ganz Europa in eine Barbarei, die weit finsterer war, als sie es zu heidnischer Zeit je gewesen. Die heidnischen Preußen waren so dumm nicht, als sie den "heiligen" Adalbert totschlugen, und verdienten weit eher das Denkmal, welches nun diesem gesetzt werden soll. Papst Alexander VI. sagte: "Jede Religion ist gut, die beste aber - die dümmste." Er sprach es aus, was alle Päpste vor und nach ihm dachten. "Rom kann nur herrschen, wenn die Welt dumm ist", stand als unumstößlicher Grundsatz in ihrer Seele geschrieben, und deshalb schickten sie ihre Apostel aus, welche die Menschheit systematisch verdummen mußten ... Völker und Fürsten lagen vor den Päpsten im Staube. Das Weltreich, welches sie errichteten, und sein Bestehen bis auf den heutigen Tag ist das größte Wunder, welches die Geschichte kennt. Des großen Alexander Reich zerfiel; das der alten S. 9
Römer und das Napoleons ging in Trümmer; sie waren gebaut auf die Gewalt der Waffen. Aber das Reich von Neu-Rom besteht schon fast anderthalbtausend Jahre und wird wer weiß noch wie lange bestehen, denn es ruht auf dem solidesten Fundament - auf der Dummheit der Menschen. Man schämt sich, ein Mensch zu sein, wenn man überdenkt, durch welche Mittel es den Päpsten gelang, die Geister der Menschen in das Joch zu schmieden. Der grobe Betrug, der nichtswürdigste Eigennutz lagen so klar und offen da, daß es fast unbegreiflich erscheint, wie sie nicht auf der Stelle und selbst von dem Dümmsten erkannt wurden, besonders da die Pfaffen sich nicht einmal große Mühe gaben, ihr Tun und Treiben zu verbergen. Mit der schamlosesten Frechheit wurde die dummgläubige Christenheit geplündert, denn Geld! Geld! war die Losung Roms. Scharen feister Mönche und Nonnen mästeten sich von dem sauer erworbenen Sparpfennig der Armen, die um so mehr bereit waren, die Koffer der Pfaffen zu füllen, weil es ihnen hier auf Erden so schlecht ging und sie sich doch wenigstens nach dem Tode ein bequemes Plätzchen sichern wollten. Entfernte Textstelle:
Der Klerus nahm lachend das gute Geld, welches ihm die Leichtgläubigen zahlten, und gab dafür Wechsel aufs Jenseits, die bis heute ihren Kredit behielten, da Tote bekanntlich stumm sind. Die schändlichsten Verbrechen, welche sich die Zunge zu nennen sträubt, konnten mit Geld gebüßt werden; aber wer an dem Glauben rüttelte, der büßte in den Flammen! Von allen Seiten erhoben sich zwar Stimmen gegen das tolle Pfaffenwesen; sie wurden in Flammen erstickt, und bornierte Fürsten halfen getreulich, die Ketzer vertilgen. Aber jeder vergossene Blutstropfen schien dem Pfaffentum einen neuen Feind zu gebären, und nun begann der Kampf Roms mit der Vernunft, welche es schon längst erstickt zu haben meinte. Wie ein Riese hieb der deutsche Grobian Luther die italienischen Finten durch; "aber ach", sagt sein Zeitgenosse Caspar von Schwenkfeld, "Luther hat uns aus Ägypten geführt und durch das Rote Meer, aber in der Wüste sitzenlassen und Israel nicht ins gelobte Land gebracht." Und heute, nach dreihundert Jahren, ist der Josua noch nicht erschienen. Entfernte Textstelle:
Wer wollte die großen Verdienste Luthers verkennen! Die von ihm hervorgerufene Reformation war auf den sittlichen Zustand der Welt von unendlich großem Einfluß. Zahlen sprechen am klarsten. Wilberforce beweist uns, daß schon dreißig Jahre nach der Reformation die Zahl der in England hingerichteten Verbrecher sich von 2.000 auf 200 jährlich verminderte! Luther hat wahrlich genug getan, er hatte seinen Verfolgern eine Gasse geöffnet. [Aber ..] Auch Luther ging erst allmählich ein Licht auf; er war Mönch gewesen und zu Rom die Treppe zur Peterskirche auf den Knien andächtig hinauf- und hinuntergerutscht. Bis zum Ende seines Lebens konnte er seinen Geist nicht ganz von der Mönchskutte befreien. An seinen Schülern war es, auf dem von Luther gelegten Fundament zeitgemäß fortzubauen; aber es ging ihnen wie den Christen der ersten Jahrhunderte, sie klebten an den Worten ihres Meisters und blieben Lutheraner. Luther selbst S. 10
klagt schon: "Ich wollte Lust machen zur Heiligen Schrift, nun hängen sie bloß an meinen Büchern; ich wollte, daß sie alle zu Pulver verbrannt wären." Dieses starre Festhalten am Wort hat uns unendlich geschadet. Entfernte Textstelle:
Den Sieg, den die Vernunft durch die Reformation erfochten hat, ist wahrlich nicht so groß, als ihn eifrige Lutheraner gern machen möchten. Den besten Beweis dafür liefert das protestantische Glaubensbekenntnis, welches von jedem bei der Konfirmation heruntergebetet wird. Der gar zu laut schreiende Unsinn ist daraus verschwunden, aber es ist noch genug darin geblieben, was vor der Vernunft nicht bestehen kann, um es nicht härter auszudrücken. Luther hat gesagt: "Man muß die Vernunft unter die Bank stecken." Ja, die Vernunft unter die Bank stecken! Das ist die Zauberformel, die Rom groß gemacht hat! Die protestantischen Pfaffen gelüstet es nach derselben Macht in ihrem Bezirk, denn "es ist kein Pfäfflein so klein, es steckt in ihm ein Päpstlein!" Darum eifern sie mit Händen und Füßen dagegen, wenn sich die Vernunft an ihren Glaubenssätzen vergreifen will. Der gelehrte, unglückliche Abälard aber meint: "Je erhabener göttliche Dinge sind, je ferner sie von der Sinnenwelt abliegen, desto mehr muß sich das Streben unserer Vernunft nach ihnen richten; der Mensch wird wegen der ihn auszeichnenden Vernunft mit dem Bilde Gottes verglichen: daher soll der Mensch sie auf nichts lieber richten als auf den, dessen Bild er durch sie vorstellt."
Es sind nun mehr als zwanzig Jahre verflossen, seit die erste Auflage dieses Buches in Leipzig erschien. Es begann damals sich überall zu regen. Der sich mündig fühlende Geist der Menschheit empörte sich gegen die ihm von dem Despotismus vergangener Jahrhunderte aufgezwängten Formen, und die Regierungen wandten die schon oft erprobten Mittel an, ihn zur Unterwürfigkeit zu bringen. Die Zensur übte ihr Amt mit bornierter Strenge; Zeitungen wurden widerrechtlich unterdrückt und Schriftsteller gemaßregelt und eingesperrt, denn durch sie sprach der Geist der Zeit zum Volk, welches nicht wissen sollte, daß es der Kinderstube entwachsen war. Die Kirche blieb nicht zurück. Die alten und bereits beiseite gestellten Dogmen und Reliquien wurden aus der römischen Rumpelkammer wieder vorgesucht, und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten Jahrhunderts die gläubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen Rock Christi anzubeten. Die Rockfahrt nach Trier empörte selbst die gebildete katholische Welt. In den von Robert Blum inspirierten sächsischen Vaterlandsblättern erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine große Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch bedeutendere Folgen gehabt haben würde, wenn die Leiter derselben ihrer Aufgabe mehr gewachsen gewesen wären. Sie hatten guten Willen, aber zu wenig Talent. Ich teilte die Hoffnungen vieler und beschloß, mein Teil zur Erfüllung derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien hatten mich mit Dingen näher bekanntgemacht, welche dem Volk von den seine Erziehung eifersüchtig bewachenden Priestern sorgfältig verhehlt oder nur verstümmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden. Ich hatte die Schriften der "Kirchenväter" und die der geachtetsten Kirchenschrift- S. 11
steller zu lesen, und je mehr ich las und forschte, desto mehr wurde mir die Nichtswürdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar, welches die römische Kirche an der Menschheit verübt hatte, desto mehr erstaunte ich über die unerhörte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein, daß die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in der Kirche wurzelte und daß all unsere Bestrebungen zur Freiheit ohnmächtig sein würden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte. Dieser Erkenntnis entsprach der Entschluß, ein Buch zu schreiben, welches dem von den Priestern betörten Volk die Decke von den Augen nahm und ihm gestatten sollte, einen Blick in die Werkstatt zu tun, in welcher seine Fesseln geschmiedet wurden. Der religiösem Glauben entspringende Fanatismus zeigte sich überall als der entsetzlichste Feind der Freiheit, und um ihn zu bekämpfen und zu vernichten, schien es mir nötig, dem Volke nicht allein die gräßlichen Folgen des Fanatismus durch historische Beispiele vorzuführen, sondern auch zugleich die trüben Quellen des Glaubens selbst nachzuweisen, dessen Folge er ist. Da nun dieser Glaube auf angeblichen Tatsachen beruht, an deren Wahrheit das Volk deshalb nicht zweifelt, selbst wenn sie der Erfahrung und der Vernunft widersprechen, weil sie von Priestern erzählt werden, an deren größeren Verstand, Wahrheitsliebe, Uneigennützigkeit und sittlichen Charakter das Volk glaubt: so habe ich zur Bekämpfung dieses Autoritätenglaubens ebenfalls für nötig gehalten, die Natur dieser Autoritäten, das heißt der Päpste und Priester, historisch zu beleuchten und nachzuweisen, daß das gläubige Volk in dieser Hinsicht von durchaus falschen Voraussetzungen ausgeht. Um diese verschiedenen Zwecke zu erreichen, beschloß ich, in einer Einleitung darzulegen, wie sich die Macht der Päpste und Priester im Laufe der Zeit entwickelte, welche Mittel sie dazu benutzten und welche Wirkung diese Mittel auf die Gesellschaft im allgemeinen und auf die Priester selbst hatten. Die Einleitung bot sehr große Schwierigkeiten, denn ein seit Jahrhunderten angesammeltes Material sollte in den engen Rahmen eines mäßigen Bandes gezwängt werden. Ferner geboten die Umstände ganz besondere Sorgfalt und Vorsicht in der Auswahl dieses Materials. Die Zensur existierte noch, S. 12
und abgesehen von dieser Beschränkung durfte ich nur solche Tatsachen benutzen und anführen, deren Wahrheit nicht allein mir als unzweifelhaft schien, sondern die auch von den römischen Priestern selbst angefochten werden konnten. Der damalige Zensor in Leipzig war ein Professor Hardenstern. Er sandte mir häufig mein Manuskript mit dicken Strichen versehen zurück, allein er hatte die mißliebigen Stellen meistens wieder freizugeben, wenn ich ihm bewies, daß sie dem von der römischen Kirche approbierten Buch eines Heiligen oder andern großen Kirchenlichtes entnommen waren. So erschien also die Einleitung zu meinem Werk gewissermaßen bestätigt durch die sächsische Regierung, an deren Spitze ein römisch-katholischer König stand. Das Buch wurde auch, außer in Österreich, nirgends konfisziert, und die Wahrheit nicht einer einzigen der darin angegebenen Tatsachen ist selbst von der römischen Geistlichkeit, obwohl sie das Buch wie begreiflich höchlich verdammte, angefochten oder gar widerlegt worden. Von der Kritik wurde mein Buch durchweg äußerst günstig aufgenommen und meinem Fleiß und Bestreben die vollste Anerkennung zuteil. Einige wohlmeinende Freunde sprachen gegen mich die Meinung aus, daß mein Buch eine noch bessere Wirkung hervorgebracht haben würde, wenn ich die empörendsten Tatsachen weggelassen und bei Beurteilung der mitgeteilten mehr Mäßigung beobachtet hätte. Gegen diese Ansicht muß ich mich entschieden erklären. Wollte ich handeln, wie diese Wohlmeinenden es verlangen, so handelte ich jesuitisch. Eine Linie, die nicht gerade ist, ist krumm, und entstellte Wahrheit ist Lüge. Es ist allerdings möglich, daß einigen Katholiken die von mir mitgeteilten Tatsachen so unglaublich scheinen, daß sie dieselben für böswillige Erfindungen halten, worin sie natürlich von ihren Geistlichen bestärkt werden, allein sollte ich aus diesem Grunde mich gerade der wirksamsten Waffen berauben? Wer mich Lügen beschuldigt, der mag offen auftreten; ich will ihm beweisen, daß, was er als Lüge bezeichnet, den Schriften eines verehrten Heiligen, Bischofs oder Prälaten wörtlich entnommen ist. Was nun meine Urteile anbetrifft, so sind sie allerdings oft in herben und derben Worten ausgedrückt, allein ich frage, S. 13
welche Ansprüche hat denn die römische Kirche auf eine rücksichtsvolle und zarte Behandlung? Die Wahrheit sagen ist in der Tat nicht so grob, als jemand verbrennen, weil er an eine handgreifliche Lüge nicht glauben kann! Nein! was ich für schlecht halte, das werde ich schlecht nennen. Die römische Kirche ist kein Freund der Menschheit, dessen Schwächen und Gebrechen aufzudecken und zu verhöhnen mir Schande bringen könnte. Torheit und Schwäche wäre es, im offenen und ehrlichen Kampfe mit dem Todfeinde dieser Freiheit die Blößen nicht zu benutzen, die er bietet: ich stoße hinein mit aller Kraft, und wenn ich kann, nach dem Herzen. Das Buch ist nicht für den Gelehrten, auch nicht für den Salon bestimmt, es ist für das Volk geschrieben, und damit dasselbe es lese, ist es geschrieben, wie es geschrieben ist. Sind darin vorkommende Tatsachen und Worte nicht immer anständig, dann halte man sich deshalb an diejenigen Heiligen, Päpste oder Priester, welche solche unanständigen Handlungen begingen oder unanständige Worte gebrauchten. Der zweite Band, "Die Geißler", folgte bald dem ersten; allein ehe der dritte noch erscheinen konnte, brach der Sturm von 1848 los, der mich in Paris fand, wo ich Zeuge der Februar-Revolution wurde. Die Zeit des Schreibens war nun vorläufig vorüber, und mit Tausenden Gleichgesinnter griff ich zum Schwert. Ich focht in erster Reihe und bis zuletzt. Die fürstliche Gewalt hatte bereits überall in Deutschland gesiegt, als wir die Festung Rastatt übergaben, deren Verteidigung ich als Chef des Generalstabes geleitet hatte. Ich wurde zum Tode verurteilt, aber nicht einstimmig. Die eine dissentierende Stimme, die Anwendung eines in bezug darauf erlassenen Gesetzes und ein Zusammentreffen anderer glücklicher Umstände erretteten mich vom Tode; allein ich ward volle sechs Jahre in der einsamen Zelle eines pennsylvanischen Gefängnisses lebendig begraben. Wen die Einsamkeit eines solchen Gefängnisses nicht geistig zertrümmert, den läutert und kräftigt sie. Manche meiner Leidensgefährten starben, manche kehrten mit zerstörtem Körper und Geist hilflos in die Welt zurück. Es war im Herbst 1855, als ich mein Grab verließ. Weder mein Geist noch meine Gesundheit hatten gelitten, im Gegenteil, was andere zerstörte, hatte mich gekräftigt. Wer kümmert sich heute noch um die Leute, welche die Bäume pflanzten, die uns Schatten und Nutzen gewähren! - S. 14
Ich war mit dem zufrieden, was ich in Deutschland sah. Das Blut der Märtyrer von 1848 und 49 und die Tränen ihrer Weiber und Kinder sind nicht umsonst geflossen. Die Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft entwickeln sich eben in ähnlicher Weise wie die in der Natur - allmählich und langsam, und es ist unvernünftig von denen, die doch sonst die Wunder leugnen, Wunder zu verlangen. Von den politischen Folgen der Jahre 1848 und 49 will ich indessen hier nicht reden; ich habe mit ihnen hier nichts zu tun, ich will nur den geistigen Fortschritt in Betracht ziehen. Unsere Aufgabe ist es, die errungenen Vorteile zu benützen, und der zweckmäßigste Weg dazu, das Wissen unter dem Volke zu verbreiten und vor allem danach zu streben, den Pfaffen mit und ohne Tonsur die Erziehung der Jugend aus den Händen zu winden.
Ich war freilich vollständig davon überzeugt, daß mein Pfaffenspiegel ein zeitgemäßes Buch sei; allein dennoch überraschte es mich sehr angenehm, daß bereits nach einigen Wochen eine dritte Auflage nötig wurde, welche hoffentlich nicht die letzte sein wird. Ein günstiges Geschick unterstützte die in dem Buche vertretene gute Sache dadurch, daß es gerade um die Zeit seines Erscheinens Dinge an das Tageslicht brachte, welche die in demselben aufgestellte Behauptung bewahrheiteten, daß die in früheren Zeiten innerhalb der römischen Kirche, namentlich in den Klöstern, verübten Ruchlosigkeiten und himmelschreienden Verbrechen keineswegs allein barbarischen Zeitaltern angehörten, sondern daß sie eine natürliche Folge des in der römischen Kirche herrschenden, unwandelbaren Prinzips sind und heute noch ebenso vorkommen wie vor tausend Jahren, nur in vielleicht noch schrecklicherer und mehr raffinierter Nichtswürdigkeit. Als die römische Kirche noch über Kaiser, Könige und Volk unumschränkt gebot, hielten es die Pfaffen kaum für der Mühe wert, ihre Gewalttätigkeiten zu verbergen, da die Kirche S. 15
selten den Willen und das weltliche Gesetz nicht die Macht hatte, die unter dem Deckmantel der Religion verübten Scheußlichkeiten zu verhindern oder zu bestrafen. Das hat sich indessen seit der Reformation und den aus derselben sich entwickelnden Revolutionen geändert. Selbst solche Kaiser und Könige, welche noch sehr geneigt wären, die römische Kirche gewähren zu lassen, weil die durch dieselbe geförderte Verdummung der Despotie günstig ist, sind von der öffentlichen Meinung, welche durch den Arm des Volkes manchmal Throne zertrümmert und Kronen - samt den Köpfen - herunterschlägt, gezwungen worden, ihrer unumschränkten Gewalt feierlich zu entsagen und ihre despotischen Gelüste hinter sogenannten Konstitutionen zu verbergen, über welche sie lachen mögen, die aber das Volk sicher zur Wahrheit machen wird, wenn es sich erst von der geistigen Knechtschaft der Kirche befreit und damit unehrlichen Fürsten alle Hoffnung auf die Rückkehr zur alten despotischen Herrlichkeit abgeschnitten hat.
Die Notwendigkeit einer vierten Auflage des "Pfaffenspiegel" in so kurzer Zeit ist der beste praktische Beweis, daß dies Buch den Zweck erfüllt, den ich mir vorsetzte, als ich es schrieb. Aus verschiedenen, streng katholischen Ländern der Welt, wie Spanien, Italien, Südamerika, erhielt ich zustimmende und ermutigende Briefe und hatte auch die Freude, ein eigenhändiges Schreiben von dem alten Helden Garibaldi zu empfangen, in welchem er sich freudig anerkennend über die Tendenz meines Buches ausspricht. Für die gebildeten Klassen der Gesellschaft ist überall die Macht des Papstes, sofern sie ihren Glauben betrifft, ein toter Buchstabe; allein diese Macht hat noch immer eine fühlbare praktische Bedeutung, solange das Fundament einigermaßen zusammenhält, auf dem sie erbaut wurde, das ist die Dummheit des Volkes - oder um es milder auszudrücken, der "blinde Glaube" des Volkes an ihre Berechtigung. Der offene Zweck dieses Buches ist es, auf offene und ehr- S. 16
liche Weise dieses Fundament zu stürzen, indem auf authentischem, historischem Wege nachgewiesen wird, daß dieser Glaube, den die römische Kirche als erste Bedingung verlangt, auf handgreiflichen Lügen und Fälschungen beruht, die von bewußten und unbewußten Betrügern dem vertrauenden Volke als Wahrheiten und Tatsachen aufgetischt wurden, und daß eigennützige Pfaffen diesen "frommen Glauben" des Volkes stets zu ihrem eigenen Nutzen und zum Schaden der Menschheit ausbeuteten. Ich halte es für ein verdienstliches Werk, zur Beschleunigung dieses Umsturzes nach Kräften beizutragen, indem ich dem gläubig vertrauenden Volke die Gestalt der römischen Kirche zeige, wie sie erscheint, wenn sie von dem sie verhüllenden Plunder der Lüge und Falschheit befreit ist.
Das Werk wurde vom Publikum sowohl als der Presse ganz außerordentlich günstig aufgenommen, wenn auch einige zartbesaitete Kritiker meine Sprache hin und wieder zu offen und derb fanden. Ich habe aber für jedes meiner Bücher einen besonderen Stil, wie ich ihn für den behandelten Gegenstand und für die Klasse des Publikums, für welche das Buch bestimmt ist, für zweckmäßig halte. Der Erfolg hat bewiesen, daß ich, was die "Historischen Denkmale usw." betrifft, das Richtige getroffen hatte.
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Entfernte Textstelle:
Wenn der schwache Mensch sich unter den Schlägen des Unglücks erliegen fühlt und weder in sich selbst, noch in andern, noch überhaupt irgendwo auf Erden Trost und Hilfe für seine Leiden findet, dann treibt ihn ein natürlicher Hang dazu, sich mit der in Gefühlen, Gedanken oder Worten ausgedrückten Bitte an die von jedem geahnte, wenn auch nicht begriffene Macht zu wenden, welcher er den Ursprung und die Erhaltung alles Bestehenden, der Welt, zuschreibt und die wir mit dem allgemeinen Namen Gott bezeichnen. Das Nachweisen des gemeinschaftlichen Ursprunges der verschiedenen Religionen würde ein eigenes Werk erfordern, und da es für den mir vorliegenden Zweck genügt, so beschränke ich mich darauf, eine Skizze von dem allgemeinen Entwicklungsgange aller Religionen zu geben. Als die Erde in ihrer Entwicklung auf dem dazu geeigneten Punkte angelangt war, entstanden Menschen. Diese empfanden die angenehmen und unangenehmen Wirkungen der verschiedenen Naturerscheinungen zum erstenmal, und da sie mit Vernunft begabt waren, so forschten sie bald oder vielmehr machten sich Gedanken über deren Ursprung. Die unmittelbarsten Eindrücke empfanden sie von der Witterung, und Regen, Wind, Gewitter, Hitze und Kälte waren um so mehr geeignet, ihre Neugierde zu erregen, als deren Urheber ihren Augen verborgen waren. Die Veränderungen, welche vor Regen und Gewitter am Himmel vorgingen, konnten sie indessen sehen, und da der Regen und der Blitz aus den Wolken kamen, so lag es sehr nahe, die verborgenen Urheber "im Himmel", das heißt in den Wolken zu suchen. Die Sonne, von welcher Tag und Nacht, Hitze und Kälte mit ihren Wirkungen abhängen, mußte natürlich ebenfalls ein hauptsächlicher Gegenstand ihrer verwunderten Betrachtung werden. Auch der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten mußte die Frage nach dessen Ursache erzeugen. Da die Erfahrung, die Mutter aller Wissenschaft, noch in der Kindheit war, so bewegte sich die Phantasie, das ungeregelte Spiel der Vernunft, nur in dem sehr beschränkten S. 18
Kreise des Sichtbaren und knüpfte daran ihre Schlüsse in bezug auf das Verborgene. Als handelnde Wesen kannte man nur Tiere und Menschen, und die Geschöpfe der Phantasie, die man als Urheber der genannten Naturerscheinungen dachte, konnten nur tier- oder menschenähnliche Wesen sein. In manchen Menschen ist die Phantasie reger als in andern, und sie teilten mit, was sie über die Handlungen und Verhältnisse dieser Wesen zueinander dachten und aus den Äußerungen der ihnen zugeschriebenen Tätigkeit erfanden. So entstanden Märchen und Sagen, welche durch die mit besonders lebhafter Phantasie begabten Menschen, Dichter, immer weiter ausgesponnen, in mehr oder minder vernünftigen Zusammenhang gebracht und mit Personen bevölkert wurden. Entfernte Textstelle:
Solche in der Kinderstube des Menschengeschlechts entstandene Märchen pflanzten sich als wirklich geschehen von Geschlecht zu Geschlecht fort, und ihre Spuren sind noch nach Jahrtausenden selbst unter den am weitesten entwickelten Völkern nachzuweisen und üben noch heute einen gewissen Einfluß. Das wird einem jeden begreiflich sein, der sich über seine eigenen Gefühle und Empfindungen Rechenschaft gibt. Selbst der aufgeklärteste und gebildetste Mann wird noch am Ende seines Lebens Anklänge der Eindrücke entdecken, die er in seiner Kinderstube empfing; es wird keinem gelingen, sich absolut von dem Ammenmärchen loszumachen. Da sich die Urmenschen die in den Wolken oder an andern ihnen unzulänglichen Orten vermuteten Urheber der Naturerscheinungen - "Götter" - nur als mächtigere Tiere oder Menschen dachten, so schrieb man ihnen natürlich auch dieser Vorstellung angemessene Empfindungen zu, wie Zorn, Haß, Rache, Wohlwollen, Güte usw. Da sich nun der Zorn von Menschen besänftigen und dessen Äußerung abwenden läßt, so lag der Gedanke nahe, dies auch mit den Göttern zu versuchen, und so entstanden die Opfer. Diese Opfer bestanden in Gegenständen, die Menschen angenehm waren, und da die Götter im Himmel wohnten und diese Opfer nicht abholten, so mußte man sie ihnen in den Himmel senden, was in keiner anderen Weise geschehen konnte, als dadurch, daß man sie verbrannte, da doch wenigstens der Geruch und Rauch zum Himmel aufstiegen. Die geschäftige Phantasie bildete sich bald eine Theorie über die Wirkung dieser Opfer, und da man dabei nie den menschlichen oder rein sinnlichen Standpunkt verließ, so kam man natürlich zu dem Schluß, daß das, was Menschen ganz besonders angenehm, was selten und daher schwer zu verschaffen, was ihnen vorzüglich lieb war, den Göttern das angenehmste Opfer sein müsse. Da nun aber der Zorn der Götter schwer zu besänftigen war, das heißt da unangenehme Naturerscheinungen oft lange dauerten und man viele Opfer gebrauchte, bis sie mit ihren Wirkungen aufhörten, solche seltene, den Göttern besonders angenehme Opfer aber schwer zu verschaffen waren und dem einzelnen oft fehlten, so vereinigten sich viele, den Bedarf für die Götter herbeizuschaffen, da alle den Wunsch haben mußten, S. 19
sie zu versöhnen. So bildeten sich Opfervereine, die wohl als der Anfang der Religion bezeichnet werden können. Die herbeigeschafften Opfervorräte mußten aufbewahrt und endlich den Göttern dargebracht werden, und es wurden bald besondere Personen mit diesem Geschäft beauftragt. So entstanden Priester. Da diese Priester diejenigen Personen waren, welche den Göttern, die man sich stets als mehr oder weniger idealisierte Menschen dachte, die Opfer darbrachten, also mit ihnen in unmittelbare Verbindung traten, so lag der Gedanke nahe, daß die Götter ihnen als den wirklichen Spendern besonders günstig seien und ihnen zunächst ihre Wünsche mitteilten. Daraus folgte wieder, daß man ihnen einen gewissen Einfluß auf die Entschlüsse der Götter zuschrieb und sich um ihre Gunst bemühte, damit sie diesen vorausgesetzten Einfluß für diejenigen anwendeten, welche sich ihre Zuneigung zu erwerben verstanden. Herrschsucht liegt aber in der Natur jedes Menschen, und es ist begreiflich, daß den Priestern der von ihnen erlangte Einfluß angenehm war und sie denselben zu erhalten und zu vermehren trachteten. Sie wußten freilich, daß die in bezug auf ihr Verhältnis zu den Göttern gehegten Voraussetzungen irrtümliche waren; allein der Irrtum hatte dieselbe Wirkung, wie ihn die Wahrheit gehabt haben würde, und es lag in ihrem Interesse, denselben zu erhalten und zu vermehren. Die Priester in dieser Kinderperiode der Menschheit glaubten übrigens selbst an die Götter und hatten von ihrer Natur im Hauptsächlichen dieselbe Vorstellung wie die übrigen Menschen; sie hielten daher eine unmittelbare Verbindung mit denselben für keineswegs unerhört oder unmöglich, und Träume und Visionen, über deren Ursprung und Natur die Erfahrungen noch gering waren, mochten sie darin bestärken, daß ein solcher Verkehr mit den Göttern nicht nur möglich sei, sondern auch wirklich stattfinde. So entstand denn allmählich infolge unabsichtlicher und absichtlicher Täuschung über die Beziehung zwischen Göttern, Priestern und den anderen Menschen ein System, welches auf dem Glauben beruhte, den das Volk den Aussagen der Priester schenkte. Diese, die vertraut mit den Göttern waren, wußten, was diesen angenehm und unangenehm war, und sie verstanden es, die Sprache zu deuten, durch welche sie sich den Erdenkindern mitteilten. Die Priester ordneten die Art und S. 20
Weise an, wie die Opfer gebracht werden sollten, und daß sie bei all diesen Anordnungen sich selbst nicht vergaßen, versteht sich wohl von selbst. So wuchs das Ansehen der Priester von einem Menschenalter zum andern immer mehr, und sie waren die eigentlichen Herrscher des Volkes. Außer den im Himmel, das heißt in den Wolken, wohnenden Göttern gab es aber auch auf der Erde dem Menschen mehr oder weniger furchtbare Gewalten; zunächst starke und reißende Tiere und endlich Menschen, die ihre größere körperliche Kraft zum Nachteil anderer anwandten. Gegen diese mußte man sich schützen, und es ist begreiflich, daß diejenigen, welche vermöge größerer Kraft, größeren Mutes und Geschicklichkeit sich bei der Jagd und im Kriege auszeichneten, Einfluß und Macht unter ihren Mitmenschen erwarben. Sie wurden Häuptlinge - Fürsten. Verstand und Körperkraft sind nur selten in gleichem Maße in denselben Menschen vereinigt, und als im Laufe der Zeit die Verhältnisse der Gesellschaft verwickelter wurden, ward auch das Herrschen schwieriger, und Fürsten und Priester fanden es zweckmäßig, sich gegenseitig zu unterstützen, wobei je nach den Umständen bald die Gewalt der Fürsten, bald die der Priester überwog. Die Religion wurde daher die Stütze der Despotie und umgekehrt. Viele sind stärker als einer, und da sich die Interessen des Einen nicht immer mit denen der Vielen vertragen, so würde es noch häufiger vorkommen, als es der Fall war und ist, daß die Vielen den Einen zwingen, nach ihrem Willen zu regieren, wenn nicht die Religion, die auf die Furcht vor den verborgenen, mächtigen Göttern gegründet war, ein solches Auflehnen durch den Mund ihrer anerkannten Vertreter, der Priester, als ein Verbrechen gegen diese Macht schon deshalb gestempelt hätte, weil durch die Verminderung der Macht der Despoten die der Priester gefährdet wurde, indem diese sie dazu gebrauchten, den gefährlichsten Feind der von ihnen erfundenen Religion zu bekämpfen. Dieser Feind ist die Vernunft, das Denken und die daraus folgende Erkenntnis, die Wissenschaft. Die Macht der Priester und alle Religion beruhte auf der Phantasie, welche in der Kinderperiode der Menschheit die Götter erschuf. Die Spekulation der Priester bildete diesen traditionellen Glauben zu einem komplizierten System aus, S. 21
welches aus Täuschungen und Erdichtungen zusammengesetzt und von vornherein auf Einbildungen erbaut war. Je mehr sich in den Menschen die Vernunft entwickelte und sie anfingen zu beobachten und zu denken, das heißt aus Erfahrungen Schlüsse zu ziehen, desto häufiger entdeckten sie, daß manche von den Priestern als positive Wahrheiten ausgegebene Dinge gerade das Gegenteil waren, was natürlich Mißtrauen gegen andere Behauptungen erzeugte, auf denen die Priestergewalt hauptsächlich gestützt war. Jeder Schritt, den die Wissenschaft vorwärts tat, trat irgendeiner Priesterlüge auf den Kopf. Es war daher eine Lebensfrage für das Ansehen der Priester oder was sie mit sich selbst zu identifizieren verstanden, der Religion, die Entwicklung der Vernunft nach Kräften zu hemmen und die Verbreitung der unvertilgbaren Resultate der Wissenschaft zu verhindern, was zunächst durch die despotische Macht geschehen konnte. Da nun aber häufig Konflikte zwischen der Herrschsucht der Priester und derjenigen der Fürsten entstanden, so waren die ersteren darauf bedacht, für ihre Macht eine noch festere Begründung zu schaffen, als sie das sie mit den Despoten verbindende gemeinschaftliche Interesse darbot, welches nur bis zu einer gewissen Grenze gemeinschaltlich war. Das Verfahren der Priester, um diesen selbstsüchtigen Zweck zu erreichen, war ebenso praktisch als für die Menschheit und deren geistige Entwicklung verderblich; der menschliche Geist mußte der Aufklärung möglichst unzugänglich und schon von Kindheit an in eine Form gezwängt werden, welche ihn nötigte, sich in der gewünschten Weise zu entwickeln. Zu diesem Ende bemächtigten sie sich der Erziehung der Jugend. Das genügte indessen ihrer Vorsicht noch nicht. Dieses Lehrerverhältnis mußte für das ganze Leben beibehalten und die Herrschaft der Priester über die Seele der Menschen in solcher Weise ausgedehnt werden, daß diese von der Wiege bis zum Tode keinen Gedanken denken konnten, von dem die Priester nicht Kenntnis erhielten. Das Mittel, dies vollkommen zu erreichen, war, in den Menschen die Furcht zu pflanzen vor entsetzlichen Gefahren (die einzig in dem Gehirn der Priester ihren Ursprung fanden) und gegen welche allein die Priester die Mittel zu vergeben hatten. Entfernte Textstelle:
Es ist hier keineswegs gesagt, daß alle Priester bewußte Betrüger waren. Das wohlersonnene und konsequent durchgeführte System verfehlte seine Wirkung auf die Priester selbst nicht, welche aus dem Volke hervorgingen und nach der als zweckmäßig und notwendig erkannten Art erzogen worden waren. Ein großer Teil der Priester glaubte wirklich, was sie lehrten, und diejenigen, die nicht glaubten, begriffen bald den Vorteil, den es ihnen brachte, den Glauben im Volke zu erhalten. Der Glaube war der Hauptpfeiler des ganzen von den Prie- S. 22
stern erbauten Religionsgebäudes, und da mit seiner Zerstörung dasselbe durchaus fallen mußte, so war es die Hauptsorge aller Priester, diesen Glauben als das Heiligste und Unantastbarste hinzustellen und schon den bloßen Zweifel, welcher der Vernunft den Weg bahnte, als ein Verbrechen darzustellen, welches die Götter als das schrecklichste von allen bestraften. Dieser Gedanke, welcher schon seit Jahrtausenden von Priestern aller Religionen den Kindern eingeprägt wurde und sich von Generation zu Generation forterbte, behauptete sich unter den Menschen mit solcher Gewalt, daß noch heute, nachdem die Vernunft und die trotz aller Hemmnisse unaufhaltsam fortschreitende Wissenschaft die Abgeschmacktheit aller auf den Glauben gegründeten Religionen erkannt hatte, selbst Nichtgläubige es nicht wagen dürfen zu sagen: ich glaube nicht an Gott, ohne unter Millionen Entsetzen zu erregen, obwohl mit diesen Worten doch weiter nichts ausgedrückt ist als: die Vorstellung, welche ich, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts, von der Weltursache, von Gott habe, ist eine durchaus andere als diejenige, welche die Mehrzahl der Menschen vor Jahrtausenden hatte und welche noch die Basis der heutigen herrschenden Religion bildet. Entfernte Textstelle:
Da nun der Glaube sich als der Hauptfeind des menschlichen Fortschritts erwies und noch erweist, und es Zweck dieses Buches ist, zu der Wegräumung dieses mächtigen Hindernisses beizutragen, so wird es nötig sein, die Natur desselben zu untersuchen. Auf Erfahrung beruht die Wissenschaft; die Tatsachen sind die Sprossen der Leiter,welche unsere Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit führen, und daher ist die Wissenschaft der Todfeind des unvernünftigen Glaubens, da sie ihn als solchen erkennen lehrt und mit dieser Erkenntnis vernichtet. Unvernünftigen Glauben nennt man gewöhnlich Aberglauben, und nach der Erklärung, die ich von der Entstehung der Religion gegeben habe, kann ich ohne alles Bedenken den religiösen Glauben als unvernünftigen oder Aberglauben bezeichnen. Dies gilt nicht nur von den Religionen der ersten Menschen, sondern von allen noch jetzt auf der Erde bestehenden Religionen, von denen sich ohne Schwierigkeiten nachweisen läßt, daß sie nur eine in der Form veränderte Erweiterung der "vom Himmel", das heißt aus den Wolken gekommenen Urreligion sind. Entfernte Textstelle:
"Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." Die Regierungen selbst der als aufgeklärt geltenden Staaten gehen noch immer von der Idee aus, welche ursprünglich Priester und Despoten verband, daß nur Furcht vor der unsichtbaren Macht, welche doch der Hauptfaktor der Religion der Religiösen ist, imstande sei, die Achtung vor dem Gesetz und dem Fürsten zu erhalten. Aus diesem Grunde wird die S. 23
Erziehung der Jugend auf das strengste vom Staat überwacht und der Kontrolle der Priester überlassen, damit diese die Kinderseele bereits mit dem Glauben vergiften, welcher zur Erhaltung der Religion absolut nötig ist. Der Grund dieser Religionspflege, dieser Sorge für den religiösen Sinn von seiten der Regierungen ist eine mehr oder weniger bewußte Maßregel despotischer Gelüste und Tendenzen, und das Vorgeben, daß der religiöse Sinn zum individuellen Wohl der Untertanen mit solcher Strenge aufrechterhalten werde, eine offenbare Heuchelei und handgreifliche Lüge. Entfernte Textstelle:
Königin Christine von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, war katholisch geworden und hielt sich viel in Rom auf. Als sie den alten Oxenstierna einlud, dorthin zu kommen, entsetzte sich der orthodoxe Protestant bei dem Gedanken, daß der Papst es auf seine Seele abgesehen habe. Christine, die den Papst und seine Absichten besser kannte, antwortete lachend: "Glaubt mir, der Papst gibt nicht vier Taler für Eure Seele." Ich glaube kaum, daß irgendeine Regierung aus bloßer väterlicher Teilnahme für das Schicksal einer Seele, nachdem deren Inhaber durch den Tod aus dem Untertanenverband ausgeschieden ist, - vier Silbergroschen geben würde. Ich habe nicht nötig, über diesen Vorwand für den ausgeübten Religionszwang noch ein Wort zu sagen, und darf dreist behaupten: je sorgfältiger eine Regierung die Religion durch Zwangsmaßregeln unterstützt, je ängstlicher sie darauf bedacht ist, die Erziehung in der Hand der Priester zu lassen, desto despotischer sind ihre Neigungen. Die Behauptung, daß der Religionszwang zur Erreichung des vernünftigen Staatszwecks noch immer notwendig sei, daß ohne denselben die Gesetze nicht hinreichen würden, Verbrechen zu verhindern, ist eine falsche, welche durch die Erfahrung widerlegt wird. Entfernte Textstelle:
Diese lehrt, daß in denjenigen Ländern, in welchen durch die Reformation ein Teil des religiösen Glaubenswustes hinweggeräumt und der durch die Wissenschaft verbreiteten Aufklärung mehr Spielraum gewährt wurde, weit weniger Verbrechen begangen werden, als in den katholischen. Wilberforce beweist uns, daß bereits dreißig Jahre nach der Reformation die Zahl der in England hingerichteten Verbrecher sich von 2000 auf 200 jährlich verminderte. Seit die Reformation der "Freiheit eine Gasse" bahnte, sind aber über drei Jahrhunderte vergangen, und wenn auch die reformierten Fürsten und Priester über die Nützlichkeit des Religionszwanges ganz dieselben Ansichten haben wie die katholischen, so ist die Organisation der reformierten Kirche doch nicht so geeignet wie die der katholischen, der Entwicklung der Wissenschaft hindernd in den Weg zu treten, obwohl es an dem aufrichtigen Willen hierzu besonders bei den Geistlichen wahrhaftig nicht fehlte. Die Wissenschaft hat der Tat nach den Aberglauben vollständig überwunden, und trotz aller Bemühungen der Finsterlinge, trotz aller Hausmittel der Despoten, wie Zensur, Lehrzwang usw., gewinnt sie täglich mehr und mehr Einfluß im Volk, und dasselbe sieht täglich klarer, daß es seit Jahrhunderten das Opfer des grandiosesten Schwindels war, den die Geschichte kennt, und daß der Eigennutz der Priester und Despoten an der Menschheit ein Verbrechen beging, welches an Schlechtigkeit und Gemeinschädlichkeit jedes andere übertrifft. Wäre die Ansicht richtig, daß der kirchliche Glaube nötig sei, die Achtung vor dem Gesetz zu erhalten, dann müßte die größte Zahl der Verbrecher aus den gebildeten Ständen kom- S. 24
men, die, wenn sie sich aufrichtig prüfen, gestehen müssen, daß sie von dem, was im Katechismus gelehrt wird, sehr wenig oder gar nichts so glauben, wie es die Kirche verlangt. Entfernte Textstelle:
Der wirklich Gebildete verletzt nicht das Gesetz, weil er sich vor irgendwelcher Strafe fürchtet, die ihn hier oder nach dem Tode treffen könnte, sondern einfach, weil das Gefühl für Recht und Unrecht in ihm Fleisch und Blut geworden ist. Je ausgebildeter der Verstand eines Menschen ist, desto weniger wird er selbst der Versuchung ausgesetzt sein, ein Verbrechen zu begehen und durch ein Befördern der Mittel, welche die Bildung erzeugen, würde die Regierung am besten dazu gelangen, in bezug auf die zur Erreichung des vernünftigen Staatszweckes nötigen Gesetze einen Zustand herzustellen, wie er bereits faktisch in bezug auf die Anstandsgesetze besteht. Selbst wenn die Polizei es gestattete, würde es doch unter tausend Menschen kaum einem einfallen, entblößt durch die Straßen zu gehen, und wenn es jemand tut, so bedarf es meistens nicht der gesetzlichen Gewalt ihn daran zu verhindern, oder dafür zu bestrafen, denn es geschieht durch die Gesellschaft selbst. Die tägliche Erfahrung lehrt, daß heutzutage die Menschen, selbst der ungebildeten Klassen, nicht durch religiöse Furcht von Verbrechen abgehalten werden. Man frage nur einen Polizei- oder Kriminalbeamten auf sein Gewissen, und jeder wird gestehen müssen, daß - mit äußerst seltenen Ausnahmen - selbst der dümmste Bauer einen Gendarmen, also das Gesetz und die durch dasselbe diktierte Strafe mehr fürchtet als Gott oder den Teufel. Alles, was die Regierungen durch ihre Zwangsmaßregeln in bezug auf Religion erzeugen, ist einerseits Gleichgültigkeit dagegen, wenn nicht Haß und Verachtung gegen die bornierte oder despotische Zwecke verfolgende Regierung, oder eine zur Gewohnheit gewordene, alle Schichten der Gesellschaft durchdringende und sie demoralisierende Heuchelei. Was wir von unseren Regierungen verlangen, ist, daß sie als solche von der Religion gar keine Notiz nehmen und sie nicht, wie es jetzt fast noch überall der Fall ist, den Aberglauben aussäen und sein Wachstum befördern zu können glauben. Wer das Bedürfnis zur Religion fühlt, mag dieselbe ausüben und sich mit andern zu diesem Zwecke vereinigen; das Gesetz wird ihn in dieser Ausübung beschützen und sich erst dann hindernd einmischen, wenn durch diese Ausübung die gesetzlichen Rechte anderer beeinträchtigt werden. Ist die Religion durch sich selbst stark, so braucht sie keine Unterstützung und Begünstigung von seiten der Regierung; hat sie aber Grund, die Wissenschaft zu fürchten, so beruht sie auf Aberglauben, und je eher sie dem Feinde desselben unterliegt, desto besser ist es für die Menschheit. Entfernte Textstelle:
Wie wir allmählich die Fürsten gezwungen haben, den Despotismus aufzugeben, oder wenigstens seine Unberechtigung dadurch anzuerkennen, daß sie ihn unter konstitutionellen und anderen Masken verstecken, so werden sie auch durch die Macht der öffentlichen Meinung gezwungen werden, ihre schützende Hand von dem Aberglauben abzuziehen und seine Ausrottung der Wissenschaft zu überlassen. Wir wissen sehr wohl, daß die Trennung von Kirche und Staat nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten geht, und können die Natur derselben nach denen beurteilen, mit welchen in diesem Augenblick die österreichische Regierung nur deshalb zu kämpfen hat, weil sie die zu anmaßend gewordene Dienstmagd in ihre Schranken zurückzuweisen gezwungen wurde. Der Widerstand geht nicht allein von den Pfaffen aus, sondern er wird durch das von ihnen im Aberglauben erzogene und erhaltene Volk teilweise unterstützt. Nun rächt sich "der Fluch der bösen Tat" an der Regierung, welche, als sie es noch wagen durfte, despotisch zu sein, mit allem Eifer den Pfaffen die S. 25
Waffen schmieden half, welche dieselben nun gegen sie anwenden. Der Kampf gegen die Anmaßungen der in ihren Ansprüchen durchaus logischen römischen Kirche würde ohne besondere Schwierigkeiten zu Ende geführt werden können, wenn die Regierungen sich entschließen könnten, ehrlich mit dem Aberglauben zu brechen; allein sie wünschen von demselben zu behalten, was den despotischen Tendenzen ihrer Leiter nützt, welche freiere Institutionen meistens nicht deshalb bewilligen, weil sie von der Berechtigung des Volkes zur Freiheit und Selbstregierung überzeugt, sondern einfach, weil sie zu Konzessionen und Aufgabe eines Teils ihrer Macht gezwungen sind, um nicht alles zu verlieren. Sie fühlen, daß der religiöse und politische Aberglaube Zweige desselben Stammes sind, deshalb hüten sie sorgfältig die Wurzel. Die Erfahrung lehrt, daß das Wissen den Aberglauben jeder Art zerstört und daß es unmöglich ist, seiner Verbreitung gänzlich Einhalt zu tun, denn wie Luft und Licht dringt das Wissen durch kaum wahrnehmbare Poren in den geistigen Körper des Volks und entwickelt in ihm die latenten, natürlichen Kräfte, welche den Aberglauben zersetzen und ausscheiden. Es hat Zeiten gegeben, wo der dem Eindringen des Wissens entgegengesetzte Widerstand bedeutend stärker war, als es jetzt der Fall ist, und wo die Männer, die sich seine Verbreitung zur Lebensaufgabe stellten, ihr Streben mit Leben und Freiheit zu bezahlen hatten, dennoch ließen sie nicht ab, und das Wissen schritt fort. Es wäre törichte Feigheit, den Kampf nicht kräftiger fortzuführen, da der endliche Sieg des Wissens über den Aberglauben von keinem mit gesundem Sinne begabten Menschen mehr bezweifelt werden kann. Obwohl jeder allgemein für die Verbreitung des Wissens wirken kann, so ist es doch zweckmäßig, wenn die Kämpfer ihre Wirksamkeit auf besondere Punkte in der Schlachtlinie richten, welche andere Situationen beherrschen. Einer der Schlüsselpunkte der feindlichen Stellung ist der persönliche Einfluß der römischen Priester auf das Volk, denn der Aberglaube desselben wurzelt ursprünglich im Autoritätenglauben. Das Volk glaubt, daß die Männer, welche ihm die Lehre der römischen Kirche erklären, achtungswerte Männer sind, die nicht allein selbst glauben was sie sagen, sondern auch einzig und allein das Wohl der Menschen im Auge haben, wenn S. 26
sie von ihnen unbedingten Glauben und ein Befolgen der von der römischen Kirche verlangten Handlungen fordern. Es wird daher ein verdienstliches Werk sein, dem Volke zu beweisen, soweit dies durch die Geschichte möglich ist, daß die ehrlichen Priester, das heißt diejenigen, die selbst glauben, von unehrlichen Priestern betrogen wurden; daß Aussagen und Fakta, die als wirklich geschehen berichtet werden, zu diesem oder jenem selbstsüchtigen Zwecke erfunden wurden und daß das ganze Gebäude der Kirche auf einem Fundament von greifbaren Lügen erbaut wurde. Es wird daher verdienstlich sein, historisch nachzuweisen, daß die größte Zahl der Päpste und ihrer Priester bewußte Betrüger waren, welche nicht entfernt das Wohl des Menschen, sondern einzig und allein ihren eigenen Vorteil im Auge hatten und zur Erreichung dieses nichtswürdigen Zweckes die allernichtswürdigsten Mittel anwendeten. Dieses historisch nachzuweisen, ist der spezielle Zweck nachfolgenden Buches. Mich treibt dazu kein eigennütziger Zweck, denn welcher persönliche Vorteil ließe sich dadurch erzielen? Mich treibt einzig die Liebe zur Wahrheit und der Wunsch, vielleicht einige Menschen, die sich von den Fesseln des Aberglaubens bedrückt fühlen, davon zu befreien, indem ich ihnen zeige, daß diese Fesseln Einbildungen sind; mit dieser Erkenntnis wird der Geist frei. Da ich nun keine eigennützigen Zwecke mit der Verbreitung der Wahrheit verbinden kann, so dürfte ich gewiß ebensoviel Anspruch auf Glaubwürdigkeit machen, wie irgendein Priester, der, so ehrlich er auch sein mag, doch immer zu derjenigen Klasse gehört, welche von dem, was ich als Lüge bloßlege, Nutzen zieht; allein ich verlange gar keinen Glauben; es stehen ja jedem dieselben Quellen zu Gebot, aus denen ich diejenigen Tatsachen schöpfe, die mir als Beweise dienen und denen ich Glauben schenke, weil ich keinen vernünftigen Grund habe, ihnen zu mißtrauen; wer meint, daß ich imstande sei, irgendwelche Aussagen einem Heiligen oder hochgeachteten katholischen Kirchenlehrer unterzuschieben, kann sich ja leicht davon überzeugen, indem er die von der Kirche selbst anerkannten und veröffentlichten Werke dieser Männer nachliest. Katholische Priester, welche von Leuten befragt werden, die dieses Buch lesen, werden höchstwahrscheinlich alle oder viele von mir gemachten Angaben als Lügen bezeichnen, und viele werden ihnen glauben, wie sie ihnen andere Dinge glauben. Viele Priester werden meine Angaben wirklich für Lügen hal- S. 27
ten, weil sie eben unwissend sind. Wenn sie imstande sind, ihre Faulheit zu überwinden und ihnen an der Wahrheit liegt, so mögen sie sich belehren. Dies Buch, welches unendliche Mühe und großen Fleiß erforderte, ist ebensowohl für ehrlich strebende unwissende Priester wie für diejenigen geschrieben, welche von ihnen ebenso betrogen werden, wie sie selbst es von Unwissenden oder von bewußten Lügnern wurden. Entfernte Textstelle:
Das in Rom sich vorbereitende Konzil könnte den Glauben erwecken, als sei es die Absicht des Papstes, die römisch-katholische Religion den Erfordernissen der Gegenwart anzupassen. |
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Zur Zeit, als Augustus sich zum römischen Kaiser gemacht hatte, schmachtete die ganze damals bekannte Welt unter dem Joch der Römerherrschaft. Geldgierige und gewalttätige Statthalter des Kaisers sogen die Länder des Orients aus und nahmen den Bewohnern noch das wenige, was ihnen von ihren einheimischen Fürsten gelassen wurde, welche die Römer aus Gründen einer klugen Politik nicht überall abschafften. Freiheit, Leben und Eigentum der Menschen waren der Willkür der Herrschenden preisgegeben: ihr Zustand war ein trostloser, und der unterdrückte Orient seufzte nach Erlösung von dem harten Joch. Alle unterdrückten Völker hoffen auf einen Helden, welcher sie aus der Knechtschaft erlösen wird, und die Dichter schaffen eine Sage und werden Propheten. Die aus dem Gefühl und Bedürfnis des Volkes hervorgegangene Prophezeiung wird häufig Ursache ihrer Erfüllung. Die geknechteten Völker des Orients hofften auf einen solchen Befreiungshelden, den Messias, unter welchem sie sich eine Art von Washington oder Garibaldi dachten, der sie von dem verhaßten Römerjoche befreien sollte. An diese Messiashoffnung klammerten sich die Menschen jener Zeit um so fester und inbrünstiger, als sie sonst keine Hoffnung und keinen Trost nach irgendeiner Richtung hin hatten und von ihrer eigenen Ohnmacht, sich selbst zu helfen, vollständig überzeugt waren. Sogar außerhalb der Erde fanden ihre trostlosen Herzen keinen Stützpunkt. Die Götter hatten ihren Kredit verloren, und der Glaube an ihre Hilfe und unparteiische Gerechtigkeit war niemals besonders groß gewesen. Der Olymp verkehrte wenig mit dem Plebs, sondern hielt sich zur Aristokratie. Die von Homer und Hesiod erfun- S. 30
denen Götter, denen die Griechen und ihre Geistesvasallen Tempel erbauten, waren der gebildeten Klasse ein Spott geworden. Der Glaube des Volkes an ihre Hilfe erstreckte sich vielleicht ungefähr so weit als der norddeutscher Katholiken an die der Heiligen. Die Hoffnung auf den Messias war unter den Juden noch lebhafter und ungeduldiger, weil ihnen die Herrschaft der Römer noch verhaßter war als anderen Völkern. Sie hatten eine Vergangenheit, auf welche sie mit Stolz zurückblickten; sie glaubten, das auserwählte Volk Jehovas zu sein, welcher als ihr unsichtbarer König galt, der stets seit Moses durch die Propheten mit ihnen verkehrte. Die Knechtschaft, in welche sie verfielen, betrachteten sie als eine für ihren Ungehorsam von Jehova über sie verhängte Strafe, und da diese schon lange dauerte und hart empfunden wurde, so war es natürlich, daß ihre Dichter, die Stimmen des Volksherzens, an Prophezeiungen reich waren. Die Römer waren den Juden als Heiden ein besonderer Greuel; sie meinten, ihre Not und Demütigung könne keinen höheren Grad erreichen und die Zeit des Erscheinens des Messias müsse nahe sein. David und sein Sohn waren ihre größten Könige gewesen, und die Propheten hatten verkündet, daß der Messias aus dem Geschlecht Davids entstehen solle. Die Religion der Juden, die schon von Anbeginn hauptsächlich in der Beobachtung von bestimmten Vorschriften bestand, die Moses mit klugem Sinn für die Regenerierung des jüdischen Volkes gab und als unmittelbare Gebote Jehovas darzustellen für zweckmäßig fand, war im Laufe der Jahrhunderte zu einem leeren Zeremoniendienst ausgeartet. Die Zeit war reif für das Erscheinen des Messias. Der Erlöser erschien; allein er erschien in einer anderen Gestalt, als ihn das Volk träumte; das Volk erkannte ihn nicht an, und die Aristokratie verachtete, verfolgte und kreuzigte ihn; denn kamen seine Grundsätze zur Geltung, so zerstörten sie nicht sowohl die Herrschaft der Römer, sondern machten der ihrigen ein Ende. Jesus war ein Revolutionär, der auch in unserer Zeit, wenn nicht gekreuzigt, doch standrechtlich erschossen oder in ein Zuchthaus gesperrt werden würde. Der als der von den Propheten verheißene Messias auftretende Jesus, der Sohn eines kleinen Handwerkers aus einem Landflecken, lehrte: "Es gibt nur einen Gott, er ist ein Gott der Liebe und kein zorniges, rachedürstiges Wesen, sondern ein gütiger Vater aller Menschen. Das Leben auf dieser Erde S. 31
ist nur eine Vorbereitung für ein ewiges Leben mit Gott, und es ist in die Hand eines jeden gegeben, dasselbe zu einem freudenreichen zu machen. Könige und Sklaven sind vor Gott gleich, und er richtet und belohnt die Menschen nicht nach ihrem Ansehen auf Erden, sondern nach ihren Handlungen und Absichten. Die Letzten und Geringsten, die ihre Leiden und Entbehrungen am geduldigsten tragen und tugendhaft bleiben, werden im ewigen Leben die Ersten, die Glücklichsten sein." Diese Lehre war Balsam für die verzweifelten Herzen der Armen; wer an sie glaubte, fest und innig glaubte, dem gab sie Kraft, alle und selbst die herbsten Leiden nicht nur zu ertragen, sondern selbst mit Freuden zu tragen und dem Tod ohne Furcht entgegenzugehen, denn derselbe war eine Erlösung, die Pforte zu einem ewigen Leben voll Glück. Der Glaube an diese Lehre raubte in der Tat "dem Tod den Stachel", er erlöste die Menschheit. So trostreich diese Verheißung auch klang, so wenig ließ sich ihre Wahrheit beweisen; denn vor der prüfenden Vernunft besteht sie ebensowenig wie irgendeine andere, die über den Tod hinausreicht. Jesus substituierte nur eine Behauptung durch eine andere; da aber der Glaube an seine Behauptung die Menschheit glücklicher machte als jeder andere, da er sie von den Leiden der Erde und der Furcht vor dem Tode erlöste, so war es ein sehr verdienstliches Werk, denselben zu erzeugen. Der in der Lehre enthaltene Trost machte die Menschheit diesem Glauben sehr geneigt; allein der alte Glaube der Juden beruhte auf der Autorität von Männern, die als Propheten galten, mit Gott in direktem Verkehr zu stehen vorgegeben und dieses Vorgeben durch wunderbare Handlungen unterstützt hatten. Aller Glaube ist Autoritätenglaube; wollte der Sohn des Zimmermanns aus Nazareth, dessen Eltern und Geschwister man kannte, Glauben an seine Autorität gewinnen und als Prophet, als der Messias anerkannt werden, so mußte er Handlungen verrichten, wie sie die Propheten verrichtet hatten. Alle Propheten von Moses an hatten "Wunder" getan; also mußte Jesus Wunder verrichten und verrichtete sie. Selbst auf dem Wege vernünftiger Untersuchung gefundene Wahrheit kommt noch heutigen Tages nicht zur Geltung, wenn sie nicht durch äußere Umstände unterstützt wird und nicht in zeitgemäßem Gewande auftritt, besonders wenn sie viele Interessen verletzt, und selbst Aberglauben hat weit größere Aus- S. 32
sicht auf augenblicklichen Erfolg, wenn er diesen Interessen schmeichelt. Der Glaube, den Jesus erzeugen wollte, obwohl dem Armen und Unterdrückten Heil verheißend, verletzte die Interessen der herrschenden Klasse. Auf ihre Mithilfe konnte Jesus nicht rechnen, und durch Wunder waren sie nicht zum Glauben zu bringen; denn die Wissenden und Eingeweihten wußten, was sie von Wundern zu halten hatten. Die Heilsamkeit des Glaubens für das Volk, den Jesus predigte, konnte sie nicht bewegen, ihn zu unterstützen, selbst wenn sie ihn einsahen; ihr Egoismus veranlaßte sie vielmehr, diesen Glauben womöglich im Keim zu unterdrücken und dessen Urheber zu vernichten. Die heutigen Hohenpriester und Pharisäer handeln ebenso wie die unter den Juden in jener Zeit. Jesus mußte sich also gänzlich auf das Volk stützen. Er verfuhr dabei auf durchaus praktische, ich möchte sagen mathematische Weise, die zwar keinen augenblicklichen, aber einen sicheren Erfolg haben mußte. Er wählte sich als "Jünger" zwölf schlichte, ungebildete Leute aus dem Volk, welchen er durch Beobachtung seines Handelns und seines reinen Wandelns persönliche Liebe und Anhänglichkeit und unbegrenztes Vertrauen einzuflößen verstand, woraus der feste Glaube an alles, was er sagte und verhieß, in ihnen erzeugt wurde. Wenn jeder von diesen Jüngern auf ähnliche Weise verfuhr und dieses System fortgesetzt wurde, so mußte sich die Zahl der Gläubigen nach einer bestimmten Progression vermehren. Diese Jünger sahen die Wunder Jesu; sie glaubten an ihn und deshalb an seine Verheißung und lebten nach seiner Vorschrift. Seine Lehre war so einfach, daß Jesus es nicht für nötig hielt, sie niederzuschreiben; er vertraute dem lebendigen Worte der Jünger, in deren Herzen er diese Lehre niederlegte. Derselbe Weg, den Jesus zur Ausbreitung seiner Lehre einschlug, hatte sich schon sechs Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu als praktisch bewährt; Buddha, der Reformator der indischen Religion, hatte ihn angewandt. Der Erfolg war derselbe und, wie wir jetzt beurteilen können, sogar in seinen Ausartungen und deren Folgen. Europäer, welche zum erstenmal in einen modernen buddhistischen Tempel in China treten, sind erstaunt über die Ähnlichkeit, die sie überall in den Gebräuchen mit denen der römischen Kirche finden. Die Buddhisten haben ihre Rosenkränze, Reliquien und Klöster so gut wie die römischen Katholiken. S. 33
Buddha war jedoch der Sohn eines Königs, Jesus der Sohn eines Handwerkers, und diese Verschiedenheit bedingte schon eine Verschiedenheit der Handlungsweise. Während dem Prinzen ein tugendhaftes Leben genügte, den Brahminen gegenüber seiner revolutionären, den Kastenunterschied aufhebenden Lehre Erfolg zu sichern, mußte der unter den Juden als Prophet auftretende Handwerkerssohn außerdem "Wunder" tun und, damit "die Prophezeiungen der Propheten erfüllt würden", für seine Lehre sterben. Dieser Opfertod erschien Jesus als eine Notwendigkeit; er war eine reiflicher Überlegung entsprungene Handlung. Daß dieses Opfer ein sehr schweres war und Jesus unter Herzensangst darüber nachdachte, ob sich nicht ein anderer Weg finden lasse, geht aus den Evangelien ganz klar hervor. Am Ölberg betete er: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe." Wir sind es gewohnt, wenn wir an Jesus denken, ihn uns mit der Glorie vorzustellen, mit der ihn der Erfolg und neunzehn Jahrhunderte bekleideten; allein wenn er auch die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen, das heißt der Juden und der in ihrem Lande befindlichen Römer, erregte, so war er doch vom Volke sehr bald vergessen, und sein Andenken lebte nur in dem sehr beschränkten Kreise seiner Jünger und deren Anhänger. Philo, der ungefähr zwanzig Jahre nach dem Tode Jesu starb, erwähnt ihn gar nicht. Josephus, der einige Jahre später geboren wurde und sein Geschichtswerk in den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts schrieb, erwähnt ganz beiläufig mit wenigen Worten seine Hinrichtung; allein die Zahl der Anhänger seiner Lehre war noch so gering und unbedeutend, daß dieser Geschichtsschreiber, der alle Sekten aufzählt, die zu seiner Zeit bestanden, die Christen gar nicht mitnennt. Erst in den Schriften späterer Jahrhunderte wird Jesus als der Stifter der christlichen Religion genannt. Alles, was wir von Jesus wissen, wissen wir durch die Schriften seiner Jünger, die aus der Erinnerung aufzeichneten, was sich das Volk von der Jugend Jesu erzählte und was sie mit ihm erlebt und er bei dieser oder jener Gelegenheit gesagt hatte. Diese Jünger waren Leute aus dem Volk, ohne besondere Bildung und Talent, die Jesus liebten und an ihn glaubten, ihn aber nur sehr unvollkommen verstanden und von seiner Seelengröße keinen Begriff hatten. Die Evangelien wurden viele Jahre nach dem Tode Jesu niedergeschrieben, und selbst das S. 34
des Matthäus, welches das älteste ist, entstand erst etwa vierzehn Jahre danach. Es ist daher sehr begreiflich, daß die Reden Christi nicht so wiederholt werden konnten, wie er sie sprach, sondern meist in der Weise wiedergegeben wurden, wie sie von den Jüngern verstanden wurden. Die natürliche Folge davon ist, daß die verschiedenen Erzählungen nicht nur voneinander abweichen, sondern auch Irrtümer und Widersinnigkeiten enthalten, welche späterhin zu den wahnwitzigsten Auslegungen und Folgerungen Veranlassung gaben, wovon wir im Verlaufe dieses Werkes zahlreiche Beispiele finden werden. Hier wollen wir nur zwei Hauptmomente in Betracht ziehen, auf welche die römische Kirche den allergrößten Wert legt, indem sie weit mehr auf diese als auf die Lehre Jesu selbst basiert ist. Es sind dies die ihm zugeschriebene Göttlichkeit und die von ihm verrichteten Wunder. In der Einleitung haben wir uns über die Wunder ausgesprochen. Sind die dort ausgeführten Folgerungen richtig, so konnte Jesu keine Wunder verrichten, und die ihm zugeschriebenen wunderbaren Handlungen geschahen auf natürliche Weise. Die Jünger, welche darüber als Augenzeugen berichten, sprachen die Wahrheit, das heißt, sie erzählten, was sie sahen, wie sie es verstanden. Sie kannten die Mittel nicht, durch welche diese Handlungen bewirkt wurden, denn wäre dies der Fall gewesen, so würden die Wunder ihnen nicht als solche erschienen sein und gerade die damit bezweckte Absicht, Glauben an Jesus zu erwecken, verfehlt haben. Was nun die Art der Erzählung der jünger von dem Geschehenen selbst anbetrifft, so wird man sie leicht begreifen und beurteilen können, wenn man die Erzählung eines ungebildeten Mannes, zum Beispiel eines in sein Dorf zurückgekehrten Bauern, anhört, der in der Residenz den Vorstellungen eines "Zauberers" beiwohnte, welcher sein Publikum durch geschickte und sinnreiche Anwendung von mehr oder weniger bekannten natürlichen Kräften in Erstaunen versetzt. Die Hinweisung auf sogenannte Taschenspielerkünste in Verbindung mit den von Jesus verrichteten Wundern hat für Christen etwas Widerwärtiges und Abstoßendes; allein das liegt mehr in der besonderen Ansicht, die sich in bezug auf die Person Jesu Geltung verschafft hat, und in der verhältnismäßig geringen Achtung, in welcher moderne Zauberer in einer Zeit stehen, in welcher die Wissenschaft schon so weit vorgeschritten ist, daß ihre Resultate zu Spielereien und zu bloßer Unter- S. 35
haltung des Publikums benutzt werden können, ohne dasselbe wirklich zu täuschen. Was den Enkeln kindisch und trivial erscheint, wurde aber oft von unseren Großeltern mit dem größten und furchtbarsten Ernst behandelt, wovon zum Beispiel das Hexenwesen einen betrübenden Beweis liefert, da diesem Aberglauben Hunderttausende unschuldiger Menschen zum Opfer fielen. Wenn wir als wahr annehmen, daß Jesus wunderbare Handlungen verrichtete, und zu dem vernünftigen Schluß gekommen sind, daß sie keine Wunder waren, so müssen wir auch erstlich zugeben, daß sie zu einem bestimmten Zweck verrichtet wurden, und andererseits, daß sie "mit natürlichen Dingen" zugingen. Der Zweck war offenbar der, die Jünger und andere zu überzeugen, daß Jesus mit höheren Kräften begabt sei als die gewöhnlichen Menschen, was durchaus nötig war, um ihn als Propheten, als den verheißenden Messias zu legitimieren und Glauben an seine göttliche Sendung zu erwecken, ohne welchen das große, die Menschheit erlösende Werk absolut nicht zu vollbringen war und zu welchem erhabenen Zweck Jesus selbst sein Leben opferte. Gingen die Wunder aber mit "natürlichen Dingen" zu, so mußte Jesus eine Kenntnis dieser natürlichen Dinge und diese auf irgendeine natürliche Weise erworben haben, da es auf eine wunderbare, das heißt naturwidrige Weise nicht geschehen sein konnte. Diese Kenntnisse verborgener natürlicher Kräfte sind Resultate der forschenden Wissenschaft, und es drängt sich uns natürlich die Frage auf: wo erwarb der Sohn eines Handwerkers diese Kenntnisse, welche selbst den Gebildetsten unter den Juden verborgen waren? Ein römischer Schriftsteller, welcher beiläufig sagt, daß in Judäa ein Mann namens Jesu hingerichtet worden sei, welcher wunderbare Handlungen verrichtete, die er in Ägypten erlernte, gibt uns einen Anhaltspunkt, da die Evangelien über die Erziehungsperiode Jesu gänzlich schweigen und uns über sein Leben von seinem zwölften bis zu seinem dreißigsten Jahr gänzlich im dunkeln lassen. Schon in der Einleitung haben wir erwähnt, daß die ägyptischen Priester in den Naturwissenschaften weit vorgeschritten waren und ihre Kenntnisse für sich behielten, da die Wissenschaft ihnen die Herrschaft über das Volk sicherte. Diese Wissenschaft gab ihnen natürlich auch andere Anschauungen über S. 36
das Wesen Gottes und die Religion, und diejenige, welche sie selbst hatten, war sehr verschieden von derjenigen, welche sie für das Volk für zweckmäßig hielten und demselben lehrten. Ägyptische Künste waren in der damaligen Welt weit und breit berühmt, und man belegte mit diesem Namen fast alle wunderbaren Handlungen, die man sich auf natürliche Weise nicht erklären konnte. Wenn daher der römische Schriftsteller sagt, daß Jesus die wunderbaren Handlungen, die er verrichtete, in Ägypten erlernte, so ist das wohl noch nicht gerade als ein Beweis zu betrachten, daß Jesus in Ägypten erzogen wurde; allein die Wahrscheinlichkeit dieser Behauptung wird durch andere Umstände bedeutend vermehrt, - und am Ende mußte doch Jesus irgendwo zu dem Manne erzogen sein, der er war, was in Nazareth, wo seine Eltern lebten, ganz sicher nicht möglich war. Die Ähnlichkeit der Wunder, welche Moses und nach ihm die Propheten verrichteten, mit denen Jesu macht es wahrscheinlich, daß sie aus derselben Quelle, Ägypten stammten. Moses war von der Tochter Pharaos gerettet und durch ihre Vermittlung mit der Erlaubnis des Königs von den Priestern so gut erzogen worden, wie es nur der Sohn des Königs selbst hätte wünschen können. Wie uns der jüdische Schriftsteller Josephus erzählt, offenbarte der Knabe einen sehr kräftigen Sinn, und es ist wahrscheinlich, daß man ihn mit großer Sorgfalt und Liebe in die Geheimnisse ägyptischer Wissenschaft einweihte und daß er in den erlernten Künsten selbst die ägyptischen Priester übertraf, welche ihm der König entgegenstellte, als er seine Wissenschaft zur Befreiung der Juden aus der ägyptischen Knechtschaft anwandte. Seit jener Zeit vererbte sich die Wissenschaft unter den Juden, allein nur an einzelne, an Propheten, da sie sonst ihren Zweck verfehlt haben würde. Als die Könige der Juden gegen das Volk tyrannisch wurden und sahen, daß ihnen die Propheten widerstrebten, verfolgten sie dieselben, rotteten sie aus, wo sie konnten und zerstörten ihre Schulen. Die geheimen Wissenschaften kamen in Verfall durch diese Verfolgungen und die an Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit, sie zu lehren. Waren doch sogar die Gesetzbücher des Moses gänzlich verlorengegangen, und selbst unter den Königen und Priestern hatten sie sich einzig auf dem Wege der Tradition nur unvollkommen erhalten. Der Priester Hilkia, unter der Regierung S. 37
des Königs Josias, fand endlich eine Abschrift der Bücher Moses durch Zufall im Tempel. Die Geburt Jesu erregte ein vorübergehendes Aufsehen durch die damit verknüpften Umstände, welche den mißtrauischen und tyrannischen Herodes veranlaßten, alle in Bethlehem innerhalb zwei Jahren geborenen Kinder ermorden zu lassen. Joseph, der Vater Jesu, heißt es, floh mit seiner Frau und dem Kinde nach Ägypten, ein Land, welches seit den ältesten Zeiten von hebräischen Handelsleuten besucht wurde und in dem eine Menge Juden wohnten, von denen viele stets zum Osterfest nach Jerusalem kamen. Joseph soll in Ägypten ungefähr zwei Jahre, nämlich bis zum Tode des Herodes, geblieben sein, und es ist natürlich, daß unter den Freunden, die ihm zur Flucht halfen und in Ägypten unterstützten, der Grund dieser Flucht viel besprochen wurde und daß man für das Kind stets ein besonderes Interesse behielt. Als Jesus zwölf Jahre alt war, finden wir den Knaben im Tempel, wo er durch seine klugen Fragen und Antworten die Priester und Schriftgelehrten in Erstaunen setzt. Der aufgeweckte Geist des Knaben mochte einige der vornehmen Leute interessieren und Nachfragen nach seiner Herkunft veranlassen, wobei die bei seiner Geburt stattgehabten Vorfälle gewiß wieder zur Sprache kamen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich irgend jemand unter diesen Vornehmen veranlaßt fühlte, für die Erziehung Jesu Sorge zu tragen, und daß dies infolge der bei der Flucht nach Ägypten angeknüpften Bekanntschaft in Ägypten geschah. Die Talente, die Jesus zeigte, mochten Veranlassung werden, daß er zu einer besonderen Rolle ausersehen wurde, welche die Befreiung der Juden vom römischen Joche bezweckte, wie einst Moses dieselben vom Joche der Ägypter befreit hatte. Die eigentümliche Weise, in welcher sich der Charakter Jesu entwickelte, mochte anderen, oder wahrscheinlich ihm selbst, den weit höheren Gedanken eingeben, die Erlösung von der Knechtschaft geistiger aufzufassen und durch Schöpfung eines neuen Glaubens die Menschen von der Last des Lebens und der Furcht vor dem Tode zu befreien. Um diesen Zweck zu erreichen, hielt er es für unumgänglich notwendig, sein Leben zu opfern und große Leiden zu erdulden. Er fand die Kraft dazu in seiner Liebe zu der Menschheit; allein begreiflich ist es, daß die Versuchung ihm nahe S. 38
trat, die ihm innewohnende geistige Kraft und die erlangte Wissenschäft auf eine andere, weniger aufopfernde Weise anzuwenden, indem er als Held und Befreier des Volkes von der Römerherrschaft auftrat. Die Erzählung von der Versuchung durch den Teufel, der ihn auf einen hohen Berg führte und alle Reiche der Erde zeigte, kann schwerlich einen anderen Sinn haben. Die Wunder des Moses, der Propheten und Jesu aus den in der Bibel enthaltenen Erzählungen erklären zu wollen wäre ein ganz nutzloses Unternehmen. Die römische Kirche und andere Wundergläubige werden eine solche Erklärung auch ganz überflüssig finden; sie sagen, Jesus war Gottessohn, Gott selbst, und Gott ist allmächtig. Darauf haben wir schon früher geantwortet; allein es wird nötig sein, auf diese Göttlichkeit etwas näher einzugehen, ehe wir diese Abschweifung von dem eigentlichen, historischen Zweck dieses Kapitels schließen. Als Jesus auftrat, war der Glaube an die Götter der Griechen unter den in der Nähe der Juden und unter ihnen vorhandenen Fremden noch nicht gänzlich erloschen, und es war von jeher geglaubt, daß sich die Götter unter die Menschen mischten. Der Sohn eines Gottes war den Heiden keine so fremde Erscheinung. Große Könige und Helden wurden durch ihren Glauben zu Göttersöhnen gemacht. Selbst unter den Juden war dieser Gedanke nicht so unerhört, denn wenn Moses auch für zweckmäßig gefunden hatte, dem Volke diese Vorstellung von einem unsichtbaren Gott zu geben, so war der Jehova der alten Juden doch eine sehr verschiedene Vorstellung von dem Gott der heutigen aufgeklärten Juden. Nach den Erzählungen der Bibel sah Adam Gott, und Moses erschien er unter verschiedenen Gestalten; er war also ein persönliches, gewissermaßen körperliches Wesen. Da nun die Juden viel mit den Heiden in Berührung kamen und der Götzendienst selbst unter ihnen eine bedeutende Ausdehnung gehabt hatte, wie wir aus der Bibel sehen, so war es sehr begreiflich, daß viele unter dem Volk einen Mann, der so wunderbare Handlungen wie Jesus verrichtete, für einen Sohn Gottes hielten. Obwohl Jesus sich Gottes Sohn nannte, so bezeichnete er doch auch alle Menschen als Kinder Gottes, und selbst das Gebet, welches er für alle gab, nennt ihn Vater. - Die Mehrzahl der ersten Anhänger Jesu hielt ihn für einen bloßen Men- S. 39
schen, und als einige Schwärmer unter ihnen die Ansicht aussprachen, daß er nur die Gestalt eines Menschen angenommen habe, wurden sie deshalb von seinem Freunde und Schüler Johannes getadelt. Die Göttlichkeit Jesu ist jedoch der Grundstein der römischen Kirche, und die ganze theologische sogenannte Wissenschaft beruht auf dieser Abgeschmacktheit, die sich übrigens auch in vielen anderen Religionen, namentlich in der indischen, findet und weiter nichts ist als eine Allegorie der Naturreligion. Es würde mich zu weit von meinem Ziele führen, wenn ich mich auf einen Nachweis darüber einlassen wollte; das haben tiefere Forscher und Geschichtskundige zur Genüge getan. Ich will nur mit wenigen Worten nachweisen, daß die Lehre von der Göttlichkeit Jesu, die ihn in den Augen der Menschen erhöhen soll, abgesehen davon, daß sie eine Dummheit in sich selbst ist, das Verdienst des Erlösers zunichte macht. Die Kirchenlehrer sind bei der Erklärung dieser Lehre noch weit unklarer als gewöhnlich und hüllen sich in einen Schwall von Worten, die dem nichtdenkenden Volke imponieren, weil es sie nicht versteht, was es in diesem Falle nicht nur mit den Denkern, sondern sogar mit den Erklärern selbst gemein hat, "denn eben wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein". So vornehm und entrüstet sich diese Erklärer auch gebärden, wenn man sie über diesen Glaubensartikel befragt, so ist es mir doch nie gelungen, irgendeinen klaren, rein vernünftigen Gedanken auf dem Grund ihrer Erklärungen zu finden. Die aufgeklärtesten protestantischen Geistlichen, die ich hörte, suchen den Frager damit abzufertigen, daß sie Jesus einen "Gottmenschen" nennen; was aber keine besondere Menschenrasse oder Klasse, sondern nur ein Mensch ist, dessen Geist sich zu der höchsten Vollkommenheit ausgebildet hat, die eben ein Mensch erreichen kann. Eine solche Erklärung ist aber eine Ketzerei in den Augen der Kirche, denn diese will, wir sollen glauben, daß Jesus ein nicht von einem menschlichen Geiste, sondern von Gott, der höchsten Potenz geistiger Vollkommenheit, belebter und regierter menschlicher Körper war. Vor und nach Jesus gab es tugendhafte Menschen, die ebenso rein und tadellos lebten, wie es seine Schüler, die ihn drei Jahre lang täglich beobachteten, von ihm erzählten, und andere, welche noch weit größere Leiden, als sie Jesus erduldete, noch S. 40
standhafter als er für eine von ihnen für groß und gut gehaltene Sache ertrugen. Ihre Tugend und ihre Kraft waren ihr Verdienst, jedenfalls das Resultat der höheren Ausbildung ihres unvollkommenen menschlichen Geistes. Der Geist aber, der den Körper Jesu belebte, war nach der Kirchenlehre Gott, die höchste Potenz der geistigen Vollkommenheit, also keiner Vervollkommnung bedürftig oder fähig. Ein solcher Geist, in einen menschlichen Körper gedacht, hat gar keinen Kampf zu bestehen, da er nicht einmal den Gedanken der Versuchung zuläßt. Tugend und Seelenkraft im Leiden und davon hergeleitetes Verdienst existieren nur für den Menschen, das heißt für einen ursprünglich unvollkommenen menschlichen Geist, der einen menschlichen Körper belebt. Der Gedanke an einen in Versuchung zu führenden oder leidenden Gott setzt eine so niedrige Gottvorstellung voraus, daß sie jedem selbst an einen persönlichen Gott glaubenden Menschen als eine Gotteslästerung erscheinen muß. Ein Gott, der am Kreuze verzweifelt, ist geradezu abgeschmackt und lächerlich. Wie anders dagegen erscheint uns Jesus, wenn wir ihn als einen Menschen betrachten, dessen zarter Körper von einem rein menschlichen Geiste belebt war! Das reine Leben eines solchen Jesus können wir bewundern und mit der Hoffnung nachahmen, das hohe Muster zu erreichen, da Jesus ein Mensch war; für seine Leiden haben wir Mitgefühl und Tränen, da er ein Mensch war, und für das Opfer, welches er mit seinem Leben der ganzen Menschheit brachte, fühlen wir die innigste Liebe, da es der höchsten, reinsten und uneigennützigsten Liebe entsprungen war. Die Versuchung und die Zeichen der Schwäche, sozusagen die Kennzeichen seiner Menschheit, die wir an ihm entdecken, machen ihn uns noch liebenswerter. Welcher fühlende Mensch kann sich der Tränen enthalten, wenn er sich im Geist in die Lage Jesu am Ölberg versetzt. Die Stunde der Erfüllung des großen Opfers naht heran, und der rein menschliche Trieb der Lebenslust macht sich mit aller Kraft und Verlockung geltend. Alle Schrecken des Todes, dem er entgegengeht, stehen vor seinem Geiste, und noch einmal sucht er mit inbrünstiger Hoffnung nach einem anderen Wege, seinen großen Zweck zu erreichen. Er ringt mit dem Tode, und "ein Engel steigt vom Himmel herab, ihn zu stärken"; der Gedanke an die durch seinen Tod vollbrachte Erlösung der Menschen, an die Größe dieses Zweckes ist der Engel, der ihm den Tod besiegen hilft. S. 41
Wie rührend menschlich ist die Handlung Christi bei der Einsetzung des Abendmahls! Wenn seine Jünger das Brot beim Essen zerbrechen und Wein trinken, sollen sie seiner und seines großen Liebesopfers mit Liebe gedenken. Er weiß, daß seine Todesstunde herannaht, und er kennt den bösen Menschen, der als Werkzeug dienen wird, ihn den Henkern zu überliefern; der Gedanke macht ihn traurig. Die Geschichte seines Leidens ergreift uns nur, weil wir ihn als einen Menschen betrachten, denn Gott ist über den Spott der Kriegsknechte so erhaben, daß er ihn nicht empfindet, und was die körperlichen Mißhandlungen anbetrifft, so überwanden diese ja selbst die gemeinen, mit Jesus gekreuzigten Verbrecher so weit, daß sie ihn verspotten konnten; ein Gott mußte sicher so viel Seelenkraft haben, solche körperlichen Schmerzen gar nicht zu empfinden. Er empfand sie aber sehr schmerzlich, und als ihn in seiner Todespein die Kraft verläßt und ihn vielleicht der verzweiflungsvolle Gedanke überfällt, daß sein großes Opfer für die Erlösung der Menschheit nutzlos gebracht sein möchte, ruft er aus: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" - Welches menschliche Herz erzittert hier nicht in seinen tiefsten Tiefen, und wer ehrt und liebt nicht das Andenken an diesen erhabenen Menschen, der mit vollem Bewußtsein dessen, was ihm bevorstand, aus Liebe für die Menschen sich ein so schweres Opfer auferlegte! Die Kirche verfehlt nicht, unser Mitgefühl für diese Leiden in Anspruch zu nehmen, und betrachtet dann Jesus ganz als Mensch. Den Pfaffen ist Jesus bald Gott, bald Mensch, wie sie es eben für ihren Hokuspokus brauchen. - Jesu trostreiche Lehre verbreitete sich mit großer Schnelligkeit. Die Apostel und deren Schüler verbreiteten sie nicht allein in Judäa und den benachbarten Ländern, sondern machten zu diesem Zwecke weite Reisen und trugen die "frohe Botschaft" (Evangelium) von dem Erlöser der Welt in ferne Länder. Die Zahl der Anhänger, die sie gewannen, war außerordentlich groß, besonders aus der ärmeren Volksklasse, aus der Jesus und die Apostel selbst hervorgegangen waren. Nachdem Jerusalem siebenzig Jahre nach Jesu Geburt von dem nachherigen römischen Kaiser Titus zerstört worden war, wurden die stets zum Aufruhr geneigten Juden über das ganze römische Reich zerstreut und mit ihnen die Christianer - so nannte man die Anhänger Jesu -, welche als eine jüdische Sekte betrachtet wurden, wie es deren mehrere gab. Dies trug sehr S. 42
viel zur Ausbreitung des Christentums bei, und gewiß nicht wenig wirkten dafür die zahlreichen Christen unter den römischen Legionen, die der Krieg bald in dieses, bald in jenes Land führte. Zur Zeit der Apostel und kurz nach derselben führten die Christen ein Leben, wie es den Lehren ihres Meisters würdig war; aber bald artete die Begeisterung, die sie beseelte und ohne welche keine gute Sache gedeihen kann, in religiöse Schwärmerei aus und nahm allmählich den Charakter einer Geisteskrankheit an. Man wollte sich gleichsam in Frömmigkeit überbieten und kam auf die wunderlichste Auslegung der verschiedenen, durch die Apostel aufbewahrten Aussprüche Jesu. Wo er weise Mäßigung empfahl, da glaubte man, in seinem Sinne zu handeln, wenn man gänzlich entsagte, und so entstand allmählich die verkehrte Ansicht, daß die Freuden des Lebens verwerflich und eines Christen unwürdig seien. Indem man alle Genüsse mied und sich freiwillig Leiden auferlegte und quälte, glaubte man, die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur zu überwinden und sich größere Freuden im Leben nach dem Tode zu sichern. Mit dieser Ansicht verband sich bald eine Art von Hochmut, der sich unter äußerer Demut versteckte. Der roheste Christ hielt den gebildetsten und tugendhaftesten Nichtbekenner Jesu für einen Verworfenen; ja er glaubte sich durch jede nähere Gemeinschaft mit den Heiden zu verunreinigen. Aus diesem Grunde sonderten sich die Christen bald ganz und gar von diesen ab, zerrissen die zwischen ihnen bestehenden Verwandtschafts- und Freundschaftsverhältnisse und flohen alle Lustbarkeiten und Feste gleich Verbrechen. Mit einem Wort, trotz aller Tugendhaftigkeit und Rechtschaffenheit ihres Lebens fingen sie an, kopfhängerische, trübselige Narren zu werden. Die mit Schnelligkeit anwachsende Menge der Christen, ihr menschenfeindliches, abgesondertes Wesen, ihre geheimnisvollen Zusammenkünfte, denen die Verleumdungen der jüdischen und heidnischen Priester bald politische und verbrecherische Zwecke unterlegten, ihr feindseliges Benehmen gegen die Heiden -, alles dies erregte die Aufmerksamkeit der römischen Regierung; allein sie befolgte die sehr vernünftige Politik, sich nicht um die Religionen ihrer Untertanen zu bekümmern, wenn diese nicht die Veranlassung wurde zu Feindseligkeiten gegen die Einrichtungen des Staates und seine Gesetze. Die Christen hätten also ungestört unter der römischen Herrschaft leben und S. 43
sich entwickeln können, wenn sie sich von solchen Vergehungen ferngehalten hätten, die kein Staat ungestraft lassen kann. Dies taten sie aber nicht, sondern in ihrem fanatischen Eifer forderten sie gleichsam die Regierung heraus. Sie verweigerten auf Grund ihrer Religion die allgemeinen Bürgerpflichten, wollten weder in den Krieg ziehen noch öffentliche Ämter annehmen und bewiesen den Kaisern Verachtung, anstatt ihnen die herkömmlichen Ehren zu erzeigen. Es war daher ganz natürlich, daß diese die Sekte der Christen für staatsgefährlich erkannten und beschlossen, sie zu zwingen, sich den Gesetzen des Staates zu unterwerfen und sie für die Verletzung derselben zu bestrafen. Darin waren die Kaiser in ihrem vollsten Recht, und wir finden, daß gerade die besten und weisesten unter ihnen gegen die widerspenstigen Christen am strengsten verfuhren. Sie erreichten indessen ihren Zweck nicht, sondern bewirkten gerade das Gegenteil von dem, was sie bewirken wollten. Die Verachtung des Lebens und aller Leiden war bei den schwärmerischen Christen so hoch gestiegen, daß sie den Tod als höchst wünschenswert betrachteten, sich scharenweise den Händen ihrer Verfolger überlieferten und diese durch ihren herausfordernden Trotz zur größten Grausamkeit anregten. Je größere Leiden die Christen um Jesu willen erduldeten, desto größer fiel ihrer Meinung nach die Belohnung aus, die sie im verheißenen ewigen Leben erwartete. Die Standhaftigkeit, mit welcher die Geopferten den qualvollsten Tod ertrugen, und die religiösen Ehren, welche die Gemeinde dem Andenken der Märtyrer widmete, fachten die Schwärmerei der Christen zum Fanatismus an. Der Märtyrertod erschien als das höchste Glück, weil man glaubte, daß er alle Sünden tilge und sogleich zu Jesus in das Paradies führe. Diese Märtyrerschwärmerei nahm so überhand, daß die Besonnenen unter den Christen, welche das Unmoralische einer solchen Lebensverachtung einsahen, vergeblich dagegen ankämpften. Die Heiden, welche Zeugen von der Standhaftigkeit und Freudigkeit waren, mit welcher die Christen die ärgsten Qualen und den Tod erduldeten, wurden mit Bewunderung erfüllt für eine Religion, die solche Kraft gab, und bekannten sich in Menge zu derselben. Die Zahl der Christen nahm täglich zu, gewann immer mehr Eingang auch unter den höheren Ständen und selbst am Hofe der Kaiser. Endlich kam es dahin, daß Kaiser Konstantin, der 324 bis 337 regierte, es aus poli- S. 44
tischen Gründen für gut hielt, die christliche Religion zur Staatsreligion zu machen. - Die Christen zur Zeit der Apostel hatten sich von der Gemeinschaft der Juden nicht getrennt, denn sie betrachteten sich vielmehr als die wahren Israeliten und Jesum als den längst erwarteten Messias. Endlich zwang sie aber die Feindseligkeit der Juden, eine eigene Gemeinde zu bilden. Die Verfassung dieser ersten christlichen Gemeinde war wie die einer jeden Gesellschaft, die aus gleichstehenden Mitgliedern besteht, denn alle Christen nannten sich Brüder. Keiner hatte vor dem anderen einen Vorrang, und sowohl ihre Pflichten als ihre Rechte waren vollkommen gleich. Zu ihren Vorstehern wählte die Gemeinde einige in allgemeiner Achtung stehende Männer, welche Presbyteren (Älteste) oder auch Bischöfe (episcopi, Aufseher) genannt wurden. Ihr Amt war es, Ruhe, Eintracht und Ordnung in der Gemeinde zu erhalten, ohne daß sie deshalb einen höheren Rang eingenommen hätten als den, welchen ihnen die Achtung der übrigen Brüder freiwillig einräumte. Den Presbyteren standen Diakonen (Helfer) zur Seite, welche die reichlich beigesteuerten Almosen an die ärmeren Gemeindemitglieder austeilten und andere kleine Geschäfte übernahmen, die nicht schon von den Ältesten verrichtet wurden. Die Gemeinden der ersten Christen waren vollkommene Republiken, und selbst die Apostel, welche mehrere derselben stifteten und eine Art Oberaufsicht über sie führten, maßten es sich nicht an, eigenmächtig über die Gesellschaft betreffende Einrichtungen zu bestimmen, sondern begnügten sich damit, den Gemeinden mit Rat und Tat an die Hand zu gehen. Der Apostel Paulus machte es den Ältesten ausdrücklich zur Pflicht, daß sie über die Gemeinden nicht herrschen, sondern sie durch ihr musterhaftes Beispiel leiten sollten. Das taten auch die Presbyteren der alten Zeit; sie betrachteten sich als die Diener der Gemeinde, welche sie für ihre Dienste durch freiwillige Geschenke belohnte. Einen äußerlichen Gottesdienst kannte man nicht; die religiösen Versammlungen der apostolischen Christen fanden statt ohne alle Zeremonien und auf die Sinne berechnete Gebräuche. Man kam zusammen in irgendeinem geräumigen Saal, ohne denselben weder zu diesem Zwecke auszuschmücken, noch ihm eine besondere Weihe und Heiligkeit beizumessen, denn dergleichen erschien den Christen als heidnische Torheit. S. 45
Die Versammlungen waren einzig und allein der Belehrung und Erbauung gewidmet. Man las in ihnen die Briefe der umherreisenden Apostel vor oder Stellen aus den heiligen Büchern der Juden. Dann folgte ein belehrender Vortrag, den wohl meistens einer der Presbyteren hielt oder auch irgendein anderes Mitglied der Gemeinde, welches sich dazu geeignet und berufen fühlte. Das Gehörte wurde dann besprochen und den Unwissenden das erklärt, was sie etwa nicht verstanden hatten. So waren diese Versammlungen der Christen der apostolischen Zeit die ersten Volksschulen. Nach der Besprechung setzte man sich zu einem gemeinsamen Mahle nieder - welches Liebesmahl hieß -, und am Schluß oder auch am Anfange wurden Brot und Wein herumgereicht und beim Genuß desselben mit Rührung und Dankbarkeit des für die Menschheit gestorbenen Jesus gedacht, wobei auch wohl die Worte wiederholt wurden, die er bei der Einführung dieses schönen Gebrauchs sprach. Den Schluß der Versammlung machte eine Beisteuer für die Armen. Leider änderte sich aber dieser würdige und einfache Zustand der christlichen Gemeinden sehr bald und ging endlich in die Form der heutigen katholischen Kirche über. Es wird für unseren Zweck genügen, nur in leichten Umrissen anzugeben, wie eine so auffallende Veränderung, die dem christlichen Geiste so widerspricht, bewerkstelligt werden konnte. Wir haben oben gesagt, daß die Presbyteren mit der Leitung der Gemeindeangelegenheiten beauftragt waren. Bei ihren Beratungen führte anfangs der Älteste den Vorsitz, aber dieser war oft eben wegen seines Alters dazu nicht immer der tauglichste, und so zogen es denn die Presbyteren vor, den geeignetsten aus ihrer Mitte zum Vorsitzenden zu wählen, welcher, da er über alles die Aufsicht führte, zur Unterscheidung von seinen, ihm sonst übrigens durchaus gleichgestellten Kollegen vorzugsweise der Bischof genannt wurde. Diese Bischöfe maßten sich bald einen höheren Rang an, und wir erblicken sie in den Versammlungen auf einem erhabenen Sessel, während die anderen Presbyteren auf niedrigeren Stühlen um sie her sitzen, hinter denen die Diakonen, gleich den dienenden Brüdern in den Synagogen, stehen. Die Gemeinden gewöhnten sich bald daran, in dem von ihren Vorstehern so ausgezeichneten Bischof ihren geistlichen Oberherrn zu sehen. Besondere Umstände trugen dazu bei, das Ansehen dieser Bischöfe zu vermehren. S. 46
Die Christen auf dem Lande hatten sich anfangs den Gemeinden in den Städten angeschlossen; als ihre Zahl sich aber vermehrte, wünschten sie eigene Gemeinden zu bilden, wenn sie auch die Gemeinschaft mit den Gemeinden in den Städten nicht aufgeben wollten, da ihnen dieselben besonders zur Zeit der Verfolgung und überhaupt von Nutzen war. Sie baten daher die Stadtbischöfe, sie mit Lehren und Vorstehern zu versehen, und ein solcher sandte ihnen gewöhnlich einen seiner Presbyteren. Dieser Landbischof hatte nun zwar dieselbe Gewalt über seine Gemeinde wie der Stadtbischof über die seinige; aber aus der ganzen Natur der Sache erklärt es sich, daß er in vielen Beziehungen von dem letzteren gewissermaßen abhängig wurde. Dadurch bekam der Stadtbischof einen Kirchensprengel oder, wie es damals hieß, eine Diözese (Bezirk) oder Parochie. So wurde also schon in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Jesu Geburt der Grund zur kirchlichen Aristokratie gelegt. Nachdem man nun einmal den Anfang damit gemacht hatte, jüdische Einrichtungen auf das Christentum anzuwenden, so griff dieser Unfug um so schneller um sich, als er der Eitelkeit und Herrschsucht ehrgeiziger Bischöfe nützte, die sich bald der Leitung aller christlichen Gemeindeangelegenheiten zu bemächtigen wußten. Am Anfang des dritten Jahrhunderts war es schon so weit gekommen, daß man die Gewalt der Bischöfe aus dem Priesterrechte des Alten Testaments herleitete und alles, was Moses über Priesterverhältnisse festsetzte, ohne weiteres auf die Bischöfe und Presbyteren anwendete. Bis dahin waren sie noch immer als das, was sie auch in der Tat waren, als Diener der Gemeinde, betrachtet worden; aber ihr Stolz lehnte sich dagegen auf, und im Laufe des dritten Jahrhunderts hatten sie schon so geschickt den Glauben verbreitet, daß sie nicht von der Gemeinde, sondern von Gott selbst eingesetzt wären zu Lehrern und Aufsehern derselben; daß sie also nicht Diener der Gemeinde, sondern Diener Gottes wären und daher sowohl das Lehreramt wie auch der Dienst der neuen Religion nur von ihnen allein versehen werden könne, weshalb sie einen von der Gemeinde abgesonderten, vorzüglicheren Stand bilden müßten. Um die noch immer Zweifelnden vollends zu berücken, denen ein solches Verhältnis nicht den Lehren Jesu gemäß er- S. 47
schien, griffen die Bischöfe zu einem anderen Mittel, ihnen das, was sie durchsetzen wollten, begreiflicher und annehmbarer zu machen. Wenn nämlich die Apostel einen Lehrer oder Presbyter bestellten, legten sie ihm die Hand auf das Haupt und riefen Gott an, daß er ihm zu seinem Amte auch den Verstand verleihen möge. Diese Sitte war dem jüdischen Ritus entnommen, ohne daß die Apostel daran dachten, welchen Mißbrauch ihre dereinstigen Nachfolger damit treiben würden. Die Bischöfe behaupteten nämlich, daß durch dieses Handauflegen der den Aposteln innewohnende heilige Geist auch auf die Geweihten übergegangen sei und daß diese auch die Kraft hätten, ihn auf dieselbe Weise an andere zu übertragen. Es gelang ihnen vortrefflich, diese Ansicht unter den Christen populär zu machen, und am Ende des dritten Jahrhunderts glaubte man allgemein daran und sah in den Bischöfen, Presbyteren und Diakonen Wesen ganz anderer Art und fand es ganz natürlich und selbstverständlich, daß sie einen Stand für sich bildeten. So bedeutend nun auch der Einfluß der Bischöfe auf die Gemeinden schon war, so hatte die demokratische Verfassung derselben doch noch keineswegs aufgehört. Die Bischöfe konnten in den religiösen Angelegenheiten durchaus nicht nach Gefallen schalten und walten, sondern waren an die Einwilligung der Presbyteren und der ganzen Gemeinde gebunden. Dies war ihnen sehr unbequem, da sie nach unumschränkter Gewalt strebten, und zur Erlangung derselben benutzten sie die Provinzialsynoden. Wir haben schon früher beiläufig bemerkt, wie falsch die Aussprüche und Lehren Jesu häufig von den Christen verstanden wurden. Es entspannen sich über deren Auslegung bald Streitigkeiten, und schon im zweiten Jahrhundert finden wir, daß sich mehrere Gemeinden vereinigten, um dieselben durch gemeinschaftliche Besprechungen auszugleichen. Als diese Streitigkeiten sich mit der Zeit vermehrten, fühlte man die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit solcher schiedsrichterlichen Versammlungen und ordnete sie für die Gemeinden eines bestimmten Bezirkes oder Landes regelmäßig und wenigstens einmal im Jahre an. So entstanden die Provinzialkirchenversammlungen. Die Gemeinden wurden auf denselben durch Abgeordnete vertreten, welche aus den Bischöfen, Presbyteren, Diakonen und einigen anderen Gemeindemitgliedern bestanden. S. 48
So bedeutend nun auch der Einfluß der Bischöfe auf die Beschlüsse dieser Kirchenversammlungen war, so standen ihnen noch immer die große Anzahl der anderen Abgeordneten der Gemeinde entgegen, und es wurde vorerst die Aufgabe der Bischöfe, diese von den Kirchenversammlungen zu entfernen. Zuerst gelang es ihnen mit den nicht priesterlichen Mitgliedern der Gemeinde, dann mit den Diakonen und endlich auch mit den Presbyteren, so daß die Gesamtheit der christlichen Gemeinden auf den Synoden einzig und allein durch die Bischöfe vertreten wurde. Dies war zwar ein bedeutender Gewinn, denn nun konnten diese beschließen, was sie in ihrem Interesse für nötig hielten; aber noch immer bedurften die gefaßten Beschlüsse der Zustimmung der Gemeinde. Um diesen lästigen Zwang zu entfernen, erfand man ein eigentümliches Mittel, welches wir einen plumpen und ungeschickten Betrug nennen würden, wenn er - nicht gelungen wäre. Es war nämlich bei den Christen Gebrauch geworden, jede Versammlung mit der Bitte an Gott zu eröffnen, daß er die Anwesenden durch seinen Geist erleuchten und bei ihren Beratungen leiten möge. Diese Sitte wurde auch bei der Eröffnung von Kirchenversammlungen beobachtet, und nun erzeugten die Bischöfe bei den nur zu gläubigen Christen den Wahn, daß durch dieses Gebet der Heilige Geist auch stets veranlaßt werde, bei der Synode gleichsam den Vorsitz zu führen, so daß alle ihre Beschlüsse als Aussprüche des Heiligen Geistes, also Gottes selbst, zu betrachten wären, die der Bestätigung nicht bedürften! Durch diese List waren die christlichen Gemeinden um den letzten Rest ihrer Freiheit gebracht und der eigennützigen Willkür der Bischöfe preisgegeben. Nachdem diese einmal so weit gekommen waren, gingen sie in ihren Anmaßungen immer weiter, und es kam bald eine Zeit, wo die vor kurzem noch so ehrwürdigen Vorsteher der christlichen Gemeinden größtenteils die eigennützigsten, schamlosesten und verworfensten Menschen waren. "Aus den hölzernen Kirchengefäßen wurden goldene, aber aus den goldenen Bischöfen wurden hölzerne." Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion machte, erlitten alle Verhältnisse der christlichen Kirche eine bedeutende Veränderung. Die Kaiser betrachteten sich selbst als Oberhäupter derselben; sie beriefen nicht nur S. 49
nach ihrem Gefallen Kirchenversammlungen, leiteten die Wahlen der Bischöfe oder ernannten diese geradezu, sondern entschieden auch theologische Streitigkeiten nach ihrem Gutdünken. Dadurch gingen freilich viele der angemaßten Rechte der Bischöfe für den Augenblick verloren; aber die Vorteile, welche sie auf der anderen Seite gewannen, waren so groß, daß sie sich ganz außerordentlich demütig und fügsam zeigten, und so geschah es, daß alles in der Kirche nach dem Winke der Kaiser ging. Der Kaiser war der Gnadenborn, aus dem auf seine Günstlinge Ehren und Reichtümer strömten, und die Bischöfe und Geistlichen wetteiferten in niedriger Schmeichelei, um deren möglichst viel zu erschnappen. Die Armut der Kirche und ihrer Diener hatte ein Ende. Schon Kaiser Konstantin bestimmte einen Teil der Staatseinkünfte zum Unterhalte der Geistlichen und begnadigte sie mit wichtigen Vorrechten. Das allereinträglichste war aber das Gesetz, durch welches er sie für berechtigt erklärte, Schenkungen anzunehmen, welche ihnen durch testamentarische Verfügungen gemacht wurden, was nach dem Gesetze des Kaisers Diokletian keinem Verein gestattet war. Nun war der Habgier der Geistlichkeit ein weites Feld geöffnet. Die niedrigsten und verächtlichsten Mittel wurden angewandt, um die bereits in Aberglauben aller Art versunkenen Christen zu reichen Schenkungen zu bewegen, und bereits nach zehn Jahren wagte niemand mehr zu sterben, ohne der Geistlichkeit ein Legat zu vermachen. Diese betrieb ihr Geschäft auf so schamlose Weise, daß nicht sehr lange darauf die Kaiser Gratian und Valentinian sich gezwungen sahen, durch Gesetze der Erbschleicherei der Geistlichen Einhalt zu tun. Hieronymus, der Geheimschreiber des römischen Bischofs Damasus, der Zeuge war von dem nichtswürdigen Treiben der Pfaffen, rief bei der Bekanntmachung des Gesetzes: "Ich bedaure nicht des Kaisers Verbot, sondern mehr das, daß meine Mitbrüder es notwendig gemacht haben!" Diese Mitbrüder schildert er auf wenig schmeichelhafte Weise, indem er sagt: "Sie halten kinderlosen Greisen und alten Matronen den Nachttopf hin, stets geschäftig um ihr Lager; mit eigenen Händen fangen sie ihren Auswurf auf, und Witwen heiraten nicht mehr; sie sind weit freier, und Priester dienen ihnen um Geld." Selbst der Bischof des Hieronymus, Damasus, hatte sich den Beinamen Ohrenkrabbler der Damen erworben. S. 50
Als Julianus (361 n. Chr.) zur Regierung kam, geriet der ganze Pfaffenschwarm in große Bestürzung, denn dem gebildeten, mit der Philosophie seiner Zeit bekannten und darin aufgezogenen Kaiser erschien das bereits durch Aberglauben und Fabeln aller Art entstellte Christentum abgeschmackt und lächerlich. Er "fiel daher vom Glauben ab", wie die Kirchenphrase heißt, und erwarb dafür von den christlichen Geschichtsschreibern den Beinamen Apostata (Abtrünniger). Die reine und einfache Lehre Jesu hatte in der Tat bereits eine traurige Veränderung erlitten und war durch Wundermärchen und läppische Fabeln verunstaltet worden. Vor der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nizäa (335 n. Chr.) gab es gegen fünfzig Evangelien, von denen nur die noch in der Bibel enthaltenen beibehalten wurden, weil die anderen den Heiden doch gar zuviel zu spotten und zu lachen gaben. Sie enthielten die abgeschmacktesten Erzählungen und trivialsten Geschichten, und wenn auch ihre Verfasser mit der Mutter Jesu nicht so vertraut waren wie jener Portugiese, der ein "Leben im Bauche der Maria" schrieb, so berichten sie uns doch unter anderem, daß dem frechen Menschen, der Maria unzüchtig anzufassen wagte, augenblicklich die Hand verdorrte. Auch von Wundern erzählen sie, die Jesus als Kind verrichtete. Einst habe derselbe mit anderen Kindern gespielt und mit ihnen aus Ton Vögel geformt; die von ihm gemachten seien sogleich fortgeflogen. Als er größer geworden, habe er einst einen Tisch gefertigt, und als er von seinem Vater gescholten worden sei, weil er zu kurz war, habe er an dem Tisch gezogen und ihn so lang gemacht, wie Joseph es wollte. Kaiser Julianus versuchte es, das Christentum zu stürzen, obwohl er die Christen nicht verfolgte, und als er schon nach zweijähriger Regierung im Kriege gegen die Perser fiel, verursachte sein Tod große Freude. Sein Liebling, der Philosoph Libanius, fragte einst spöttisch einen christlichen Lehrer zu Antiochien: "Was macht des Zimmermanns Sohn?" Er erhielt zur Antwort: "Einen Sarg für deinen Schüler." Bald darauf starb der Kaiser, und Libanius vermutete, eben vielleicht wegen dieser Antwort, daß er durch irgendeinen fanatischen Christen seinen Tod fand. Sterbend unterhielt sich der Kaiser über die Erhabenheit der menschlichen Seele, aber die Christen erzählten, er habe eine Hand voll Blut gen Himmel gespritzt und ausgerufen: "Du hast gesiegt, Galiläer!" S. 51
Mit Julian starb der letzte heidnische Kaiser; unter seinen Nachkommen breitete sich die Macht der Pfaffen immer mehr aus. |
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Es ist ein durch die Wissenschaft noch nicht vollständig gelöstes Problem, wodurch Epidemien entstehen, wie Pest, Cholera und dergleichen gräßliche Übel, durch welche das Menschengeschlecht von Zeit zu Zeit heimgesucht wird. Noch unerklärlicher sind Epidemien des Geistes, deren Vorkommen so alltäglich ist, daß wir gar nicht mehr darauf achten und sie am allerwenigsten für eine geistige Störung halten. Woher kommt es, daß irgendein dummes Lied die Runde über den Erdball macht, daß man ihm nirgends entfliehen kann, selbst nicht, wenn man allein ist, da man es dann selbst summt? Dasselbe ist der Fall mit einem schlechten Witz oder einer abgeschmackten Redensart oder einer Mode, über deren Möglichkeit man später selbst erstaunt ist. Es ist nicht nötig, daß wir Beispiele anführen, denn jeder Mensch wird irgendein Lied, Redensart oder Mode anführen können, die epidemisch auftrat. Das Merkwürdige bei solchen geistigen Epidemien ist, daß Absperrung dagegen kein unfehlbares Mittel ist, denn wir kennen Gewohnheiten, die sich zum Beispiel in Klöstern ganzer Länder verbreiteten, die doch unter sich in gar keiner Verbindung standen. In einem der folgenden Kapitel werden wir davon merkwürdige Beispiele anführen. Die Keime der in ihren Folgen gräßlichsten geistigen Epidemien enthält die Religion und keine mehr als die mißverstandene christliche. Sie hat Europa Jahrhunderte hindurch in ein trübseliges Narrenhaus verwandelt, und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit zum Opfer gefallen. Dieses Kapitel handelt von den Heiligen der römischen Kirche, denn die protestantische hat sie abgeschafft und nur die S. 53
Scheinheiligen behalten. All diese Heiligen, einige Ausnahmen abgerechnet, waren durch diese Religion wahnsinnig gemachte Menschen und würden, wenn sie heutzutage lebten, in Narrenhäuser gesperrt werden. Jeder Leser, der nicht von derselben Narrheit ergriffen ist, wird am Ende dieses Kapitels von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugt sein. Die Lehre Jesu, daß dies Leben nur eine Vorbereitung für ein künftiges sei und daß jeder, welcher die ihm hier auferlegten Leiden gottergeben trage, dafür im ewigen Leben belohnt werden würde, war darauf berechnet, die leidende und bedrückte Menschheit durch die Hoffnung zu trösten. Je größer die unverschuldeten Leiden waren, die einen Gläubigen trafen, desto größere Hoffnung hatte er, durch geduldiges Ertragen ein freudenreiches ewiges Leben zu gewinnen, und es ist begreiflich, daß es Menschen gab, welche sie betreffende Unglücksfälle als ein Glück ansahen, da sie ihnen Gelegenheit gaben, den Himmel zu verdienen. Der Übergang zu dem Gedanken, daß Leiden überhaupt verdienstlich sei, war nicht eben schwierig, besonders da er durch mehrere von den Aposteln berichtete Aussprüche Jesu unterstützt wurde, und so kam es, daß man sich endlich selbst Leiden und Qualen erschuf, nur um sie zu ertragen, und weil man damit meinte, für sein Seelenheil zu sorgen. Das Egoistische und Unmoralische einer solchen Handlungsweise wurde gar nicht erkannt. Die Idee von der Verdienstlichkeit, körperliche Martern mit Freudigkeit zu ertragen und sich selbst zu schaffen, kam erst recht zur Geltung, als die während der Verfolgungen unter den Kaisern Dioktetian und Decius hingerichteten Christen durch ihre Standhaftigkeit so hohen Ruhm einernteten. Mögen sich auch die Kirchenschriftsteller nicht immer von Übertreibungen ferngehalten haben, wenn sie die Leidensgeschichten der Märtyrer erzählen, so verdienen sie doch im allgemeinen Glauben, denn es ist eine bekannte Erfahrung, daß Menschen in hoher geistiger Aufregung Schmerz oft gar nicht empfinden, wie manche alte Soldaten bezeugen, die es in der Hitze des Kampfes oft gar nicht bemerkten, daß sie verwundet wurden. Diese Schwärmerei nahm besonders im vierten Jahrhundert überhand, und was Zeno, Bischof von Verona (um d. J. 360), sagte, war ziemlich der allgemeine Glaube: "Der größte Ruhm der christlichen Tugend ist es, die Natur mit Füßen zu treten." S. 54
Diese düstere Ansicht verbreitete über die ganze christliche Welt eine Trübseligkeit, welche die Erde in der Tat zu einem Jammertal machte. Die frommen Christen hielten sich nicht für wert, daß die Sonne sie bescheine; jeder Genuß erschien ihnen ein Schritt zur Hölle und jede Qual ein Schritt zum Himmel. Später gestaltete sich freilich alles weit lustiger in der christlichen Kirche, so lustig, daß es ein Skandal und Greuel und die Reformation dadurch erzeugt wurde; aber Luther machte die Leute wieder mit der Bibel bekannt, die ihnen von der römischen Kirche entzogen war, und das Lesen derselben brachte ähnliche Wirkungen hervor wie das Lesen der Evangelien unter den Christen der ersten Jahrhunderte. Beweise dafür finden wir genug in der Geschichte wie auch in den Predigten und anderen geistlichen Schriften aus der Zeit nach der Reformation. Besonders reich daran sind die Gesangbücher, in denen sich hin und wieder noch jetzt nicht minder seltsame Verse finden wie der folgende, der wörtlich einem noch nicht sehr alten Breslauer Gesangbuch entnommen ist: Ich bin ein altes Raben-Aas, Weil Jesus es für nötig hielt, vierzehn Tage in die Wüste zu gehen - zu welchem Zweck hat er niemand gesagt -, so meinten die Schwärmer, auch in die Wüste laufen und ihren Leib durch Fasten und allerlei Qualen kasteien zu müssen, denn Jesus hatte gesagt: "Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir", und ferner: "Es sind etliche verschnitten aus Mutterleibe von Menschen, etliche aber, die sich selbst verschnitten haben um des Himmels willen. Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben - komm und folge mir nach." Mancher, der schon aus Mutterleibe - am Gehirn - verschnitten und von Natur ein Narr war, mag durch Zufall mit S. 55
unter die Heiligen geraten sein; aber der größte Teil der Heiligen wurde erst durch solche ähnliche Stellen der Bibel zu Narren. Die Wüsteneien Syriens und Ägyptens bevölkerten sich mit frommen Christen, welche Jesum nachfolgen" wollten und, weil dieser gelitten hatte, es für verdienstlich hielten, sich noch weit größere Qualen freiwillig aufzulegen. Jeder dieser Frommen strebte danach, die Natur mit Füßen zu treten, und es gelang manchem so vortrefflich, daß uns dabei die Haut schaudert. Diese Schwärmerei wurde epidemisch, und die sonst einsamen Wüsten bevölkerten sich wie Städte. Das anschaulichste Bild von dem Leben dieser "Väter der Wüste" gibt uns folgende Schilderung eines Mannes, der ihr Leben und Treiben einen ganzen Monat lang als Augenzeuge beobachtet hat: "Einige flehen mit gen Himmel gerichteten Augen, mit Seufzen und Winseln, Barmherzigkeit; andere, mit auf den Rücken gebundenen Händen, halten sich in der Angst ihres Gewissens nicht für würdig, den Himmel anzuschauen; andere sitzen auf der Erde, auf Asche, verbergen ihr Gesicht zwischen die Knie und schlagen ihren Kopf gegen den Boden; andere heulen laut wie beim Tode geliebter Personen; andere machen sich Vorwürfe, nicht Tränen genug vergießen zu können. Ihr Körper ist, wie David sagt, voll Geschwüre und Eiter; sie mischen ihr Wasser mit Tränen und ihr Brot mit Asche; ihre Haut hängt an den Knochen, vertrocknet wie Gras. Man hört nichts als Wehe! Wehe! Vergebung! Barmherzigkeit! Einige wagen kaum, ihre brennende Zunge mit ein paar Tropfen Wasser zu erfrischen, und kaum haben sie einige Bissen Brot genossen, so werfen sie das übrige von sich, im Gefühl ihrer Unwürdigkeit. Sie denken nichts als Tod, Ewigkeit und Gericht! Sie haben verhärtete Knie, hohle Augen und Wangen, eine durch Schläge verwundete Brust und speien oft Blut; sie tragen schmutzige Lumpen voll Ungeziefer, gleich Verbrechern in Gefängnissen oder wie Besessene. Einige beten, sie ja nicht zu beerdigen, sondern hinzuwerfen und verwesen zu lassen wie das Vieh!" - Wer von diesen Wüsteneinsiedlern noch nicht verrückt war, mußte es bei der oben geschilderten Lebensweise notwendig werden. Das Beispiel reizte die Eitelkeit auf, und einer suchte den anderen an Strenge und Selbstquälerei zu übertreffen. Einer dieser armen Verirrten und Verwirrten - Heiligen! - lebte fünfzig Jahre lang in einer unterirdischen Höhle, ohne S. 56
jemals das freundliche Licht der Sonne wiederzusehen! Andere ließen sich bei der größten Hitze bis an den Hals in den glühenden Sand graben; noch andere in Pelze einnähen, so daß nur ein Loch zum Atmen frei blieb; bei afrikanischer Sonnenhitze eine treffliche Sommerbekleidung, allein doch noch erträglicher als der Paletot, den ein anderer sich aus einem Felsen aushieb und beständig mit sich herumschleppte wie die Schnecke ihr Haus. Sehr viele behängten sich mit schweren eisernen Ketten und Gewichten. Der heilige Eusebius trug beständig zweihundertundsechzig Pfund Eisen an seinem Körper. Einer dieser Narren namens Thaleläus klemmte sich in den Reifen eines Wagenrades und brachte in dieser angenehmen Stellung zehn Jahre zu, worauf er sich, zur Belohnung für seine Ausdauer, in einen engen Käfig zurückzog. Wahrlich ein rarer Vogel! Einige taten das Gelübde - Frauen taten das, glaub' ich, nicht -, jahrelang kein Wort zu reden, niemand anzusehen oder auf einem Bein herumzuhinken oder nur Gras zu fressen und was des Unsinns mehr ist. St. Barnabas hatte sich einen scharfen Stein in den Fuß getreten; er litt die entsetzlichsten Schmerzen, aber er ließ sich den Stein nicht herausziehen. Wieder andere schliefen auf Dornen, ja manche versuchten, gar nicht zu schlafen, und hungern konnten sie wie deutsche Schullehrer und Dichter; nur hatten sie den Vorteil voraus, daß sie verrückte Heilige waren und es eine bekannte Erfahrung ist, daß Wahnsinnige sehr lange ohne Nahrung leben können. Simeon , der Sohn eines ägyptischen Hirten, aß nur alle Sonntage und hatte seinen Leib mit einem Stricke so fest zusammengeschnürt, daß überall Geschwüre hervorbrachen, die so entsetzlich stanken, daß es niemand in seiner Nähe aushalten konnte. Dieser Simeon glaubte immer, daß er sich noch nicht genug quäle, und erfand daher etwas ganz Neues oder was wenigstens von den Christen noch nicht angewandt wurde, da Anbeter der großen Göttermutter, der Kybele, in Syrien Ahnliches getan hatten. Simeon stellte sich nämlich auf die Spitze einer Säule und blieb hier jahrelang stehen. Die erste Säule, die er zu diesem Zwecke benützte, war nur vier Ellen hoch, aber je höher sein Wahnsinn stieg, desto höher wurden auch seine Säulen. Als seine Tollheit den Gipfelpunkt erreicht hatte, war seine Säule vierzig Ellen hoch; auf dieser stand er dreißig Jahre! S. 57
Wie er es eigentlich anfing, nicht herunterzufallen, wenn ihn der Schlaf überkam, ist schwer zu begreifen; allein wahrscheinlich gewöhnte er sich, stehend zu schlafen wie Pferde und Esel. Eine seiner Lieblingsunterhaltungen war es, sich beim Gebet bis auf die Füße zu bücken. Er muß noch einen geschmeidigeren Rücken gehabt haben als irgendwelche Kammerherrn, denn ein Augenzeuge berichtete, daß er bis 1244 solcher Bücklinge gezählt habe, der Heilige aber noch unendlich lange in seiner frommen Turnübung fortgefahren sei. Sirneon brachte es dahin, daß er vierzig Tage hungern konnte! Als seinem ausgemerkelten Körper endlich die Kraft zum Stehen fehlte, ließ er auf seiner Säule einen Pfahl errichten und sich an denselben mit Ketten in aufrechtstehender Stellung befestigen. Diese Säulentollheit fand viele Nachahmer, besonders im warmen Morgenlande. Im Abendlande ist nur ein Säulenheiliger bekannt, und die fromme Stadt Trier hat den Ruhm, daß er einer ihrer Söhne war. Der damalige Bischof war aber noch nicht so tief in den Geist der römischen Kirche eingedrungen wie Herr Bischof Arnoldi, der vor etwa zwanzig Jahren den angeblich ungenähten Rock Jesu für Geld zeigte, denn sonst würde er nicht die Säule haben umstürzen und den Narren - ich meine den Heiligen - zur Stadt hinausjagen lassen. Da es das höchste Ziel aller dieser für ihre Seligkeit sich quälenden Toren war, "die Natur mit Füßen zu treten" und jede "vom Fleische" stammende Regung zu unterdrücken, so wurde denn natürlich auch der Geschlechtstrieb als höchst unchristlich verdammt und bekämpft. Der Kampf mit diesem mächtigsten der Triebe kostete aber die allergrößte Mühe und hatte, wie wir noch in der Folge sehen werden, die allerverderblichen Folgen für die sich Christen nennende Menschheit. St. Hieronymus (geb. 330 und gest. 422) erzählt ganz kalt, daß dieser Kampf mit der Natur Jünglingen und Mädchen Gehirnentzündungen und oft Wahnsinn zugezogen habe. Die armen Narren, die ihren Leib kasteiten, um den Unzuchtsteufel in sich zu demütigen, wußten ja nicht, daß sie dadurch das Übel nur ärger machten, denn der Teufel - der bekanntlich überall seine Hand im Spiel hat - führte ihnen die üppigsten Bilder vor die Phantasie. Einige bestrichen, um sich den Kampf zu erleichtern, ihre S. 58
rebellischen Glieder mit Schierlingssaft, und andere machten der Sache völlig ein Ende, indem sie die Wurzel des Übels ausrotteten. Dann hörte freilich alles auf, auch die Versuchung, und wenn ein Verdienst im Überwinden liegt, auch das Verdienst. Der sonst so vernünftige Kirchenvater Origenes tat dies ebenfalls; aber seine Tat war keineswegs originell, da heidnische Priester der Kybele diese unangenehme Operation ziemlich häufig mit sich vornahmen. Leontius, ein Priester zu Antiochien, Jakobus, ein syrischer Mönch, und noch viele andere unter den Priestern und Laien folgten diesem Beispiel, was daraus hervorgeht, daß ein Gesetz gegen die Kapaunirwut gegeben werden mußte. Nun, Gott sei Dank, vor der Rückkehr dieses Fanatismus sind wir sicher! Andere, welche sich zu einer solchen Radikalkur nicht entschließen konnten oder auch durch ihre Frömmigkeit davon abgehalten wurden, litten Höllenqualen. Den heiligen Pachomius trieb das innerliche Feuer in die Wüste, weil er es hier leichter zu ersticken meinte als in der Welt, wo soviel zweibeiniger Zündstoff umherläuft. Er kämpfte oft mit sich, ob er seinen entsetzlichen Qualen nicht durch den Tod ein Ende machen solle. Einst legte er sich nackt in eine Höhle, welche von Hyänen bewohnt wurde. Diese Bestien beschnupperten ihn, ließen ihn aber ungefressen liegen, wahrscheinlich weil sie ihm anrochen, daß er ein Heiliger war. Eines Tages gesellte sich zu dem geplagten Manne ein schönes äthiopisches Mädchen, setzte sich auf seinen Schoß und reizte ihn so sehr, daß er wirklich glaubte zu tun, was jeder nicht so heilige Mann in seiner Lage unfehlbar getan haben würde. Als das Entsetzliche geschehen war, ging es ihm wie manchem andern nach ähnlichen Vorfällen; er erkannte jetzt, wer seine Hand dabei im Spiel hatte, und gab dem schönen Mädchen als Dank eine ungeheure Maulschelle. Und seine Vermutung war richtig; das Mädchen war der Teufel in eigener Person, denn Pachomius' Hand stank von der Berührung ein ganzes Jahr lang so entsetzlich, daß er fast ohnmächtig wurde, wenn er sie der Nase zu nahe brachte. Ärgerlich darüber, daß ihn der Teufel so erwischt hatte, rannte er in der Wüste umher. Er fand eine Aspis oder kleine Brillenschlange und setzte sie in seiner Wut gleich einem Blutegel an das Glied, welches Origenes sich abschnitt. Aber die Schlange war ebenso ekel wie die Hyäne und wollte nicht anbeißen. Pachom hielt dies für ein Wunder, und eine innere S. 59
Stimme sagte ihm, daß er nun Ruhe haben sollte, und somit scheint ihn das Teufelsmädel kuriert zu haben. Mit Mystizismus vereinigte Dummheit und daraus entstehende Schwärmerei stecken an und verbreiten sich wie Pest und Cholera. Die ganze Christenheit wurde von dieser asketischen Schwärmerei ergriffen. Ganze Scharen rannten in die Wüste, so daß sich die Heiligen auf die Füße traten und genötigt wurden, ungeheure Gemeinschaften - Klöster - zu bilden. St. Pachomius, der eigentliche Stifter derselben, hatte in dem seinigen vierzehnhundert Mönche und führte noch über siebentausend andere die Aufsicht. Im vierten Jahrhundert gab es in Ägypten wenigstens hunderttausend Mönche und Nonnen; denn daß die leicht erregbaren und verrückt zu machenden Weiber von dieser Tollheit nicht frei blieben, kann man sich leicht denken. In den gut gelegenen Wüsten fing es an, an Platz zu fehlen, und man schaffte sich künstliche Wüsteneien, das heißt Klöster in den Städten. Die Stadt Oxyrrhinchus hatte mehr Klöster als Wohnhäuser und in ihnen beteten und arbeiteten nicht weniger als dreißigtausend Mönche und Nonnen. Die Heiden mochten spotten, soviel sie wollten, um dieses heilige Feuer auszulöschen; es gelang ihnen nicht, denn die geachtetsten Kirchenlehrer priesen das Mönchs- und Einsiedlerleben über alles und nannten es den geraden Weg in das Paradies. Die heiligsten Bande der Natur wurden zerrissen. Jünglinge verließen ihre Bräute, wie der heilige Alexius, der in der Brautnacht in die Wüste rannte. Ammo las seiner Braut die Briefe des Paulus an die Korinther vor! Die Braut wurde dadurch so begeistert, daß sie mit Ammo in die Wüste lief und hier gemeinschaftlich mit ihm eine elende Hütte bezog, wo sie lebte - keusch wie eine Henne, die mit einem Hunde zusammenwohnt. Johannes Colybita, der Sohn angesehener Eltern, wurde ebenfalls in der Brautnacht von dem frommen Kanonenfieber gepackt; er floh die Versuchung und ging in die Wüste. Das unüberwindliche Heimweh trieb ihn in die Vaterstadt zurück. Hier lebte er siebzehn Jahre als elender Bettler in einer Hundehütte, die er neben die Wohnung seiner um ihn trauernden Eltern gestellt hatte, denen er sich erst in seiner Todesstunde zu erkennen gab. Dies waren die Früchte der Lehren solcher Männer wie S. 60
St. Hieronymus, der sagte: "Und wenn sich deine jungen Geschwister an deinen Hals werfen, deine Mutter mit Tränen und zerstreuten Haaren und zerrissenen Kleidern den Busen zeigt, der dich ernährt hat, dein Vater sich auf die Türschwelle legt, stoße sie mit Füßen von dir und eile mit trockenen Augen zur Fabne des Kreuzes." Sehr viele trieben auch die Eitelkeit und der Ehrgeiz zum asketischen Leben, denn die Einsiedler und Mönche standen im höchsten Ansehen. Kamen sie in eine Stadt, so wurden sie im Triumph empfangen, und zogen sie bei einer solchen vorbei, dann strömten Tausende zu ihnen heraus, um sich ihren Rat und ihren Segen zu erbitten. Die ganze Gegend, in welcher ein besonders toller Einsiedler sein Wesen trieb, hielt sich für beglückt, und man hat Beispiele, daß diese Heiligen von den Bewohnern anderer Landschaften gleichsam wie die wilden Affen in Pechstiefeln eingefangen wurden. Salamanius aus Kapersana, einem Dorfe am Euphrat, hatte sich in ein Haus sperren lassen, welches weder Fenster noch Türen hatte. Einmal im Jahr öffnete er diesen Käfig, um die Lebensmittel in Empfang zu nehmen, welche ihm herbeigeschleppt wurden, wobei der heilige Mann aber mit niemandem redete. Die Bewohner seines Geburtsortes glaubten, ein Recht auf diese Blume der Heiligkeit zu haben, und entführten den Narren; aber kaum hatten sie ihn einige Tage, als er ihnen wieder von den Bewohnern eines benachbarten Dorfes gestohlen wurde. Alle diese gewaltsamen Veränderungen waren nicht imstande, dem Heiligen ein Wort zu entlocken. Die Verehrung gegen diese Wüstennarren ging so weit, daß Kaiser Theodosius ihnen sogar seine Söhne Honorius und Arkadius zur Erziehung anvertraute. Es wurde freilich nichts Gescheites aus ihnen, denn Honorius war förmlich blödsinnig geworden und fand sein größtes Vergnügen daran, das Federvieh zu füttern. Eine recht unschuldige Liebhaberei für einen Kaiser, die auch moderne Imperatoren haben, wenn das Federvieh nur aus der rechten Tonart kräht. Theodosius war überhaupt ein großer Freund der Mönche, und sowohl er wie andere Kaiser nahmen zu ihnen wie zu Orakeln ihre Zuflucht. Er ahmte den großen Alexander nach, indem er sagte: "Wenn ich nicht Theodosius wäre, so möchte ich ein Mönch sein." Sein Volk hatte Ursache genug, zu bedauern, daß er Theodosius war. S. 61
Unter den "Vätern der Wüste" haben manche einen ganz besonderen Ruf der Heiligkeit erworben, teils durch die unerhörten Qualen, welche sie sich selbst auferlegten, teils durch die Wunder, welche ihnen zugeschrieben wurden. Unter den schrecklichen Operationen, die sie mit ihrem Körper vornahmen, litt auch der Geist, und so darf es uns nicht befremden, wenn diese Leute allerlei Erscheinungen und Visionen hatten, die sie für Wirklichkeit nahmen und die nur dazu dienten, ihren zerrütteten Verstand noch mehr zu verwirren. Die Kirchenschriftsteller, welche diese Wunder nacherzählen, waren ernsthafte Männer und tun dies im festen Glauben an die Wahrheit dessen, was sie berichten. Erst die spätern mag hin und wieder Eigennutz zum absichtlichen Betruge verleitet haben. Idi würde alle diese Wunder als abgeschmackt übergehen, wenn man sie nur allein in jener finstern Zeit geglaubt hätte, allein noch heute gelten sie Tausenden von römischen Katholiken als Wahrheit. Der gemeine Katholik in den echt katholischen Ländern weiß von Gott sehr wenig; er versteht die philosophische Dreieinigkeitsgeschichte nicht und zerbricht sich auch nicht den Kopf darüber; er kennt nur seine wundertätigen Heiligen und den Teufel. Lange wollen wir uns übrigens in dieser halb bemitleidenswerten, halb lächerlich tollen, heiligen Gesellschaft nicht aufhalten. Wer den ganzen Unsinn der Wunder kennenlernen will, braucht nur eines der Heiligenbücher zu lesen, welche von der Geistlichkeit in den römisch-katholischen Ländern empfohlen und verbreitet werden. Den größten Ruf unter den Wüstenheiligen erlangten: St. Paulus, St. Pachomius, St. Antonius, St. Hilarion und St. Macarius Nr. 1 und Nr. 2. Die Schlachten, welche diese Himmelsstürmer mit dem Teufel lieferten, waren unzählig, und die ungeheure Tätigkeit des "Erzfeindes" kann nicht in Erstaunen setzen, da diese religiösen Don Quichotes in jedem Affen, in jedem andern Tier und namentlich in jedem Weibe, welche ihnen unvermutet begegneten, nicht nur höllische Windmühlen, sondern den höllischen Windmüller selber sahen. Alle Übel, welche ihr kranker Körper- und Seelenzustand mit sich brachte, wurden für Wirkungen des Teufels gehalten. Antonius schlief auf der bloßen Erde und in feuchten Gräbern und zog sich dadurch sehr begreiflicherweise die Gicht zu, wie S. 62
das auch jedem Nichtheiligen begegnet wäre; er aber bildete sich ein, daß die Schmerzen, die er empfand, von einem Faustkampf mit dem Teufel herrührten, - weil er vielleicht wirklich häufig Kämpfe mit den starken Affen zu bestehen hatte, die sich im südlichen Ägypten aufhielten und die wahrscheinlich die Erzväter der Waldteufel sind. Schöne Weiber, die ihm im Traume erschienen, hielt er erst recht für Teufel, da sie ihn am stärksten versuchten, und eine derartige "Versuchung des heiligen Antonius" sieht man häufig gemalt, weil sie die Phantasie der Maler lebhaft anregte. Manche der Einsiedler mag auch die Eitelkeit verführt haben, Erscheinungen vorzugeben, um ihr Verdienst in den Augen der Menschen zu erhöhen. Wer vermag es, hier die Grenze zwischen wirklichen Äußerungen des Wahnsinns und Erdichtungen anzugeben? Wie lange ist es her, daß die Hexenprozesse aufgehört haben? Mag bei diesen letzteren manche absichtliche Nichtswürdigkeit vorgegangen sein, so kann man doch für gewiß annehmen, daß noch vor hundert Jahren viele der geachtetsten Theologen und Juristen an die Möglichkeit der Teufelserscheinungen und des fleischlichen Umgangs mit dem Teufel und andern bösen Geistern glaubten; denn wäre dies nicht der Fall, so müßte man die Richter, welche Hunderttausende von Hexen verbrennen ließen, für absichtliche Mörder halten. Hexenprozesse fanden noch im vorigen Jahrhundert statt, und der gemeine Mann in vielen, nicht nur römischkatholischen Ländern glaubt noch heute steif und fest an Hexen. Dem heiligen Antonius werden viel Wunder zugeschrieben. Die Kirchenschriftsteller erzählen, daß ihm die Tiere der Wüste gehorchten wie dressierte Pudel. Gar häufig umgaben sie zudringlich seine Höhle, warteten aber stets, bis er sein Gebet vollendet hatte, dann empfingen sie seinen Segen und zogen mit den christlichen Gedanken auf Raub aus. Als er den in seinem hundertunddreizehnten Jahre gestorbenen heiligen Paulus aus dem ägyptischen Theben begrub, halfen ihm zwei fromme Löwen das Grab machen. Als sie fertig waren, empfingen sie seinen Segen und zogen, christlich mit dem Schwanze wedelnd, vergnügt und mit erleichtertem Gewissen tiefer in die Wüste. St. Macarius, der sich zur Unterdrückung des ihm arg zusetzenden Wollustteufels mit bloßem Hintern in einen Ameisenhaufen setzte, genoß ebenfalls das Vertrauen der wilden S. 63
Bestien. Einst kam eine Hyäne an seine Tür und pochte bescheiden an. Als der Heilige öffnete, legte ihm die gläubige Mutter ein blindes Junges zu Füßen, zugleich aber ein Lammfell als Honorar für die'Kur. "Du hast es geraubt, ich mag es nicht!" schnob der Heilige die fromme Hyäne an, welche so bestürzt wurde, daß ihren Augen Tränen entrollten. Dies rührte den Heiligen, und er sprach freundlicher zu der bußfertigen Bestie: "Willst du kein Lamm mehr rauben, so nehme ich das Fell und heile." Die Hyäne nickt zu, der Heilige heilt. Dieser geht in seine Zelle, jene trollt vergnügt in die Wüste und raubt von nun an keine Lämmer mehr, sondern wahrscheinlich - Schafe. Das erste Wunder, welches der heilige Hilarion tat, klingt nicht so unglaublich. Eine junge Frau, die von ihrem Manne verachtet wurde, weil sie ihm keine Kinder gebar, holte sich Rat bei dem zweiundzwanzigjährigen Heiligen. Er betete allein mit ihr, und nach neun Monaten kam sie wirklich mit einem durch tätiges Gebet bewirkten kleinen Heiligen nieder. Doch wozu noch mehr dieser Wunder anführen? - Hier reitet ein Heiliger auf einem Krokodil durch den Nil, dort führt ein anderer einen grimmigen Drachen an einem Bindfaden; hier läßt ein anderer Schnee anbrennen, Eisen schwimmen und Früchte auf Weidenbäumen wachsen; dort benutzt ein Heiliger einen lebendigen Adler als Regenschirm oder hat den Teufel vor seinen Pflug gespannt; - kurz, diese Heiligen machten nicht allein die Menschen, sondern auch die Natur konfus. Und all dieser Unsinn wurde geglaubt, denn daran zweifelte kein Mensch, daß so heilige Leute die ewigen Naturgesetze ganz nach Willkür verändern und unterbrechen konnten! Die im Orient entstandene Schwärmerei fand auch in Europa den lebhaftesten Anklang, und besonders wirkte dafür St. Ambrosius, Bischof von Mailand, dem wir den Ambrosianischen Lobgesang, das Te deum laudamus, verdanken, und St. Hieronymus, von dem wir schon früher geredet haben. Beide wirkten sowohl durch eigenes Beispiel als durch Schriften. Hieronymus lebte selbst längere Zeit in der syrischen Wüste und schrieb ein Werk, betitelt "Lob des einsamen Lebens", welches für ein Meisterstück der Beredsamkeit gilt. Ich werde später noch manchmal Stellen aus seinen Schriften anführen müssen. Er war 331 in Strydon in Dalmatien geboren, hielt sich lange Zeit in Rom auf und starb 422 in seinem Kloster in Bethlehem. S. 64
Der Hang zum asketischen Leben nahm nun schnell in Europa überhand, und Heilige und Klöster schossen überall wie Pilze auf. Der heilige Martin war der erste, welcher Klöster in Frankreich anlegte. Er war 316 in Panonien geboren und hatte das Kriegshandwerk ergriffen. Als er einst einem Armen die Hälfte seines Mantels gab, bildete er sich ein, Jesu Stimme zu hören, welche ihm zurief: "Was du andern getan hast, hast du mir getan." Dies bewog ihn, sein Regiment zu verlassen und unter die Heiligen zu gehen. Sein Ruf verbreitete sich bald; er wurde Erzbischof von Tours und ein sehr stolzer Heiliger. Als er vor Kaiser Valentinian erschien, wollte dieser sich nicht von seinem Throne erheben, um St. Martin zu begrüßen. Diesen verdroß solcher Hochmut, er betete, und - so erzählt die "Geschichte" - feurige Flammen schlugen aus dem Thronsessel empor, so daß seine kaiserliche Majestät schnell in die Höhe fahren mußte, wollte sie nicht ihren allerhöchsten allerdurchlauchtigsten Allerwertesten verbrennen. Die Zahl der europäischen Heiligen ist sehr groß, und ich möchte gern ihr ganzes heiliges Leben und all ihre Wunder erzählen; allein leider habe ich weder Zeit noch Raum zu einem so umfassenden, interessanten Werk und will mich daher damit begnügen, nur von denjenigen zu reden, die für die Welt als Stifter von Mönchsorden oder als sogenannte Apostel wichtig wurden, und auch dann noch ist ihre Zahl so groß, daß ich eine Auswahl treffen muß. Ehe ich aber dazu schreite, will ich die gläubigen Christen darüber belehren, was denn eigentlich solch ein Heiliger bedeutet und wozu er noch heute gut ist. Es versteht sich von selbst - so lehrt natürlich die römische Kirche -, daß ein Heiliger nicht nur selig ist, sondern daß er auch im Himmel einen besonders hohen Platz einnimmt, gewissermaßen zu der Familie des lieben Gottes gehört und beständig mit Jesus, der Jungfrau Maria, der neuerdings unbefleckt empfangenen Frau Mutter, dem Heiligen Geist, den vornehmsten Engeln und den Aposteln verkehrt. Man kann sich also wohl denken, daß solch ein Heiliger direkten oder indirekten Einfluß bei dem lieben Gott hat und nicht leicht vergebens bittet. Die Heiligen haben ganz außerordentlich viel zu tun, denn sie haben nicht allein diejenigen auf Erden lebenden Menschen zu beschützen und zu behüten, deren spezielle Schutzpatrone sie sind, sondern auch noch spezielle Zweige der Heiligenwissenschaft zu vertreten. Die angeseheneren Heiligen sind außerdem Vor- S. 65
steher ganzer Nationen oder besonderer Städte, und somit sieht jeder ein, daß ihr Amt im Himmel keine Sinekure ist. Damit nun jeder, den irgendeine religiöse Blähung oder ein körperliches Gebrechen quält, welches er wohlfeiler kuriert haben will, als es von einem irdischen unheiligen Doktor geschehen kann, weiß, was er zu tun hat, so will ich einige Hauptheilige nebst ihren Funktionen anführen. Der Adel steht unter der besonderen Protektion der drei großen Heiligen St. Georg, St. Moritz und St. Michael; der Patron der Theologen ist höchstseltsamerweise der zweifelsüchtige "ungläubige" St. Thomas, und der Schutzheilige der Schweine ist St. Antonius. Die Jurisdiktion über die Juristen hat St. Ivo, über die Ärzte St. Cosmus und St. Damian, über die Jäger St. Hubertus, und die Trinker stehen unter dem Schutze St. Martins. So hat auch jedes Gewerbe seinen besonderen Heiligen, denen die römisch-katholischen Handwerker wahrscheinlich ihr Geschäft anvertrauen, wenn die vielen Festtage oder die Wallfahrten zur heiligen Garderobe sie abhalten, selbst dafür zu sorgen. Auch jede Nation hat ihren besonderen Schutzheiligen. Die Portugiesen haben St. Antonius, der neben den Schweinen auch sie behütet; die Spanier St. Jakob, welcher sich kürzlich als der wahre Jakob erwiesen hat; die Franzosen St. Denis, die Engländer St. Georg, die Venezianer St. Markus, und die Deutschen werden einen eigenen Schutzheiligen bekommen, wenn sie eine Nation sind; einstweiligen besorgen die Schutzheiligen anderer Nationen ihre diplomatischen Geschäfte, im Himmel. Auch haben einige Heilige, die mit der Leitung von Nationen und besonderen Ständen nicht zu sehr beschäftigt sind, ihre Muße im Himmel benutzt, einige Übel der armen Erdenwürmer besonders gründlich zu studieren, und der liebe Gott, der doch nicht alles selbst tun kann, hat ihnen nach dem Glauben vieler Katholiken erlaubt, ihm hier und da auszuhelfen. St. Aja hat die Rechtswissenschaft studiert und hilft in Prozessen; St. Cyprian beim Zipperlein, St. Florian bei Feuersgefahr, St.Nepomuk gegen Wasserflut und in Verleumdung; St. Benedikt gegen Gift; St. Hubertus gegen die Hundswut, St. Petronella im Fieber, St. Rochus gegen die Pest, St. Ulrich gegen die Ratten und Mäuse, St. Apollonia gegen Zahnweh, wenn es nicht von Schwangerschaft kommt, denn in diesem schmerzlichen Fall muß man sich an St. Margaretha wenden, welche auch bei schweren Geburten hilft. St. Blasius bläst das S. 66
Halsweh weg, und St. Valentin hilft gegen die fallende Sucht; St. Lucia gegen Augenübel, und Vieharzt im Himmel ist St. Leonhard. St. Benedikt ist der Vater der zahlreichen Benediktinermönche. Er wurde 480 in Nursia in Umbrien geboren und starb 543. Die Legende erzählt von ihm merkwürdige Dinge. Schon im Mutterleibe sang er Psalmen, und wenn er als Kind weinte, dann brachten ihm die Engel Bischofsstäbe, Bischofsmützen und Breviere zum Spielen und machten Musik auf Instrumenten, die erst viele Jahrhunderte später unter den Menschen erfunden wurden. Sein erstes Wunder war, daß er einen zerbrochenen Topf wieder ganz betete! Im Beten besaßen diese Heiligen, wenn wir den Kirchenschriftstellern glauben wollen, eine ordentlich schauerliche Innigkeit und Ausdauer. Einige erhoben sich vor lauter Inbrunst einige Fuß über die Erde und blieben so in der Luft hängen. Ein irländischer Heiliger, namens Kewten, betete so hartnäckig und lange, daß eine Schwalbe in seine gefalteten Hände Eier legen und ausbrüten konnte! Es versteht sich von selbst, daß St. Benedikt vom Teufel heftig verfolgt wurde, der ihn, als der fromme Mann sich in eine Einöde vergraben hatte, beständig in Gestalt einer Amsel umschwärmte. Als er, nämlich der Heilige und nicht der Teufel, Abt eines Klosters wurde, verführte der Teufel einen Pfaffen, sieben schöne Mädchen in der Naturuniform im Klostergarten laufen zu lassen, so daß fast alle Mönche des Teufels wurden. Nahe daran waren sie, denn sie machten Versuche, ihren strengen Abt zu vergiften, die natürlich alle mißlangen, denn bald betete er den Giftbecher entzwei, bald kam ein Rabe, der das vergiftete Brot sofort in die Wüste trug. Benedikt stiftete eine große Menge von Klöstern, darunter das berühmte von Monte Casino, und gab seinen Mönchen eine Regel, die für einen Heiligen und sein Zeitalter sehr vernünftig ist. Seine Mönche sollten arbeiten; allein von Selbstquälerei und dergleichen ist darin nichts vorgeschrieben. Seine Klosterregel wurde bald die Grundlage aller anderen, und die Benediktinerklöster waren die Zufluchtsorte für Künste und Wissenschaften, welche ohne sie vielleicht ganz und gar im rohen Mittelalter von dem Christentum verschlungen sein würden. Wir mögen daher immerhin St. Benedikt als einen der achtungswertesten Heiligen verehren und ihm die dummen Wunder nicht zur Last legen, welche ihm spätere Verehrer andichteten. S. 67
Von seiner Klosterregel weicht die des irdischen Mönches Columbanus merklich ab; in seinem Zuchtbuche regnet es für das geringste Vergehen Dutzende von Hieben. Wer einem Bruder widersprach, ohne hinzuzufügen: "Wenn du dich recht erinnerst, Bruder", erhielt fünfzig Hiebe, und wer gar allein mit einem Frauenzimmer redete - zweihundert, wohlgezählt. Der englische Mönch Winfried, der nachher St. Bonifazius hieß, wird gewöhnlich der Apostel der Deutschen genannt. Er führte die Klöster in Deutschland ein und mit ihnen allen Segen Roms. Die Friesen erwarben sich das Verdienst, ihn nebst dreiundfünfzig Pfaffen totzuschlagen (am 5.Juni 759). Hätten sie es früher getan, dann wüßten wir vielleicht nichts von Ehelosgikeit der Priester, Wallfahrten, Bilderdienst, Reliquien und dergleichen Dingen, die er in Deutschland heimisch machte. St. Adalbert, der sogenannte Apostel der Preußen, war Bischof von Prag und ein ganz guter Mann, dem es nur an Verstand fehlte. Was er eigentlich für ein Landsmann war, weiß ich nicht; aber ich vermute ein Deutscher, denn er war so demütig, daß er am Hofe seines Freundes Kaiser Otto 11. den Hofleuten heimlich die Stiefel putzte. Ihn gelüstete sehr nach der Märtyrerkrone, und er schlug allerdings, obwohl aus heiliger Einfalt, den allerkürzesten Weg dazu ein, sie auf das schleunigste zu erlangen. Er zog mit zwei Gefährten Psalmen singend durch das Land der wilden heidnischen Preußen. Dies wilde Volk hielt ihn anfangs gar nicht für einen Heiligen, sondern für einen Verrückten und wurde in diesem Glauben noch bestärkt, als Adalbert auf ihre Götterbilder schimpfte, ja, sie wohl gar verunehrte und ihnen dafür Kreuz, Hostie, Marienbilder und anderen römisch-christlichen Hausbedarf anbot. Als die Preußen ihn auslachten, schimpfte er auf die Verstockten und wurde zornig, und ehe er sich dessen versah, steckten ihm sieben heidnische Wurfspieße im heiligen Leibe, die ihn zum Märtyrer machten. Bruno, einem Benediktiner aus Magdeburg, ging es einige Jahre später nicht besser; die Preußen schlugen ihn nebst achtzehn seiner Gefährten ebenfalls tot. Ebenso wichtig als Beförderer des Klosterwesens und als Heiliger, aber bei weitem wichtiger und bedeutender als Mensch ist der heilige Bernhard. Luther sagt von ihm: "War je ein wahrer, gottesfürchtiger Mönch, so war es Bernhard; seinesgleichen ich niemals weder gehört noch gelesen habe, und S. 68
den ich höher halte, denn alle Mönche und Pfaffen des ganzen Erdbodens." Bernhard stammte aus einer altadeligen burgundischen Familie und wurde 1091 zu Fontaines bei Dijon geboren. Er war ein Schwärmer, aber ein durchaus edler Mensch, dem es wahrer Ernst war, die verdorbenen Geistlichen und die Menschen überhaupt zu bessern. Er quälte seinen Körper auf grauenhafte Weise, indem er mit seinen Mönchen oft nur von Buchenblättern und dem elendsten Gerstenbrote lebte. Genoß er einmal zur Stärkung seines geschwächten Magens etwas Mehlbrei mit Öl und Honig" dann weinte er bitterlich über diese Schwachheit. Seine Frömmigkeit und sein scharfer Verstand erwarben ihm bald einen bedeutenden Ruf. Als er einst in Mailand einzog, waren ihm Hände und Arme geschwollen von den Küssen, mit denen ihn die zudringlichen Gläubigen überdeckten. Er hätte Erzbischof, ja Papst werden können, er schlug alle Würden aus; aber als einfacher Bruder von Citeaux übte er den bedeutendsten Einfluß aus. Er schlichtete Streitigkeiten zwischen Päpsten und Königen, zwischen Fürsten und ihren trotzigen Vasallen, und der wildeste Kriegsmann zitterte vor dem gewaltigen Mönch. Weder Kaiser noch Papst wagten es, in Bernhards Kloster Citeaux einzureiten, sie gingen demütig zu Fuß. Er war die Seele des zweiten der Kreuzzüge - dieser großartigen Narrheit, die sieben Millionen Menschen das Leben kostete, die aber aus religiösem Eifer von Bernhard gefördert wurde. Selbst über die hartnäckigsten Widersacher siegte seine Beredsamkeit, wie zum Beispiel über Kaiser Konrad III., der in Speyer seinen Kaisermantel ablegte und den Heiligen auf seinen Schultern durch das Gedränge trug. Seine verführerische Zunge entvölkerte die Städte von Männern, so daß in manchen kaum einer für sieben Weiber zurückblieb, denn "alles, was die Wand bepißt", nahm das Kreuz. Der heilige Bernhard verdiente ein eigenes Buch, und ich werde später noch hier und da manches zu erwähnen haben, was seine Verdienste besser ins Licht setzt. Hier will ich nur noch einige Wunder anführen, welche ihm die Legende zuschreibt und ohne welche er schwerlich in den Heiligenkalender gekommen wäre, trotz all seiner Verdienste. Die Erzählungen von den Siegen über den Teufel, welche er durch die Kraft seines Gebetes errang, sind unzählbar. Sein Gebet war aber auch so innig, daß er Steine erbarmte. Einst S. 69
machte sich ein steinerner Christus vom Kreuze los und stieg herab, um den frommen Beter zu umarmen. Ein steinernes Marienbild ging noch weiter. Es reichte dem Heiligen die Brust, und dieser trank aus dem Stein die süßeste Frauenmilch! Es ist diese Güte der heiligen Mutter Gottes um so mehr zu bewundern, als St. Bernhard sie eigentlich immer schlecht behandelte und nicht einmal an ihre Jungfrauschaft glauben wollte! Als er einst in den Dom zu Speyer trat, grüßte er das dort befindliche Marienbild: "Sei gegrüßt, o Königin!" Wie erstaunten die Anwesenden, als die geschmeichelte und angenehm überraschte steinerne Mutter Gottes die steinernen Lippen öffnete und ausrief: "Wir danken dir schön, unser lieber Bernhard", aber noch verwunderte man sich, als der verdrießliche Heilige die Worte des Apostels zurückbrummte: "Weiber schweigen in der Versammlung." Bernhard starb 1153. Er erschien seinen Mönchen mehrmals verklärt im Himmelsglanz, aber - und Spötter sollten sich das ad notam nehmen - in der Mitte seines Leibes war ein unangenehmer Makel, eben weil er an die makellose Jungfrauschaft der Mutter des Jesukindleins nicht hatte glauben wollen. St. Bernhard selbst hatte 160 Klöster angelegt, die eine zahlreiche Nachkommenschaft hatten, denn schon zehn Jahre nach des Heiligen Tod gab es 500, und hundert Jahre später gegen 2000 Bernhardiner- oder Zisterzienserklöster. Die Mönche dieses Ordens zeichneten sich lange Zeit vor allen andern durch Arbeitsamkeit und Sittenreinheit aus, so daß Könige und Fürsten in die Gemeinschaft desselben traten. Den Segen, den diese Mönche und die Benediktiner dem rohen Mittelalter hätten bringen können, vernichteten die nun bald entstehenden Bettelorden, welche knechtische Unterwerfung der Vernunft unter den blindesten Glauben lehrten und damit die zügelloseste Sittenlosigkeit zu verbinden wußten. Sie verbreiteten eine dicke geistige Finsternis über die Erde, welche die Päpste und ihre Verbündeten so sehr zu schätzen wußten, daß sie auf das sorgfältigste bemüht waren, dieselbe bis auf den heutigen Tag zu erhalten. Die Idee der Bettelorden entsprang in dem Gehirn Johannes Bernardoni, eines verdorbenen Kaufmannssohnes aus Assisi in Umbrien. Er ist bekannt unter dem Namen des heiligen Franz von Assisi oder des seraphischen Vaters. - Da der junge Mann zum Kaufmann nichts taugte, so wurde er Soldat, geriet in Gefangenschaft und verfiel in eine schwere Krankheit. Als S. 70
er genas, war er - ein Heiliger! Das heißt vorläufig nur ein simpler Narr, der sich unter Bettlern und Aussätzigen umhertrieb, ihre Geschwüre küßte, sich mit ihren Lumpen kleidete und seinen Vater bestahl, um das Gestohlene zum Ausbau einer verfallenen Kirche zu verwenden. Der Bischof von Assisi nahm den Dümmling in Schutz, und bald zog er im Lande umher, bettelnd für den Bau der eben erwähnten Kirche. Die Kollekte fiel so reichlich aus, daß er auf den Gedanken geriet, einen Bettelorden zu stiften. Papst Honorius sagte zwar von ihm: "Ihr seid ein Einfaltspinsel", aber Papst Innonenz III., dazu durch einen Traum veranlaßt, bestätigte die von Franz aufgesetzte Mönchsregel, die er doch anfangs eine Regel für Schweine, aber nicht für Menschen genannt hatte. Anfangs wurde Franz verspottet und verhöhnt, aber in der Zeit von drei bis vier Jahren stieg der Ruf seiner Heiligkeit so sehr, daß ihm, wenn er einer Stadt nahte, Geistlichkeit und Volk feierlich entgegenkamen und mit allen Glocken geläutet wurde (1211). Seine Regel verbot es strenge, ein Eigentum zu haben, und die äußerste Demut war den Mönchen Gesetz. "Die Almosen", sagte Franz, "sind unser Erbe, Almosen unsere Gerechtigkeit, das Betteln unser Zweck und unsere Königswürde! Die Schmach und Verachtung unsere Ehre und unser Ruhm am Tage des Gerichts." Er ging selbst mit dem Beispiel voran, denn er war demütig wie ein Hund. Je mehr ihn die Gassenjungen verhöhnten, desto lieber war es ihm, und ganz vergnügt war er, wenn sie ihn gar mit Schmutz warfen. Aus lauter Demut ließ er sich oft mit Füßen treten. Wenn er in Assisi umherging und bettelte, so steckte er alles Eßbare, das er erhielt, in einen Topf, und wenn ihn hungerte, so langte er zu und aß von dem ekelhaften Gemisch. Einst wurde Franz von einem Kardinal zu Tische geladen; er ließ jedoch alle Gerichte unberührt und aß zum Ekel der delikaten Gäste den Schweinefraß, den er gesammelt hatte. Die Tiere hatte er sehr lieb und nannte sie seine Brüder und Schwestern. Gar oft predigte er den Gänsen, Enten und Hühnern, und als ihn einst die Schwalben und Sperlinge durch ihr Gezwitscher störten, bat er die "lieben Schwestern" um Ruhe. Einen Bauer, der zwei Lämmer zu Markte trug, fragte er: "Weshalb quälst du so meine Brüder?" - Eine Laus, die sich auf seine Kutte verirrt hatte, nahm er sorgfältig zwischen die S. 71
Finger, küßte sie und sagte: "Liebe Schwester Laus, lobe mit mir den Herrn!" Dann setzte er sie auf seinen Kopf, woher sie gekommen war. Seinen Körper nannte er "Bruder Esel", und wenn diesen Esel der Hafer stach, dann plagte er ihn wacker. Er wälzte sich, wie es auch St. Benedikt tat, nackt auf Dornen, stieg bis an den Hals in gefrorene Teiche oder legte sich in den Schnee, bis jede wollüstige, eselhafte Regung verschwunden war. Einst machte er sich in spaßhafter Laune Weib und Kinder von Schnee und umarmte sie so lange inbrünstig, bis sie zerschmolzen waren. Sein Orden mehrte sich außerordentlich schnell, denn schon im Jahre 1216, als er ein Generalkapitel desselben nach Assisi -ausschrieb, kamen hier 5 000 Franziskaner zusammen, obgleich ein großer Teil davon nur Abgeordnete von Klöstern waren. ihre Zahl wuchs bald wie Sand am Meer. Der Franziskanergeneral bot einst dem Papst Pius III. 40 000 Franziskaner zum Türkenkriege an und versicherte, daß die geistlichen Verrichtungen darunter nicht leiden sollten. Während der Pest 1348 starben allein in Deutschland 6 000 Franziskaner, und man merkte die Verminderung nicht. Die Reformation zerstörte unendlich viele ihrer Klöster, allein noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts rechnete man die Zahl derselben auf 7 000 Mönchs- und 900 Nonnenklöster! Franz starb 1226, und da er ein Heiliger war, so tat er denn selbstverständlich auch eine Menge von Wundern. Jesu Wunder verschwinden vor denen, welche seine Mönche von ihm berichten. Einst zog er sich in die Apenninen zurück und hungerte hier vierzig Tage lang. Da erschien ihm ein Seraph, der ihm die fünf Wundenmale Jesu aufdrückte, so daß sie bluteten. Von daher hieß Franz auch der seraphische Vater und sein Orden der Seraphienorden. Die Verehrer dieses Heiligen gingen so weit, ihn wirklich weit über Jesus zu setzen und ihm die tollsten und verrücktesten Wunder zuzuschreiben. Franzens Nachfolger als Ordensgeneral war der Bruder Elias, ein schlauer, durchtriebener Patron, der sich die Einfalt Franzens trefflich zunutze zu machen wußte. Er und seine Nachfolger verstanden es herrlich, Franzens Ordensregeln aus zulegen, und dabei wurden ihre Klöster so reich wie keine anderen. Die geschworenen Feinde und Widersacher der Franziskaner S. 72
waren die ungefähr um dieselbe Zeit entstehenden Dominikaner, so benannt nach ihrem Stifter, dem heiligen Dominikus. Er hieß Dominikus Guzman und war 1170 in Altkastilien geboren. Er ward zur Bekehrung der Waldenser nach Frankreich geschickt und bekam hier den Gedanken, einen Mönchsorden zu stiften, dessen Wirksamkeit besonders auf das Volk berechnet sein und der sich mit Predigten und Unterrichtgeben und zu seinem Unterhalt mit dem einträglichen Betteln abgeben sollte. Er erhielt vom Papste die Bestätigung, und dieser scheußliche Orden trat ins Leben, um die Welt mit der Inquisition und der Zensur der Bücher zu beglücken. Dominikus selbst war der erste, welcher förmliche Ketzerjagden anstellte. Er wollte seinen Orden mit dem des heiligen Franz vereinigen; aber dieser hatte keine Lust dazu. Beide Orden standen sich indessen anfangs bei; aber bald gerieten sie aus Handwerksneid in bitterste Feindschaft; auch wollten die gebildeten Dominikaner stets etwas Besseres sein als die Franziskaner, von denen durchaus keine Gelehrsamkeit gefordert wurde. Der Dominikanerorden wuchs ebenfalls schnell, und 1494 gab es 4 143 Klöster desselben. St. Dominikus verdankt die Klosterwelt eine große Erfindung, nämlich neunerlei Stellungen beim Gebet, mit denen man zur Unterhaltung abwechseln konnte, damit die Sache nicht zu langweilig wurde. Man konnte beten: stehend, kniend, auf dem Rücken, dem Bauch, den Seiten liegend, die Arme ins Kreuz ausgestreckt, gekrümmt stehend, bald kniend, bald aufspringend. Er selbst betete so inbrünstig, daß er von der Erde verzückt wurde, das heißt einige Fuß hoch vom Boden in der Luft schwebte. Er starb 1221 zu Bologna. Von seinen überirdischen Taten, nämlich seinen Wundern, wollen wir schweigen, wir haben genug an seinen irdischen. Fliehen wir aus der Gesellschaft dieses bleichen Henkerknechtes! Und wessen Christentum es erlaubt, der mag dem Vater der Inquisition aus vollem Herzen einen Fluch nachrufen, ich stimme von ganzer Seele ein! Ich hoffe, die Leser werden bereits genug haben an dem Unsinn, den ich ihnen nach den Berichten der Kirchenschriftsteller von den achtungswertesten der Heiligen erzählte, und ich will ihre Geduld jetzt nicht weiter auf die Probe stellen, da ich ohnehin später noch diesen oder jenen Heiligen erwähnen muß. Wäre ich nur darauf ausgegangen, die Heiligen und ihre Wunder lächerlich zu machen, dann hätte ich eine ganz S. 73
andere Auswahl getroffen, dann hätte ich St. Antonius von Padua, welchen der heilige Franz selbst ein "Rindvieh" nannte, und Konsorten gewiß nicht ausgelassen. Schließlich will ich nur noch einige heilige Frauen erwähnen; ihre Zahl ist nicht weniger groß als die der männlichen Heiligen, und ihre Schwärmereien und Wunder sind noch bei weitem wunderbarer. Es ist hier nicht der Ort, die Ursachen auseinanderzusetzen, warum das weibliche Geschlecht weit mehr zur Schwärmerei geneigt ist als das männliche und der Verstand der Weiber leichter überschnappt. Die Erfahrung lehrt es uns täglich. Von somnambulen Männern habe ich noch nichts gehört, aber dergleichen Mädchen - nicht Frauen - gibt es in großer Menge. Eine große Zahl der heiligen Mädchen waren ganz sicher Somnambulen. Eine der ältesten Heiligen ist St. Afra. Ihre Mutter hielt ein Bordell in Augsburg, und sie war darin eine der fungierenden Priesterinnen. Der Zufall, natürlich, führte einst den spanischen Bischof Narzissus in dies Haus. Er bekehrte die Priesterinnen der Venus zum Christentum, und Afra, mit der er sich am meisten beschäftigte, machte er zur Heiligen. Sie wurde später als Märtyrerin verbrannt. Die heilige Therese war eine Spanierin aus adeliger Familie, geboren 1515 und gestorben 1582. Ihre Verehrer gaben ihr die seltsamsten Titel: Arche der Weisheit, himmlische Amazone, Balsamgarten, Orgel und Kabinettssekretär des Heiligen Geistes usw. Schon als Kind wurde sie von der Schwärmerei ergriffen und wollte nach Afrika gehen, um dort den Märtyrertod zu finden. Endlich, als sie siebzehn Jahre alt war, hielten es die Eltern nicht mehr aus und brachten sie in das Karmeliterkloster zu Avila. Sie hatte nun bald Erscheinungen aller Art, und als ihr gar einst eine Hostie aus der Hand des Bischofs von selbst in den Mund flog, da war die Heilige fertig. Sie ward endlich Äbtissin eines eigenen Klosters zu Pastrana, und nun konnte sie ihrer Heiligkeit freien Lauf lassen. Jesus war von ihrer Heiligkeit so entzückt, daß er ihr einst die Hand reichte und sie zu seiner Braut weihte, indem er sagte: "Von nun an bin ich ganz dein und du ganz mein." Einst erschien ihr ein Seraph, der sie mit einem "glühenden Pfeil" einigemal tupfte; aber der Schmerz war so süß, daß sie wünschte, ewig so getupft zu werden. Die Spanier feiern noch heute dies Fest der Bepfeilung am 27. August. Die Nonnen der heiligen Therese mußten barfuß gehen und S. 74
sich die strengste Zucht gefallen lassen. Der blindeste Gehorsam war ihnen Gesetz, und die geringste Abweichung davon wurde furchtbar bestraft. Eine Nonne, die über schlechtes Brot eine verdrießliche Miene machte, wurde nackend an die Eselskrippe gebunden und mußte hier zehn Tage lang Hafer und Heu fressen! Solche barbarische Strenge hatte denn auch zur Folge, daß jeder ihrer Befehle auf das pünktlichste befolgt wurde. Eine Nonne fragte sie einst, wer heute die Abendmette singen solle. Die Heilige war verdrießlich und antwortete "Die Katze." Die Nonne nahm also die Katze, ging damit an den Altar und zwickte sie in den Schwanz, so daß das arme Tier in den erbärmlichsten Liedern das Christentum anklagte. Selbstquälerei war in diesem Kloster an der Tagesordnung. Theresens Nonnen verbrauchten eine Unmasse von Ruten. Sie schliefen auf Dornen oder im Schnee, tranken aus Spucknäpfen, nahmen tote Mäuse und anderes ekelhaftes Zeug in den Mund, tranken Blut, tauchten ihr Brot in faule Eier und durchstachen sich die Zunge mit Nadeln, wenn sie das Schweigen gebrochen hatten. Eine höchst merkwürdige Antipathie hatte die heilige Therese gegen behoste Männer, und hätte sie die Macht gehabt, so hätte sie allen die Hosen abgezogen. Soweit sie Gewalt hatte, tat sie es auch. Die unter ihr stehenden Karmelitermönche mußten die Hosen ablegen und dafür ein kleines Schürzchen von brauner Wolle tragen. Sie hielt indessen nur Männerhosen für unchristlich, denn ihre Nonnen mußten Hosen tragen; ob sie es selbst tat, darüber haben uns die gelehrten Karmelitermönche keine Nachricht hinterlassen. St. Therese war auch Schriftstellerin und schrieb Bücher, die manchem armen Mädchen den Kopf verrückten. Nach ihrem Tode erschien sie einer vertrauten Nonne und gestand ihr, daß sie mehr aus Inbrunst der Liebe als an der Heftigkeit der Krankheit gestorben sei. Von der Liebe scheint diese heilige Hosenfeindin überhaupt mehr verstanden zu haben, als man einer Abtissin sonst zutraut, denn irgendwo schreibt sie: "Der Teufel ist ein Unglücklicher, der nichts liebt, und die Hölle ein Ort, wo man auch nicht liebt"; ein Gedanke, der eines Dichters würdig ist. Ungefähr um dieselbe Zeit wie Therese lebte die Italienerin Katharina von Cardone. Sie war aus Liebe verrückt, wohnte in einer Höhle und trug ein Kleid von Ginster, mit Dornen und Eisendraht durchflochten. Sie fraß Gras wie ein Tier, ohne S. 75
sich der Hände zu bedienen, und einmal fastete sie gar vierzig Tage lang. So lebte sie drei Jahre. Die heilige Katharina von Genua war in Liebe, zu Jesu natürlich, dermaßen entbrannt, daß sie darüber toll wurde. Sie glühte wie ein Ofen, und oft wälzte sie sich an der Erde und schrie: "O Liebe! Liebe, ich halte es nicht mehr aus!" Die heilige Passidea, eine Zisterziensernonne aus Siena, quälte sich, noch ehe sie ins Kloster ging, ärger als die Väter der Wüste. Sie geißelte sich mit Dornen und wusch dann die Wunden mit Essig, Salz und Pfeffer; sie schlief auf Kirschkernen und Erbsen, trug ein Panzerhemd von sechzig Pfund Schwere und stieg in gefrierende Teiche, um sich mit einfrieren zu lassen. Ja, sie trieb den Unsinn so weit, daß sie sich mit dein Kopf nach unten lange Zeit in den rauchenden Schornstein hängte! Als sie Nonne war, erschien ihr einst Jesus und drückte ihr seine fünf Wundenmale ein. Zwei Nonnen sahen durch das Schlüsselloch, wie Jesus sie drückte und verschwand und wie die Wunden bluteten! Die heilige Klara war aus Assisi und schwärmte mit dem heiligen Franz. Sie lief zu ihm und bat, daß er sie zur Nonne machen und Söhne und Töchter mit ihr zeugen möchte - natürlich geistlicherweise. Ihre Schwester Agnes wurde bald darauf von derselben Schwärmerei ergriffen, und die armen Eltern waren ganz unglücklich. Die Verwandten wollten die beiden Närrinnen mit Gewalt aus dem Kloster holen, aber da wurde - so erzählt die Legende - Agnes plötzlich so schwer, daß zwölf Männer sie nicht von der Stelle bringen konnten, und der Oheim, der sein Schwert gezogen hatte, blieb stehen, als höre er Hüons Zauberhorn. Die heilige Klara lebte sehr streng. Als Hemd trug sie eine Schweinshaut oder auch eine Gewebe aus Roßhaaren, und aus Demut küßte sie der schmutzigsten Viehmagd die Füße, welche sie dann erst wusch, als wären sie durch ihren Kuß verunreinigt worden. Als sie starb, fanden sie in ihrem Herzen im kleinen alle Passionsinstrumente, wie in einem Hechtskopf, und in ihrer Blase drei geheimnisvolle Steinchen, sämtlich von gleichem Gewicht, aber wovon eines so schwer als alle drei, zwei nicht schwerer als eins und das kleinste davon so schwer als alle drei waren! - St. Klara war die Mutter der weiblichen Franziskaner, und ihr verdanken wohl 900 Klarissenklöster ihr Entstehen. Die heilige Katharina von Siena war auch mit Jesus verlobt S. 76
worden, der ihr einen kostbaren Diamantring an den Finge steckte, welchen aber niemand sah als sie allein. Sie pflegte die ekelhaftesten Kranken, wofür sie mit dem rosinfarbenen Blute aus seiner Seitenwunde getränkt wurde. Seitdem nahm sie von Aschermittwoch bis Himmelfahrt weiter keine Nahrung, sondern lebte bloß vom Abendmahl. Jesus drückte ihr auch seine fünf Wunden ein, was der Orden pour le mérite Religionsklasse der Heiligen zu sein scheint. Über diese Auszeichnung kamen die Dominikaner mit den Franziskanern in einen Streit, der vierzig Jahre dauerte und welchen Papst Urban VIII. dahin entschied, daß Katharinas Wundenmale nicht geblutet hätten wie die des heiligen Franz. Auch wurde den Malern befohlen, die Heilige nur mit fünf Strahlen vorzustellen. Die heilige Agnes ließ der Stadtrichter, weil sie seinen Sohn nicht heiraten wollte, nackt in ein Bordell bringen; aber plötzlich bekam sie so lange Haare, daß sie sich darin einwickeln konnte wie in einen Mantel, und das ganze liederliche Haus verwandelte sie in ein Bethaus. Die heilige Paula, die einst ein unheiliger Jüngling notzüchtigen wollte, erhielt auf ihr Gebet einen garstigen langen Bart, vor dem sich der Liebhaber entsetzte und floh. Die heilige Brigitte befreite einst ein neapolitanisches Mädchen von einem in Gestalt eines Jünglings auf ihr liegenden Teufel. Wir wollen die Reihe der Heiligen schließen mit der heiligen Rosa von Lima, einer Dominikanerin, die auf knotigem Holz und Glasscherben schlief und als Nachttrunk einen Schoppen Galle trank. Jesus war von ihrer Heiligkeit so entzückt, daß er an einem Palmsonntag als Steinmetzgeselle zu ihr kam und sich mit ihr verlobte, indem er sprach. "Rosa, Schatz meines Lebens, du sollst meine Braut sein." Maria war mit dabei und gratulierte ihr, indem sie sagte-. "Siehe, was für eine große Ehre dir mein Sohn antut." Las die Heilige, so erschien Jesus auf dem Blatte und lächelte sie an; nähte sie, so setzte er sich auf ihr Nähkissen und scherzte mit ihr. Besuchte Jesus eine andere Nonne - denn er hatte gar zu viele Bräute -, so war Rosa vor Eifersucht außer sich, bis er wiederkam. Ihre heilige Schwiegermutter, die Jungfrau Maria, diente ihr einundzwanzig Jahre lang als Kammerjungfer, und wenn die Frühmette kam, rief sie: "Stehe auf, liebe Tochter, es ist Zeit." Das Kloster wimmelte von Flöhen, aber keiner von die- S. 77
sen freigeisterischen Springern hatte die Dreistigkeit, die Braut Jesu zu stechen. - So steht es in der päpstlichen Bulle, welche die Heiligsprechung enthält! Außer den in diesem Kapitel genannten Heiligen und noch vielen hundert anderen, die ich nicht nannte, beten die römischen Katholiken noch zu einigen, die niemals lebten und die einer lächerlichen Fabel ihren Ursprung verdanken, wie St. Christophorus, St. Georgius, St. Maritius und 6 600 Gesellen, die sieben Schläfer, Ursula mit ihren 11000 Jungfrauen und St. Guinefort, der ein vierbeiniger Hund war! Jeder gute Katholik, der das Vergnügen haben will, nach seinem Tode unter die Heiligen versetzt zu werden, konnte dies unter Gregor XVI. (+ 1846) noch haben - von seinen Nachfolgern weiß ich es nicht -, der den Toten für 100 000 Gulden kanonisierte. Wunder fanden sich, da eben niemand ohne Wunder Heiliger werden kann. Die Christen der ersten Jahrhunderte wußten von Heiligen nichts. Sie verehrten allerdings die Märtyrer oder Blutzeugen, welche ihres Glaubens wegen hingerichtet wurden, sie erwähnten dieselben in ihren Versammlungen und stellten sie der Gemeinde als Muster hin; und das war sehr natürlich und durchaus zu billigen. Erst als Konstantin zum Christentum übertrat und viele der heidnischen Gebräuche in die christliche Kirche übergingen, kam auch der Heiligendienst in Aufnahme. Die Heiden waren gewohnt, ihren Heroen zu opfern; die christlichen Priester trugen diesen Gebrauch auf ihre Glaubensheroen über. Solange jeder Mensch Gott gleich nahe zu stehen glaubte, mußte der Heiligendienst als Unsinn betrachtet werden; als jedoch die Pfaffen sich als Mäkler zwischen Gott und den übrigen Menschen hinstellten, war der Schritt zu dem unsinnigen Glauben nicht weit, daß die Heiligen im Himmel gleichsam wie Minister und Kammerherren den Hofstaat Gottes bildeten und daß, wer bei Sr. himmlischen Majestät etwas durchsetzen wollte, nur diese durch Gebete und Opfer zu bestechen brauchte! Ärger konnten die Pfaffen die christliche Religion nicht verhöhnen als durch diesen Heiligendienst, der dadurch noch unwürdiger wird, als es schon seiner inneren Natur nach der Fall ist, daß viele dieser Heiligen, wie uns die Geschichte lehrt, die verworfensten, lasterhaftesten Menschen, ja geradezu Schufte waren. Selbst die besten waren nicht ganz richtig im Kopf und S. 78
entweder Schwärmer oder Wahnsinnige. Es gibt noch heute eine Menge solcher Heiliger unter Protestanten und Katholiken, nur daß man sie nicht mehr anbetet, sondern in Narrenhäuser sperrt. Carl Julius Weber, einer unserer geistreichsten Schriftsteller, charakterisierte diese Heiligen derb, aber richtig. Er sagt: "Bei weiblichen Mystikern sitzt der Jammer gewöhnlich auf dem Fleckchen, das man nicht gerne nennt, und bei den männlichen hat den Fleck Hudribas getroffen. - So wie ein Wind in Darm gepreßt |
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"Geld ist Macht." Das erkennt niemand besser als die römische Kirche, die nach beiden und durch das eine zum anderen strebt. Als die einträglichsten Betrügereien derselben erwiesen sich der Handel mit Reliquien und mit "Ablaß", ein Handel, welcher Jahrhunderte durch mit großem Erfolge betrieben wurde und der noch heutzutage keineswegs aufgehört hat. Um ihn aufrechtzuerhalten, wurde der krasseste Aberglaube geflissentlich auf die gewissenloseste Weise in die Herzen des Volkes gepflanzt und auf die unverschämteste Weise ausgebeutet. Eine Geschichte des Handels zu schreiben, den die römische Kirche trieb und noch treibt, würde eine Riesenarbeit sein, welche die Grenzen, die ich mir notwendig setzen muß, weit überschreiten würde; ich kann nur eine flüchtige Skizze desselben geben, die indessen vollkommen hinreichend sein wird, um den ungeheuren Umfang des Betruges und die Frechheit desselben erkennen zu lassen. Auf menschliche Schwächen und Neigungen verstehen sich die Pfaffen vortrefflich, und dieser Kenntnis verdanken sie ihren Reichtum und ihre Macht. Ihnen konnte es nicht entgehen, daß alle Menschen mehr und weniger Reliquiennarren sind, und sie machten diese Narrheit zu einer Goldgrube, die noch heute nicht erschöpft ist. Ich bin überzeugt, daß jeder Mensch irgendeine Reliquie wert hält, sei es die Locke einer Geliebten, eine gestickte Brieftasche oder eine trockene Blume oder ein Band, woran sich angenehme Lind liebe Erinnerungen knüpfen. Ebenso kann man sich eines gewissen Interesses nicht erwehren, wenn man Gegenstände sieht, welche von bedeutenden historischen Personen einst gebraucht wurden. S. 80
Sowohl die Griechen als die alten Römer hatten ihre wert gehaltenen Reliquien, und einige davon waren fast römisch-katholisch, wie zum Beispiel das Ei der Leda! Das Palladion war ja auch eine Reliquie, und noch dazu eine wundertätige, wie auch der vom Himmel gefallene heilige Schild und viele andere. Die Inder führten um einen übermenschlich großen Zahn von Buddha blutige Kriege, und die Mohammedaner bewahren Fahne, Waffen, Kleider, den Bart und zwei Zähne ihres Propheten, und so finden wir Reliquien bei jedem Kultus und bei jedem Volke. Wir entdecken in der Geschichte der christlichen Kirche keine Spur von Reliquienkultus, ehe Konstantin Christ wurde. Von diesem wird erzählt, daß er während der Schlacht an der milvischen Brücke am Himmel ein glänzendes Kreuz sah mit der griechischen Überschrift, welche in deutscher Übersetzung "In diesem siege" heißt. Er ließ nun eine Kreuzfahne machen, der seine meistens christlichen Soldaten mit Enthusiasmus folgten. Seitdem wurde das Kreuz Mode, und bald fand die Mutter des Kaisers, Helena, das wahre Kreuz auf, an welchem Jesus vor länger als dreihundert Jahren gekreuzigt worden war, wie auch das Grab, in welchem sein Körper bis zur Auferstehung gelegen hatte. Die gleichzeitigen Schriftsteller melden zwar von dieser Entdeckung nichts; sogar der Fabelhans Eusebius, welcher die Reise der Kaiserin Helena nach Palästina beschreibt, sagt kein Wort von diesem merkwürdigen Funde; aber die Geschichte ist einmal als wahr angenommen, und die römische Kirche feiert ein eigenes "Kreuzerfindungsfest". Erfunden ist es in der Tat. Der Segen, den Helena entdeckte, war aber zu groß; sie fand nicht allein das Kreuz Christi, sondern auch das der beiden "Schädier". Die Inschrift, die Pilatus zur Verhöhnung der Juden hatte anheften lassen, fand sich nicht mit vor; wie sollte man nun das heilige Kreuz von den beiden anderen unterscheiden? Pfaffen sind aber erfinderisch, und so war man denn auch nicht um eine Auskunft verlegen. Man legte einen Kranken auf eins der Kreuze, und er wurde weit kränker. Man vermutete daher, daß dies wohl das Kreuz des gottlosen Schächers sein müsse, der Jesus verspottete, und legte den Kranken auf ein anderes. Ihm ward um vieles besser, und endlich, als er von diesem Kreuze des frommen Schächers auf das dritte gelegt wurde, stand er sogleich frisch und gesund auf. Das Kreuz Jesu war gefunden! S. 81
Man fand nun auch bald die Gräber der Apostel, und ihre Körper sind, glaub' ich, sämtlich vorhanden. Wußte man nicht, wo sie gestorben oder begraben waren, so hatte man göttliche Offenbarungen. Auf diese Weise gelangte man zu den Überresten von allen möglichen Märtyrern und Heiligen, die natürlich sämtlich Wunder taten. Solcher Offenbarungen wurden, wie sich von selbst versteht, nur Mönche und Geistliche gewürdigt; aber recht frommen Leuten gelang es mit Hilfe der letzteren auch, mit den Heiligen in direkten Verkehr zu treten. Eine fromme Frau zu St. Maurin hatte Johannes den Täufer zu ihrem Lieblingsheiligen ausersehen. Drei Jahre lang bat sie täglich den Heiligen nur um irgendwelches Teilchen von seinem Leibe, den er ja doch nicht mehr brauchte, sei es auch, was es sei; - der hartherzige Johannes wollte sich nicht erbarmen! Nun wurde die Frau trotzig und schwur, nichts mehr zu essen, bis der Heilige ihre Bitte erhört habe. Sieben Tage hatte sie schon gehungert, da endlich! fand sich auf dem Altar - ein Daumen des Täufers. Drei Bischöfe legten mit großer Andacht diese kostbare Reliquie in Leinwand, und drei Blutstropfen fielen aus dem Daumen heraus, so daß doch für jeden der drei Bischöfe auch noch etwas abfiel. Wie unendlich schwer ist es uns geworden, die Überreste Schillers und Webers aufzufinden! und beide starben doch als geachtete und hochverehrte Männer, in ruhiger Zeit und in Staaten, wo jeder Neugeborene und jeder Gestorbene in ein besonders darüber geführtes Register eingetragen wird; um so mehr ist es zu bewundern, daß man in jener Zeit noch nach Jahrhunderten nicht allein die Gebeine, sondern auch die Kleidungsstücke von Heiligen vorfand, die als Verbrecher hingerichtet und deren Leichen irgendwo eingescharrt wurden. Ja, was noch wunderbarer ist, man fand von manchem Heiligen so viele Körperteile, daß man daraus, wenn man sie zusammensetzte, sechs und mehr vollständige Skelette hätte machen können! Der heilige Dionisius existiert zum Beispiel in zwei vollständigen Exemplaren zu St. Denis und zu St. Emmeran, und außerdem werden noch in Prag und in Bamberg Köpfe von ihm gezeigt und in München eine Hand. Der Heilige hat also zwei vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe! Die Christen der ersten Jahrhunderte wußten nichts von einer Anbetung der Jungfrau Maria oder der Heiligen, sondern verspotteten vielmehr die Heiden wegen ihrer vielen Untergötter, die gleichsam Jupiters Hofstaat bildeten, und wegen S. 82
der göttlichen Verehrung der Kaiser, mit der es übrigens gar nicht so arg war. Man gab ihnen den Beinamen "der Göttliche", setzte ihre Namen in den Kalender und errichtete ihnen Bildsäulen. Mit Ludwig XIV. und anderen Fürsten haben Christen weit ärgeren Götzendienst getrieben. Die ersten Heiligen waren meistens unbekannte Menschen, und wunderbar ist es, daß man auf die Anbetung der Maria erst weit später verfiel, denn eine Jungfrau, die Gott sich unter den Millionen Mädchen der Erde vorzugsweise zum "Gefäß der Gnade" ersah, war doch auf jeden Fall mehr der Anbetung würdig als ein hirnverbrannter, schmieriger Einsiedler, der ein Sitzbad in einem Ameisenhaufen nimmt. Noch im vierten Jahrhundert dachte man nicht daran, die Jungfrau Maria göttlich zu verehren, ja, man war auf dem besten Wege, sie zu verketzern. Man sagte ihr Dinge nach, welche die Christen der damaligen Zeit sehr gottlos fanden. Der berühmte Kirchenvater Tertullian warf ihr vor, daß sie an Jesum nicht geglaubt habe! Origenes und Basilius beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, daß der Engel ihr die Empfängnis Jesu früher verkündet, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung leicht aus Scham ihrem Leben hätte ein Ende machen können. Die Verehrung der Maria beginnt erst im fünften Jahrhundert, und bald hatte sie nicht allein alle Heiligen, sondern selbst Gott und Jesus überflügelt. "Wer Maria nicht verehrt, dem wird keine Vergebung", sagten die Priester. Die Liebe verfällt schon auf wunderbare Beinamen, und mein Täubchen, mein Mäuschen, mein Hämmelchen, mein Puttchen usw. usw. sagt noch heute gar mancher Jüngling zu seiner Geliebten, aber die der Jungfrau Maria beigelegten zärtlichen Namen sind oft so seltsam und komisch, daß es nicht zu begreifen ist, wie Katholiken die marianische Litanei ohne Lachen herplappern können. Sie wird unter anderen genannt: du geistliches Gefäß, ehrwürdiges Gefäß, fürtreffliches Gefäß der Andacht, geistliche Rose, Turm Davids, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Arche des Bundes, Thron Salomons, brennender Dornbusch, Honigfladen Simsons, Tempel der Dreieinigkeit, geweihte Erde, Seehafen, Sonnenuhr, Himmelsfenster usw. Der Name "Mutter Gottes", der jetzt ganz gewöhnlich ge- S. 83
worden ist, erregte im fünften Jahrhundert großes Ärgernis; der fromme Kirchenvater Nestorius fand ihn lächerlich und unschicklich und den "Mutter Christi" vernünftiger. Die Kirchenversammlung von Ephesus entschied aber für Mutter Gottes. Natürlich war es, daß man nun auch auf die Verehrung der "Großmutter Gottes" verfiel; aber Papst Clemens XI. gebot Halt, und ohne ihn würden die Katholiken vielleicht heute zu allen Onkeln und Tanten Gottes beten. Jesus ist Gottes Sohn nach der Lehre der christlichen Kirche, und doch ist er wieder Mensch; aber er ist eins mit Gott dem Vater und Gott dem Heiligen Geist. Über diese Menschenwerdung Gottes und über das Wesen der Dreifaltigkeit ist mancher schon einfältig geworden. Die Menschwerdung Gottes erklärt der heilige Bernhard ebenso einfach als elegant, indem er sagt: "Aus Gott und Mensch wurde eine Heilsalbe für alle; diese beiden Spezies wurden im Leibe der Jungfrau Maria wie in einer Reibschale gemischt, und der Heilige Geist war die Mörserkeule." Minder geistreich, wenn auch ebenso einfach, ist jenes Franziskaners Erklärung der Dreieinigkeit, die er vergleicht mit Hosen, die zwar drei Öffnungen hätten, aber doch nur ein Stück wären. Maria wurde Veranlassung zu unendlich vielen Zänkereien zwischen den Gelehrten und Pfaffen. Besonders heftig war der Streit über "die befleckte oder unbefleckte Empfängnis der Jungfrau"; das heißt nicht darüber, ob Maria Jesus ohne Verlust ihrer physischen Jungfrauschaft empfangen habe - denn darüber war man ziemlich einig -, sondern ob sie selbst von ihrer Mutter auch "ohne Erbsünde" empfangen sei oder nicht. Die Dominikaner sagten mit, die Franziskaner ohne Erbsünde und stritten jahrhundertelang darüber mit Waffen aller Art. Noch im Jahre 1740 machten gelehrte Männer diese Dummheit zum Gegenstand ihrer ernsthaften Untersuchung, und der Papst Pius VII. hat sie zu einem Dogma der Kirche erhoben! Die heilige Jungfrau ist sehr empfindlich in dieser Hinsicht und rächte sich an denjenigen, welche an ihrer unnatürlichen Entstehung zweifelten. Ein Fall solcher Rache wird von den Franziskanern mit Triumph erzählt. Ein Dominikaner predigte mit größter Heftigkeit gegen die unbefleckte Empfängnis und forderte gleichsam die "Himmelskönigin" heraus, ein Zeichen zu geben, wenn es nicht wahr sein, was er geredet. Kaum hatte S. 84
er diese Lästerung ausgesprochen, als der Boden der Kanzel brach und der dicke Pater bis zur Mitte des Leibes hindurchfiel. Der Oberkörper mit der Kutte blieb oben, so daß die hosenlose Vorder- und Hinterfront der unteren Etage des geistlichen alten Hauses der Betrachtung und dem Gelächter seiner Gemeinde preisgegeben war. Die Art und Weise, wie Maria Jesus empfangen habe, war auch ein Gegenstand großen Kopfzerbrechens. Einige meinten, es sei durch das Ohr geschehen, andere meinten, durch die Seite. Dann zankte man sich auch sehr darüber, ob Maria noch nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben sei. St. Ambrosius verteidigte diese Meinung sehr hartnäckig und bringt für dieselbe höchst wunderbare Dinge vor. Er sagt unter anderem: "Da er (nämlich Jesus) gesagt hat: ich mache alles neu, so ist er auch von einer Jungfrau auf unbefleckte Weise geboren worden, damit man ihn desto mehr für den ansehe, der da ist Gott mit uns. Sie sagen: als Jungfrau hat sie empfangen, aber nicht als Jungfrau geboren. Ist das eine möglich, so ist auch das andere möglich. Denn die Empfängnis geht ja vorher, und die Geburt folgt nach. Man sollte doch den Worten Jesu, man sollte doch den Worten des Engels glauben, daß bei Gott kein Ding unmöglich sei (Luk. 1,37). Man sollte dem apostolischen Symbolum glauben. Sagt ja der Prophet, eine Jungfrau werde nicht nur empfangen, sondern auch gebären (Jes. 7,14). Jene Pforte des Heiligtums, welche verschlossen bleibt, durch welche niemand gehen wird, als allein der Gott Israels (Ezech. 44, 1.2.), was ist sie anders als Maria, durch welche der Erlöser in diese Welt eingegangen ist? Sind doch so viele Wunder gegen die Gesetze der Natur geschehen, was ist's denn Wunder, wenn eine Jungfrau wider den Lauf der Natur einen Menschen geboren hat?" usw. Maria wurde von allen Kirchenlehrern, welche die Unterdrückung des Geschlechtstriebes predigten, als das höchste unerreichbare Muster des jungfräulichen Lebens aufgestellt und bald von den Mädchen und Weibern weit mehr als Gott verehrt. Dieser Götzendienst war natürlich denen, welche die Lehre Jesu rein bewahren wollen, ein Greuel, und - daher die Opposition gegen Maria. Helvidius schrieb (383) zur Verteidigung des Christentums ein Buch, in welchem er beiläufig behauptete, daß Maria nach Jesu Geburt noch mit Joseph einige Kinder hatte, wobei er sich sowohl auf Matth. 1, 25 berief, wo es heißt: "Joseph S. 85
wohnte der Maria nicht bei, bis sie ihren ersten Sohn geboren" wie auch auf andere Bibelstellen, wo oftmals von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede ist. Der heilige Hieronimus geriet außer sich über diese Frechheit. Er schrieb gegen Helvidius und ruft den Heiligen Geist an, "daß er das Quartier des heiligen Leibes, in dem er zehn Monate gewohnt habe, gegen allen Argwohn eines Beischlafes schützen", und Gott Vater, "daß er die Jungfräulichkeit der Mutter seines Sohnes kundtun möge". Ähnliche Lehren wie Helvidius trug ein römischer Mönch, Jovinian, vor, und nun entspann sich um die Jungfrauschaft der Maria ein heftiger Kampf, der damit endete, daß Jovinian und seine Anhänger aus der Gemeinschaft der christlichen Kirche ausgeschlossen und seine Lehren als Ketzerei verdammt wurden! Es ist nicht möglich, ernsthaft zu bleiben, wenn man liest, über welche seltsamen Dummheiten die Geistlichen schrieben und disputierten! Pater Suarez handelt sehr gelehrt die Frage ab, "ob Maria mit oder ohne Nachgeburt geboren habe", und erzählt, daß Fromme verschiedene Speisen in Form der Nachgeburt genossen hätten! - Übrigens ist er ein Antinachgeburtianer, da der Prophet Ezechiel prophezeit habe: "Diese Tür wird verschlossen sein und nicht aufgemacht werden." Man glaube indessen nicht, daß dieser ekelhafte Unsinn der größte ist, über welchen Pfaffen stritten, und verhöhne nicht die jüdischen Rabbiner, welche ernstlich untersuchten, ob Adam schon mit Stahl und Stein Feuer geschlagen habe? Ob das Ei, welches eine Henne am Festtag gelegt habe, gegessen werden dürfe? Ich kann eine ganze Galerie solcher christlichen Streitfragen anführen, die den erwähnten an Abgeschmacktheit durchaus nichts nachgeben, die mit der größten Erbitterung abgehandelt wurden und wobei es gar häufig zu Schlägereien und selbst Blutvergießen kam. Die Pfaffen stritten darüber: ob Adam einen Nabel gehabt habe? Zu welcher Klasse von Schwalben die gehörte, welche Tobias ins Auge machte? Ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, als er Jesum das Urteil sprach? Ob ein Kind bei widernatürlicher Lage auf den Hintern getauft werden dürfte? Was das für ein Baum gewesen, auf den der kleine Zachäus stieg, als er Jesus sehen wollte? Mit welcher Salbe Maria Magdalena den Herrn gesalbt? Ob der ungenähte Rock, über den die Kriegsknechte das Los warfen, Jesu ganze Garderobe S. 86
gewesen sei? Wieviel Wein auf der Hochzeit zu Kana getrunken worden sei? Was wohl Jesus geschrieben, als er mit dem Finger in den Sand schrieb? Wie Jesus das Erlösungswerk habe vollbringen können, wenn er als Kürbis zur Welt gekommen wäre? Ob Gott wie ein Hund bellen könne? Ob nicht schon ein einziger Blutstropfen hingereicht habe für die Sünde der Welt? Ob Gott der Vater sitze oder stehe? Ob er einen Berg ohne Tal, ein Kind ohne Vater hervorbringen und eine Entjungferte wieder zur Jungfrau machen könne? Ob die Engel Menuett oder Walzer tanzten? Ob sie lauter Diskant- oder auch Baßstimmen hätten? Was man wohl in der Hölle treibe, und zu welchem Thermometergrad die Hitze dort wohl steige? Eine Menge Fragen muß ich ihrer Unflätigkeit wegen weglassen und will nur zwei als Probe in lateinischer Sprache ausführen: An Christus cum genetalibus in coelum ascenderit, et S. Virgo semen emiserit in commercio cum Spiritu sancto? Die Lehren vom Abendmahl und von der Taufe boten gleichfalls Gelegenheit genug zu Streitigkeiten. Man zankte sich darüber, ob der Teufel rechtmäßig taufen könne? Ob man im Notfall auch mit Wein, Bier, Sand usw. taufen könne? Oder ob auch bloßes Anspucken genüge? Ob eine Maus, die vom Taufwasser gesoffen, für getauft zu halten sei? Was zu tun, wenn ein Kind das Taufwasser verunreinige? Das tat der nachherige Kaiser Wenzel, und deshalb wurde ihm auch alles mögliche Unheil prophezeit. Doch die Untersuchung der Jungfernschaft der Mutter Gottes hat mich auf Abwege geführt; kehren wir wieder zu ihr zurück. Albertus Magnus (Albrecht von Lauingen), Bischof von Regensburg, der 1280 zu Köln starb, hat sich sehr gründlich mit der Jungfrau Maria beschäftigt und untersucht, ob sie blond oder brünett, ob sie schwarzäugig oder blauäugig, ob sie schlank oder dick, groß oder klein gewesen sei. Was er eigentlich herausuntersucht hat, finde ich nirgends und habe keine Lust, die einundzwanzig Foliobände deshalb durchzulesen, die uns von seinen 800 Büchern erhalten worden sind. Nach den Überresten von ihrem Haar zu urteilen, ist es scheckig gewesen, denn man zeigt braune, blonde, schwarze und rote. Diejenigen Haare, mit welchen sie an einem Marientage höchst eigenhändig das Hemd des Erzbischofs St. Thomas flickte, waren übrigens maliziös blond. Schön war Maria indes auf jeden Fall, denn wenn sich auch kein authentisches Porträt von ihr vorgefunden hat, so stimmen S. 87
doch alle heiligen Kirchenväter darin überein, und als Heilige erschien ihnen natürlich die "Himmelskönigin" häufig. St. Damiani, der 1059 starb, erzählt, "daß Gott selbst durch die Schönheit der heiligen Jungfrau in heftiger Liebe zu ihr entbrannt sei. In einem hierauf berufenen himmlischen Konvent habe er den verwunderten Engeln von der Erlösung des Menschengeschlechtes und der Erneuerung aller Dinge erzählt und ihnen von Maria Kunde gegeben. Der Engel Gabriel erhielt sogleich einen Brief, in dem ein Gruß an die Jungfrau, die Fleischwerdung des Erlösers, die Art der Erlösung, die Fülle der Gnade, die Größe der Herrlichkeit und die Größe der Freuden enthalten waren. Gabriel kam zu Maria, und sobald er mit ihr gesprochen hatte, fühlte sie den in ihre Eingeweide hineingefallenen Gott und dessen in der Enge des jungfräulichen Bauches eingeschlossene Majestät." Im Koran ist erzählt, daß Maria an einem Palmenbaum stand, als der Engel zu ihr trat und sagte: "Ich will dir einen reinen Knaben schenken." Die Zahl der Wunder, welche der heiligen Jungfrau zugeschrieben werden, ist sehr groß, und es fällt mir schwer, eine Auswahl zu treffen. Später findet sich vielleicht eine Gelegenheit, das eine oder andere zu erzählen. Die Legende erzählt, daß Engel das ganze Haus der Maria aus Bethlehem nach Italien getragen hätten. Anfangs ließen sie es bei Tersatto in der Nähe von Fiume stehen; aber im Jahre 1294 trugen sie es nach Loretto. Als das heilige Haus vorbeigetragen wurde, bogen sich die Balken - damals noch in ihrer Jugend als Bäume - vor demselben! Höchst merkwürdig ist es aber, daß zwei Jahrhunderte lang kein Schriftsteller von diesem höchst wunderbaren Transport erzählt! Die Inschrift des heiligen Hauses heißt: "Der Gottesgebärerin Haus, worin das Wort Fleisch geworden." Über dem unscheinbaren Haus, welches neueren Forschungen zufolge sich in Baumaterial und Form von den andern Bauernhütten - um Loretto - gar nicht unterscheiden soll, erhebt sich eine prachtvolle Kirche, und Tausende von Wallfahrern strömten hierher, um ihre Rosenkränze in dem Breinäpfchen Jesu umzurühren und, was für die Kirche die Hauptsache war, ein mehr oder minder beträchtliches Sümmchen zu opfern. So wurde denn durch einen jedem vernünftigen Menschen offenbaren Betrug ein unermeßlicher Schatz zusammengestohlen! Doch die guten Katholiken waren von ihren Pfaffen so gut S. 88
gezogen, daß sie lieber ihren eigenen Augen als einem Pater mißtrauten. Der Mönch Eiselin zog 1500 zu Aldingen in Württemberg umher mit einer Schwungfeder aus dem Flügel des Engels Gabriel. Wer diese küßte, sagte er, dem sollte die Pest nichts anhaben. Ein solcher Kuß wurde natürlich nicht umsonst gestattet. Die kostbare Feder wurde dem Pfaffen gestohlen! Eiselin war indessen gar nicht verlegen. Im Beisein der Wirtin füllte er sein leeres Kästchen mit Heu, welches wahrscheinlich auf ihrer eigenen Wiese gewachsen war, und gab es aus für Heu aus der Krippe, in welcher Jesus in Bethlehem gelegen hatte; wer es küßt, sollte pestfrei sein. Alles drängte sich zum Kuß herzu, und selbst die Wirtin küßte, so daß Eiselin erstaunt flüsterte: "Und auch du, Schatz?" Die frommen Herrn Geistlichen und Mönche trieben mit den Reliquien den abscheulichsten Betrug. Jeder christliche Altar mußte seine Reliquie haben, und je heiliger diese war, desto größer war der Nutzen, den sie davon zogen; denn die Reliquien waren weder umsonst zu sehen, noch wurden sie verschenkt. Der Reliquienhandel wurde bald sehr einträglich. Natürlich, alte Knochen, Lumpen und dergleichen fand man überall, man brauchte kein Anlagekapital, und der Preis, den man sich bezahlen ließ, war hoch! Als die Bischöfe von Rom Päpste wurden, da steuerten sie etwas diesen Handel, aber nur, um selbst davon größeren Vorteil zu ziehen. Die Reliquien mußten in Rom geprüft werden und wurden nur für echt befunden - wenn die Besitzer die echt römischen, klingenden Beweise beizubringen wußten. Eine gute Reliquie war ein wahrer Schatz für ein Kloster, und nicht alle Abtissinnen gingen damit so leichtsinnig um, wie die Nonnen zu Macon. Das dortige Kloster besaß die Haut des heiligen Dorotheus, der geschunden wurde; Simon, der Gerber, hatte das heilige Fell gegerbt, und diese kostbare Reliquie war durch mancherlei Hände endlich in den Besitz der Nonnen zu Macon gekommen. Die stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten den Heiligen her, als ob er lebe. Sie gerieten aber aus übergroßer Verehrung auf ganz kuriose Spielereien und Abwege, so daß es die Abtissin für ratsam hielt, die Reliquie, deren Wert sie nicht kannte, den Jesuiten zu schenken. Diese entdeckten bald die Kostbarkeit und stifteten eine Brüderschaft zum heiligen Leder, wodurch sie sehr viel Geld verdienten. Nun ging den Nonnen plötzlich ein Licht auf! Sie S. 89
klagten beim Papst, reklamierten von den Jesuiten ihr Heiligtum, und es wurde ihnen auch zugesprochen. Der Jubel der Nonnen war groß, aber, o Schreck! die maliziösen Jesuiten hatten den frommen Jungfrauen die ganze Freude verdorben, indem sie den lieben Heiligen verstümmelt hatten, und zwar auf unverantwortliche Weise! Er sah nun aus wie der heilige Bernhard, als er seinen Mönchen verklärt erschien. - Die indignierten Jungfrauen wandten sich abermals an den Papst mit der Bitte, daß er den Jesuiten befehlen möge, ihnen das Fehlende herauszugeben. Der Papst hielt jedoch diesen Mangel, besonders für ein Nonnenkloster, nicht für erheblich und sandte den Bittenden als Ersatz - zwei geweihte Muskatnüsse! - Man denke sich die Beschämung und den Zorn der guten Nönnchen! Zur Zeit der Kreuzzüge wurde Europa erst recht mit Reliquien überschwemmt. Man brachte aus dem Heiligen Lande Heiligtümer aller Art mit. Eroberte man eine Stadt, so suchte man vor allen Dingen erst nach Reliquien, denn sie waren weit kostbarer als Gold und Edelsteine. Ludwig der Heilige, König von Frankreich, machte zwei unglückliche Kreuzzüge; aber er tröstete sich über sein Unglück, denn es war ihm gelungen, einige Splitter vom Kreuz, einige Nägel, den Schwamm, den Purpurrock Jesu und die Dornenkrone - um eine ungeheure Summe zu erkaufen. Als diese Heiligtümer ankamen, ging er mit seinem ganzen Hofe denselben barfuß bis Vincennes entgegen! Heinrich der Löwe brachte eine große Menge Reliquien mit nach Braunschweig. Die Krone derselben aber war ein Daumen des heiligen Markus, für welchen die Venezianer vergebens 100 000 Dukaten boten. Der Glaube an diese Reliquien war ebenso unerhört wie der Preis, der dafür bezahlt wurde. Die Pfaffen hätten Engel sein müssen, wenn sie die Dummheit der Menschen nicht benutzt hätten. Die ganze Garderobe Jesu, der Jungfrau Maria, des heiligen Joseph und vieler anderer Heiligen kam zum Vorschein. Man fand die heilige Lanze, mit welcher der römische Ritter Longinus Jesus in die Seite stach; das Schweißtuch, mit welchem die heilige Veronika Jesus den Schweiß abtrocknete, als er nach Golgatha ging, und in welches er zum Andenken sein Gesicht abdrückte! Von diesem Tuch gab es so viele Stücke, das sie zusammen wohl fünfzig Ellen lang sein mochten. S. 90
Man fand auch die Schüssel von Smaragd, welche Salomon der Königin von Saba schenkte und aus der Jesus sein Osterlamm verspeiste. Die Weinkrüge von der Hochzeit von Kana entdeckte man auch, und in ihnen war noch Wein enthalten, der nie abnahm. Ursprünglich waren es nur sechs, aber sie vermehrten sich, und man zeigte sie zu Köln und zu Magdeburg. - Splitter vom Kreuz gab es so viel, daß man aus dem dazu verwendeten Holz hätte ein Kriegsschiff bauen können, und Nägel vom Kreuz viele Zentner. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich (an jeder Hecke); einige bluteten an jedem Karfreitag. Der Kelch, aus welchem Jesu trank, als er das Abendmahl einsetzte, fand sich auch vor, nebst Brot, welches von dieser Mahlzeit übriggeblieben war. Ferner die Würfel, mit welchen die Soldaten um Jesu Rock spielten. Solcher ungenähter Röcke zeigte man eine ganze Menge, unter anderm zu Trier, Argenteuil, St. Jago, Rom und Friaul usw. Die größte Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstücks in Trier im Jahre 1845, welche die ganze gebildete Welt empörte, veranlaßte eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke, und es erschienen mehrere darauf bezügliche Broschüren, die noch im Buchhandel zu haben und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Röcke haben eine wohlbezahlte päpstliche Bulle für sich, in denen ihre Echtheit bezeugt ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Bestätigung der Echtheit mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug. Man fand Hemden der Maria, die so groß sind, daß sie einem dicken Mann als Paletot dienen können; einen sehr kostbaren Trauring der Maria, der zu Perusa gezeigt wurde; sehr niedliche Pantöffelchen und ein Paar ungeheuer großer roter, welche sie trug, als sie der heiligen Elisabeth ihren Besuch machte. Ja, man fand Haare der Heiligen Jungfrau von allen möglichen Farben nebst ihren Kämmen. Eine Zahnbürste ist aber nicht entdeckt worden. Dagegen fand sich so viel Milch von ihr vor, als schwerlich zwanzig Altenburger Ammen in einem ganzen Jahre produzieren könnten. Blut Jesu fand sich bald tropfenweise, bald auf Flaschen gezogen. Etwas davon, so erzählt die Legende, hatte Nikodemus, als er Jesus vom Kreuze nahm, gesammelt und damit viele Wunder verrichtet. S. 91
Aber die Juden verfolgten ihn, und er sah sich genötigt, das heilige Blut in einen Vogelschnabel (!) zu verbergen und nebst schriftlicher Nachricht ins Meer zu werfen. An der Küste der Normandie, man kann denken nach welchen Irrfahrten, schwamm dieser Schnabel ans Land. Eine in der Nähe jagende Gesellschaft vermißte plötzlich Hunde und Hirsch. Man forschte nach und fand sie - sämtlich kniend vor dem wundervollen Schnabel. Der Herzog von der Normandie ließ sogleich auf der Stelle ein Kloster bauen, welches Bec (Schnabel) genannt wurde und welchem das heilige Blut Millionen eintrug. Windeln Jesu fanden sich in großer Menge; auch die jammervoll kleinen Höschen des heiligen Joseph entdeckte man nebst seinem Zimmermanns-Handwerkszeug. Einer der dreißig Silberlinge fand sich vor nebst dem ungeheuer dicken, zwölf Schuh langen Strick, an welchem sich der Verräter Judas erhängte; sein sehr kleiner, leerer Geldbeutel tauchte ebenfalls auf nebst der Laterne, mit welcher er leuchtete, als er Jesus verriet. Sogar die Stange kam zum Vorschein, auf welcher der Hahn saß, als er Petri Gewissen wachkrähte, nebst einigen Federn dieses Vogels; ferner der Stein, mit welchem der Teufel Jesu in der Wüste versuchte; das Waschbecken, in welchem sich Pilatus die Hände wusch; die Knochen des Esels, der Jesus am Palmsonntag getragen, wie auch einige der an diesem Tage gebrauchten Palmzweige. Ferner fand man die Steine, mit denen St. Stephanus gesteinigt wurde - herrliche Achatel -; die fabelhaft große Gurgel des fabelhaften St. Georg; eine Unmasse von Knochen der zu Bethlehem umgebrachten Kinder; die Ketten des Petrus und auch einen eingetrockneten Arm des heiligen Antonius, der sich aber als - die Brunstrute eines Hirsches auswies! Sogar aus dem Alten Testament fanden sich Reliquien vor! Manche hatten demnach wohlerhalten jahrtausende auf die fromme Entdeckung gewartet. Man fand den Stab, mit welchem Moses das Rote Meer zerteilte, Manna aus der Wüste, Noahs Bart, die eherne Schlange, ein Stückchcn von dem Felsen, aus welchem Moses Wasser schlug, mit vier erbsengroßen Löchern; Dornen von dem feurigen Busch, den Schemel, von dem Eli herunterfiel und den Hals brach; das Schermesser, mit dem Delila den Simson schor; den Stimmhammer Davids, der zu Erfurt gezeigt wurde, usw. S. 92
Eine Reliquie von großem Rufe war das Gewand des heiligen Martin (capa oder capella), welches in den Feldzügen als Fahne vorgetragen wurde. Die Geistlichen, welche dieses Heiligtum trugen, hießen Capellani und die Kirche, in welcher es verwahrt wurde, Capella. Dieser Name erhielt bald eine weitere Ausdehnung, und daher die Kapellen und die Kapellane. Der Glaube des Volkes an diese Reliquien war so stark, daß die Pfaffen es wagen konnten, Dinge als solche zu zeigen, die unsinnig und unmöglich waren, und wenn ich einige derselben anführe, so werden die Leser glauben, ich scherze! Allein dies ist nicht der Fall; man zeigte sie einst wirklich und zeigt sie in echt katholischen Ländern wohl heute noch. Da sah man eine Feder aus dem Flügel des Engels Gabriel, den Dolch und den Schild des Erzengels Michael, deren er sich bediente, als er mit dem Teufel kämpfte; etwas von Christi Hauch in einer Schachtel; eine Flasche voll ägyptischer Finsternis, etwas von dem Schall der Glocken, die geläutet wurden, als Christus in Jerusalem einzog; einen Strahl von dem Sterne, welcher den Weisen aus dem Morgenlande leuchtete; etwas von dem Fleisch gewordenen Wort; einige Seufzer, die Joseph ausstieß, wenn er knotiges Holz zu hobeln hatte; den Pfahl im Fleische, der dem heiligen Paulus so viel zu schaffen machte, und noch unendlich viel andern Unsinn. Die Unverschämtheit der Pfaffen kannte keine Grenzen, denn die Dummheit der Menschen war unbegrenzt. Oben habe ich ein Pröbchen sowohl von der Unverschämtheit als von der Dummheit in der Geschichte mit dem Mönch Eiselin gegeben; hier mag noch eine Probe folgen, welche Poggio Braciolini erzählt, der beinahe vierzig Jahre lang päpstlicher Geheimschreiber war und 1459 als Kanzler der Republik Florenz starb. Ein Mönch hatte sich in eine hübsche Frau verliebt und versuchte es auf alle Weise, sie zu verführen. Es gelang ihm auch. Sie stellte sich sehr krank und verlangte nun den Mönch als Beichtvater. Dieser kam, blieb mit ihr der Sitte gemäß allein, um ihr die Beichte abzunehmen, und wurde erhört. Am andern Tag kam er wieder und legte, um es sich bequemer zu machen, seine Hosen auf das Bett der Frau. Dem Manne schien die Beichte etwas lange zu dauern; er wurde neugierig und trat unvermutet in das Zimmer. Der Mönch absolvierte so schnell als möglich und floh, aber - vergaß, seine Hosen mitzunehmen. Diese fielen nun dem racheschnaubenden Ehemann in die S. 93
Hände. Er stürzte damit auf die Gasse und zeigte diese Verräter seinen Nachbarn, entflammte sie zur Wut und brach mit ihnen ins Kloster ein. Der Mönch sollte sterben! Ein alter besonnener Pater versuchte es vergebens, den Hitzkopf zu beruhigen, der übrigens jetzt die Sache gern vertuscht hätte, wenn es angegangen wäre. Das merkte der alte Pater und sagte ihm: er brauche wegen dieser Hosen nichts Übles zu denken, denn dieses wären die Beinkleider des heiligen Franziskus, welche Krankheiten wie die, woran seine Frau litte, gründlich heilten. Zu seiner Beruhigung wolle er die Hosen feierlich abholen. Alsbald zogen Mönche mit Kreuz und Fahne nach dem Hause des ehrlichen Dummkopfes, legten die heilige Reliquie auf ein seidenes Kissen, stellten sie zur Verehrung aus und reichten die heiligen Hosen des liederlichen Mönchs den Gläubigen Zum Kusse herum. Dann trug man sie in feierlichem Bittgang nach dem Kloster zurück und legte sie hier zu den übrigen heiligen Reliquien1). In dieses Kapitel von den Reliquien gehören auch die wundertätigen Heiligenbilder und ihre Verehrung. Die Pfaffen hatten mit den heiligen Knochen und Lumpen noch nicht genug. Bald fanden sich Bilder von Jesus und der Jungfrau Maria, welche der Evangelist Lukas gemalt haben sollte. Sie zeugten weder von der Kunst des Malers noch von der Schönheit der Personen, welche sie vorstellen sollten, denn sie waren ganz schauderhaft! Andere, nicht bessere Bilder fielen vom Himmel, und endlich ließ man sie ganz ungescheut von Malern malen. Diese Bilder verehrte man wie Reliquien, und die Verehrung ging bald in förmliche Anbetung über. Über den Bilderdienst entstanden die blutigsten Kämpfe, und endlich wurde er der Grund zur Trennung der Kirche in die griechische und lateinische. Dieser Bilderstreit dauerte zwei Jahrhunderte lang. Kaiser Konstantin V., welcher 741 starb, erklärte alle Bilder für Götzenbilder und fegte das ganze Land von Bildern und Reliquien rein. Er verwandelte die Klöster zu Konstantinopel in Kasernen, und Mönche und Nonnen machte er lächerlich, 1) Es ist dies keine erfundene Anekdote oder ein Scherz des genannten Autors. Die Erzählung findet sich in einem ganz ernsten Werke, in welchem Poggio mit großer Entrüstung von der Verderbtheit der Geistlichen redet. Überhaupt verschmähe ich es durchaus, auf Kosten der historischen Wahrheit zu scherzen, und alle in diesem Werk gemachten Angaben kann ich historisch nachweisen, so seltsam sie auch manchmal klingen mögen. S. 94
indem er sie zum Beispiel paarweise einen Umzug im Zirkus halten ließ. Im Westen fand dieser Bilder- und Reliquiendienst anfangs auch viele Widersacher. Der Bischof Claudius von Turin meinte: "Wenn man das Kreuz anbetet, an dem Jesus gestorben, so muß man auch den Esel anbeten, auf dem er geritten ist", was denn auch in der Folge wirklich geschah! Andere aber hielten diesen Bilderdienst für sehr wichtig. Ein Mönch hatte, um den Unzuchtsteufel zu besänftigen, diesem das Gelübde getan, das tägliche Gebet vor den Bildern in seiner Zelle zu unterlassen. Im Zweifel darüber, ob er eine Sünde damit begangen, beichtete er dies dem Abt, und dieser sagte zu ihm. "Ehe du das Gebet vor den heiligen Bildern unterlässest, gehe lieber in jedes Bordell der Stadt." - So behielten wir denn in Europa die Bilderanbetung, und die griechische Kirche erhielt sie gar bald auch wieder. - Sobald das Heilige Grab aufgefunden war, strömten die frommen Christen dorthin; die Wallfahrten nach dem Heiligen Lande kamen auf und nach allen Stellen desselben, welche durch die Bibel eine besondere Bedeutung erlangt hatten. Man wallfahrtete sogar zu dem Misthaufen, auf welchem Hiob gesessen! Den Pfaffen gefiel es indessen nicht im allergeringsten, daß das schöne Geld so weit hinweggetragen wurde, und ihre Heiligenbilder und Reliquien taten Wunder über Wunder, um die frommen Scharen anzulocken. Schrecklich waren die Erzählungen von den Strafen, welche die Ungläubigen und Spötter getroffen. Die Heiligen wußten ihre Ehre zu schützen, wie zum Beispiel der heilige Gangulf. Dieser wurde von einem Priester, dem Liebhaber seiner Frau, totgeschlagen und fing plötzlich an, im Grabe Wunder zu tun. Das liederliche Weib, welches am besten wußte, daß ihr Alter durchaus kein Wunder tun konnte, lachte, als sie es hörte, und rief. "Der tut ebensowenig Wunder, als mein Hintern singt" und - o Graus! - dieser fing an zu singen! Die Wallfahrten kamen aber erst recht in Gang, als damit der Ablaß verbunden wurde. Der übergroße Mißbrauch dieses Mißbrauches wurde die Veranlassung zur Reformation, und wir müssen denselben etwas genauer betrachten. Der Ablaß ist ein Kind des Fegefeuers und der Ohrenbeichte. In der ersten Zeit der christlichen Kirche mußten diejenigen, welche wegen grober Vergehungen aus der Gemeinde aus- S. 95
gestoßen waren, wenn sie in dieselbe wieder aufgenommen sein wollten, alle ihre Sünden und Verbrechen öffentlich vor der Gemeinde bekennen; diese Buße nannte man die Beichte. Als die Pfaffen mächtig wurden, verwandelten sie dieses öffentliche Bekenntnis gar bald in ein geheimes, um ihre Macht zu erhöhen. Papst Innozenz III. ordnete aber (1215) an, daß ein jeder jährlich wenigstens einmal einem Priester seine Sünden insgeheim bekennen und die ihm auferlegte Buße tragen solle. Wer die Beichte unterließ, wurde von der Kirche ausgeschlossen und erhielt kein christliches Begräbnis. Jeder begreift, welche ungeheure Gewalt die Priester durch diese Einrichtungen erlangten, denn abgesehen davon, daß sie von den Gläubigen die geheimsten Dinge erfuhren, die sie zu ihren Zwecken benutzen konnten, lag es auch ganz in ihrer Hand, den Beichtenden freizusprechen oder nicht, und sie wußten diese Gewalt trefflich zu benutzen, indem sie ihn freisprachen - absolvierten -, je nachdem der Sünder zahlte. Das Fegefeuer war eine Erfindung des römischen Bischofs Gregor des Großen (590-604). Fegefeuer hieß der Ort, wo seiner Erklärung nach die menschlichen Seelen geläutert wurden, damit sie rein in den Himmel kamen; also eine Art himmlischer Seelenwaschanstalt. Wer so halb zwischen Himmel und Hölle balancierte, der konnte darauf rechnen, daß er gehörig lange im Fegefeuer - denn Feuer war das Reinigungsmittel - schwitzen mußte, wenn nicht die Pfaffen, die sich mit den Waschteufeln auf du und du standen, ihn für Geld durch gute Worte früher in den Himmel spedierten. Das Reglement im Fegefeuer war nur den Pfaffen bekannt, und daher konnten sie allein beurteilen, wie viele Messen dazu gehörten, um die Seele aus dem Fegefeuer loszubeten; - aber diese Messen wurden keinesweg umsonst gelesen. Friedrich der Große kam einst in ein Kloster im Klevischen, welches von den alten Herzögen gestiftet war, damit darin Messen zu ihrer Befreiung aus dem Fegefeuer gelesen werden könnten. "Nun, wann werden denn endlich meine Herren Vettern aus dem Fegefeuer losgebetet sein?" fragte er ziemlich ernsthaft den Pater Guardian. Dieser machte eine tiefe Verbeugung und antwortete: "daß man dies so eigentlich nicht wissen könne, er es aber Sr. Majestät sogleich melden lassen wolle, sobald er die Nachricht aus dem Himmel bekäme". Die Kreuzzüge waren anfangs eigentlich weiter nichts als bewaffnete Wallfahrten. Die Päpste begünstigten sie sehr, da S. 96
sie hofften, dadurch auch ihre Macht auf Asien ausdehnen zu können, wo sie durch den Mohammedanismus verlorengegangen war. Sie wandten daher alle nur möglichen Mittel an, die Leute zu bewegen, "das Kreuz zu nehmen"; das hauptsächlichste und wirksamste war der Ablaß. Der Papst ließ nämlich predigen, daß alle Sünden, die ein Mensch begangen, sie möchten auch noch so groß sein, vergeben wären, sobald derselbe sich das Kreuz auf seinen Rock geheftet habe. Diese Erfindung des Ablasses wurde nun von den Pfaffen auf alle Arten benutzt, und sie wurde für sie eine Goldgrube, unerschöpflich wie die Dummheit der Menschen. Manche wollten nicht recht an die Macht des Papstes, die Sünden zu vergeben, glauben; aber Clemens VI. gab über sein Recht dazu und über das Wesen des Ablasses durch seine Bulle von 1342 die nötige und genügendste Erklärung. "Das ganze Menschengeschlecht", sagt er in der Bulle, "hätte eigentlich schon durch einen einzigen Blutstropfen Jesu erlöst werden können; er habe aber so viel vergossen, daß dieses Blut, welches doch gewiß nicht umsonst vergossen sei, einen unermeßlichen Kirchenschatz ausmache, vermehrt durch die gleichfalls nicht überflüssigen Verdienste der Märtyrer und Heiligen. Der Papst habe nun zu diesem Schatz den Schlüssel und könne zur Entsündigung der Menschen ablassen, soviel er wolle, ohne Furcht, solchen jemals zu erschöpfen." Ich werde später auf diese Ablaßtheorie zurückkommen und zeigen, wie herrlich sich dieselbe entwickelte, jetzt aber zu den Wallfahrten zurückkehren. Als, wie gesagt, der Ablaß mit ihnen verbunden wurde, kamen sie erst recht in Aufnahme. Wer zu diesem oder jenem Gnadenorte wallfahrte und - notabene - das bestimmte Geld auf dem Altar opferte, der erhielt Ablaß nicht allein für schon begangene Sünden, sondern sogar für einige Jahre im voraus! In Deutschland gab es wohl hundert Marienbilder, zu denen gewallfahrtet wurde, und in anderen Ländern noch mehr. Ein einziger Schriftsteller zählt 1200 wundertätige Marienbilder auf! Das berühmteste ist aber wohl das zu Loretto, in dem Hause der Maria, welches von St. Lukas aus Zedernholz abscheulich geschnitzt worden sein soll. Der Dampf der Millionen Wachskerzen hat das Bild allmählich schwarz geräuchert wie eine Kohle, aber das tut seiner Wunderkraft keinen Abbruch, die hauptsächlich darin besteht, den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken. Der Marmor rings um das Häuschen S. 97
ist von Wallfahrern so verrutscht, daß sich darin eine förmliche Rinne gebildet hat. Sonst kamen jährlich gegen 200000 fromme Christen nach Loretto, allein in neuerer Zeit ist diese Zahl auf weniger als ihr Zehntel zusammengeschrumpft. Als die Franzosen nach Loretto kamen, eigneten sie sich von dem Schatze an, was die Pfaffen nicht beiseite gebracht hatten. Ob ihnen die Heilige Jungfrau den Schatz schenkte, das weiß ich nicht, aber unmöglich ist so etwas nicht, wie folgende Geschichte beweist. Als Friedrich der Große in Schlesien war, verschwanden von einem Muttergottesbild nach und nach allerlei Kostbarkeiten, und die Pfaffen entdeckten endlich den Dieb in einem Soldaten, der deshalb beim König verklagt wurde. Der Soldat entschuldigte sich und behauptete, er sei kein Dieb, denn die Mutter Gottes habe ihm alle die Sachen geschenkt, die man vermißte. Friedrich der Große fragte nun die geistlichen Herren, ob so etwas wohl möglich sei? - "Allerdings, möglich ist es", erwiderten die verwirrten Pfaffen, "aber durchaus nicht wahrscheinlich." Der Dieb kam ohne Strafe davon, aber nun verbot Friedrich seinen Soldaten bei Todesstrafe, dergleichen Geschenke von der Heiligen Jungfrau anzunehmen. Nach Loretto war wohl St. Jago de Compostella der berühmteste Gnadenort, und an hohen Festtagen sah man hier noch in neuerer Zeit mehr als 30 000 Wallfahrer. In der Schweiz ist Einsiedeln sehr berühmt. Das dortige Gnadenbild ist ein ebenso elendes hölzernes Machwerk wie das zu Loretto, aber ebenso wie dieses ist es geschmückt mit den kostbarsten Juwelen. In Deutschland gibt es unendlich viele Gnadenorte, aber ich will nur einige nennen. Waldtbüren im badischen Main- und Tauberkreis ist berühmt wegen des wundertätigen Korporals. Es ist dies aber kein altösterreichischer Korporal mit seinem Wundertäter an der Seite, den man im Österreichischen als Haßling weniger verehrte als fürchtete; auch kein preußischer Korporal aus dem Wuppertal, sondern ein Tuch, welches zum Daraufstellen des Kelches und Hostientellers dient und Korporale genannt wird. Im Jahre 1330 vergoß ein Priester etwas von dem Wein auf dieses Korporale. Der Wein verwandelte sich sogleich in Blut, und die einzelnen Tropfen auf dem Tudie in so viele mit Dornen gekrönte Christusköpfe. Dieses Korporale tut nach der Erzählung der Geistlichen entsetzlich viel Wunder, und vor und nach dem Fronleichnamfest wallfahrten S. 98
die Scharen der Gläubigen nach Waldthüren, um sich hier am Korporale gestrichene rote Seidenfäden zu holen, welche die Pest, vorzüglich aber den Rotlauf, heilen - wenn man nämlich ein reines Gewissen und vor allen Dingen den rechten Glauben hat. Die Zahl der Wallfahrer belief sich jährlich auf ca. 40 000. Ahnliche Wallfahrtsorte wie Waldthüren gibt es in allen katholischen Distrikten Deutschlands, und ich will mich nicht bei ihnen aufhalten. Noch einträglicher für die Geistlichen sind diejenigen Wallfahrten, welche zu solchen sehr heiligen Reliquien stattfinden, die nur alle sieben Jahre ausgestellt werden. Diese ökonomische Einrichtung hat nicht etwa ihren Grund darin, daß sich die Reliquien von dem Wundertum in der Ausstellungszeit erholen müssen, sondern einzig und allein in der Schlauheit der Pfaffen. Wären die "Heiligtümer" beständig zu sehen, so würde das Interesse an ihnen gar bald erkalten. Durch die Seltenheit ihrer Erscheinung locken sie an und den Leuten das Geld aus der Tasche - das einzige Wunder, welches überhaupt irgendeine Reliquie jemals vollbracht hat. Der allerkostbarste Schatz dieser Art wird zu Aachen aufbewahrt. Die höchsten Kleinodien desselben sind der riesenmäßige Rock der Maria, die Windeln Jesu von braungelbem Filz und das Tuch, auf welchem das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers gelegen hat. Im Jahre 1496 strömten 142 000 Andächtige nach Aachen, um die heiligen Lumpen zu sehen, und die Ernte war vortrefflich. 1818, als die Reliquien nach langer Pause wieder einmal vierzehn Tage lang gezeigt wurden, fanden sich nur 40 000 Wallfahrer ein. Die Reformation, die Revolution und die verdammte Aufklärung hatten ein großes Loch in den Glauben gerissen! Seitdem ist aber viel an diesem Loch geflickt worden, und dieser geflickte Glaube zeigte sich fast stärker als selbst im dunkelsten Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maßregel, die Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen erlebten wir es, daß noch im Jahre 1844 eine Million Wallfahrer nach Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu küssen, der für den Leibrock Jesu ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuze würfelten. Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier großes Ärgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr S. 99
gelehrte und verständige Männer gaben sich die eigentlich überflüssige Mühe, nachzuweisen, daß dieser "heilige Rock" nichts vor den noch existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafür brachten die Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es nicht für nötig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren. Daß die Päpste die christlichen Schafe schoren, weiß jedermann, aber nicht so bekannt möchte es sein, daß der Heilige Vater - ganz ohne Allegorie - sich mit der Schafzucht beschäftigt und einen Preis für die gewonnene Wolle erlangt, wie er keinem veredelten Schafsjunker auf der Wollmesse jemals bezahlt wurde. - Der Papst unterhält nämlich eine kleine Anzahl Lämmer, die er über den Gräbern der Apostel geweiht hat und aus deren Wolle die Pallien gewebt werden. Das Pallium ist ursprünglich ein römischer Mantel. Die Kaiser schenkten ein solches Kleidungsstück, welches von Purpur und köstlich mit Gold bestickt war, den Patriarchen und ausgezeichneten Bischöfen, um ihnen ihre Zufriedenheit und Gnade zu bezeugen, wie heutzutage die Geistlichen in manchen Staaten Orden erhalten, wenn sie in den Geist der Regierungen einzugehen verstehen. Papst Gregor I. erlaubte sich zuerst, ohne Anfrage beim Kaiser ein solches Pallium den Bischöfen zuzusenden, bald als Zeichen der Zufriedenheit, bald als Zeichen der Bestätigung. In dem Usurpieren von Rechten sind die Päpste groß, ja, ihre ganze Macht ist darauf gegründet, und so kam es bald dahin, daß sie sich nicht nur ausschließlich das Recht anmaßten, dergleichen Pallien zu erteilen, sondern gingen bald so weit, einen jeden Erzbischof wie auch einige größere Bischöfe zu zwingen, sich das Pallium von Rom zu holen - denn die Gnadensache hatte sich in eine Abgabe verwandelt. Ein solches Pallium kostete 30 000 Gulden, und diese Einnahme behagte den Päpsten so wohl, daß jeder Erzbischof als abgesetzt zu betrachten sei, der sein Pallium nicht innerhalb drei Monaten von Rom habe. Die Päpste waren so geizig und so gewohnt, aus nichts Geld zu machen, daß ihnen trotz des hohen Preises der Mantel zu kostbar war. Dieser schrumpfte gar bald zu einer Art von Hosenträger zusammen, zu vier Finger breiten, wollenen, mit rotem Kreuz versehenen Bändern, die über Rücken und Brust herabhängen. Diese Bänder sind aus der geweihten Wolle von S. 100
Nonnenhänden gearbeitet und mögen vielleicht sechs Lot wiegen. Die Päpste verkauften demnach den Stein ihrer Wolle für nicht weniger als vierthalb Millionen Gulden! Diese Palliengelder brachten den Päpsten ungeheure Summen, denn die Erzbischöfe sind meistens alte Herren und lösen einander schnell ab, und jeder neue Erzbischof muß ein neues Pallium kaufen; er muß dies sogar tun, wenn er versetzt wurde. Wie einige Geheimräte die Exzellenz haben, so hatten auch einige deutsche Bischöfe, wie die von Würzburg, Bamber und Passau, das kostbare Pallienrecht. Salzburg zahlte innerhalb neun Jahren 97 000 Skudi (etwa 5 Mark) Palliengelder. Der Erzbischof Markulf von Mainz mußte das linke Bein eines goldenen Jesus verkaufen, um sein Pallium zu bezahlen. Er bekam also wahrscheinlich mehr für dieses Bein als der Verräter Judas für den ganzen Jesus! - Der Erzbischof Arnold von Trier geriet in nicht geringe Verlegenheit, als ihm von zwei Gegenpäpsten zwei Pallien zugeschickt wurden, natürlich mit doppelter Rechnung. Wie er sich aus der Verlegenheit zog, weiß ich nicht, vielleicht durch den heiligen Rock. Sein Nachfolger, Bischof Arnoldi, der 1844 diesen alten Kittel ausstellte, wäre sicherlich nicht um lumpige 60 000 Gulden in Verlegenheit gewesen. Eine Million Wallfahrer, jeder taxiert zu fünf Silberlingen, macht 166 0666 Taler preußisch Kurant oder 300 000 Gulden. Da nun die Erzbischöfe vom Papste so gebrandschatzt wurden, ist es ganz natürlich, daß sie wieder ihre Untertanen oder Angehörigen ihres Sprengels brandschatzten, denn das Volk ist ja das Schaf mit dem Goldenen Vlies, dem ein Stück nach dem andern von seinem Fell abgeschunden wird, um die Bedürfnisse der großen Herren zu befriedigen, heißen sie nun Erzbischöfe oder Fürsten. Die Päpste hatten Geld wie Heu, aber die meisten von ihnen verstanden es auch lustig durchzubringen. Sixtus Vl. (1471 bis 1484) verschwendete schon als Kardinal in zwei Jahren 200 000 Dukaten (zu fast 10 Mark), was nach dem jetzigen Goldwert weit über das Doppelte mehr ist. Eine seiner Mahlzeiten kostete manchmal 20 000 Florenen; aber was tat das, er verspeiste ja nur die Sünden der Christenheit, und dann verstand er es auch, sich Extraeinnahmen zu schaffen. So erlaubte er zum Beispiel einigen Kardinälen für eine bedeutende Abgabe während der Monate Juni, Juli und August - Sodomiterei! Auch legte er in Rom öffentliche Bordelle an, welche S. 101
ihm jährlich an sogenanntem Milchzins 40 000 Dukaten einbrachten. - Nun, wir werden später noch heiligere Päpste kennenlernen. Eine wahrhaft goldene Idee hatte Papst Bonifaz VIII.; er erfand das Jubeljahr! Die Römer feierten den Anfang eines neuen Jahrhunderts durch große Festlichkeiten und auch die Juden ihr Jubel- oder Versöhnungsjahr. Dies brachte den genannten Papst höchstwahrscheinlich auf den Gedanken, solche Jubeljahre in der Christenheit einzuführen. Wer in dem Jubeljahr nach Rom wallfahrte und hier sein Scherflein auf dem Altar niederlegte, der erhielt vollkommenen Ablaß für alle Sünden, die er in seinem Leben begangen hatte, und war wieder unschuldig wie ein neugeborenes Kind oder noch unschuldiger, denn in diesem steckt doch nach der Kirchenlehre noch der Teufel, welcher erst durch die Taufe ausgetrieben wird. - Wer wäre nicht gern seiner Sünden ledig. Ein ganz kurzer Mord kann einem ehrlichen Menschen das ganze lange Leben verbittern! Wer erhielte nicht gern die Versicherung, daß dieser fatalen Kleinigkeit am Tage des Gerichts nicht weiter gedacht werden soll? Kurz, von allen Seiten strömten die Sünder nach Rom. Im Jahre 1300 brachten 200 000 Fremde das Jahr in dieser Stadt zu, und der Gewinn, den sowohl die Einwohner derselben als auch der Schatz des Papstes davon hatten, war unermeßlich. Was von den reichen Leuten an Gold und Silber geopfert wurde, hat die päpstliche Schatzkammer nicht für gut befunden, laut werden zu lassen; allein nur an Kupfergeld kamen in diesem goldenen Jahre 50 000 Goldgulden ein. Nach einer ungefähren Schätzung belief sich der ganze Ertrag des Jubeljahres auf 15 Millionen. Für die damalige Zeit war das eine ganz außerordentliche, unerhörte Summe. Die ganz unerwartet reiche Ernte machte den Päpsten natürlich Lust zu einer baldigen Wiederholung. Hundert Jahre sind gar zu lang, und Papst Clemens VI. hatte die beispiellose Güte zu bestimmen, daß das Jubeljahr alle 50 Jahre gefeiert werden solle, denn ihm war ein ehrwürdiger Greis mit zwei Schlüsseln - also wahrscheinlich St. Peter - erschienen, der ihm mit drohender Gebärde zugerufen hatte: "Öffne die Pforte!" Da mußte er natürlich gehorchen. Urban Vl. verkürzte diese Zeit noch bis auf 33 Jahre, zum Andenken an die Lebensjahre Jesu! An einem anständigen Vorwande hat es den Päpsten nie gefehlt. Sixtus IV. war S. 102
"wegen der Kürze des Menschenlebens" noch gnädiger und setzte diese Zeit auf 25 Jahre herab. Das zweite Jubeljahr unter Clemens VI. (1350) fiel noch reichlicher aus als das erste. In der Jubelbulle "befiehlt er den Engeln des Paradieses auch die vom Fegefeuer erlösten Seelen derjenigen, die auf der Reise nach Rom gestorben sind, in die Freuden des Paradieses einzuführen". Solche überschwengliche Gnade war natürlich für die dummgläubige Menge höchst anlockend. Rom wurde so mit Fremden überschwemmt, daß die Gastwirte, die sich doch sonst auf das Geldnehmen vortrefflich verstehen, damit nicht fertig werden konnten. Am Altar St. Pauls lösten sich Tag und Nacht zwei Priester mit Croupiersrechen in der Hand ab, die unaufhörlich das geopferte Geld einstrichen und fast unter der Last ihrer Arbeit erlagen. Das Gedränge in der Kirche war so groß, daß viele der Gläubigen erdrückt wurden. Zehntausend der Wallfahrer erhielten gleich Gelegenheit, die Nützlichkeit des Ablasses zu erproben, denn sie starben an der Pest; aber man merkte ihren Abgang gar nicht, denn ihre Zahl gibt man auf eine Million und einige Hunderttausende an und den Ertrag dieser Jubelernte auf mehr als zweiundzwanzig Millionen! Es ist ordentlich spaßhaft zu sehen, wie nun jeder Papst auf ein neues Mittel sann, die Erfindung seines Vorgängers Bonifazius noch einträglicher zu machen, denn - preti, frati e polli non son mai satolli (Priester, Mönche und Hühner werden nie satt). Bonifazius IX. berechnete, daß viele Christen nicht nach Rom kämen, weil die Reise zuviel kostete und weil sie vielleicht auch wegen ihrer Geschäfte nicht abkommen konnten. Diesen schickte er die Gnade ins Haus, indem er Leute aussandte, welchen er die Macht beilegte, für den dritten Teil der Reisekosten nach Rom vollgültigen Ablaß zu erteilen! - Trotz dieser Erleichterung strömten die Fremden doch noch nach Rom, und in dem Jubeljahr unter Nikolaus V. konnte die Tiberbrücke die Menge der Menschen nicht tragen; sie brach zusammen, und zweihundert verloren dabei das Leben. Papst Alexander VI. machte eine noch nützlichere Erfindung. Von ihm rührt nämlich die sogenannte Goldene Pforte der Peterskirche her. Beim Beginn des Jubeljahres tat der Papst mit goldenem Hammer drei Schläge an diese Tür; dann wurde sie geöffnet und am Ende des Jahres wieder vermauert. Wer S. 103
durch diese Pforte einging, war seiner Sünden ledig; ja, für eine bestimmte Summe konnte man auch im Auftrag eines Entfernten hindurchgehen und diesen von seinen Sünden befreien. Diese Maßregel brachte viel Geld ein. Die Päpste wurden durch diese Erfolge immer geldgieriger gemacht. Sie konnten oft die 25 Jahre nicht abwarten, und bei besonderen Veranlassungen, um die man nie verlegen war, wurde ein Extra-Jubiläum angesetzt, oder Reisende, die in Ablaß "machten", wurden in der Welt umhergeschickt. Sie waren noch zudringlicher als Weinhandlungsreisende, so daß sie von manchen Gemeinden, den Pfarrer an der Spitze, zum Dorfe hinausgeprügelt wurden. Die Reformation machte diesem Jubiläumsschwindel so ziemlich ein Ende, denn mit der Einnahme der späteren Jubeljahre wollte es nicht mehr recht "flecken". Sogar das Jahr 1825 wurde noch zu einem Jubeljahr erhoben; allein es kamen wenig mehr Fremde als gewöhnlich nach Rom, meistens nur italienisches Lumpengesindel, von dem nichts zu holen war. Auch trafen die Fürsten Anstalten, die Wallfahrten nach Rom zu erschweren, da sie das Geld ihrer Untertanen im Lande selbst brauchten. Sogar die damalige österreichische Regierung verbot ihren italienischen Untertanen, ohne in Wien ausgestellte Pässe nach Rom zu wallfahrten. Wer da nicht beizeiten um einen Paß einkam, konnte leicht das Jubeljahr verpassen. Nach einer wahrscheinlich viel zu geringen Berechnung haben die Jubeljahre den Päpsten gegen 150 Millionen eingetragen. Der Ablaßschwindel wurde von Leo X. auf die höchste Spitze getrieben. Die ungeheuren Einnahmen, die aus ganz Europa in den päpstlichen Schatz flossen, genügten diesem üppigen und prachtliebenden Papste noch immer nicht, und doch waren sie fast unermeßlich! Mehrere Goldquellen, welche sich die Päpste zu öffnen verstanden, habe ich bereits genannt; alle anzuführen würde zu weitläufig sein, doch einige will ich noch angeben. Eine nicht unbedeutende Einnahme für die Päpste sind die Annaten. So nennt man nämlich die erste jahreseinnahme eines neuen Bischofs, welche an den Papst gezahlt werden muß. Man kann dieselbe durchschnittlich immer auf 12 000 Taler annehmen, und wenn man gering rechnet, daß wenigstens 2 000 Bischöfe ihre Annaten an den Päpstlichen Stuhl zahlten, so macht dies schon 30 Millionen Taler. S. 104
Die Dispensationsgelder der Priester wegen ermangelnden Alters zu sechs Dukaten; die Dispensation von Fasten und die Erlaubnis Zu Ehen zwischen Blutsverwandten brachten große Summen. Die letzteren mußten natürlich sehr häufig vorkommen, dafür hatten die Päpste gesorgt, indem sie die Ehe zwischen Blutsverwandten bis zum vierzehnten Grade verboten. Es hat sich jemand die Mühe genommen, auszurechnen, wieviel jeder Mensch durchschnittlich solche Blutsverwandte als lebend annehmen kann, und - sechzehntausend gefunden. Werden alle Arten der Verwandtschaft berechnet, so steigt ihre Zahl auf wenigstens 1 048 576. Da konnte es natürlich an Dispensgeldern nicht fehlen. - Außerdem wurde noch für Kreuzzugs- und Türkensteuer und unter unzähligen andern Namen den Gläubigen Geld aus dem Beutel gelockt. Ganz vortrefflich verstand sich auf dieses Wunder Papst Johann XXII. Er ist der Erfinder der schändlichen Liste der für Dispensationen und Absolutionen zu entrichtenden Taxen, von welchen ich später reden werde. Dieser Papst scharrte so viel zusammen, daß er, der arme Schuhflickerssohn, - sechzehn Millionen gemünztes Gold und siebzehn Millionen in Barren hinterließ! Doch, wie gesagt, alle diese reichen Einkünfte reichten nicht hin, die "Bedürfnisse" des Papstes Leo X. zu befriedigen. Seine Kinder, Verwandten, Possenreißer, Komödianten, Musiker wie seine Liebhaberei für die Künste verschlangen unermeßliche Summen, und der üppige Heilige Vater geriet in große Verlegenheit. Um sich derselben zu entziehen, beschloß er, den Ablaß systematisch zur Erpessung von Geld zu benutzen. Eine Beisteuer zur Führung eines Krieges gegen die Türken und zur Fortsetzung des schon von seinem Vorgänger begonnenen Baues der Peterskirche gab den Vorwand. Die sehr verbrauchte Türkensteuer wollte nirgends mehr recht ziehen, und Kardinal Ximenes, der weise spanische Minister, verbot sogar, dafür zu sammeln, "weil er ganz sichere Nachrichten habe, daß jetzt von den Türken durchaus nichts zu befürchten sei". Der Papst erließ also eine Bulle, worin allen, welche durch Geldbeträge den Bau der Peterskirche befördern würden, Ablaß verkündigt würde. Die ganze christliche Erde wurde nun in verschiedene Bezirke eingeteilt und Reisende des großen römischen Handelshauses dorthin geschickt, unter dem Titel päpstlicher Legaten S. 105
oder Kommissarien. Die Ablaßbriefe, welche diese commis voyageurs des Statthalters Gottes verkauften, lauteten wie folgt: "Im Namen unseres allerheiligsten Vaters, des Stellvertreters Jesu Christi, spreche ich dich zuerst von aller Kirchenzensur los, die du verschuldet haben könntest, hiernächst auch von allen Missetaten und Verbrechen, die du bisher begangen, so groß und schwer dieselben auch sein mögen; auch von denen, welche sonst allein der Papst vergeben kann, soweit sich die Schlüssel der heiligen Mutterkirche erstrecken. Ich erlasse dir vollkommen alle Strafen, die du um dieser Sünden willen billig im Fegefeuer erleiden solltest. Ich mache dich wieder der Kirchensakramente und der Gemeinschaft der Gläubigen teilhaftig und setze dich von neuem in den reinen und unschuldigen Zustand zurück, worin du gleich nach der Taufe warst, so daß, wenn du stirbst, die Pforten der Hölle, wodurch man zur Qual und Strafe einzieht, verschlossen sein sollen, damit du geraden Weges in das Paradies gelangen mögest. Solltest du aber jetzt noch nicht sterben, so bleibt dir diese Gnade ungekränkt." In der päpstlichen Kanzleitaxe war der Preis festgesetzt, für welchen die allerscheußlichsten Sünden vergeben wurden. Eltern- und Geschwistermord, Blutschande, Kindermord, Fruchtabtreibung, Ehebruch aller Art, die unnatürlichste Wollust, Meineid - kurz alles, was man nur Sünde oder Verbrechen heißt, fand hier seinen Preis. Ich würde dies empörende Dokument für eine Erfindung der Feinde des Papstes halten, wenn die Echtheit desselben nicht unzweifelhaft bewiesen wäre. Die schamloseste und frechste Nichtswürdigkeit enthält aber der Schluß dieser Taxe; er lautet: "Dergleichen Gnaden können Arme nicht teilhaftig werden, denn sie haben kein Geld, also müssen sie des Trostes entbehren!" Für die Bezahlung von zwölf Dukaten war es sogar den Geistlichen erlaubt, ganz nach Gefallen Hurerei, Ehebruch, Blutschande und Sodomiterei mit Tieren zu treiben! Des Papstes Spekulation glückte; unermeßliche Summen wanderten nach Rom; sie lassen sich gar nicht berechnen. Ein päpstlicher Legat zog allein aus dem kleinen Dänemark mehr als zwei Millionen durch Ablaßverkauf. Leo X. fand es vorteilhaft, den Ablaß in einigen Bezirken an große Unternehmen für bestimmte Summen zu verpachten. Die Generalpächter hatten wieder ihre Unterpächter, damit die Länder ja recht gründlich ausgesogen wurden. S. 106
Einer dieser Generalpächter war der Markgraf Albrecht von Brandenburg, Bischof von Halberstadt, Erzbischof von Magdeburg, und endlich auch Erzbischof von Mainz und Kardinal! Er war dem Papst 30 000 Dukaten Palliengelder schuldig und übernahm den Ablaßkram in einigen Ländern, in der Hoffnung, die Summe dabei zu gewinnen, welche ihm auch gegen Verpfändung des Ablaßerlöses von dem Grafen Fugger in Augsburg vorgeschossen wurde. Der edle Kurfürst, Kardinal und Erzbischof betrieb diese Sache mit großem Eifer und kaufmännischem Geschick, und sehr interessant ist die von ihm den Ablaßkrämern gegebene Instruktion, weshalb ich ihren Inhalt hier mitteilen will. "Zuerst sollen die Ablaßprediger dem Kurfürsten schwören, daß sie ihn nicht betrügen. Dann gibt er ihnen Gewalt, nach aufgerichtetem Kreuz und aufgehängtem Wappen des Papstes, in den Kirchen den Ablaß zu verkündigen und ihn denienigen Personen zu erteilen, welche von ihren ordentlichen Geistlichen in den Kirchenbann getan oder mit sonstigen Kirchenstrafen belegt sind. Dann wird dem Ablaßprediger befohlen, in jeder Ablaßpredigt dem Volk drei bis vier Stücke aus der Ablaßbulle des Papstes nach Möglichkeit zu erklären und anzupreisen, damit die päpstliche Gnade nicht-in Verachtung gerate und die Leute nicht einen Ekel von dem Ablaß bekommen mögen. Ferner will der Kurfürst, daß dem Volke gesagt werden solle, es gelte außer dem seinigen in den nächsten acht Jahren kein anderer Ablaß, den man bereits erhalten habe oder noch erhielte; aber durch diesen erlange nicht nur jeder völlige Vergebung der Sünden, sondern er komme nach dem Tode auch gar nicht in das Fegefeuer. Den Kranken, welche nicht in die Kirche kommen könnten, solle der Ablaß auch zu Hause, aber für eine größere Summe, erteilt werden. Wenn die Prediger die Größe des Ablasses jemandem hinlänglich erklärt haben und es dazu kommt, zu bestimmen, was er wohl zu zahlen habe, so sollen sie ihn fragen, wieviel Geld er wohl für den völligen Ablaß um Vergebung seiner Sünden aufopfern werde? Dies sollen sie vor: ausschicken, um die Leute desto leichter zum Kaufen des Ablasses zu bewegen. Wenn nun auch die Ablaßprediger stets den Nutzen der Peterskirche vor Augen haben und den Beichtenden vorreden müssen, daß eine so hohe Gnade niemals zu teuer bezahlt sei, S. 107
um sie zu einer möglichst hohen Abgabe zu bewegen, so spricht sich dennoch der Kurfürst wie folgt aus: Weil die Beschaffenheit der Menschen zu sehr verschieden und Wir demnach gewisse Taxen zu bestimmen nicht vermögen, so vermeinen Wir doch, daß in der Regel die Taxen also könnten gesetzt werden: Große Fürsten geben 25 rheinische Goldgulden. Äbte, höhere Prälaten, Grafen, Freiherren und ihre Frauen zahlen für jede Person 10 rheinische Goldgulden. Andere Leute, die jährlich 500 Goldgulden einzunehmen haben, zahlen 6 Goldgulden; Frauen und Handwerker einen, noch Geringere einen halben Gulden. Obwohl eine Frau von des Mannes Gütern nichts geben kann, so kann sie doch von ihren Dotal- und Parapharnalgütern, in diesem Falle auch wider des Mannes Willen, beitragen. Wenn arme Weiber und Töchter die Taxen von andern erbetteln können, sollen sie solche ebenfalls in den Ablaßkasten liefern. Wenn jemand für eine Seele im Fegefeuer so viel beiträgt, als er etwa für sich zu bezahlen hätte, so ist nicht nötig, daß er im Herzen bußfertig sei oder mit dem Munde beichte! Denn dieser Ablaß gründet sich auf die Liebe, mit welcher der, so im Fegefeuer sitzt, abgeschieden ist, und auf die Beiträge der Lebendigen. Wer einen Beichtbrief von den Ablaßpredigern kauft, wird teilhaftig aller Almosen, Fasten, Wallfahrten nach dem Heiligen Grabe, Messen, Reinigung und guten Werke, die in der ganzen christlichen Kirche verrichtet werden, ob er gleich weder bußfertig ist noch gebeichtet hat. Daß auf einen gewandten, guten Reisenden sehr viel ankommt, weiß jeder Kaufmann, und der Erzbischof war bemüht, einen solchen zur Verbreitung seiner Ware aufzufinden. Er fand ihn in dem Dominikanermönch Johann Tetzel aus Pirna. In der Jugend hatte sich derselbe etwas mit dem Studieren abgegeben, und sein Religionseifer erwarb ihm die Würde eines Doktors der Theologie. In Innsbruck wurde er einst darüber erwischt, als er - wie die Chronik sagt - seinen geistlichen Samen in fremden Acker streute. Kaiser Maximilian I. hatte Befehl gegeben, die Brunst des verliebten Paters im Wasser zu kühlen, das heißt, ihn in einem Sacke zu ersäufen. Nur auf dringende Fürbitte des Kurfürsten Friedrich kam er mit dem Leben davon. Dieser unverschämte, feiste Schlingel, dessen Porträt in einem S. 108
sehr guten Kupferstiche vor mir liegt, ist das wahre Ideal eines Pfaffen. Der Spitzbube sieht so durchtrieben und humoristisch aus, daß ich beinahe glaube, ich ließe mir selbst von ihm einen Ablaßzettel anschwatzen. Welch ein Glück mußte er nun erst bei den Gläubigen machen! Er führte einen eisernen, mit dem Wappen des Papstes verzierten Kasten mit sich herum und zog von Markt zu Markt, indem er sang: "Sowie das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!" Überall versammelte er eine große Menge um sich, und seine Anpreisungen des Ablasses waren wahrhaftig sehr ergötzlich, wenn auch fromme Christen sie gotteslästerlich nannten. Er rühmte von sich, daß er durch den Ablaß mehr Seelen aus der Hölle errettet habe, als von dem Apostel Petrus durch die Predigt des Evangeliums Heiden bekehrt worden waren. Er könnte nicht allein begangene Sünden vergeben, sondern auch solche, die man erst begehen wolle, und die Kraft seines Ablasses sei so groß, daß es keine Sünde gebe, welche durch denselben nicht gesühnt werden könne; ja, wenn jemand, was doch unmöglich sei, "die Mutter Gottes genotzüchtigt und geschwängert habe" - durch seinen Ablaß könne derselbe von der dadurch verwirkten Strafe befreit werden. Dieser Tetzel trieb die Frechheit so weit, daß der damalige Johann von Meißen vorhersagte, dieser Mönch würde der letzte Ablaßkrämer sein. Man erzählt von ihm eine Menge Stückchen, die Zeugnis ablegen von seiner grenzenlosen Unverschämtheit. In Annaberg, wo damals reiche Silberbergwerke waren, machte er den Leuten weis, daß alle Berge rings umher gediegenes Silber werden würden, wenn sie nur brav zahlten. In dieser Stadt scheint es ihm gefallen zu haben, denn er blieb hier zwei Jahre. - In Freiberg sammelte er binnen zwei Tagen zweitausend Gulden; aber als er wieder dorthin kam, hatte Luther den Leuten den Star gestochen, und die Bergleute waren so wütend, daß Tetzel es für geraten hielt, sich schleunigst davonzumachen. In Zwickau wollte er sich einst bei dem dortigen Küster zu Gaste bitten; allein dieser entschuldigte sich mit seiner Armut. Darauf befahl er diesem, im Kalender nachzusehen, ob auf dem andern Tag der Name eines Heiligen zu finden wäre. Der Küster fand aber nur den heidnischen Namen Juvenal. "Das tut nichts", sagte Tetzel, "Wir wollen diesen Heiligen schon zu Ehren bringen; beruft nur morgen das Volk durch alle S. 109
Glocken zur Kirche, wie ihr es sonst an den höchsten Festtagen zu tun pflegt." Der Küster tat, wie ihm befohlen, und die Einwohner der Stadt strömten in Menge in die Kirche. Tetzel predigte. "Die alten Heiligen", sagte er, "sind alt und müde, uns zu helfen; aber dieser heilige Juvenal, dessen Gedächtnis wir heute feiern, ist noch ziemlich unbekannt; wenn ihr ihn anfleht und ihm opfert, so wird er sich gewiß beeilen, euch zu helfen." Darauf riet er zur Freigebigkeit und ermahnte besonders die Vornehmen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Er blieb bei dem "Gotteskasten" stehen und sah zu, was jeder hineinlegte, und die guten Zwickauer steuerten reichlich zu Ehren des heiligen Juvenal! Tetzel flüsterte dem Küster ins Ohr: "Es ist genug geopfert, nun wollen wir weidlich davon schmausen." In der Schweiz absolvierte Tetzel einen reichen Bauern wegen eines Totschlages, und als dieser ihm gestand, daß er noch einen Feind habe, den er gern ermorden wolle, erlaubte es ihm der elende Pfaffe gegen eine kleine Summe! Trotz aller Pfiffigkeit wurde Tetzel aber doch einmal angeführt. - In Magdeburg kam ein Herr von Schenk zu ihm und bot ihm eine nicht unbedeutende Summe, wenn er ihn für eine große Sünde absolvieren wolle, die er noch zu begehen gedenke. Schmunzelnd strich der Pfaff das Geld ein und gab den verlangten Ablaßbrief. Als nun einige Tage darauf Tetzel von Magdeburg nach Braunschweig zog, beladen mit einigen tausend Gulden, überfiel ihn in einem Walde bei Helmstedt der Herr von Schenk und nahm ihm seine ganze Barschaft ab. Der Pfaff schrie Zetermordio und klagte über Gewalt; allein Schenk zeigte seinen Ablaßbrief vor und sagte: "Entweder hat mein Verfahren nichts zu bedeuten, oder deine Ware ist Betrug." Schenk behielt das Geld, und Tetzel hatte das Nachsehen. Dieser nichtswürdige Mönch hatte die rechte Art, den Leuten das Geld aus dem Beutel zu schwatzen, und er nahm mehr ein als alle anderen Ablaßkrämer, die sich damit begnügten, stehende Redensarten herzuplappern: "Seht doch, der Himmel steht euch überall offen. Wollt ihr jetzt nicht hineingehen, wann werdet ihr denn hineinkommen? O ihr unsinnigen und verstockten Menschen, die ihr fast den wilden Tieren gleich seid und die große Verschwendung und Ausgießung der päpstlichen Gnade nicht zu würdigen versteht. S. 110
Sehet! so viel Seelen könnt ihr aus dem Fegefeuer erlösen! O ihr Hartnäckigen und Saumseligen! Ihr könnt mit zwölf Groschen euren Vater aus dem Fegefeuer reißen und seid doch so undankbar, daß ihr euren Eltern in so großer Not nicht beisteht. Ich will am jüngsten Gerichte die Schuld davon nicht auf mich nehmen" usw. Tetzel wußte die Sache den Leuten viel plausibler zu machen, und da war keine Dirne, die ihm nicht einige Groschen für irgendeine kleine Sünde, die sie begehen wollte, gezahlt hätte. Wie schnell er Geld zusammenzubringen wußte, beweist folgendes: In Görlitz war die Peterskirche gebaut worden, und es fehlte nur noch das kupferne Dach, wozu 1 800 Zentner Kupfer erforderlich waren, die damals 48 000 Taler kosteten. Man wandte sich an Tetzel, und in drei Wochen hatte er die Summe gesammelt. Luthers 95 Thesen gegen den Ablaß ruinierten dem Pater den ganzen Handel. Vielleicht war es der Ärger darüber, der ihn in Leipzig auf das Krankenlager warf, von dem er nicht wieder aufstand. Er starb und liegt in dieser Stadt im Paulino begraben, wo sein Monument wahrscheinlich noch zu sehen ist. - Die Ablaßrechnung ist eine ganz kuriose Rechnung, und es ist schwer, sich hineinzufinden. Manche Leute kauften Ablaß für mehrere hundert Jahre, während sie doch höchstens auf hundert zählen konnten. Aber die Jahre im Fegefeuer zählten mit, und das änderte die Rechnung! Für diese Sünde hatte man, nach Angabe der Pfaffen, zwanzig Jahre zu braten, für jene gar dreißig, und so kamen bei einem geübten Sünder leicht schon einige hundert Jährchen zusammen. Wollte er nun dennoch direkt in den Himmel spazieren, so mußte er schon für so viele Jahre Ablaß kaufen, als ihm kraft seiner Sünden im Fegefeuer zukamen. Das war übrigens noch nicht so schwer, denn wer eine Reliquie küßte und besonders wer dafür bezahlte, erhielt auf drei oder mehr Jahre Ablaß, je nach der Heiligkeit der Reliquie. Erzbischof Albrecht besaß einen solchen Schatz von Reliquien, daß damit Ablaß zu gewinnen war auf "neununddreißig Mal tausend, zweihundert Mal tausend, fünfundvierzigtausend, hundert und zwanzig Jahre, zweihundert und zwanzig Tage." Unter den Reliquien, die er von Halle nach Mainz schaffen ließ, befanden sich aber auch sehr rare und heilige Stücke! S. 111
Achtmal vom Haare der Jungfrau Maria; fünfmal von ihrer Milch; dann das Hemd, in welchem sie Jesus geboren, ein halber Kinnbacken von St. Paulus nebst vier Zähnen usw. Man glaube ja nicht, daß diese Ablaßrechnungen der vergangenen Zeit angehören und mit dem Mittelalter abgetan sind; sie werden noch heutzutage von römischen Priestern angestellt und den Gläubigen vorgetragen. In den "geistlichen Neujahrsgeschenken" der Diözese Mans in Frankreich, welche vor etwa zwanzig Jahren erschienen, wird folgende Berechnung über den Ablaß gegeben: Wenn man einen geweihten Rosenkranz hat, sagte die heilige Brigitte, so erlangt man hundert Tage Ablaß, so oft man das Credo, das Gloria Patri, das Paternoster und das Ave betet. Wenn man also den gewöhnlichen Rosenkranz betet, der aus 53 Ave, 6 Paternoster, 6 Gloria Patri und einem Credo besteht, so erlangt man 6 600 Tage Ablaß, den man den Seelen im Fegefeuer zuwenden kann. Sagt man den Rosenkranz von 150 Gebeten her, so erhält man 19 000 Tage Ablaß, und überdies 7 Jahre und 7 vierzigtägige Fristen! - Für eine Viertelstunde frommer Betrachtung erhält man 7 Jahre und 289 Tage Ablaß; für die Begleitung des Sanktissirnum, wenn es zu Kranken getragen wird, 5 Jahre und 200 Tage; wenn man es aber mit einer Kerze begleitet, erlangt man 2 Jahre und 83 Tage mehr. Die Summen, welche die Geistlichkeit durch ihren Handel gewann, sind unberechenbar und lassen sich aus einzelnen Angaben nur annäherungsweise schätzen. Liest man solche Angaben, so kann man gar nicht begreifen, wie es nur möglich war, bei dem früheren hohen Werte des Geldes soviel zusammenzuscharren. Als in der französischen Revolution die Klöster aufgehoben und die geistlichen Güter eingezogen werden sollten, bot die Geistlichkeit der Nationalversammlung vierhundert Millionen Franken bar Geld! - Die Venezianer schätzten das Vermögen ihrer Geistlichkeit auf 206 Millionen Dukaten. Von der Einnahme der Geistlichkeit, die herrlich und in Freuden leben wollte und viel verbrauchte, ging nur ein kleiner Teil in die päpstliche Schatzkammer; und deshalb wird die Angabe dieser Summe den allerbesten Maßstab dafür abgeben, was dem schon ohnehin genug geplagten Volke von den Pfaffen abgeschwindelt wurde. Aus dem Gebiete von Venedig, welches nur zweiundeinehalbe Million Einwohner zählte, gingen innerhalb zehn Jahren S. 112
2 760 164 Skudi nach Rom, und aus Österreich unter Maria Theresia binnen vierzig Jahren 110 414 560 Skudi! Sind diese Angaben richtig - und sie sind zuverlässigen Quellen entnommen -, so erscheint die Berechnung viel zu gering, nach welcher innerhalb 600 Jahren aus der katholischen Christenheit nur 1 019 690 000 Gulden nach Rom gezahlt wurden. Und wofür wurde dies Geld bezahlt? Für Dinge, welche zum Elend und zur Demoralisation des Volkes mehr beitrugen als irgend etwas in der Welt, und an wen gingen die 1 019 Millionen? - An einen italienischen Bischof, der uns so wenig angeht wie der Mikado von Japan und der sich mit demselben Recht Statthalter Christi nennt, wie ich es tun könnte, und der unter diesem Titel zu seiner Zeit behauptete, Herr der ganzen Erde zu sein, von welcher derjenige, dessen Statthalter er zu sein vorgibt, nicht einmal soviel besaß, um sein Haupt daraufzulegen! - Was aber die "Statthalter Christi in Rom" für Menschen waren und wie wenig sie die Verehrung verdienen, welche ihnen die Christen zollten, werden wir im nächsten Kapitel mit Abscheu und Ekel erfahren. |
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Mit konsequenter Unverschämtheit kann in der Welt alles durchgesetzt werden, es mag auf den ersten Anblick noch so abgeschmackt und verrückt erscheinen. Beweise davon liefert die Geschichte in Menge, aber den schlagendsten und demütigendsten die des Papsttums. Eine Geschichte des Papsttums würde die Grenzen überschreiten, die ich mir notwendig setzen muß; ich beabsichtige nur in der bisher befolgten skizzenhaften Weise zu zeigen, daß das Papsttum auf den gröbsten Betrug gegründet ist, welche nichtswürdigen Wege die Päpste einschlugen, welche verbrecherischen Mittel sie anwendeten, sich die Welt tributpflichtig zu machen, und welchen moralischen Wert die Menschen hatten, welche von der römischen Kirche als "Statthalter Gottes" an ihre Spitze gestellt wurden. Ich schreibe mit der unverhüllt ausgesprochenen Absicht, den als Aberglauben früher charakterisierten religiösen Glauben zu vernichten, und da derselbe auf die Autorität der Päpste und der römischen Priester gestützt ist, so trachte ich zunächst danach, diese Autorität dadurch zu vernichten, daß ich auf geschichtlichem Wege die unreinen Quellen der Glaubenssätze nachweise und durch Erzählungen der Handlungen der Päpste den Gläubigen beweise, daß sie auf die Aussagen von Menschen vertrauten, die ihres Vertrauens in jeder Beziehung unwürdig sind. Dieser offen ausgesprochene Zweck macht mir die äußerste Vorsicht in Angabe von Tatsachen zur Pflicht und erlaubt mir nur, solche zu berichten, welche historisch so klar bewiesen sind, daß eine Widerlegung unmöglich ist. Aus dem Folgenden wird es dem Leser verständlich werden, warum ich es für nötig hielt, diese Bemerkung voranzuschicken. - S. 114
In dem ersten Kapitel habe ich in der Kürze nachgewiesen, wie die Pfaffen entstanden sind und wie die Bischöfe eine geistliche Obergewalt über ihre Gemeinden usurpierten. Die Bischöfe begnügten sich mit der erlangten Macht nicht und je besser es ihnen glückte, ihre Brüder zu knechten, desto ausschweifender wurden sie in ihren Ansprüchen. Die Macht der jüdischen Hohenpriester, ihrer Vorbilder, war es, nach welcher sie trachteten, Das Bild des Priesters Samuel schwebte ihnen beständig vor Augen. Ein Betrüger schmiedete falsche Schriften, welche er den Aposteln zuschrieb und welche unter dem Namen der apostolischen Konstitutionen bekannt sind. Ihr Zweck war es, das Ansehen und die Gewalt der Bischöfe zu erhöhen, und sie enthielten das Verrückteste, was man bisher zur Ehre der Bischöfe gesagt hatte. Diese wurden darin irdische Götter, Väter der Gläubigen, Richter an Christi Statt und Mittler Zwischen Gott und den Menschen genannt. In demselben Sinn sprachen von den Bischöfen viele angesehene Kirchenväter. Als die römischen Kaiser zum Christentum übertraten, behaupteten sie zwar selbst ihre Würde als Oberpriester (Pontifices maximi), aber sie beförderten das Ansehen der Bischöfe ihren Gemeinden gegenüber. Ja, manche Kaiser waren so verblendet und unklug, ihre Kinder diesen Bischöfen zur Erziehung anzuvertrauen, was dann die ganz natürliche Folge hatte, daß diese "in der Furcht Gottes", das heißt in der Demut gegen die Pfaffen erzogen wurden und, als sie selbst Kaiser wurden, ihre Knie vor denselben beugten und ihnen die Hände küßten. Daß diese dadurch nur immer aufgeblasener und anmaßender wurden, liegt in der menschlichen Natur, und wir dürfen uns nicht darüber wundern, wenn schon Bischof Leontius von Tripolis verlangte, daß die Kaiserin Eusebia, Gemahlin des Kaisers Konstanz, vor ihm aufstehen und sich verneigen sollte, um seinen Segen zu empfangen. Die protestantischen Bischöfe der neueren Zeit hätten es gern auch so weit gebracht. Als Friedrich Wilhelm III. von Preußen einst in Magdeburg aus dem Wagen stieg und sich dabei bückte, erhob schon der Bischof Dräseke seine Hände und seine Stimme, um ihm den Segen zu erteilen. Zum großen Verdruß des Bischofs schob ihn der sonst so fromme König beiseite und sagte ärgerlich in seiner kurzen Weise: "Dumm Zeug! - so was nicht leiden!" Das Hauptstreben der Bischöfe war darauf gerichtet, die S. 115
Einmischung der "weltlichen" Macht in die Kirchenangelegenheiten zu beseitigen, ja, womöglich die Kaiser sich unterzuordnen. Der Bischof von Mailand, Ambrosius, machte damit gleich auf sehr freche Weise den Anfang. Er nahm es sich heraus, den Kaiser Theodosius zu exkommunizieren, das heißt, von der Kirchengemeinschaft auszuschließen. Manche Kaiser, denen die Pfaffen mit der Hölle zusetzten, waren schwach genug, zu den pfäffischen Anmaßungen zu schweigen, und wenn nun das Volk sah, wie ihre gefürchteten Oberherren sich so demütig gegen die Bischöfe betrugen, mußte es natürlich auf den Gedanken kommen, daß diese übermenschliche Wesen seien. In einigen Orten wurden denn auch die Bischöfe von den Christen mit dem evangelischen Hosianna empfangen. So stieg der Hochmut der Pfaffen von Jahr zu Jahr. Schon 341 n. Chr., auf der Synode von Antiochien, wurde es den Geistlichen verboten, sich in kirchlichen Angelegenheiten ohne Erlaubnis der Bischöfe an den Kaiser zu wenden. Die niedere Geistlichkeit wurde überhaupt immer mehr unterdrückt, und die Landbischöfe, welche über ihre Gemeinden ganz dasselbe Recht 'gehabt hatten wie die Stadtbischöfe, wurden 360 durch Beschluß der Synode von Laodicäa ganz abgeschafft. Das gewöhnliche Sprichwort sagt: "Eine Krähe hackt der andern nicht die Augen aus"; aber die Pfaffen machten es zunichte, denn sie hackten sich nicht nur die Augen aus, sondern die Köpfe ab, wenn sie konnten und es ihnen paßte. Wegen der lächerlichsten theologischen Streitigkeiten lagen sie sich fortwährend in den Haaren und erfüllten deshalb die Welt mit Unruhe und Mord. Einen bedeutenden Anteil an den theologischen Streitigkeiten hatten die zahllosen Mönche, welche ihre Ansichten nicht allein mit geistlichen Waffen, sondern weit wirksamer mit höchst irdischen Knütteln verfochten. Sie bildeten förmliche Freikorps, welche von den fanatischen Bischöfen benutzt wurden und oft die greulichsten Exzesse begingen. Ein römischer Feldherr, Vitalianus, mußte 314 in Konstantinopel einrücken, um die Stadt vor den wütenden Mönchen zu schützen. Die zweite Kirchenversammlung zu Ephesus 449 n. Chr. erhielt den Namen Mörderversammlung, weil hier die tollen Mönche mit dem Schwert in der Hand die Annahme der Glaubenssätze erzwangen, welche sie für gut hielten. Einer der größten Fanatiker war der Bischof Cyrillus von S. 116
Alexandrien. Sein Haß traf die in dieser Stadt seit siebenhundert Jahren wohnenden Juden. Er hetzte die Mönche und den Pöbel gegen sie auf, ließ ihre Synagogen niederreißen und jeden Juden niederhauen, der in ihre Hände fiel. So verlor Alexandrien vierzigtausend seiner Bürger! Der römische Präfekt Orestes wollte der Verfolgung Einhalt tun, allein er verlor darüber beinahe sein Leben, indem er von einem wütenden Mönch mit einem Stein am Kopfe schwer verwundet wurde. Die römische Regierung schwieg, da sie die Schuldigen nicht zu strafen wagte. So hoch war die Macht der Pfaffen bereits gestiegen. Die schändlichste Grausamkeit verübten diese christlichen Mönche aber gegen die Geliebte dieses Präfekten, die Tochter des Mathematikers Theon, die liebenswürdige Philosophin Hypatia. Zur Fastenzeit rissen die Mönche dies herrliche Weib aus ihrem Wagen, zogen sie nackend aus und schleppten sie wie ein Opferlamm in die Kirche. Hier ermordete man sie auf die grausamste Weise: Kannibalische Pfaffen kratzten ihr mit Muscheln das Fleisch von den Knochen und warfen die noch zuckenden Glieder ins Feuer. Stolz, Herrschsucht und Geldgier hatten in den Herzen der christlichen Priester die Stelle der christlichen Liebe eingenommen, und die demokratische christliche Gleichheit war schon längst als unchristlich gebrandmarkt worden. Jeder Bischof trachtete nur danach, sich über die andern Bischöfe emporzuschwingen, und so entstanden unter ihnen allerlei Rangabstufungen. Die Bischöfe in den Hauptstädten und Provinzen der Länder erlangten bald eine Art von Oberhoheit über die der anderen Städte und nannten sich Metropoliten. Auch unter diesen maßten sich einige wieder einen höheren Rang an und wußten die Bischöfe mehrerer Länder unter ihre Oberhoheit zu bringen. Sie nannten sich zuerst Exarchen, dann aber Patriarchen. Zur Zeit des Kaisers Theodosius II. gab es fünf solcher Patriarchen: zu Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Rom. Sie waren voneinander vollkommen unabhängig und in ihrem Range wie in ihren Vorrechten vollkommen gleich. Rom war die Hauptstadt der damaligen Welt; von hier gingen alle Befehle aus, durch welche sie regiert wurde. Die Pfarrer der römischen Gemeinde, welche sahen, wie trefflich es sich S. 117
von Rom aus regieren ließ, wurden lüstern danach, die kirchliche Welt in ähnlicher Weise zu regieren wie die Kaiser die politische. Die übrigen Gemeindevorsteher, die Bischöfe, fanden das mit Recht sehr anmaßend und empörten sich über die Lügen, durch welche ihre Kollegen in Rom ihre Prätensionen zu Rechten zu erheben trachteten. Wenn wir diese Lügen untersuchen, so wissen wir in der Tat nicht, ob wir mehr über die Dummheit und Unverschämtheit derselben oder über die Dummheit der Menschen erstaunen sollen, die sich auf solche handgreifliche Weise übertölpeln ließen. Die Bischöfe zu Rom sagten: "Jesus machte Petrus zum Obersten der Apostel; diese waren ihm untergeordnet. Petrus war 24 Jahre, 5 Monate und 10 Tage Bischof in Rom; wir sind seine Nachfolger, folglich - stehen alle Bischöfe und Fürsten der Christenheit unter unserer Oberhoheit!" Selbst wenn Jesus so unchristlich gehandelt und Petrus einen Vorrang vor den anderen Jüngern gegeben hätte; selbst wenn Petrus Bischof in Rom gewesen wäre, so ist es doch immer eine seltsame Behauptung, daß deshalb seine Nachfolger Statthalter Gottes auf Erden seien! Doch diese Behauptung und Anmaßung wird erst dadurch zur frechsten Unverschämtheit, daß es Jesus nie einfiel, Petrus einen Vorrang zu geben, und endlich Petrus niemals in Rom und daher nicht Bischof dort war! Das erste bedarf kaum eines Beweises. Jesus spricht es oft genug gegen seine Jünger aus, daß keiner vor dem andern einen Vorrang habe, und es ist Petrus auch niemals eingefallen, sich einen solchen anzumaßen, wie aus seinen Briefen klar hervorgeht. In einem derselben sagt er: "Die Ältesten, so unter euch sind, ermahne ich als Mitältester" usw. (1. Petr. 5,1). Auch Paulus sagt kein Wort von dem Avancement des Petrus und hält sich selbst den andern Aposteln gleich (2. Kor. 11-12,5). Außerdem verdiente es auch nächst Judas Petrus von den Jüngern wohl am wenigsten, gleichsam als Oberhaupt an ihrer Spitze zu stehen. Er zeigte sich schwächer als jeder andere, indem er Jesus dreimal verleugnete und nicht einmal eine Stunde für Jesus wachen konnte, nachdem er doch vorher ruhmredig versichert hatte, daß er sein Leben für ihn lassen wolle. Petrus war ein unüberlegter Hitzkopf, der mancherlei Übereilungen beging, wozu der gegen Malchus geführte Streich - den ich ihm übrigens keineswegs übelnehme - und die Er- S. 118
mordung des Ananias und seines Weibes gehören. Nebenbei war er ein Duckmäuser, den Paulus wegen seiner Heuchelei schilt (Gal. 2,11-13), ja, der sogar einmal den sanften Jesus so in Eifer brachte, daß er ihn einen Satan nannte (Matth. 16,23). Daß Petrus die christliche Gemeinde in Rom gegründet habe, ja, daß er hier nahe an 25 Jahre Bischof gewesen sei, ist eine noch frechere Lüge, die sich gewissermaßen mathematisch aus der Bibel nachweisen läßt, weshalb es die Päpste auch nicht dulden wollen, daß dieselbe von den Katholiken gelesen wird. Die Apostelgeschichte geht bis in das Jahr 61 nach Christi Geburt. Nach der Erzählung der päpstlichen Geschichtsschreiber ist Petrus schon über 20 Jahre früher nach Rom gekommen; aber die Apostelgeschichte, die doch am Anfang so viel und so weitläufig von Petrus spricht - sagt von dieser so wichtigen Reise kein Wort! Ganz sicher ist bewiesen, daß Paulus in Rom war und hier unter dem Kaiser Nero zwischen den Jahren 66-68 den Märtyrertod erlitt, zugleich mit Petrus lügen die päpstlichen Geschichtsschreiber hinzu. Paulus war zwei Jahre in Rom und schrieb von dort Briefe an verschiedene christliche Gemeinden, in denen er mehrere seiner Freunde und Anhänger nennt; aber von Petrus schreibt er kein Wort! Wäre dieser Bischof in Rom gewesen, so hätte es Paulus gar nicht umgehen können, von ihm zu reden, sei es auch nur, um sich über ihn zu beschweren, daß er ihn nicht in seinem Werk unterstützte, denn er sagt ausdrücklich, daß diejenigen, die er nennt, sind allein meine Gehilfen am Reiche Gottes, die mir ein Trost geworden sind" (Kolosser 4, 7-15). Also "Paulus schreibt davon nichts", daß Petrus jemals in Rom war. Doch wenn dieser auch, ganz gegen seinen Beruf als Apostel, 25 Jahre Pfarrer einer Anzahl armer, verfolgter Christen in Rom gewesen wäre, folgt dann daraus, daß die nachherigen Bischöfe von Rom ein Recht hatten, mit Völkern, Kaisern und Königen wie mit Lumpengesindel umzuspringen? - Möchten sich die Päpste immerhin Nachfolger Petri oder Pauli nennen, allein auch nicht mehr Ansprüche machen als diese! Wo Petrus gestorben ist, weiß man zum Glück für die Päpste nicht, und so konnten diese eine schöne rührende Geschichte erfinden, die gar keine historische Begründung hat. Nach ihrer Erzählung wurde Paulus als römischer Büger nur enthauptet; allein der Jude Petrus wurde gegeißelt und dann S. 119
gekreuzigt, - den Kopf nach unten, wie er es - nach der Legende - aus Demut und zum Unterschiede mit Christus verlangte. In dieser Demut sind die Päpste nicht seine Nachfolger! Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Gemeinde der Christen zu Rom zur Zeit, als Paulus dort war, noch nicht so groß, daß sie eines eigenen Aufsehers bedurfte, und von einem Bischof im späteren Sinn kann vollends nicht die Rede sein. Das Verdienst, die christliche Gemeinde zu Rom gestiftet zu haben, gebührt also unbedingt dem Paulus; dem Petrus aber auf keinen Fall. Alle Ansprüche also, welche die sich Päpste nennenden römischen Bischöfe darauf gründeten, daß sie Nachfolger Petri wären - zerfallen demnach in nichts. - Ursprünglich waren diese Peterlügen von ihnen nur deshalb erfunden worden, weil sie dadurch bewirken wollten, daß ihre Stimme bei KirchenStreitigkeiten als entscheidende gelten sollte. Als sie dies erst durchgesetzt hatten, griffen sie weiter, denn l'app~tit vient mangeant. Konsequenterweise beginnen die Päpste ihre Reihe mit Petrus. Nach ihm nennt man eine Menge zum Teil völlig erdichteter Namen, um nur die Lücken auszufüllen; denn die frühere Geschichte der römischen Bischöfe ist noch dunkler als die der römischen Könige. Es ist zwecklos, diese Herren Stadtpfarrer, denn anderes waren sie nicht, namentlich aufzuführen; ich will mich damit begnügen, nur diejenigen näher zu beleuchten, welche die größeren Schritte taten, dem Gipfelpunkt näherzukommen, nach welchem alle strebten. Die Reihen der römischen Kaiser, die der asiatischen Despoten, kurz, keine Fürstenreihe der Welt - ja nicht einmal die Schreckenskammer der Madame Toussaut in London bieten solche moralischen Ungeheuer dar als die Reihe der Päpste, die sich die Statthalter Gottes nennen. - Aber sie mochten es noch so arg treiben, den verdummten Menschen gingen die blöden Augen nicht auf. Fürsten und Völker ließen sich von diesen ekelhaften Bösewichten das Fell über die Ohren ziehen und küßten dafür den Tyrannen noch demütig den Pantoffel. Fuhr einmal ein vernünftiger Fürst dem hochmütigen Priester zu Rom über die Glatze, dann schrie das dumme Volk Zetermordio, und war einmal das Volk vernünftig genug, den römischen Anmaßungen entgegenzutreten - dann kam gewiß ein dummer Fürst mit geweihtem Schwert und Hut und wetterte hernieder auf die verfluchten Ketzer. S. 120
So kam es denn, daß die Päpste bis auf den heutigen Tag ein Recht ausüben, das ihnen niemand gegeben. Durch eine unerhörte Dreistigkeit, durch die klügste Benutzung der Dummheit der Menschen haben sie sich Schritt vor Schritt in den Besitz desselben gesetzt; denn die Christen der ersten Jahrhunderte waren weit entfernt, ihnen dasselbe einzuräumen. Ein Unrecht kann aber nie ein Recht werden, mag es auch Jahrtausende faktisch bestanden haben und selbst von dem Gesetz anerkannt sein; diejenigen, welche darunter leiden, haben vollkommen recht, sich von dem aufgezwungenen Joche loszumachen, sobald sie können. Dies kann aber ein jeder, sobald er aufgehört zu glauben; tut er das, so ist er schon frei ohne weitere Anstrengung. Wie schon oben gesagt, hatte vor Ende des ersten Jahrhunderts die römische Gemeinde wahrscheinlich weder einen besonderen Bischof noch eine besondere Kirche. Die armen Christen mußten sich herumdrücken, wie sie konnten, und ihre Ältesten waren gewiß Männer von unbescholtenen Sitten, denen es mit der Lehre Jesu ernst war. Das Märtyrertum war ihnen unter den Verfolgungen so ziemlich gewiß, und daraus geht schon ganz sicher hervor, daß sie andere Leute waren wie ihre Nachfolger, die keineswegs nach der Märtyrerkrone verlangten. Der erste römische Bischof, von dem wir wissen, daß er schon mehr gelten wollte als seine Kollegen, hieß Viktor (192 bis 201). Er verlangte sehr ungestüm, daß alle übrigen Christen das Osterlamm zu der Zeit essen sollten, wenn es in Rom geschah, nämlich am Auferstehungstage Jesu, und nicht, wie es die anderen Christen beibehalten hatten, am jüdischen Passahfest, zu welcher Zeit es auch Christus aß. Die anderen Bischöfe meinten, es rapple dem Herrn Kollegen in Rom unter der Mütze, und von seiner Berufung auf Petrus, der diesen Gebrauch in Rom eingeführt haben sollte, nahmen sie nur so viel Notiz, daß ihm der Bischof Polykrates von Ephesus antwortete: "daß nicht Petrus, sondern Johannes an der Brust Jesu gelegen wäre". Von einer Oberhoheit des Petrus über die anderen Apostel schien man damals, so nahe der Quelle, noch nichts zu wissen, aber tausend Jahre später hatte sich die beharrliche Lüge allgemeinen Glauben verschafft. Als die Christen in Rom einst zur Bischofswahl versammelt waren, setzte sich zufällig eine Taube auf den Kopf eines Mannes namens Fabianus, und mit echt heidnischem, altrömischem S. 121
Wunderglauben riefen die Christen: "Der soll Bischof sein!" Seitdem nahm man an, daß der Heilige Geist bei jeder Bischofswahl gegenwärtig sei und sie leite. Das war bequem, denn nun konnte jede dumme Wahl ihm zur Last gelegt werden. Stephanus, welcher 253 Bischof wurde, war der erste, welcher behauptete: "er sei mehr als die andern Bischöfe, denn er sei der Nachfolger des heiligen Apostels Petrus". Ja,dieses Papstwickelkind ging schon so weit, daß es den asiatischen Bischöfen die Kirchengemeinschaft aufkündigte, weil sie seinen Vorschriften nicht gehorchen wollten. Diese waren höchlich erstaunt über die Frechheit ihres Herrn Bruders in Christo, und der Bischof Firmilian von Kappadokien äußerte sich in einem den Bischöfen zugeschickten Zirkular wie folgt: "Mit Recht muß ich mich in diesem Punkt über eine so offenbare als unverkennbare Torheit des Stephanus ärgern, welcher sich seines Bischofssitzes rühmt und sich für einen Nachfolger des Apostels Petrus ausgibt." Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion machte, da wurde dieser Umstand sogleich von den römischen Bischöfen zur Erhöhung ihrer Macht benutzt. Durch niedrige Schmeichelei und Kriecherei gelang es ihnen, denen stets das Ohr des Kaisers zu Gebote stand, diesen zu bewegen, daß ihnen immer mehr Vorrechte eingeräumt wurden. Dabei waren sie nicht blöde; sie nahmen, wo sie etwas bekommen konnten, wie schon im ersten Kapitel erzählt ist. So wurden sie reich und mit dem Reichtum von Jahr zu Jahr hochmütiger. Die Stelle des römischen Bischofs wurde nun eine sehr begehrte und beneidete. Der heidnische Statthalter zu Rom, Prätextatus, sagte: "Macht mich zum Bischof von Rom, dann will ich sogleich Christ werden." Die Bewerber um diese Stelle lieferten sich die blutigsten Gefechte, in denen Hunderte von Menschen ihr Leben einbüßten. Mit der Frömmigkeit und Heiligkeit der römischen Bischöfe war es längst vorbei, und wir sehen auf dem Bischofsstuhl schon Mörder und Ehebrecher. Doch bei solchen Kleinigkeiten dürfen wir uns nicht aufhalten und ebensowenig bei den ehrgeizigen Kämpfen zwischen den Bischöfen von Rom und denen der anderen Städte. Obwohl es interessant ist, zu beobachten, wie durch konsequente Anwendung der Lüge, Unverschämtheit, List und Gewalt die Macht der römischen Bischöfe immer weiter um sich S. 122
griff, so würde doch eine solche Auseinandersetzung hier zu weit führen, und ich will mich damit begnügen, die Stellung der römischen Bischöfe in den verschiedenen Jahrhunderten, sowohl ihren Mitbischöfen als der weltlichen Macht gegenüber, zu charakterisieren und nur einzelne dieser Ehrenmänner als Beispiel anführen. Schon im vierten Jahrhundert hatten die römischen Bischöfe es verlangt, daß ihnen der erste Rang unter den Patriarchen, also auch unter allen Bischöfen zuerkannt würde. Dies geschah jedoch nicht, weil sie sich für Nachfolger Petri ausgaben, sondern weil sie ihren Sitz in der damaligen Hauptstadt der Welt hatten. Aber man dachte noch nicht daran, ihnen eine höhere Würde als den andern Patriarchen einzuräumen. Mehr erlangten sie auch nicht im fünften, sechsten und siebenten Jahrhundert, wenn sie selbst auch schon anfingen, sich eine höhere Stellung anzumaßen und zu behaupten, daß sie vermöge der ihnen von Petrus anvertrauten Gewalt mit der Vorsorge für die allgemeine Kirche beauftragt wären. Diese Anmaßungen wurden indessen noch von niemand anerkannt. In diesen Jahrhunderten hielt man noch die allgemeinen Kirchenversammlungen für die einzige rechtmäßige kirchliche Behörde, welche für die Erhaltung der Einheit der Kirche Sorge tragen mußte. Über die Beobachtung der allgemeinen Kirchengesetze hatte jeder Bischof in seiner Diözese und vorzüglich jeder Patriarch in seinem Bezirk zu sorgen. Die von den Aposteln gestifteten Gemeinden waren allerdings und begreiflicherweise die Richtschnur für die übrigen, und da Rom im Abendlande die einzige der Art war (da sie von Paulus gestiftet wurde), so war es denn ganz natürlich, daß sich die abendländischen Bischöfe hin und wieder in streitigen Fällen kollegialisch an die Bischöfe von Rom wandten und um Rat baten. In solchen Fällen waren diese stets darauf bedacht, ihren Rat in die Form eines Befehls zu kleiden und wohl gar hinzuzufügen: "So beliebt es dem Apostolischen Stuhl." Wenn auch einzelne Bischöfe zu solchen Anmaßungen schwiegen, worauf die römischen sogleich ein Recht gründeten, so protestierte man doch von allen Seiten dagegen, und an ein Primat des römischen Stuhls dachte vollends noch niemand, als höchstens die römischen Bischöfe selbst. - Kaiser Justinian erklärte sogar durch ein eigenes Gesetz, die Kirche zu Konstantinopel sei das Haupt aller christlichen Kirchen, und andere legten dem dor- S. 123
tigen Patriarchen, zum größten Ärger des römischen, den Titel und Charakter eines allgemeinen Bischofs bei. Selbst im Abendland, wo doch der römische Bischof noch im höchsten Ansehen stand, räumte man ihnen zu dieser Zeit nicht einmal einen besonderen Titel ein. Alle Bischöfe nannten sich Papst (von papa, Vater), auch Oberpriester, auch sogar Stellvertreter Jesu, und gaben sich untereinander diese Titel, also auch dem Bischof von Rom, der bald Papst der Stadt Rom, bald schlechtweg Papst genannt wurde. Sogar der Titel Patriarch wurde im Abendlande nicht einmal allein dem Bischof von Rom gegeben; es nannten sich die meisten Metropoliten so, und noch im Jahre 883 wurde der Bischof von Lyon, der auf der zweiten Synode zu Macon den Vorsitz führte, Patriarch genannt. Hierin liegt der Beweis, daß man selbst im Abendlande gar nicht daran dachte, dem Bischof von Rom einen höheren Rang einzuräumen. Über das Verhältnis der römischen Bischöfe gegenüber den Kaisern habe ich bereits im ersten Kapitel gesprochen. Es blieb dasselbe im fünften, sechsten und siebenten Jahrhundert. Zeigten sich einzelne Kaiser nachgiebiger gegen die Bischöfe, so lag das in ihrer Persönlichkeit. Der römische Bischof stand wie jeder andere Staatsbeamte unter dem Kaiser, und dieser und sein Statthalter waren seine Richter. Die Reichssynoden wurden von den Kaisern berufen, und diese präsidierten hier durch einen Kommissarius, und wenn auf der Synode zu Chalcedon der Legat des römischen Bischofs Leo den Vorsitz führte, so geschah es, weil dieser es sich vom Kaiser als eine besondere Gnade erbeten hatte. Die Beschlüsse dieser Synoden wurden nicht vom Bischof in Rom, sondern von den Kaisern bestätigt, und selbst wenn eine solche Kirchenversammlung gegen den Willen des römischen Bischofs gehalten wurde, so verlor sie dadurch nichts von ihrer allgemeinen Gültigkeit. Bei streitigen Bischofswahlen entschied immer der Kaiser, und kein Bischof durfte seine Würde antreten ohne die kaiserliche Bestätigung. Machte auch der Hochmut hin und wieder einen der Bischöfe verrückt, so wagten sie es doch nicht, sich über den Kaiser zu erheben. Selbst Gregor I. (590-604), in dem schon der Geist der späteren Päpste spukte, war demütig wie ein Hund vor den Kaisern. In seinen Briefen an den Kaiser Mauritius gebrauchte er die kriechendsten Ausdrücke und schreibt zum Beispiel: "Wer bin ich, der ich zu meinem Herrn rede, als Staub und Wurm." S. 124
Er nennt den Kaiser seinen "frommen Herrn, dem die Gewalt über alle Menschen vom Himmel herab erteilt worden sei", und sich selbst nennt er einen "unwürdigen Diener". - Dies war er in der Tat, denn er war durch und durch ein lasterhafter, heuchlerischer Schurke. Sein Benehmen gegen den Tyrannen Phokas beweist das schon zur Genüge. Der Kaiser Mauritius, einer der edelsten Menschen, die jemals auf einem Thron saßen, wurde durch diesen Phokas, einen seiner Hauptleute, entthront. Selbst Nero ist gegen dieses blutdürstige Ungeheuer ein guter liebreicher Mensch, Phokas ließ fünf Kinder des Mauritius vor dessen Augen grausam hinrichten und dann ihn selbst. Er rottete die ganze kaiserliche Familie aus und mordete auf die scheußlichste Weise bis an das Ende seines Lebens. Gregor hatte von Mauritius nur Gutes erfahren; er nannte ihn selbst seinen Wohltäter, und dennoch verleumdete er aus Kriecherei gegen Phokas den edlen Kaiser. An den blutdürstigen Tyrannen schrieb er: "Bisher sind wir hart geprüft gewesen; der allmächtige Gott aber hat Eure Majestät erwählt und auf den kaiserlichen Thron gesetzt, um durch Eure Majestät barmherzige Gesinnung und Einrichtung aller unserer Not und Traurigkeit ein Ende zu machen. Der Himmel freue sich daher, und die Erde sei fröhlich, und das ganze Volk müsse wegen einer so glücklichen Veränderung Dank sagen." Und so warf sich Gregor weg, um Phokas und sein gleich nichtswürdiges Weib auf seine Seite zu ziehen, damit er ihm vor dem Bischof von Konstantinopel bevorzuge, welcher zum größten Mißvergnügen Gregors den Titel "allgemeiner Bischof" angenommen hatte. Doch ich muß die Äußerungen der Verachtung gegen diesen elenden Pfaffen unterdrücken, denn wo soll ich sonst Worte finden, die noch nichtswürdigeren Handlungen seiner noch verruchteren Nachfolger zu bezeichnen? Dieser Gregor I. steht in der römischen Kirche in ganz besonders hoher Achtung, denn ihm verdankt sie die Einführung einer Menge sinnloser oder vielmehr dummer Zeremonien, die noch bis zum heutigen Tag Geltung haben. Er war es, welcher aus der römischen Kirche die letzten Spuren wahren Christentums, wie es Jesus und allenfalls seine Apostel verstanden, austilgte. Er ist der Erfinder des Fegefeuers, dieser päpstlichen Prellanstalt, die besser rentierte als irgendein Schwindelgeschäft, welches je ein beschnittener oder unbeschnittener Jude machte. Gregor ist auch der eifrigste Beförderer des Mönchs- S. 125
wesens. Er hinterließ einen Wust selbstverfaßter Schriften, die von dem wundervollsten Unsinn strotzen. In ihnen sind auch Regeln für Geistliche enthalten, aus denen ich eine Probe anführe, damit die der römischen Kirche angehörigen Leser untersuchen können, ob ihr Bischof derselben entspricht. Es handelt sich nämlich darum, wie die Nase eines Bischofs beschaffen sein müsse. "Ein Bischof darf keine kleine Nase haben - denn er muß Gutes und Böses zu unterscheiden wissen wie die Nase Gestank und Wohlgeruch, daher auch das hohe Lied sagt: 'Deine Nase ist gleich dem Turm auf dem Libanon.' Ein Bischof darf aber auch keine allzugroße oder gekrümmte Nase haben, um nicht spitzfindig oder niedergedrückt von Sorgen zu sein; - er darf nicht triefäugig sein, denn er muß helle sehen; noch weniger krätzig oder beherrscht vom Fleische." Im siebenten Jahrhundert trug sich eine Veränderung zu, welche zwar dem Christentum einen harten Stoß gab, aber für das Ansehen der römischen Bischöfe in der Folge höchst vorteilhaft wirkte. Mohammed trat als der Stifter einer neuen Religion auf. Mohammed lehrte: "Es ist nur ein einziger Gott, welcher die ganze Welt beherrscht; er will von den Menschen treu verehrt sein durch Tugend. Tugend besteht in Ergebung in den göttlichen Willen, andächtigem Gebete, Wohltätigkeit gegen die Armen und Fremden, Redlichkeit, Keuschheit, Nüchternheit, Reinlichkeit, tapferer Verteidigung der Sache Gottes bis in den Tod. Wer diese Pflichten erfüllt, ist ein Gläubiger und empfängt den Lohn des ewigen Lebens." Diese Lehre mußte in der damaligen Zeit großen Anklang finden, denn sie war einfach und verständlich, während die der Christen sich von der Jesu so weit entfernt hatte, daß sie unverständlicher, unklarer, mystischer und unvernünftiger geworden war, als die der Heiden jemals gewesen. Dazu kam noch ein zwar auf sehr sinnliche Vorstellungen gegründeter, aber deshalb sehr praktisch und verlockend erfundener Himmel, während ein Mensch mit gesunden Sinnen dem von den Mönchen geschilderten Christenhimmel weder eine faßliche Vorstellung noch den allergeringsten Geschmack abgewinnen kann. Der praktische Wert des Islam im Vergleich mit der zu jener Zeit als Christentum geltenden Religion war besonders bei den Völkern des Orients überwiegend, und die Lehre Mohammeds verbreitete sich mit großer Schnelligkeit über ganz Asien und S. 126
Nordafrika und vernichtete die christliche Kirche in diesen Ländern. Dadurch verschwanden die Patriarchen von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien und mit ihnen die gefährlichsten Gegner der römischen Anmaßungen. Mohammed und die Kalifen arbeiteten für die römischen Päpste. Diese waren aber bis zum Ende des siebenden Jahrhunderts noch gar weit von ihrem Ziele entfernt. Die Kaiser küßten ihnen noch nicht den Pantoffel, wie sie es später taten, sondern gingen mit ihnen ebenso um, wie die preußische Regierung es mit den evangelischen Bischöfen tut, das heißt, sie betrachteten sie einfach als Staatsbeamte. Der Bischof Liberius, welcher sich in Glaubenssachen nicht fügen wollte, wurde vom Kaiser Konstantin abgesetzt und verwiesen. Der stolze Bischof Leo "der Große" (452) mußte sich vom Kaiser Valentinian als Gesandter an den Hunnenkönig schicken lassen, und der Bischof Agapet wurde in derselben Eigenschaft von dem Ostgotenkönig Theodat an Kaiser Justinian abgesendet. Wie demütig Gregor war, haben wir gesehen, und das war wenigstens klug von ihm, denn die Kaiser ließen nicht immer mit sich scherzen, wie es Konstanz dem Bischof Martin (649 bis 655) bewies. Martinus wagte es, den Befehlen des Kaisers entgegenzuhandeln, ja, er ließ sich in hochverräterische Pläne ein. Dies bewog den Kaiser, den römischen Bischof durch seinen Statthalter in Rom gefangennehmen und nach der Insel Naxos bringen zu lassen, die durch Ariadne bekannter geworden ist als durch Martinus, der hier ein ganzes Jahr lang im Gefängnis saß. Von hier brachte man den Heiligen Vater nach Konstantinopel, sperrte ihn 39 Tage lang ein und stellte ihn dann vor ein Gericht, welchem der Großschatzmeister präsidierte. Der römische Papst hatte das päpstliche Übel, das Podagra, in den Beinen - seine Nachfolger hatten es häufig im Kopf - und erschien sitzend in einem Sessel. Der Richter befahl ihm jedoch, das Verhör stehend abzuwarten, und da er dies nicht konnte, so wurde er von zwei Männern aufrecht gehalten. Die Schuld war offenbar, und so ward ihm denn bald das Urteil gesprochen: "Du hast gegen den Kaiser verräterisch gehandelt", sagte der Großschatzmeister, "du hast Gott verlassen, und Gott bat dich wieder verlassen und in unsere Hände gegeben." Darauf übergab er den Bischof von Rom S. 127
dem Gouverneur von Konstantinopel mit der Weisung, ihn ohne Bedenken in Stücke zerhauen zu lassen, wenn er wolle. Dem hochverräterischen römischen Papst wurde nun ein Halseisen umgelegt, und an Ketten wurde.er durch die Stadt geschleppt. Vor ihm her ging der Scharfrichter mit entblößtem Schwert, zum Zeichen, daß der Verbrecher zum Tode verurteilt war. Darauf wurde Martin ins Gefängnis gebracht, mit Ketten auf eine Bank geschlossen und unter freien Himmel gestellt, wie es mit allen Verbrechern den Tag vor ihrer Hinrichtung geschah. Über den armen deutschen König Heinrich erbarmte sich niemand, als er halbnackt im Schloßhof von Kanossa im Schnee stand, aber Martin fand mitleidige Seelen. Die Gefängniswärter legten ihn ins Bett, und der Kämmerling des Kaisers ließ ihm zu essen bringen. Ja, der sterbende Patriarch Paulus von Konstantinopel, ein frommer Mann, den Martin feierlich als Ketzer verflucht hatte, bat auf seinem Sterbebette den Kaiser um seines Feindes Leben. Es wurde ihm bewilligt. Martin wurde aus dem Lande verwiesen. Wo bat jemals ein römischer Papst um das Leben seines Feindes? Ich konnte in der Geschichte keinen Fall auffinden und würde jedem dankbar sein, der mir einen solchen nachweisen könnte. - Der Nachfolger des abgesetzten Martinus zeichnete sich durch nichts aus als dadurch, daß er diesen verhungern ließ. Im achten Jahrhundert taten die Päpste einen mächtigen Sprung vorwärts, wozu sie im Anfang desselben nicht die allergeringste Hoffnung hatten. Als die Langobarden Herren Italiens waren, beschränkte sich die Macht der römischen Bischöfe nur auf die Diözese, denn die barbarischen Könige derselben erkannten sie nicht einmal als die Patriarchen von Italien an, und die andern Bischöfe dieses Landes behaupteten ihre Unabhängigkeit. Das änderte sich aber bald, als das langobardische Reich unter die Herrschaft der Franken kam. Durch sie wurden die Bischöfe von Rom die größten Landbesitzer in Italien, und dies, wie die Unterstützung der Frankenkönige, half ihnen zu dem Primat in Italien. Sie verloren zwar in dieser Periode allen Einfluß auf Spanien, dafür traten sie aber wieder in nähere Berührung mit Gallien und legten den Grund zu ihrer Herrschaft in Deutschland. In England hatten sie schon zu Ende des sechsten Jahr- S. 128
hunderts festen Fuß gefaßt, indem die dortigen christlichen Kirchen auf ihre Veranlassung gestiftet wurden. Von 715 bis 735 saß Gregor II. auf dem bischöflichen Stuhle zu Rom. Unter ihm brach der große Bilderstreit aus, von dem ich schon früher gesprochen habe und der das ohnedies schon durch Thronstreitigkeiten zerrüttete oströmische Reich noch mehr schwächte. Eigentlich hatte man sich schon seit den ersten Jahrhunderten des Christentums wegen der Verehrung der Bilder gezankt, und die angesehensten und frömmsten Kirchenlehrer hatten den Bilderdienst als abscheulichsten Götzendienst verdammt. Um von den vielen Beispielen nur eins anzuführen, setze ich den Ausspruch Tertullians her: "Ein jedes Bild ist nach dem Gesetz Gottes ein Götze, und ein jeder Dienst, der demselben erwiesen wird, eine Abgötterei." So wie dieser verdammen Eusebius von Cäsarea, Clemens von Alexandrien, Origenes, Chrysostomus und viele andere der geachtetsten Kirchenväter die Verehrung der Bilder als eine der christlichen Lehre durchaus hohnsprechende Abgötterei. Aber die römischen Bischöfe und die Mönche, welche ihren Vorteil kannten, den ihre Kasse aus diesem Götzendienst ziehen mußte, verteidigten die Bilder mit Leib und Leben. Gregor II. war ein großer Bildernarr, und als der oströmische Kaiser Leo, der Isaurier, die Bilder mit Gewalt aus den Kirchen Italiens entfernen lassen wollte, da kam es zu den blutigsten Streitigkeiten, welche der Langobardenkönig Luitprand dazu benutzte, die Herrschaft in diesem Lande immer weiter auszudehnen. Gregor hetzte alles gegeneinander und wiegelte das Volk gegen den Kaiser auf. An diesen schrieb er einen unverschämten Brief, in welchem er ihn einen "Ignoranten, einen Tölpel, einen dummen und verrückten Menschen, einen gottlosen Ketzer" nannte. Der rechtschaffene Kaiser, anstatt diesen hochmütigen Pfaffen nach dem Gesetz strafen zu lassen, antwortete ihm mit größter Mäßigung, aber nun stieg erst recht die Frechheit Gregors, und in einem seiner Briefe schrieb er an seinen Kaiser und Herrn: "Jesus Christus schicke dir den Teufel in den Leib, damit dein Geist zum Heil gelange." Leo griff nun den rebellischen Bischof am richtigen Flecke an; er entzog ihm sein ganzes Patrimonium in Sizilien und Kalabrien und unterwarf es dem Patriarchen von Konstanti- S. 129
nopel. Dadurch verlor Gregor alljährlich 224 000 Livres Einkünfte. Dafür verehrt denn aber auch die römische Kirche diesen Gregor II. als einen Heiligen. Sein Nachfolger, Gregor III., fuhr ganz in demselben Geiste fort und wiegelte das Volk zu offener Empörung gegen den Kaiser auf. Als er aber auch den Langobardenkönig beleidigte, rückte dieser vor Rom. Der geängstigte Bischof, den nun alle heiligen Knochen nicht schützen konnten und der für seine eigenen fürchtete, bat Karl Martell, den fränkischen Majordomus, um Hilfe und wand sich vor ihm wie ein Wurm. Endlich ließ sich der Franke bewegen, ihn zu schützen, als er versprach, sich vom Kaiser loszusagen und Rom ihm zu unterwerfen. Nach Gregors und Martells Tode wurde der folgende Bischof von Rom, Zacharias, wieder arg von den Langobarden bedrängt und sah nirgends Trost und Hilfe als bei den Franken. Hier führte der Sohn Karl Martells, Pipin, das Schwert des Reiches und hatte große Lust, den schwachen König Childerich III. zu entthronen. Zacharias wußte es nun so zu lenken, daß die fränkischen Stände an ihn die Frage richteten: "Ob nicht ein feiger und untüchtiger König des Thrones beraubt und ein würdigerer an seine Stelle gesetzt werden dürfe?" Der römische Bischof antwortete: "Ja" und machte sich dadurch den nun zum Frankenkönig erwählten Pipin zum Freunde. Zacharias erlebte aber die Früchte seiner Politik nicht. Von ihm verdient noch bemerkt zu werden, daß er einen Bischof, namens Virgilius, in den Bann tat und als Ketzer verdammte, weil derselbe behauptet hatte, "daß die Erde eine Kugel sei und daß auf der andern Seite derselben Menschen wohnten, die uns die Fußsohlen zukehrten". Bischof Stephanus II. (752-757) erntete, was seine Vorgänger gesät. Bedrängt von den Langobarden, begab er sich in Person zu Pipin. Dieser schickte ihm seinen Sohn Karl dreißig Meilen weit entgegen und ritt selbst eine Meile, ihn zu begrüßen. Er litt nicht, daß der Bischof vom Pferde stieg, sondern begleitete ihn selbst zu Fuß, gleich einem Stallknechte. So erzählen die päpstlichen Geschichtsschreiber. Pipin ließ sich in Paris von Stephan salben, und dieser entband ihn feierlich des Eides, den er seinem Könige geleistet, und tat die Franken, wenn sie Pipin und seine Nachfolger nicht als Könige anerkennen würden, in den Bann. Das tapfere Volk war bereits so sehr von päpstlichem Aberglauben S. 130
umgarnt, daß die Dreistigkeit des Stephanus sie nicht empörte, sondern vielmehr die Macht Pipins befestigte. Dieser zeigte sich dankbar; er schenkte dem römischen Bischof das Exarchat, nämlich die heutige Romagna und Ankona, ein Land, welches Pipin gar nicht zu verschenken hatte, da es ihm nicht gehörte! Als Stephan nach Rom zurückgekehrt war und die Franken zu lange zögerten, ihn von den Langobarden zu befreien, schrieb er einen Brief nach dem andern an Pipin, und als derselbe immer noch nicht kam, griff er zu einem ebenso dummen wie schamlosen Betrug, der aber trotzdem gescheit war, da er bei den abergläubischen Franken Erfolg hatte. Stephan schickte nämlich einen Brief des Apostels Petrus an Pipin, seinen Sohn und die fränkische Nation, in welchem der Apostel auf die Langobarden schimpft, dringend um Hilfe bittet, aber dem Frankenkönig mitteilt, "daß, wenn er nicht bellen wolle, er vom Reich Gottes ausgeschlossen sei". Es mit dem "Himmelspförtner" zu verderben war eine ernste Sache, und die Franken entschlossen sich, in Italien einzurücken. Die Langobarden waren gezwungen, das Exarchat zu räumen, und Bischof Stephan in den Besitz eines Landes gesetzt, welches dem oströmischen Kaiser gehörte, dessen Untertan Stephanus war! Während die römischen Bischöfe selbst dafür besorgt waren, in Italien ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, arbeitete für sie in Deutschland Bonifazius, welcher seiner Beschützer ganz würdig war. Ich habe schon früher von diesem Unglücksapostel gesprochen, dem Deutschland all das Unheil verdankt, welches die römische Kirche über dasselbe gebracht hat. Dieser Bonifazius kam nach Rom und leistete Gregor II. über dem erlogenen Grabe der Apostel einen Huldigungseid, durch welchen er sich dem Papsttum, nicht dem Christentum, mit Leib und Seele unterwarf. Mit heiligen Knochen aller Art ausgerüstet, ging er nun nach Deutschland und wandte alle von seinem Meister in Rom erlernten Mittel an, die deutschen Bischöfe dem Römischen Stuhl zu unterwerfen. Das Christentum hatte in Deutschland längst Wurzel gefaßt; allein Bonifazius rottete es als Ketzerei aus und gab ihm dafür das moderne Heidentum, welches man schon damals in Rom christliche Religion nannte. Er stiftete als Legat des römischen Bischofs eine Menge Kirchen in Deutschland, die er S. 131
alle demselben unterwarf, und seinen Bemühungen gelang es, zustande zu bringen, daß im Jahre 744 sämtliche deutsche Bischöfe dem Römischen Stuhle beständigen Gehorsam gelobten. Auch über die fränkischen Bischöfe erlangte der zu Rom eine Art von Oberhoheit; allein sowohl hier als in Deutschland hatte dieselbe noch ziemlich enge Grenzen, und man war weit davon entfernt, ihm die gesetzgebende Gewalt über die ganze Kirche einzuräumen. Aber es war schon genug, daß man ihm eine gewisse Autorität einräumte; mit Lug und Trug kamen, wie wir sehen werden, die Päpste bald weiter. Wenn auch Pipin sich sehr demütig zeigte, so fiel es doch seinem Sohn, Karl dem Großen, obwohl er sich in Rom vom Papste zum Kaiser krönen ließ; nicht im allerentferntesten ein, sich diesem unterzuordnen; er betrachtete ihn als den ersten Reichsbischof, denn er selbst trat in alle Rechte, welche sonst der römische Kaiser ausgeübt hatte. Aber dieser sonst so vernünftige Mann, welcher die Geistlichkeit wegen ihrer Habsucht, Prachtliebe und Sittenlosigkeit sehr derb zurechtwies, beging den dummen Streich, den Pfaffen ein wichtiges Recht zu gewähren, welches nur dazu diente, die Macht zu stärken, von der Karls Nachfolger mißhandelt wurden; er bestätigte das Recht des Zehnten. Als die christlichen Priester sich ganz nach dem Muster der jüdischen bildeten, verlangten sie auch wie diese den zehnten Teil der Ernte usw. für sich. Bisher hatten sie die gläubigen Christen zur Zahlung dieser Abgabe zu überreden gewußt, und wenn auch schon am Ende des siebenten Jahrhunderts eine fränkische Synode den Zehnten für eine göttliche Satzung erklärte und jeden mit dem Bann bedrohte, der ihn nicht bezahlen wollte, so war dies doch eben weiter nichts als ein Beweis pfäffischer Unverschämtheit, die wir deren so viele haben. Karl der Große machte den Zehnten erst gesetzlich, und bald dehnten ihn die Pfaffen auf alles mögliche aus. Sie verlangten nicht nur den Zehnten von den Feldfrüchten, Schafen, Ziegen, Kälbern, Hühnern und dem Erwerb, sondern sie wollten ihn sogar von Dingen erheben, die sich für Geistliche sehr schlecht schickten. Als Beweis mag folgender Fall dienen: Zu Brescia belehrte ein Pfarrer die Frauen im Beichtstuhl, daß sie ihm auch den Zehnten von - ehelichen Umarmungen entrichten müßten. Eine der Frauen, welche sich von der Rechtmäßigkeit der geistlichen Ansprüche hatte überzeugen lassen, S. 132
wurde von ihrem Manne wegen ihrer langen Abwesenheit zur Rede gestellt; von ihm gedrängt, beichtete sie das saubere Beichtstuhlgeheimnis. Der beleidigte Ehemann sann auf eine herbe Züchtigung. Er veranstaltete ein großes Gastmahl, zu welchem auch der zehntlustige Pfarrer geladen wurde. Als man in der besten Unterhaltung war, erzählte der Wirt der Gesellschaft die Nichtswürdigkeit des Pfaffen und wandte sich dann plötzlich an diesen, indem er ihm sagte: "Da du nun von meiner Frau den Zehnten von allen Dingen verlangst, so empfange nun auch den hier!" Dabei überreichte er dem Pfaffen ein Glas voll Urin usw. und zwang den halbtoten Pfarrer, dasselbe vor den Augen der ganzen Gesellschaft zu leeren. Seitdem wird ihm wohl der Appetit nach dem Zehnten etwas vergangen sein. Karls des Großen unwürdige Nachfolger begingen die Torheit, sich gleichfalls von den Päpsten krönen zu lassen, und so wurde in dem Volke bald die Idee erweckt, daß der Papst die Krone zu vergeben habe, da er den Kaiser erst durch die Krönung zum Kaiser mache. Die Einwilligung, welche aber die Päpste zu ihrer Wahl vom Kaiser bedurften, wurde stets in aller Stille und ohne Sang und Klang eingeholt, damit das Volk nichts davon merke. Papst Eugenius entwarf selbst den Eid, welchen er "seinen Herren, den Kaisern Ludwig und Lothar", leistete und den auch seine Nachfolger den Kaisern schwören mußten. Dieser Eid, den ich nicht ausführlich hersetzen will, steht auch in den Diplomen, die von den Kaisern Otto I. und Heinrich I. in der Engelsburg in Rom aufgefunden wurden. Es ist also klar bewiesen, daß die Päpste selbst sich damals durchaus als Untergebene der Kaiser betrachteten. Man erstarrt förmlich über die grenzenlose Unverschämtheit, mit welcher die Päpste dies abzuleugnen suchen! Wahrhaft groß darin war Nikolaus I. (858-868). Er behauptete: "daß die Kaiser, wenn sie Synoden für nötig hielten, stets nach Rom geschrieben und nicht befohlen, sondern nur gebeten hätten, eine Synode zusammenzurufen und dann gutgeheißen oder verdammt hätten, was man in Rom für nötig fand". Dieser Nikolaus war sogar dreist genug, zu behaupten, "daß die Untertanen den Königen, die den Willen Gottes (d. h. des Papstes) nicht täten, keinen Gehorsam schuldig wären". Seinen Namen setzte er in allen Schriften vor den der Könige, ja, er S. 133
wagte es, Lothar zu exkommunizieren, und dieser - bat wirklich demütig um Absolution! Die Erzbischöfe Teutgaud von Trier und Günther von Köln traten kühn dem frechen Nickel entgegen. "Du bist ein Wolf unter Schafen", sagten sie zu ihm, "du handelst gegen deine Mitbischöfe nicht wie ein Vater, sondern wie ein Jupiter; du nennest dich einen Knecht der Knechte und spielst den Herrn der Herren, du bist eine Wespe - aber glaubst du, daß du alles tun dürftest, was dir gefällt? Wir kennen dich nicht und deine Stimme und fürchten nicht deinen Donner - die Stadt Gottes, von der wir Bürger sind, ist größer als Babylon, das sich rühmt, ewig zu sein, und das sich brüstet, als ob es nie irren könne!" Doch was halfen solche vereinzelte Anstrengungen? Die starke Kreuzspinne zu Rom spann ihre Lügengewebe über ganz Europa und bestrickte damit endlich Könige, Bischöfe und Volk! Es ging aber damit den Päpsten noch immer zu langsam, sie ersannen einen Betrug, der ihnen schneller zum Ziele helfen sollte und, Dank der Dummheit der Menschen, leider auch half! Niemand wollte noch an die Rechtmäßigkeit all der Rechte glauben, welche die Päpste nach und nach usurpiert hatten. Dies war ihnen in vielen Fällen fatal, und sie mußten sehr wünschen, nachweisen zu können, daß schon die ersten römischen Bischöfe solche Machtvollkommenheit gehabt hätten, wie sie dieselben in Anspruch nahmen. Zu diesem Ende wurden zu Anfang des neunten Jahrhunderts die in der Geschichte unter dem Namen der Pseudo-Isidorischen Dekretalen bekannten falschen Urkunden von einem päpstlichen Betrüger zusammengestellt. Sie wurden unter dem Namen des höchst geachteten Bischofs Isidor von Sevilla, der 636 starb, verbreitet und begannen mit sechzig Briefen der allerersten Bischöfe Roms, denen eine Menge bischöflicher Dekretalen (Beschlüsse), echte und falsche, folgten. Der Hauptzweck dieser Fälschung war es, die ganze Kirchenzucht über den Haufen zu werfen, den römischen Bischof zum unumschränkten Kirchenmonarchen zu machen, ihm mit Vernichtung aller Metropolitan- und Synodalgewalt die Bischöfe unmittelbar zu unterwerfen; die Kirche von aller weltlichen Gerichtsbarkeit unabhängig zu machen und allen Einfluß des Staates auf kirchliche Angelegenheiten und Verhältnisse zu zerstören. S. 134
In diesem sauberen Spitzbubenwerk ist auch eine Schenkungsurkunde enthalten, durch welche der Kaiser Konstantin dem Apostel Petrus das ganze abendländische Reich und dessen Hauptstadt Rom zusichert! Das Betrügerische dieser Briefe und Urkunden liegt so klar am Tage, daß man kaum begreift, wie selbst Bischöfe ihnen damals Glauben schenken konnten. Aber die meisten derselben waren ungelehrte Leute, welche nicht einmal die Geschichte ihrer Kirche kannten. Fragte ein Gescheiter einmal nach den Originalen dieser Dekretalen, die doch in Rom aufbewahrt sein mußten und von denen man die Abschriften gemacht hatte, dann wußte man sehr schlau und ausweichend zu antworten, und die meisten Bischöfe ließen fünf gerade sein, da sie lieber von dem entfernten Bischof von Rom als von ihrem Metropolitan abhängig sein wollten, der ihnen zu nah auf die Finger sehen konnte. In diesen Briefen, die angeblich von den römischen Bischöfen der ersten Jahrhunderte geschrieben sein sollten, kommen Bezeichnungen von Dingen vor, die man zu ihrer Zeit noch gar nicht kannte. Ja, der betrügerische, unwissende Fälscher, welcher dies Buch verfaßte, läßt diese Bischöfe Stellen aus der Bibel nach der Übersetzung des viel später lebenden heiligen Hieronymus, selbst aus Büchern zitieren, die erst im siebenten Jahrhundert geschrieben waren! Noch mehr, es sind sogar Stellen aus den Beschlüssen einer Synode zu Paris im Jahre 829 in diesem ungeschickten Machwerke aufgenommen! Doch wie lächerlich es auch klingen mag, diese Pseudo-Isidorischen Dekretalen, diese anerkannte Fälschung, sind die Grundlagen des Papsttums. Durch sie wurden die Päpste unumschränkte Gesetzgeber in geistlichen und weltlichen Dingen, durch sie erhoben sie sich über Fürsten und Völker, ließen sich als Halbgötter anbeten, verfügten willkürlich über große Reiche, ja, verschenkten ganze Weltteile. Der Titel also, den ein meuchelmörderischer Schurke Phokas erteilte; die Schenkung ihm nicht gehörigen Gutes, welche ein Usurpator, Pipin, machte, und eine ganz gemeine Fälschung, diese Pseudo-Isidorischen Dekretalen, bilden die unheilige Dreieinigkeit, auf welcher die päpstliche Macht gegründet ist. Mord, Diebstahl, Fälschung! Ein sauberes Fundament! Das Gebäude, welches darauf erbaut wurde, hielt bis auf den heutigen Tag, denn es war gemörtelt mit der Dummheit S. 135
der Menschen, und die Risse, welche die Vernunft zu manchen Zeiten darin machte, wurden zugeleimt mit dem Blute von Millionen! Die Pseudo-Isidorischen Dekretalen äußerten schon ihre Kraft unter dem obengenannten Papst Nikolaus I. und noch mehr unter Johannes VIII., der 872 den Römischen Stuhl bestieg. Er gebärdete sich schon wie ein rechter Papst und sprach von dem Kaiser Karl dem Kahlen: "da er von Uns zum Kaiser gekrönt sein will, so muß er auch zuerst von Uns gerufen und erwählt sein." Er war der erste, welcher den Kronkandidaten eine förmliche Kapitulation vorlegte, ehe sie zur Krönung nach Rom kommen durften. Karl dem Dicken, der einige Klostergüter verschenkt hatte, schrieb er: "Wenn du solche binnen sechzig Tagen nicht wieder schaffst, sollst du gebannt sein, und wenn auch dies nicht hilft, durch derbere Schläge klug werden." Er sprach in einem Schreiben an die deutschen Bischöfe mit dürren Worten aus, wohin das Streben aller Päpste zielte: "Was schaffen wir denn in der Kirche an Jesu Statt, wenn wir nicht für Jesus gegen der Fürsten Übermut kämpfen? Wir haben, sagt der Apostel, nicht mit Fleisch und Blut, sondern wider die Fürsten und Gewaltigen zu kämpfen." - Stephan V. (885-891) war schon nicht mehr damit zufrieden, ein Mensch zu sein, denn er sagte: "Die Päpste werden, wie Jesus, von ihren Müttern durch die Überschattung des Heiligen Geistes empfangen; alle Päpste seien so eine gewisse Art von Gott-Menschen, um das Mittleramt zwischen Gott und den Menschen desto besser betreiben zu können; ihnen sei auch alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen worden." Doch nicht nur die Päpste der alten Zeit beanspruchten solche Gottmenscherei; alle römischen Priester tun es bis in die neueste Zeit, und als Beweis dafür will ich eine Stelle aus einer Predigt anführen, welche am 16. August 1868 in der Pfarrkirche zu Ebersberg von dem Kooperator in Oberdorfen, Anton Häring, gehalten wurde. Dieser Gott-Häring sagt: "Mit der Absolutionsgewalt hat Jesus dem Priestertum eine Macht verliehen, die selbst der Hölle furchtbar ist, der selbst Luzifer nicht zu widerstehen vermag; eine Macht, die sogar hinüberreicht in die unermeßliche Ewigkeit, wo sonst jede irdische Macht ihre Grenze und ihr Ende findet; eine Macht, sage ich, die Fesseln zu brechen vermag, welche für eine Ewigkeit geschmiedet waren durch die begangene schwere Sünde. Ja, für- S. 136
wahr! diese Macht der Sündenvergebung macht den Priester gewissermaßen zu einem zweiten Gott, denn - Sünden vergeben kann naturgemäß eigentlich nur Gott. Und doch ist das noch nicht die höchste Spitze der priesterlichen Macht, seine Gewalt reicht noch höher; Gott selbst nämlich vermag er sich dienstbar zu machen! Wieso? Wenn der Priester zum Altare schreitet, um das heilige Meßopfer darzubringen, da erhebt sich gleichsam Jesus Christus, der da sitzt zur Rechten des Vaters, von seinem Thron, um bereit zu sein auf den Wink seines Priesters auf Erden. Und kaum beginnt der Priester die Konsekration, da schwebt auch schon Jesus, umgeben von himmlischen Scharen, vom Himmel zur Erde und auf den Opferaltar nieder und verwandelt auf die Worte des Priesters hier Brot und Wein in sein seliges Fleisch und Blut und läßt sich dann von den Händen des Priesters heben und legen, und wenn er auch der sündhaftigste und unwürdigste Priester ist. Fürwahr, eine solche Macht übertrifft selbst die Macht der höchsten Himmelsfürsten, ja, sogar die Macht der Himmelsköniginnen. Darum pflegte der heilige Franziskus von Assisi mit Recht zu sagen: 'Wenn mir ein Priester und ein Engel zugleich begegnen würden, so würde ich zuerst den Priester grüßen, dann erst den Engel, weil der Priester eine viel höhere Macht und Hoheit besitzt als die Engel.'" Ich führe diese Stelle aus einer erst wenige Jahre alten Predigt nur deshalb an, um zu beweisen, daß der dumme Glauben unter den römisch-katholischen Christen noch kein überwundener Standpunkt ist, wie viele Leute im Norden von Deutschland glauben. - Doch kehren wir zu den Päpsten zurück. Der Strom der päpstlichen Nichtswürdigkeit und Unfläterei wird nun immer breiter und stinkender. Mit dem zehnten Jahrhundert beginnt die Zeit, welche in der Geschichte als das "römische Hurenregiment" berüchtigt ist. Gemeine Huren regieren die Christenheit und schalten und walten nach Gefallen über den sogenannten Apostolischen Stuhl. Ich könnte leicht parteiisch erscheinen, wenn ich diese schmachvolle Periode der Wahrheit getreu charakterisierte, deshalb mag für mich ein durchaus päpstlicher Schriftsteller reden, nämlich Kardinal Baronius. Er sagt: "In diesem Jahrhundert war der Greuel der Verwüstung im Tempel und Heiligtum des Herrn zu sehen, und auf Petri Stuhl saßen die gottlosesten Menschen, nicht Päpste, sondern Ungeheuer. Wie häß- S. 137
lich sah die Gestalt der römischen Kirche aus, als geile und unverschämte Huren zu Rom alles regierten, mit den bischöflichen Stühlen nach Willkür schalteten und ihre Galane und Beischläfer auf Petri Stuhl setzten." Doch man darf ja nicht glauben, daß nur die Päpste ein so unwürdiges Leben führten, nein, verdorben wie das Haupt, so waren auch die Glieder. König Edgard sagte in einer Rede von der englischen Geistlichkeit: "Man findet unter der Klerisei nichts anderes als Üppigkeiten, liederliches Leben, Völlerei und Hurerei. Ihre Häuser haben sie ganz infam gemacht und sie in Hurenherbergen verwandelt. Tag und Nacht wird darin gesoffen, getanzt und gespielt. Ihr Bösewichte, müsset ihr die Vermächtnisse der Könige und die Almosen der Fürsten so anwenden?" - Ich werde später hinlängliche Beweise anführen, daß König Edgard die Wahrheit sprach und daß seine Strafrede nicht allein die Geistlichen Englands, sondern aller Länder anging. Nicht der Heilige Geist, sondern die Mätresse des mächtigen Markgrafen Adalbert von Toskana, Marozia, erhob Sergius III. auf den Päpstlichen Stuhl und zeugte mit ihm hier ein Söhnlein, welches später ebenfalls Papst wurde. Als Sergius starb, gab ihm Marozia und ihre Schwester Theodora ihren Liebhaber Anastasius II. zum Nachfolger. Diesem folgte in kurzer Zeit, weil das Schwesternpaar viel Päpste konsumierte, Johannes X., der es aber mit Marozia verdarb, die ihn gefangensetzen und ersticken ließ. Leo VI., der ihm folgte, wurde ebenfalls nach einigen Monaten ermordet. Endlich machte Marozia ihren mit Sergius III. erzeugten Sohn Johannes XI., der noch fast ein Kind war, zum Papst. Mord und Totschlag erfüllte Rom. Einer der Feinde des Papstes bemächtigte sich desselben und ließ ihn im Gefängnis vergiften. Die tolle Wirtschaft, die in Rom und überhaupt in Italien zu dieser Zeit herrschte, ist zu bunt und verwirrt, als daß ich mich auf Einzelheiten einlassen könnte. Im Jahre 956 gelang es einem Enkel der Marozia, namens Oktavian, den Päpstlichen Stuhl zu erobern, obwohl er erst neunzehn Jahre alt und niemals Geistlicher gewesen war. Er nannte sich Johannes XII. und ist ein wahres Juwel von einem Papst, der es noch toller trieb als sein gleichzeitiger Kollege, der griechische Patriarch Theophylaktus - ein Junge von sechzehn Jahren! S. 138
Johannes verkaufte Bistümer und Kirchenämter an den Meistbietenden und verwandte ungeheure Summen auf Pferde und Hunde. Von den ersteren hielt er nicht weniger als 2 000, und diese fütterte er aus bloßer Verschwendungssucht mit Pistazien, Rosinen, Mandeln und Feigen, die vorher in gutem Wein eingeweicht waren. Guter Hafer und Heu wäre ihnen wahrscheinlich lieber gewesen. Unter seiner Regierung ging es recht lustig zu, man lachte und tanzte in der Kirche und sang dazu liederliche Lieder. Der päpstliche Palast wurde von Johannes XII. in einen Harem verwandelt. "Kein Weib war so keck, sich sehen zu lassen, denn Johannes notzüchtigte alles, Mädchen, Frauen und Witwen, selbst über den Gräbern der heiligen Apostel." So erzählt von ihm der Bischof von Cremona, Luitprand. Diese Wirtschaft wurde endlich Kaiser Otto I. zu toll. Er berief ein Konzil, und hier erfuhr er von dem "Heiligen Vater" höchst unheilige Dinge. Die achtungswertesten Bischöfe traten gegen ihn als Ankläger auf. Einer sagte, daß er gesehen, wie der Papst einen im Pferdestalle zum Bischof ordinierte. Andere bewiesen, daß er Bischofstellen für Geld verkaufte und daß er einen zehnjährigen Knaben zum Bischof von Lodi machte. Die Unzucht will ich hier übergehen, da sie zuviel Platz wegnehmen würde. Man beschuldigte ihn ferner, daß er den Kardinal-Subdiakonus kastriert, mehrere Häuser in Brand gesteckt, beim Wein auf des Teufels Gesundheit getrunken und beim Würfelspiel oftmals Venus und Jupiter angerufen habe. Nachdem die Synode feierlichst die Wahrheit dieser Aussagen beschworen hatte, bat sie den Kaiser, den Papst trotz aller Beweise nicht ungehört zu verdammen. St. Johannes wurde daherzitiert, aber statt seiner kam ein Brief, in welchem er schrieb: "Wir hören, daß ihr einen andern Papst wählen wollt. Ist das eure Absicht, so exkommuniziere ich euch alle im Namen des allmächtigen Gottes, damit ihr außer Stand gesetzt werdet, weder einen Papst zu verdammen noch eine Messe zu halten." Nun machte Otto I. nicht viel Umstände mit dem liederlichen Hans, setzte ihn ab und den von Volk, Adel und Geistlichkeit erwählten Leo VIII. an seine Stelle. Hänschen hatte sich mit den Schätzen der Peterskirche davongemacht. Als Kaiser Otto mit seinen schwerfälligen Deutschen abmarschiert war, da verlangten die römischen Damen nach ihrem Liebling Johannes und wußten es durch ihren Anhang dahin S. 139
zu bringen, daß er wieder im Triumph in Rom eingeholt wurde. Leo gelang es zu entkommen, aber mehrere seiner Freunde fielen Johannes in die Hände, der sie schändlich verstümmeln ließ. Otgar, Bischof von Speyer, einer dieser Freunde, der noch in Rom war, wurde so lange gepeitscht, bis er tot war! Der Heilige Vater, Johannes XII., genoß aber die neue Herrlichkeit nicht lange. Er entführte eine schöne Frau, wurde von dem Manne derselben auf der Tat ertappt und auf der Bresche der erstürmten Zitadelle totgeschlagen. Ein seltsames Sterbekissen für einen heiligen Papst! Ich habe die Taten dieses Johannes etwas ausführlicher erzählt, um die Leser vorzubereiten auf die späteren Päpste, die noch heiliger waren als er. Die andern "Heiligkeiten" dieses Jahrhunderts will ich kürzer abhandeln. Leo VIII. und Benedikt V. wurden bald abgetan, und es bestieg den päpstlichen Stuhl Johann XIII. (965-972), den die Römer wegjagten, weil er zu stolz und gewalttätig war und an dessen Stelle Benedikt VI. zum Papst gemacht wurde. Dieser wurde aber auch bald von einem Sohn der Marozia und des Papstes Johann X. ins Gefängnis geworfen und erdrosselt. Johann XIV. wurde ebenfalls von einem seiner Gegenpäpste, Bonifazius VII., eingesperrt und vergiftet; aber dieser Giftmischer starb bald darauf, und seine Leiche wurde von den erbitterten Römern durch alle Pfützen geschleift und dann auf offener Straße liegengelassen wie ein Aas. Einige Geistliche holten sie hinweg und begruben sie heimlich. Johann XV. (985-996) maßte sich das ausschließliche Recht der Seligsprechung und Heiligsprechung an, welches bisher jeder Bischof nach Gefallen ausgeübt hatte. Jobann XVI. wurde von seinem Gegner Gregor V. (996-998) gefangengenommen und hatte ein klägliches Ende. Gregor ließ ihn an Augen, Ohren und Nase schrecklich verstümmeln, in einem beschmutzten priesterlichen Gewande rücklings auf einem Esel, den Schwanz in der Hand, durch die Straße führen und dann in einem Kerker elend verhungern. Ich darf nicht vergessen, hier eine Sage einzuschieben, welche von den Feinden des Papsttums immer mit großer Schadenfreude erwähnt wurde, wenn auch neuere Schriften sie als eine Erbdichtung behandeln. Es ist die berüchtigte Geschichte von der Päpstin Johanna. Man erzählt nämlich, daß zwischen Leo III. und Benedikt IV. ein Frauenzimmer unter dem Namen Johann VIII. auf dem S. 140
Päpstlichen Stuhle gesessen habe. Bald machte man diese Päpstin zu einem englischen, bald zu einem deutschen Mädchen und nennt sie Johanna, Guta, Dorothea, Gilberta, Margaretha oder Isabella. Sie soll mit ihrem Liebhaber, als Jüngling verkleidet, nach Paris gegangen sein, dort studiert und sich solche Gelehrsamkeit erworben haben, daß man sie, als sie später nach Rom kam, zum Papste wählte. Dieser Papst war aber, so erzählt die Sage weiter, vertrauter mit dem Kämmerer als mit dem Heiligen Geist, und der Heilige Vater fühlte, daß er eine Heilige Mutter werden wollte. Es erschien ihr ein Engel - die Engel flogen damals noch wie die Sperlinge herum -, der ihr die Wahl ließ, ob sie ewig verdammt oder vor der Welt öffentlich beschimpft sein wollte. Sie wählte das letztere und kam in öffentlicher Prozession zwischen dem Kolosseum und der Kirche St. Clemens mit einem jungen Päpstlein nieder. Jeder Hof hat seine geheime Geschichte, und die vorgefallenen Schändlichkeiten werden meist so gut vertuscht, daß der spätere gewissenhafte Geschichtsschreiber die sich hin und wieder davon vorfindenden, sich oft widersprechenden Erzählungen als nicht hinlänglich begründet verwerfen muß. Ich habe Büchertitel gelesen, auf denen versprochen ist, die Echtheit der Päpstin Johanna aus mehr als hundert päpstlichen Schriftstellern nachzuweisen; aber andere Titel, die ebenso gründlich und zuversichtlich klingen, versprechen gerade das Gegenteil. Die Sache ist an und für sich nicht so wichtig, deshalb habe ich meine Zeit nicht damit verloren, sie historisch zu untersuchen, was eine sehr mühsame Arbeit sein möchte, und ich muß sie dem Glauben oder Unglauben der Leser überlassen. Seit dieser ärgerlichen Geschichte, fährt die Sage fort, mußte sich der neuerwählte Papst auf einen durchlöcherten Stuhl setzen vor versammelter Geistlichkeit und Volk. Dann mußte ein Diakonus unter den Stuhl greifen und sich handgreiflich davon überzeugen, ob der Papst das habe, was der Johanna fehlte und was ein Papst jener Zeit durchaus zur Regierung der Christenheit nicht entbehren konnte. Fand er alles in Ordnung, dann rief er mit feierlicher Stimme: Er hat, er hat, er hat! (habet, habet, habet!) Und das Volk jubelte! Gott sei gelobt! - Dieser Stuhl hieß der Untersuchungsstuhl oder auch sella stercoraria. Erst Leo X. soll diesen Gebrauch abgeschafft haben. Gregor V., der letzte Papst im zehnten Jahrhundert, war S. 141
der erste, welcher das Interdikt auf ein Land schleuderte, und zwar auf Frankreich. "Das Interdikt war die furchtbarste und wirksamste Taktik der Kirchendespoten und der recht eigentliche Hebel der geistlichen Universalmonarchie." Jetzt mag der Papst bannen und interdizieren, soviel er will, es kräht kein Hahn danach; allein in jener finstern Zeit konnte ein Land kein größeres Unglück treffen als das Interdikt. Trauer und Verzweiflung waren über dasselbe ausgebreitet, als wüte die Pest. Der Landmann ließ seine Arbeit liegen, denn er glaubte, daß der verfluchte Boden nur Unkraut statt Früchte trüge; der Kaufmann wagte es nicht, Schiffe auf die See zu schicken, weil er befürchtete, Blitze möchten sie zertrümmern; der Soldat wurde ein Feigling, denn er meinte, Gott sei gegen ihn. Keine Wallfahrt, keine Taufe, keine Trauung, kein Gottesdienst, kein Begräbnis mehr! Alle Kirchen waren geschlossen, Altäre und Kanzeln entkleidet, die Bilder und Kreuze lagen auf der Erde; keine Glocke tönte mehr, kein Sakrament wurde ausgeteilt: die Toten wurden ohne Sang und Klang verscharrt wie Vieh, in ungeweihter Erde! - Ehen wurden nur eingesegnet auf den Gräbern, nicht vor dem Altare - alles sollte verkünden, daß der Fluch des Heiligen Vaters auf dem Lande laste. Kurz, die ganze Pfaffheit mit allem, was daran und darum hängt, war suspendiert. Es war ein Zustand, wie ich ihn - die Dummheit des Volkes abgerechnet - dem deutschen Volke von ganzem Herzen wünsche. Der Bann oder die Exkommunikation kommt schon weit früher in der christlichen Kirche vor, aber dann war er immer nur gegen einen einzelnen gerichtet, und dieser hatte daran schwer zu tragen, wenn er sich auch persönlich gar nichts daraus machte. Das Volk betrachtete ihn als dem Teufel verfallen und floh seine Gemeinschaft, als ob er ein Pestkranker sei. Die Überbleibsel seiner Tafel, und wenn es die einer kaiserlichen waren, rührte selbst der Ärmste nicht an; sie wurden verbrannt. Mit der Exkommunikation wurde der Gebannte auch zugleich für bürgerlich tot erklärt. Er konnte keine Rechtssache vor Gericht führen, nicht Zeuge sein, kein Gut zu Lehen oder in Pacht geben usw. Vor die Tür eines Gebannten stellte man eine Totenbahre, und seine Leiche durfte nicht in geweihter Erde begraben werden. Hieraus wird man es erklärlich finden, daß selbst Könige vor dem Banne zitterten. S. 142
Sylvester II., der Nachfolger Gregors V., ist der einzige Papst, von welchem die päpstlichen Geschichtsschreiber mit Bestimmtheit melden, daß ihn der Teufel geholt habe. Er war nämlich ausnahmsweise gescheit, trieb viel Mathematik, begünstigte die Wissenschaften und dergleichen Teufeleien. Ihm verdanken wir auch die arabischen, daß heißt unsere gewöhnlichen Zahlen. Diesem gescheiten Papst hatte, so erzählt man, der Teufel die Papstwürde verheißen und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in Jerusalem Messe lesen würde. Dazu war wenig Hoffnung, denn diese Stadt war von den Sarazenen besetzt, und Sylvester glaubte, die Bedingung eingehen zu können. Wie der Teufel mit dem Heiligen Geist fertig wurde, der sonst die Papstwahlen leiten soll, weiß ich nicht; genug, Sylvester wurde gewählt und hatte nicht die geringste Lust, in Jerusalem Messe zu lesen. - Aber der Teufel ist ein Schalk. Es gab in Rom eine Kapelle, welche den Namen Jerusalem führte; hier las der Papst Messe, ohne an den Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise. Sylvesters Grab hat lange geschwitzt, und seine Gebeine rasselten. Schrecklich! Die Pseudo-Isidorischen Dekretalen hatten im zehnten Jahrhundert schon ihre Blüten entfaltet; aber im elften fingen sie an, ausgiebig Frucht zu tragen. In demselben sahen wir das Papsttum in seiner höchsten Macht und Gregor VII. auf dem Gipfelpunkt desselben. Ehe ich noch von dem gewaltigen Papst rede, muß ich erwähnen, daß schon vor seiner Zeit das Kollegium der Kardinäle zu sehr hoher Bedeutung gelangte. Ursprünglich gab es nur sieben Kardinals (von cardo, Türangel ), und es waren dies die vornehmsten Geistlichen Roms. Da nun der Einfluß dieser Herren sehr stieg und alle Geistlichen nach dieser Würde trachteten, so sahen sich die Päpste genötigt, die Zahl der "Türangeln der Kirche" unter allerlei Abstufungen zu vermehren, bis sie endlich, weil Jesus siebenzig Jünger hatte, auf diese Zahl stieg. Allmählich wurde der Geistlichkeit und dem Volke das Recht der Papstwahl "entzogen", was man in nicht diplomatischern Deutsch gestohlen nennt, und die Kardinäle maßten sich das ausschließliche Recht derselben an. Dieses Kollegium, aus und von welchem der Papst nun gewählt wurde, hatte ein direktes Interesse daran, das Ansehen des Päpstlichen Stuhles S. 143
auf jede Weise zu fördern, denn es konnte ja jedes Mitglied desselben selbst Papst werden. Die Kardinäle wußten sich bald die größten Vorrechte zu verschaffen. Sie machten Anspruch auf einen Rang unmittelbar nach den Königen und verlangten den Vorrang vor allen Kurfürsten, Herzogen und Prinzen. Sie, die eigentlichen Privatdiener des Papstes, standen weit höher als Erzbischöfe und Bischöfe, welche doch sämtlich ebensoviel wie der Papst selbst waren. Da haben ja auch in manchen unserer deutschen Staaten die Kammerherren, die dem Fürsten den Operngucker nachtragen müssen, Oberstenrang. Die Kardinäle trugen Purpur. Begegneten sie einem Verbrecher auf seinem Wege zum Galgen, so konnten sie ihn befreien. Sie selbst verdienten, wie wir sehen werden, diesen Galgen sehr häufig; allein ich glaube nicht, daß jemals ein Kardinal durch rechtskräftigen Urteilsspruch zum Tode verurteilt worden ist, denn es war beinahe unmöglich, ihn eines Verbrechens zu überführen, da nicht weniger als zweiundsiebzig Zeugen dazu nötig waren. Kardinäle durften jede Königin oder Fürstin auf den Mund küssen, und keiner durfte ein Einkommen unter 4 000 Skudi haben. Der Posten eines Kardinals ist einer der bequemsten in der ganzen Christenheit. Gregor VII. (1073-85) war der Sohn eines Handwerkers und heißt eigentlich Hildebrand. Er war nur klein von Körper, aber der größte und kräftigste Geist, der je auf dem Päpstlichen Stuhl gesessen. Sein Zeitgenosse, der Kardinal Damiani, nannte ihn einen heiligen Satan, und die später reformierten Schriftsteller titulierten ihn nie anders als Höllenbrand. Schon als Kardinal beherrschte er unter den ihm vorhergehenden Päpsten den "Apostolischen Stuhl" und wußte es durch Intrigen und Heuchelei dahin zu bringen, daß man ihn selbst auf denselben erhob und daß Kaiser Heinrich IV., trotz aller Warnungen gutgesinnter Bischöfe, ihn bestätigte. Dieser Grobschmiedesohn Hildebrand schmiedete die Kette, unter welcher die Welt seit achthundert Jahren seufzt. Er ist der eigentliche Begründer des Papsttums. Unablässig trachtete er danach, seine Idee von einer Universalmonarchie zu verwirklichen, und seinem echt pfäffischen Genie, welches kein Mittel verschmähte, gelang es auch. Kaum war er Papst, so behauptete er: die ganze Welt sei ein Leben des Päpstlichen Stuhls. Mehrere Fürsten waren so töricht, dieser Ansicht beizupflichten und ihre Reiche von ihm S. 144
zu Lehen zu nehmen. Diejenigen Fürsten, bei denen all seine nichtswürdigen Künste und Lügen nichts fruchteten, tat er in den Bann, und ich habe oben gezeigt, was ein solcher Bann damals zu bedeuten hatte. Ein exkommunizierter König war nach Gregors Grundsatz seiner Macht und Würde entsetzt, und alle Untertanen waren ihres Eides und Gehorsams entbunden. Da man sich bereits daran gewöhnt hatte, den Papst als den Statthalter Gottes zu betrachten, so wurde es ihm nicht schwer, bei der verdummten Menschheit seinen Anmaßungen Geltung zu verschaffen. Zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne hielt es Gregor für nötig, die Geistlichkeit von allen Banden zu trennen, durch welche sie mit der bürgerlichen Gesellschaft und mit dem Staate verbunden war; sie sollte kein anderes Interesse als das der Kirche haben und dieser mit Leib und Seele angehören. Da Familienbande die fesselndsten und einflußreichsten Bande von allen sind, so unternahm er es, um jeden Preis die Ehe bei Geistlichen auszurotten. Gregor VII. ist der Urheber der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester oder des Zölibats. Wer die Süßigkeit und den Segen des Familienlebens kennt kann sich wohl vorstellen, daß die Geistlichen dem Papste hierin den größten Widerstand leisteten. Der Kampf der Priester um ihre Weiber dauerte zwei Jahrhunderte, endlich unterlagen sie. In der Folge werde ich mich weitläufiger über diesen Kampf auslassen, bei welchem der dumme Fanatismus der Völker die Päpste mächtig unterstützte, wie auch über die verderblichen Folgen, welche das Zölibat für die menschliche Gesellschaft hatte. Ein anderer Schritt, den Gregor zur Erreichung seines Zweckes tat, war die Vernichtung des Investiturrechtes. Die höhere Geistlichkeit war von den Fürsten mit Reichtümern überschüttet, mit Land und Leuten begabt und mit fürstlichen Ehren und Rechten versehen worden; allein Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte waren Vasallen des Reichs. Als solche übergaben ihnen die Fürsten bei der Belehnung einen Ring zum Zeichen der Vermählung des Bischofs mit der Kirche, und einen Hirtenstab, als Zeichen des geistlichen Hirtenamts. Der Geistliche wurde nicht eher in den Genuß seiner Würde eingesetzt, bis diese Zeremonie stattgefunden hatte, welche die Investitur genannt wurde. Sie war das Band, durch welches die Bischöfe mit dem Landesfürsten zusammenhingen. S. 145
Dieses Band wollte Gregor lösen, um der weltlichen Macht alle Gewalt über die Kirche und deren Diener zu entziehen. Auf einer Synode (1075) erließ er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes ihrer Ämter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, das heißt Nichtgeistlichen, zu empfangen, und welches den Laien untersagt, dieselbe bei Strafe des Bannes zu erteilen. Die Fürsten waren erstaunt über die neue Anmaßung des hochmütigen Pfaffen und kehrten sich nicht an seine Befehle. Gregor wußte jedoch sehr wohl, was er wagen konnte, er mühte sich nicht mit den kleineren Fürsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den angesehensten unter ihnen, gegen den Kaiser, richtete. Heinrich IV. hatte in Deutschland unter den Mächtigen viele Gegner. Gregor schürte die Streitigkeiten mit denselben und machte die Sache der Feinde des Kaisers zu der seinigen. Endlich hatte er die Frechheit, den Kaiser nach Rom zu zitieren, damit er sich vor ihm verantworte! Heinrich, dessen Vater noch drei Päpste abgesetzt hatte, war empört über diese Unverschämtheit und berief eine Synode nach Worms, von welcher Gregor einstimmig in den Bann getan und abgesetzt wurde. Während dies in Worms geschah, sprang auch in Rom eine Mine gegen Gregor. Eine Menge Gebannter vereinigte sich, überfiel ihn in der Kirche, als er gerade Hochamt hielt, und schleppte ihn bei den Haaren ins Gefängnis; der verblendete Pöbel in Rom setzte ihn wieder in Freiheit. Gregor lechzte nach Rache. Die Absetzungsdekrete beantwortete er damit, daß er Heinrich IV. und alle seine Anhänger in den Bann tat, die Untertanen ihres Eides entband und den Kaiser absetzte! Zugleich überschwemmten Mönche, die bereitwilligen Handlanger der Päpste, ganz Deutschland und bearbeiteten das Volk. Zuerst schrie man hier fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, denn im Schreien waren die Deutschen schon damals groß, aber Heinrichs Gegner handelten. Durch Hildebrands Intrigen verführt, fielen allmählich die Anhänger des Kaisers von demselben ab, nur Herzog Gottfried von Lothringen blieb ihm treu; Gregor schaffte ihn durch Meuchelmord aus dem Wege. Die erbärmlichen deutschen Fürsten versammelten sich zu Tibur und erklärten hier dem Kaiser: "daß sein Reich zu Ende S. 146
sei, wenn er sich nicht innerhalb eines Jahres vom Banne befreie!" Niedergedrückt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt verlassen - nur wenige Soldaten waren noch bei ihm -, entschloß sich der deutsche Kaiser, nach Rom zu gehen und den durch die Dummheit der Menschen so furchtbar gewordenen Gegner zu versöhnen. - In der strengen Kälte, in einem armseligen Aufzuge ging er über die Alpen. Die Italiener strömten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines Heeres den rebellischen Großpfaffen zur Rede stellen, aber die Niederträchtigkeit der Deutschen hatte den Mut und das Herz des ohnehin schwachen Kaisers gebrochen. Er wollte demütig von Gregor Gnade erflehen. Dieser ließ sich nichts weniger träumen als das. Er war auf einer Reise nach Augsburg begriffen und bereits nach der Lombardei gekommen. Als er die Ankunft des Kaisers vernahm, floh er eiligst nach dem festen Schlosse Kanossa, welches seiner Buhlerin, der reichen Markgräfin Mathilde von Toskana, gehörte. Hier erschien der deutsche Kaiser. In einem wollenen Büßerhemde, bloßen Hauptes, barfuß stand er in dem Raum vor der inneren Ringmauer des Schlosses - drei Tage und drei Nächte lang, mitten im Januar, zitternd vor Frost und matt vor Hunger und Durst! Aus den Fenstern des Schlosses schaute Gregor an der Seite seiner Buhlerin auf seinen gedemütigten Feind herab und hätte ihn gern so sterben sehen. Des Papstes unmenschliche Härte brachte alle Hausgenossen zum Murren, und endlich gab er den Bitten der Markgräfin nach, die zwar Heinrichs Feindin, aber barmherziger war, und führte den Kaiser an den Altar. Hier durchbrach Gregor eine Hostie. "Bin ich der Verbrechen schuldig, deren du mich in Worms bezichtigt hast", redete er ihn an, "so mag Gott der Herr meine Unschuld bewähren oder mich durch einen plötzlichen Tod strafen!" - Dann nahm er die Hälfte der Hostie. Gregor war nicht abergläubisch und nicht nervenschwach. Er blieb am Leben. Der Bann wurde nun von Heinrich genommen, aber unter den entehrendsten Bedingungen. "Wirst du dich", sagte Gregor, "auf dem zusammenzurufenden Reichstage rechtfertigen und die Krone wieder erhalten, so sollst du mir gehorsam und untertänig sein." Nach Deutschland zurückgekehrt, richtete der von Kummer S. 147
aller Art betroffene Kaiser sein Auge auf den von ihm selbst erbauten Dom zu Speyer und sagte zu seinem alten Freunde, dem Bischof: "Siehe, ich habe Reich und Hoffnung verloren, gib mir eine Pfründe, ich kann lesen und singen." Der Bischof antwortete: "Bei der Mutter Gottes! das tue ich nicht." - Die lombardischen Städte und Fürsten waren empört über die Demütigung Heinrichs und sagten ihm unverhohlen ihre Meinung. Da ermannte sich der niedergedrückte Kaiser und stellte sich an die Spitze der bald um ihn versammelten Armee. Die pflicht- und ehrvergessenen deutschen Fürsten aber erwählten in dem Herzog Rudolph von Schwaben einen neuen Kaiser. Gregor verhielt sich ruhig, solange nichts Entscheidendes geschehen war; als aber Heinrich in einer Schlacht geschlagen wurde, sandte er dem Gegenkaiser eine Krone zu mit der stolzen Inschrift: Der Fels (der Kirche) gab Petrus, Petrus gab Rudolph die Krone. Über Heinrich wurde aufs neue der gräßliche Bannfluch ausgesprochen. Der Kaiser hatte jedoch seine Mannheit wiedergefunden. Eine Synode setzte Gregor abermals ab, und Guibert, Erzbischof von Ravenna, wurde als Clemens III. zum Papst erwählt. Gregor versuchte seine alten Künste. Er gab den Rebellen die Versicherung, daß noch in demselben Jahre vor dem Petersfeste ein falscher König sterben werde. Um seine Prophezeiung an Heinrich zu erfüllen, sandte er einige Meuchelmörder aus; aber des Papstes böse Absicht wurde zum Segen für Heinrich. Am 15. Juni 1080 schlug er Rudolph, und dieser starb infolge einer in der Schlacht erhaltenen Wunde. Nun rückte Heinrich gegen Rom, vernichtete das Heer der Papsthure Mathilde, eroberte die Stadt und belagerte den rasenden Hildebrand in der Engelsburg. Die von diesem zur Hilfe gerufenen Normannen, welche damals in Unteritalien herrschten, befreiten ihn zwar; aber Gregor mußte vor der Wut der Römer fliehen. Er ging nach Salerno zu den Normannen und endete hier sein fluchbeladenes Leben. Gregor war der erste wirkliche Papst. Er befahl auf einer Synode, daß von nun an nur einer Papst heißen solle in der Christenheit, denn bisher nannten sich alle Bischöfe so. Ein Schriftsteller aus jener Zeit sagt schon: Das Wort Papst in der Mehrzahl ist ebenso gotteslästerlich als den Namen Gottes in der Mehrzahl zu gebrauchen. Gregor wollte Kaiser und Könige zu seinen Untergebenen S. 148
machen und keine andere Herrschaft als die seinige auf der Erde dulden. Darum schrieb er an Heriman, Bischof von Metz: "Der Teufel hat die Monarchie erfunden." Um die christliche Kirche leichter zu regieren, ordnete Gregor an, daß beim Gottesdienst überall die römischen Gebräuche befolgt und die lateinische Sprache gebraucht werden sollten. In den meisten deutschen Kirchen hatte das schon der Römerknecht Bonifazius eingeführt. In einem seiner hinterlassenen Briefe hat Gregor seine Grundsätze niedergelegt.1) Es sind 27, aber ich will nur einige anführen: Der Papst allein kann den kaiserlichen Schmuck tragen. - Alle Fürsten müssen dem Papst den Fuß küssen und dürfen dieses Zeichen der Ehre außer ihm keinem anderen erweisen. - Es ist dem Papst erlaubt, Kaiser abzusetzen. - Sein Urteil kann von keinem Menschen umgestoßen werden, er aber kann aller Menschen Urteil umstoßen. - Die römische Kirche hat nie geirrt und wird auch nach der Schrift niemals irren. - Derjenige ist kein Katholik, der es nicht mit der römischen Kirche hält. - Der Papst kann die Untertanen vom Eid der Treue lossprechen, den sie einem bösen Fürsten geleistet haben. - Es scheint mir nicht nötig, noch einige Bemerkungen über Gregor hinzuzufügen. Bischof Thierry von Verdun sagt von ihm: "Sein Leben klagt ihn an, seine Verkehrtheit verdammt, seine hartnäckige Bosheit verflucht ihn." Ich habe nun das Papsttum bis zum Gipfel seiner Macht begleitet. Der Raum gestattet mir nicht, in derselben Weise fortzufahren, und ich muß mich darauf beschränken, aus jedem Jahrhundert einige Päpste biographisch zu skizzieren und an ihnen zu zeigen, wie sie alle danach strebten, Gregor nachzueifern und das von ihnen aufgestellte System der Universalmonarchie zur Ausführung zu bringen und fest zu begründen. Alle gefielen sich in der Vorstellung: "Sich als Jesus, die weltlichen Regenten als die Eselin, die er ritt, und das Volk als das Eselsfüllen zu betrachten." - Die Eselin ist unterdessen gestorben, aber das Eselsfüllen ist seitdem ein alter Esel geworden, der geduldig auf sich reiten läßt. Im elften Jahrhundert trennt sich die griechische Kirche vollends von der abendländischen, indem die griechische be- 1) Man hat hin und wieder an der Echtheit dieses Briefes gezweifelt, doch wie mir scheint, ohne besonders gute Gründe. S. 149
hauptete, daß weder die Lehren noch die Disziplin der letzteren mit der Heiligen Schrift und den heiligen Überlieferungen übereinstimmten, also ketzerisch seien. Die Oberherrschaft des Päpstlichen Stuhles verwarf sie als eine antichristliche Einrichtung. Unter Hadrian IV., der 1153 den "Apostolischen Stuhl" bestieg, begann der Kampf der Päpste mit den deutschen Kaisern aus dem Geschlechte der Hohenstaufen. Friedrich I., der Rotbart, trat den Anmaßungen des Papstes kräftig entgegen, und die Ehrenbezeugungen, welche derselbe von ihm verlangte, machte er lächerlich, selbst indem er sie gewährte. Friedrich hielt dem Papste den Steigbügel - so weit war es bereits mit den Kaisern gekommen -, aber er hielt ihn auf der rechten Seite, auf welcher der Schinder zu Pferde steigt, und antwortete auf die Bemerkung Hadrians darüber: "Ich war nie Stallknecht, Ew. Heiligkeit werden verzeihen." Den schwersten Stand hatte Friedrich mit Alexander III. (1159-1181). Es war dies einer der mutigsten und klügsten Päpste, der niemals im Unglück verzagte oder im Glück übermütig wurde, aber stets darauf bedacht war, die Errungenschaften seiner Vorgänger zu behaupten. Der große Kaiser Friedrich kam 1177 zum erstenmal mit ihm in Venedig zusammen und - küßte ihm den Pantoffel. Die Pfaffenlegende erzählt, daß der Papst bei diesem Kuß den Fuß auf des Kaisers Nacken gesetzt und gesagt habe: "Auf Schlangen und Ottern mögest du gehen und treten auf junge Löwen und Drachen." Aber Alexander war gewiß viel zu klug, um den ihm an Geist ebenbürtigen Kaiser durch solche unnütze Worte zu reizen, und Friedrich viel zu stolz, um sich dergleichen gefallen zu lassen. Glaublicher ist die Version, daß der Kaiser beim Pantoffelkusse sagte: "Nicht dir gilt es, sondern Petrus", und Alexander antwortete: "Mir und Petrus." Auch der kräftige König Heinrich II. von England mußte sich vor dem Worte des mächtigen Papstes beugen. Heinrich hatte seinen Liebling, Thomas Becket, mit Gnaden überschüttet und endlich zum Erzbischof von Canterbury gemacht. Nun war der Schurke am Ziel. Er verband sich mit dem Papste gegen seinen Herrn und Wohltäter, dem er durch pfäffische Niederträchtigkeiten aller Art das Leben verbitterte. Im Unmute rief einst der geplagte König aus: "Wie unglücklich bin ich, daß ich in meinem Königreiche vor einem einzigen Priester S. 150
nicht Frieden haben kann! Ist denn niemand zu finden, der mich von dieser Plage befreit?" Diese Worte hörten vier Ritter, welche dem König treu ergeben waren; sie eilten sogleich hinweg, fanden den Erzbischof vor dem von ihm geschändeten Altar, spalteten ihm den Kopf und machten ihn dadurch zum Heiligen, denn Wunder fanden sich. Einige Stalleute des Königs hatten einst dem Pferde des Erzbischofs den Schwanz abgehauen, und für diesen Frevel zeugten sie forthin lauter Kinder - mit Schwänzen! Die Pfaffen schnoben wegen dieses Mordes nach Rache. Alexander drohte mit dem Interdikt, und Heinrich, der sein Volk nicht leiden sehen wollte, unterwarf sich allen Strafen, die der Papst über ihn verhängte. Der König schwur feierlich, daß er den Mord des Erzbischofs nicht gewollt habe; es half ihm nichts. Er mußte barfuß zum Grabe des neuen Heiligen wallen, sich hier andächtig niederwerfen und - von achtzig Geistlichen geißeln lassen! Jeder gab ihm drei Hiebe - macht zweihundertundvierzig. Mit Kaisern und Königen gingen jetzt die Päpste oft wie mit Hunden um. Als Cölestin III. (1191-1198) den Sohn des in Palästina gestorbenen Friedrich I., Heinrich VI., gekrönt hatte und dieser ihm den Pantoffel küßte, stieß er dem Kaiser mit dem Fuße die Krone vom Kopfe, zum Zeichen, daß er sie ihm geben und nehmen könne. Der mächtigste Papst aller Päpste war Innozenz III. (1198 bis 1215). Alle Rechte, die Gregor VII. zu haben behauptete, übte dieser mächtige Papst wirklich aus. Als er den Päpstlichen Stuhl bestieg, war er in seiner vollen Manneskraft, denn er war erst 37 Jahre alt. Die Könige zitterten vor ihm, wie Schulknaben vor dem strengen Schulmeister. Allen gab er seine Rute zu fühlen. Johann von England rief einst beim Anblick eines sehr feisten Hirsches aus: "Welches dicke und feiste Tier, und doch hat es nie Messen gelesen!" Aber auch dieser Spötter über das Pfaffentum kroch demütig zum Kreuz, als ihm das heilige Raubtier zu Rom die apostolischen Zähne wies. Innozenz III. ist der Erfinder der wahnsinnigen Lehre von der Transsubstantiation, das heißt von der Lehre: daß sich durch die Weihung des Priesters das Brot und der Wein beim Abendmahl wirklich in Fleisch und Blut Jesu verwandeln. Hierbei fällt mir die Antwort eines Indianers ein, welchen der Missionar, nachdem er ihm das Abendmahl gereicht hatte, S. 151
fragte: "Wie viele Götter gibt es?" - "Gar keine", antwortete der Indianer, "denn du hast ihn mir ja soeben zu essen gegeben." Ebenso materielle Vorstellung vom Abendmahl hatte ein lutherischer Bauer. Der Herr Pastor war ein großer Whistspieler, und durch Zufall war eine weiße, runde elfenbeinerne Whistmarke mit unter die runden Oblaten auf den Hostienteller geraten. "Nehmet und esset, denn dies ist mein Leib", sagte der Geistliche und steckte dem Bauer die unglückliche Marke in den Mund. Der Bauer biß herzhaft zu; als er aber das Ding gar nicht klein bekommen konnte, rief er: "Wies der Dübel, Herr Pastor, ich mut 'nen Knoken derwischt hebben!" Innozenz III. führte auch die Ohrenbeichte ein, von der ich schon früher geredet habe und im letzten Kapitel dieses Buches noch weitläufiger reden werde; ferner das scheußlichste Tribunal, welches jemals die Menschheit schändete - die Inquisition. Der gefährlichste Feind des Papsttums kam mit dem großen Hohenstaufen Friedrich II. auf den deutschen Kaiserthron. Er hatte in der Jugend unter der Vormundschaft von Innozenz gestanden, aber dennoch wurde er keineswegs ein Pfaffenknecht, vielmehr ein Mann, dessen religiöse Ansichten seiner Zeit bedeutend vorangeeilt waren. Hätte ihn das Volk unterstützt, dann wären vielleicht damals schon dem Papsttum die Flügel gestutzt worden. Sein Wahlspruch war: "Laß lärmen und dräuen und die Esel schreien." Sein Kanzler Petrus de Vineo unterstützte ihn wacker und schrieb unter anderem 1240 gegen die Jurisdiktion des Papstes. Den heftigsten Kampf hatte Kaiser Friedrich II. mit Gregor IX. (1227-1241). Dieser tat ihn einmal über das andere in den Bann und legte ihm Verbrechen zur Last, die ihn als den verruchtesten Ketzer brandmarken sollten. Friedrich wurde angeklagt, gesagt zu haben: Die Welt sei von drei Betrügern getäuscht worden, wovon zwei in Ehren gestorben, der dritte aber am Galgen: Moses, Mohammed und Christus. - Ferner habe er darüber gelacht, daß der allmächtige Herr des Himmels und der Erde von einer Jungfrau geboren sein sollte, und geäußert, daß man nichts glauben solle, was nicht durch Natur und Vernunft bewiesen werden könne. Freilich eine ebenso schändliche als schädliche Lehre, da sie dem ganzen Pfaffenschwindel den Hals brechen würde, wenn sie zur Geltung käme. S. 152
Diese letzte Äußerung sah übrigens dem Kaiser sehr ähnlich, der aus dem Morgenlande, wohin er einen Kreuzzug unternehmen mußte, sehr freie Ansichten über die Religion mitgebracht hatte. Einst äußerte er: "Wenn der Gott der Juden Neapel gesehen hätte, würde er gewiß nicht Palästina auserwählt haben"; und beim Anblick einer Hostie rief er: "Wie lange wird dieser Betrug noch dauern!?" Als er einst an ein Weizenfeld kam, hielt er sein Gefolge vor demselben zurück und sagte: "Achtung, hier wachsen unsere Götter." Die Hostie wird nämlich aus Weizenmehl gebacken. Gregor hatte den deutschen Ritterorden so sehr lieb gewonnen, und da ihm ja die ganze Erde gehörte, so schenkte er demselben Preußen. Die Ritter zeigten sich aber nicht besonders dankbar gegen den Päpstlichen Stuhl und gegen die Pfaffheit. Einer ihrer Großmeister, Reuß von Plauen, sagte: "Man muß den Geistlichen keine Güter geben, sondern nur Besoldung, wie anderen Staatsdienern auch; sie sollen sich an den schlichten Text des Evangeliums halten." Der Hochmeister Wallenrode äußerte: "Ein Pfaff in jedem Land ist genug, und den muß man einsperren und nur herauslassen, wenn er sein Amt verrichten soll." Innozenz IV. (1243-1255) setzte den Kampf mit Friedrich II. fort. Er war ein Graf Fiesko und genauer Freund des Kaisers gewesen. Als man diesen wegen der Wahl seines Freundes beglückwünschte, antwortete Friedrich: "Fiesko war mein Freund, Innozenz IV. wird mein Feind sein; kein Papst ist Ghibelline" nämlich (liberal). Es war so, wie der Kaiser sagte, der bald in den Bann getan wurde, den Friedrich anfing, als seinen natürlichen Zustand zu betrachten. Er war keineswegs zerknirscht, sondern rückte dem Papst zu Leibe, und der Heilige Vater machte, als Soldat verkleidet, einen Angstritt von 54 italienischen Meilen in einer kurzen Sommernacht, um der Gefangenschaft zu entgehen. Der Papst floh nach Lyon, wo er 1245 eine Synode zusammenberief, auf der Friedrich abermals gebannt und abgesetzt wurde. Friedrich kämpfte wie ein Mann; aber die Menschen waren noch dumm, und man band ihm überall die Hände. Besonders die deutschen Fürsten zeigten sich dem edlen, großen Kaiser gegenüber so niedrig, so unendlich klein! Elende Pfaffenknechte. Nur in der Schweiz schlugen ihm treue Herzen trotz Bann und Interdikt. Mehrere Kantone sandten ihm Hilfstruppen, und Luzern und Zürich hielten zu ihm bis zuletzt. S. 153
Kaiser Friedrich starb an päpstlichem Gift. Innozenz jubelte, nun stand ihm der Weg nach Rom wieder offen. Er zog ab und bedankte sich bei den Lyonesern für die gute Aufnahme. Diese hatten aber keine Ursache, sich beim Papste zu bedanken, Kardinal Hugo sagt in seinem Abschiedsschreiben mit echt päffischer, zynischer Unverschämtheit: "Wir haben euch, Freunde, seit unserer Anwesenheit in dieser Stadt einen wohltätigen Beitrag gestiftet. Bei unserer Ankunft trafen wir kaum drei bis vier Huren; bei unserem Abzug hingegen überlassen wir euch ein einziges Hurenhaus, welches sich vom östlichen bis zum westlichen Tore durch die ganze Stadt verbreitet." Lyon hatte demnach Ähnlichkeit mit einer deutschen, katholischen Hauptstadt, von welcher ihr König dasselbe sagte und welche Papst Pius VI. "Deutsch-Rom" nannte. Gemeint ist München. Innozenz IV. verlieh den Kardinälen als Auszeichnung rote Hüte. Auf ihn folgte eine Reihe unbedeutender Päpste. Urban IV., der Sohn eines Schuhflickers, stiftete das Fronleichnamsfest zu Ehren der Hostie oder vielmehr des Abendmahls. Eine verrückte Nonne hatte ein Loch im Monde gesehen, und das flickte der päpstliche Schuhflicker mit einem neuen Kirchenfeste aus. Martin V., ein Franzose, war ein erbitterter Feind der Deutschen. Er wünschte, "daß Deutschland ein großer Teich, die Deutschen lauter Fische und er ein Hecht sein möchte, der sie auffresse wie der Storch die Frösche". Die Hohenstaufen erlagen im Kampfe mit dem Papsttum. Die Habsburger nahmen sich ein warnendes Exempel daran; sie spielten daher lieber mit ihm unter einer Decke und zogen nun dem armen Volke vereinigt das Fell über die Ohren. Aus diesem Grunde werden auch beide gleiche Dauer haben. Innozenz V. war der erste Papst, der im Konklave gewählt wurde. Sein Vorgänger Gregor X. hatte nämlich befohlen, daß nach seinem Tode sämtliche Kardinäle in ein Zimmer geschlossen werden sollten, welches für jeden eine besondere Zelle und keinen anderen Ausgang hatte als zum Abtritt. Jeder Kardinal hatte nur einen Diener bei sich. Das Zimmer durfte nicht verlassen werden, bis ein neuer Papst gewählt war. War dies nach drei Tagen nicht geschehen, so erhielt jeder der Kardinäle in den folgenden vierzehn Tagen nur ein Gericht und nach dieser Zeit nur Brot, Wein und Wasser. Diese Hungerkur beförderte merklich den Verkehr mit dem Heiligen Geist! S. 154
Unter der Kirchenherrschaft von Nikolaus IV. (1288-1292) regierte über Tirol der wackere Graf Meinhard. Dieser hielt die liederlichen Pfaffen gehörig im Zaum und zog sich dadurch den Zorn des Papstes zu, der ihn in den Bann tat. Meinhard verteidigte sich wacker; er sagte: "Ich bin nicht der Angreifer, sondern meine Bischöfe, die keine Hirten, sondern Wölfe sind. Statt zu lehren, suchen sie sich nur zu bereichern, Bastarde in die Welt zu setzen, zu tafeln und zu zechen. Weidet man so die Schafe Jesu? Sie nehmen gerade umgekehrt das Wort: 'Gebet ihnen den Rock'; sie nehmen auch noch den Mantel und sind schlimmer als Juden, Türken und Tartaren. Sie blenden das Volk durch Zeremonien, und es genügt ihnen nicht, die Schafe zu melken und zu scheren; sie schlachten sie." Cölestin V. wurde aus einem einfältigen Eremiten ein noch einfältigerer Papst, und als Kardinal Cajetan eines Nachts durch ein versteckt angebrachtes Sprachrohr in sein Schlafzimmer schrie: "Cölestin, Cölestin, Cölestin! - lege dein Amt nieder, denn diese Last ist dir zu schwer", glaubte der Dummkopf, der liebe Gott würdigte ihn einer persönlichen Unterredung, und dankte ab. Kardinal Cajetan trat als Bonifazius VIII. (1295-1303) an seine Stelle. Auf einem kostbar aufgezäumten Schimmel, der von den Königen von Apulien und von Ungarn geführt wurde, ritt er zur Krönung. Nach der Rückkehr aus der Kirche, bei welcher Gelegenheit vierzig Menschen im Gedränge selig gedrückt wurden, tafelte er öffentlich, und die beiden Könige standen als Bediente hinter seinem Stuhl und warteten ihm auf. Den neuen Papst verdroß es sehr, daß viele die Abdankung Cölestins als ungültig betrachteten, der überall als Heiliger angestaunt wurde. Um der Sache ein Ende zu machen, ließ ihn Bonifaz einfangen. Der arme heilige Waldesel bat fußfällig, ihn doch wieder in seine Höhle zurückkehren zu lassen; aber all sein Flehen war umsonst. Er wurde auf dem festen Schloß Fumone in ein enges Behältnis eingesperrt, wo er so wenig zu essen bekam, wie er nur immer wollte, so daß er kläglich verhungerte. Dieser Bonifazius war ebenso stolz wie Gregor VII. und Innozenz III. In einer Bulle von 1294 sagte er: "Wir erklären, sagen, bestimmen und entscheiden hiermit, daß alle menschliche Kreatur dem Papst unterworfen sei und daß man nicht selig werden könne, ohne dies zu glauben." Dieser ungemessene Stolz mußte ihn sehr bald in feindselige S. 155
Berührung mit stolzen weltlichen Monarchen bringen. Philipp IV., der Schöne, von Frankreich geriet mit Bonifaz auf das heftigste zusammen. Aber der König war kein Heinrich IV., seine Großen keine Deutschen und der Papst kein Hildebrand. Er schrieb zwar an Philipp: "Bischof Bonifaz an Philipp, König von Frankreich. Fürchte Gott und halte seine Gebote. Du sollst hiermit wissen, daß du uns im Geistlichen und Weltlichen unterworfen bist. - Wer anders glaubt, den halten wir für einen Ketzer." Hierauf antwortete ihm der von seinem Parlament wacker unterstützte Philipp: "Philipp, von Gottes Gnaden, König von Frankreich an Bonifaz, der sich für den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gruß! Du sollst wissen, Erzpinsel (maxima Tua Fatuitas), daß wir in weltlichen Dingen niemandem unterworfen sind. Andersdenkende halten wir für Pinsel und Wahnwitzige." - Wie jämmerlich erscheint dagegen König Erich von Dänemark, welcher, mit Bann und Interdikt bedroht, schreibt: "Erbarmen, Erbarmen! Was haben meine Schafe getan? Alles was Ew. Heiligkeit mir auferlegen, will ich tragen. - Rede, dein Knecht höret." Der stolze "Erzpinsel" wurde aber bitter gedemütigt. Philipps Abgesandter, Nogaret, verbunden mit Sciarra Colonna, gegen dessen Familie der Papst die unerhörtesten Grausamkeiten begangen hatte, überfielen ihn in seinem Schlosse Anagni und nahmen ihn gefangen. "Willst du die Tiara abtreten, die du gestohlen hast?" schnob ihn der wütende Colonna an. Bonifaz antwortete hochmütig. Da loderte der Zorn des schwer mißhandelten römischen Edelmannes hoch auf, er schlug den Papst ins Gesicht und schrie: "Willst du das Maul halten, Höllensohn! alter Sünder!" Mit Mühe hielt Nogaret den Wütenden zurück, daß er seine Rache nicht vollends befriedigte und dem sechsundachtzigjährigen Bösewicht, der Seelenstärke genug hatte, Colonna zuzurufen: "Hier ist der Hals und hier das Haupt!" Darauf setzte man den Vizegott auf ein Pferd ohne Sattel und Zaum, das Gesicht dem Schwanze zugekehrt, und brachte ihn in ein elendes Gefängnis, wo er, aus Furcht, vergiftet zu werden, drei Tage und drei Nächte lang nichts genoß, als ein wenig Brot und drei Eier, welche ihm ein altes Mütterchen zusteckte. - Man möchte Mitleid haben mit dem alten Manne; aber er war ein alter Bösewicht, und man denke an den armen Cölestin, den er verhungern ließ. S. 156
Das Volk zu Anagni befreite Bonifaz und brachte ihn im Triumph nach Rom. Aber die erlittene Demütigung hatte den stolzen alten Mann wahnsinnig gemacht. Er befahl seinen Dienern, sich zu entfernen, und schloß sich in seinem Zirnmer ein. Am Morgen fand man ihn tot. Sein weißes Haar war mit Blut befleckt; vor seinem Munde stand Schaum, und der Stock, den er in der Hand hielt, war von seinen Zähnen zernagt. So endet Bonifaz VIII., wie man vorhergesagt hatte: "Er wird sich einschleichen wie ein Fuchs, regieren wie ein Löwe und sterben wie ein Hund." Er starb wie ein Hund und lebte wie ein Schwein. Er erklärte öffentlich, daß Hurerei, Ehebruch und Unzucht gar keine Sünde sei, weil Gott Weiber und Männer dazu gemacht habe. Er lebte mit einer verheirateten Frau und mit ihrer Tochter zu gleicher Zeit und mißbrauchte seine Pagen zu unnatürlicher Wollust, so daß sich diese untereinander die "Huren des Papstes" nannten. Was von seinem Glauben zu halten ist, ergibt sich aus folgenden Äußerungen, deren ihn Philipp gegen Clemens V. beschuldigt: Gott lasse es mir wohlgehen auf dieser Welt, nach der anderen fragte ich nicht so viel, als nach einer Bohne. - Die Tiere haben so gut Seelen wie die Menschen. - Es ist abgeschmackt, an einen und an einen dreifachen Gott zu glauben. An Maria glaube ich so wenig als an eine Eselin und an den Sohn so wenig als an ein Eselsfüllen. Maria war eine Jungfrau, wie meine Mutter eine war. - Sakramente sind Possen usw. Philosophen und andere Freigeister haben dergleichen Gedanken wohl schon öfters ausgesprochen; allein im Munde eines Papstes klingen sie um so seltsamer, als die Inquisition Tausende wegen weit unbedeutenderer Ausdrücke verbrennen ließ. - Clemens V. erklärte Bonifaz jedoch für einen frommen, katholischen Christen, und nun wissen wir doch, wie ein solcher beschaffen sein muß, um den Päpsten zu gefallen. Bonifaz VIII. ist derjenige Papst, welcher das Jubeljahr erfand. Er war auch der erste Papst, der ein Wappen führte und der auf die Tiara oder päpstliche Mütze eine zweite Krone setzte. Früher trugen die römischen Bischöfe die sogenannte phrygische Mütze der Priester der Cybele, Mitra genannt. Ein Bischof, Hormidas, setzte die von König Chlodwig erhaltene Krone hinzu. Die dritte Krone kam erst mit Johann XXII. oder mit Benedikt XII. auf die päpstliche Narrenkappe. S. 157
Mit Clemens V. begann die sogenannte babylonische Gefangenschaft der Päpste (von 1305-1374). König Philipp der Schöne fand es nämlich vorteilhaft, die Päpste für seine Zwecke bei der Hand zu haben, und verleitete sie durch allerlei Lockungen, ihren Sitz in Avignon zu nehmen, wo sie siebzig Jahre lang residierten. Sie waren hier völlig abhängig von den französischen Königen, lebten aber unter dem Schutz derselben dafür auch weit sicherer als in Rom. Sie beschäftigten sich in ihrem Exil damit, neue Geldprellereien zu ersinnen und das umliegende Land durch ihre eigene und die Sittenlosigkeit ihres Hofes zu demoralisieren. Nach dem Zeugnis der geachtetsten Geschichtsschreiber stammt die spätere große Sittenlosigkeit in Frankreich hauptsächlich von dem siebzigjährigen Aufenthalte der Päpste in Avignon her. Clemens V. trat ebenso fest wie Bonifazius, nur nicht so heftig und deshalb klüger auf, wodurch er auch mehr gewann. In dem deutschen Kaiser Heinrich VII., dem Luxemburger, würde wahrscheinlich ein Feind des Papsttums gleich Friedrich II. erwachsen sein, wenn er nicht, wie man es in Rußland nennt, gestorben worden wäre. Der Dominikaner Bernard von Montepulciano, so erzählt man, reichte ihm eine vergiftete Hostie, und der Kaiser war zu religiös, um dem Rate seines Arztes zu folgen und ein Brechmittel zu nehmen. So starb er dann an seiner Frömmigkeit. Das größte Schanddenkmal hat sich Clemens V. durch den nichtswürdigen Prozeß gegen den Ritterorden der Tempelherren und den Justizmord der unglücklichen Ritter gesetzt. Er war freilich nur die Katze, welche ihre heiligen Pfoten Philipp dem Schönen lieh, um für ihn die Kastanien aus dem Feuer zu langen. Die Sittenverderbnis unter den Tempelherren war allerdings groß; allein waren etwa die anderen geistlichen Herren und die Päpste selbst reiner? Übrigens würde ihre Sittenlosigkeit den Tempelherren schwerlich den Hals gebrochen haben; ihr Verbrechen war es, vernünftigere und freiere Religionsansichten zu haben als der andere Kuttenpöbel, und dann - waren sie ungeheuer reich. Indem man ihnen den Prozeß machte, schlug man, wie man zu sagen pflegt, "zwei Fliegen mit einer Klappe". Johann XXII., eines Schuhflickers Sohn, war schon ein Schuft und Betrüger, ehe er den Päpstlichen Stuhl bestieg, und auf demselben vervollkommnete er sich noch in seinen Spitzbuben- S. 158
tugenden. Ich habe schon im vorigen Kapitel Erbauliches von ihm berichtet und füge nur noch weniges hinzu. Er lag in beständigem Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayern und dem Könige von Frankreich. Ersterer wehrte sich zwar tüchtig, "kuschte" aber doch zuletzt, denn "er hatte zwei Seelen, eine kaiserliche und eine bayerische". Philipp der Schöne aber ließ dem übermütigen Papst sagen, "er werde ihn als Ketzer verbrennen lassen". Leider ist das nicht geschehen; er starb 90 Jahre alt. Er hinterließ außer seinen 33 Millionen, welche die Kirche verdaute, die bekannte schöne Hymne: "Stabat mater dolorosa". Sein Nachfolger Benedikt XII. war ein herzensguter Mann, und man kann ihm weiter nichts zur Last legen, als daß er Papst war. Aber selbst diesen Fehler suchte er nach besten Kräften zu mildern, indem er wenigstens erklärte, "ein Papst habe keine Verwandte", wodurch er seine Vorgänger und Nachfolger beschämte, welche ihre "Neffen" usw. nicht reich genug beschenken konnten. Hohe Personen hielten um seine Nichte an; aber er sagte: "Für ein solches Roß schickt sich nicht solch ein Sattel", und gab sie einem Kaufmann aus Toulouse. Clemens VI., der Benedikt XII. folgte, war nach dem Ausdruck eines gleichzeitigen Geschichtsschreibers "höchst ritterlich und nicht sehr fromm", welches letztere man wohl von mehreren "Heiligen Vätern" sagen konnte. Er benahm sich sehr hochmütig gegen Kaiser Ludwig und hatte leichtes Spiel mit dessen Gegner, dem "Pfaffenkönig" Karl IV. Obwohl er selber sehr locker lebte, so hielt er es doch für nötig, die höhere Geistlichkeit wegen ihres liederlichen Lebenswandels abzukanzeln und sagte den Herren unter anderem in seiner Strafpredigt: "Ihr wütet wie eine Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes!" Clemens war sehr prachtliebend, und mit unerhörtem Pomp krönte er Don Sanchez, den zweiten Sohn des Königs von Kastilien, zum König der glücklichen Inseln, wie damals die kanarischen hießen. Beim Krönungszug kam als üble Vorbedeutung ein Platzregen, welcher Papst und König bis auf die Haut durchnäßte; und in der Tat wurde auch das Königreich zu Wasser, denn die kühnen Normannen hatten es in Besitz genommen und hielten es fest. Mit diesem Sanchez hatte Clemens große Absichten. Er versprach ihn an die Spitze eines Kreuzzuges zu stellen und ihm den Titel "König von Ägypten" zu geben. Der Prinz war S. 159
außer sich vor Dankbarkeit und rief: "Nun, so mache ich Ew. Heiligkeit zum Kalifen von Bagdad!" - So erzählt uns der berühmte Dichter Petrarca. Philipps des Schönen Beispiel hatte den Päpsten böse Früchte getragen, denn die Kraft des Bannes fing an zu erlahmen. Das fühlte Urban V. Ein Erzbischof weigerte sich, einen Mönch zu ordinieren, der ihm von seinem Landesherrn, Barnabo Viskonti von Mailand, empfohlen war. Dieser gottlose Mensch ließ den Erzbischof zitieren und sagte zu ihm: "Weißt du nicht, du alter Hurer, daß ich König, Papst und Kaiser in meinem eigenen Reiche bin!" Für dieses ungeheure Verbrechen tat ihn Urban in den Bann und belegte sein Land mit dem Interdikt! Als die Legaten des Papstes die Bannbulle nach Mailand brachten, führte sie Viskonti samt ihrem Wisch auf die Navigliobrücke und fragte sie sehr ernsthaft: "Wollt ihr essen oder trinken?" Die Legaten sahen mit sehr langen Gesichtern auf den Fluß und verlangten höchst kleinmütig zu essen. "Nun, so freßt den Wisch da!" - Die Herren Legaten fraßen. Gregor XI. verlegte die Statthalterei Gottes wieder nach Rom. Ich habe schon früher bemerkt, welche demoralisierenden Folgen die Residenz der Päpste für Avignon und Frankreich überhaupt hatte. Geschichtsschreiber jener Zeit können von der dort herrschenden Unzucht nicht genug erzählen, und die meisten Dinge verschweigen sie aus Schamgefühl. Ein schönes Papstexemplar war Urban VI. (1378-1389), doch war er mehr Tiger als Affe. Seine Grausamkeit war empörend. Fünf Kardinäle, die nicht für ihn gestimmt hatten, und mehrere Prälaten ließ er fürchterlich foltern und dann teils in Säcke stecken und ins Meer werfen, teils lebendig verbrennen, erdrosseln oder enthaupten. Einen sechsten Kardinal, der von der Tortur so elend war, daß er nicht fortkonnte, ließ er unterwegs erwürgen. Als die Kardinäle zur Tortur abgeführt wurden, sagte der Statthalter Gottes zum Henker: "Martere so, daß ich Geschrei höre." Dabei ging er in seinem Garten spazieren und las in seinem Brevier. Die Leichen von zwei Kardinälen ließ dieser Henkerpapst in Öfen austrocknen und dann zu Staub zerstoßen. Dieser Staub wurde auf seinen Befehl in Säcke getan und nebst den roten Hüten der Kardinäle auf seinen Reisen auf Maulesel vor ihm hergeführt, anderen als schreckliches Exempel. Zu Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts S. 160
finden wir immer wenigstens zwei, meistens drei Päpste zugleich, die jeder von den verschiedenen Parteien als die echten Statthalter Gottes betrachtet wurden. Ich habe es herzlich satt, die scheußlichen Handlungen der Menschen zu berichten, welche den Namen "Statthalter Gottes" zum schändlichsten Hohn machten; allein ich müßte vollends ermüden, wenn ich die Schandtaten und Verbrechen dieser verschiedenen Gegenpäpste berichten sollte. Man durchwandere einen Bagno oder irgendein Zuchthaus und lasse sich von jedem der Sträflinge erzählen, welche Verbrechen er begangen hat, so wird man doch ein nur unvollkommenes Verzeichnis der Verbrechen haben, welche von den Päpsten dieser Periode begangen wurden. Das böse Beispiel der Päpste und überhaupt der Geistlichkeit hatte die übelsten Folgen. Von der Zügellosigkeit, welche damals unter dem Volke, namentlich aber unter den höheren Ständen herrschte, hat man heutzutage kaum einen Begriff so sehr man auch über die Sittenverderbnis der jetzigen Zeit klagt. Alle Gesetze der Moral und der Sitte waren durch die Liederlichkeit der Pfaffen aufgelöst. Die Notwendigkeit einer Beendigung dieses Zustandes wurde von allen gefühlt, in denen noch das Gefühl für das Gute lebte, und man kam dahin überein, auf einem großen Konzil vorerst die Ordnung in der Kirche wiederherzustellen. Dies Konzil wurde 1414 zu Konstanz gehalten und ist eines der glänzendsten, die jemals stattgefunden haben. Man sah auf demselben nächst einem Papste und dem Kaiser alle Kurfürsten, 153 Fürsten, 132 Grafen, über 700 Freiherrn und Ritter, 4 Patriarchen, 29 Kardinäle, 47 Erzbischöfe, 160 Bischöfe, über 200 Äbte, ein Heer von Mönchen, Geistlichen jeder Art und Rechtsgelehrten und - die gewöhnliche Begleitung des päpstlichen Hofes, gegen 1000 öffentliche Dirnen, die privatim unterhaltenen und heimlichen gar nicht mitgerechnet. Drei Päpste stritten sich um die Tiara: Johann XXIII., ein Gregor und ein Benedikt. Johann war dreist genug, auf dem Konzil zu erscheinen, allein als man ernstlich daran ging, seinen Lebenslauf zu mustern, hielt der Heilige Vater es für geratener, als Postknecht verkleidet, mit Hilfe des Herzogs Friedrich von Tirol zu entfliehen. Man hatte seine Verbrechen in 70 Artikeln zusammengefaßt und gab sie dem Heiligen Vater zur Durchsicht. Er äußerte aber kein Verlangen, sein Sündenregister zu lesen und ver- S. 161
suchte lieber das Konzil durch seine Flucht zu sprengen, was aber mißlang. Johanns Taten wurden öffentlich verlesen, das heißt nur 54 Artikel davon, da man sich schämte, die anderen vor aller Welt auszusprechen. 37 Zeugen bewiesen, daß Johann nicht nur Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Sodomiterei, Simonie, Freigeisterei, Räuberei und Mord verschuldet, sondern auch 300 Nonnen verführt oder genotzüchtigt und sie dann zum Lohn zu Abtissinnen und Priorinnen gemacht habe. Sein eigener Sekretär, Niem, erzählt, daß der Papst zu Bologna einen Harem von 200 Mädchen unterhalten habe. Auch beschuldigt man Johann, seinen Vorgänger Clemens V. vergiftet zu haben. Johann wurde abgesetzt. Gregor dankte freiwillig ab; aber der alte Benedikt spielte in einem Winkel Spaniens, wohin er geflohen war, den Vizegott; allein niemand kehrte sich an seine Bannflüche. Endlich ließ der neuerwählte Papst, Martin V., den neunzigjährigen Benedikt vermittels Gift aus dem Wege räumen. Unbegreiflich ist es, wie dieser in Wollust aller Art sich wälzende Heilige Vater ein so hohes Alter erreichen konnte. Berühmte Kanzelprediger predigten öffentlich gegen sein abscheuliches Leben, und einer derselben sagte: "J'aime mieux baiser le derrière d'une vielle maquerelle, qui aurait les hemmoroîdes, que la bouche de ce Pape là!" Das Konzil von Konstanz verurteilte Johann Hus und Hieronymus von Prag als Ketzer zum Feuertode und verursachte dadurch blutige Kriege; aber der Zweck des Konzils, eine Reformation an Haupt und Gliedern der Kirche, wurde nicht erreicht. Im Jahre 1418 gingen die Herren Reformatoren auseinander. Die Stadt Konstanz hatte vier Jahre lang einen schönen Verdienst durch die 100 000 Fremden mit 40 000 Pferden, die sie so lange beherbergen mußte. Für ihr gutes Verhalten erhielt die Bürgerschaft vom Kaiser unschätzbare Belohnungen, die ihn nichts kosteten, nämlich das Recht, eine vierzehntägige Messe zu halten, mit rotem Wachs zu siegeln, im Felde eigene Trompeter zu halten und auf ihr Banner - einen roten Schwanz zu setzen, der sie vielleicht an die vielen Kardinäle erinnern sollte; ich bin nicht bewandert genug in der Heraldik, um die Bedeutung dieses seltsamen Wappenvogels zu erklären. Der Bürgermeister wurde zum Ritter geschlagen, da das kleine Geld der Fürstengunst, die Orden, noch nicht üblich waren. S. 162
Von Eugen VI., Calixt III. und Pius II., der sich schminkte und eine Krone trug, die 200 000 Dukaten wert war, ebenso von dem schändlichen Meuchelmörder Sixtus IV., der in Rom die ersten öffentlichen Bordelle anlegte und jeden seiner Kardinäle auf die Erwerbnisse von 20-30 Huren anwies, der für Geld die Erlaubnis erteilte, bei der Frau eines Abwesenden die Stelle des Mannes zu vertreten, der mit seiner Schwester einen Sohn erzeugte, seine beiden Söhne zu unnatürlicher Wollust mißbrauchte und unendlich viele andere Schandtaten beging; von allen diesen Päpsten schweige ich, obgleich ihre Geschichte gewiß sehr lehrreich und erbaulich sein würde. Innozenz VIII. (1484-1492) sorgte mit väterlicher Zärtlichkeit für seine Kinder und scharrte unendlich viel Geld zusammen. Doch das taten alle Päpste. Er zeichnete sich nur noch durch seine Sündentaxordnung aus, die in 42 Kapiteln 500 Taxansätze enthielt. Ich habe schon früher davon gesprochen; hier nur noch einige Beispiele aus diesem Schanddokument: Begeht ein Geistlicher vorsätzlich einen Mord, so zahlt er nach Reichswährung zwei Goldgulden acht Groschen. Vater-, Mutter-, Bruder- und Schwestermord ist taxiert zu ein Gulden zwölf Groschen! Wollte aber ein Ketzer absolviert werden, so hatte er vierzehn Gulden acht Groschen zu bezahlen. Eine Hausmesse in einer exkommunizierten Stadt kostete vierzig Gulden. Dieser Papst Innozenz VIII. widmete dem Hexenwesen ganz besondere Aufmerksamkeit und kann als der Begründer der Hexenprozesse betrachtet werden, welche so vielen armen alten und jungen Weibern das Leben kosteten. In der abgeschmackten Bulle, die er hierüber erließ, faselt er von bösen Geistern, die sich auf den Menschen, und solchen, die sich unter ihn legen! Alexander VI. (1492-1502) war der Nachfolger von Innozenz, und obwohl er nicht schlechter und lasterhafter war als viele seiner Vorgänger, so sind doch seine Handlungen mehr bekannt geworden als die anderer Päpste, und er gilt gewöhnlich als die Quintessenz päpstlicher Schlechtigkeit. Er war in Valencia geboren und hieß ursprünglich Roderich Langolo; aber sein Vater veränderte seinen Namen in Borgia. Roderich studierte, wurde dann aber Soldat und verführte eine Witwe namens Vanozza und ihre beiden Töchter. Von einer derselben hatte er vier Söhne: Franz, Cäsar, Ludwig und Gottfried, und eine Tochter Lukretia. S. 163
Sein Oheim, Alfons Borgia, wurde unter dem Namen Calixtus III. Papst, und Roderich begab sich schleunigst nach Rom. Der Papst überschüttete seinen Neffen mit Würden und Geschenken und machte ihn endlich zum Kardinal. Nun richtete derselbe seine Augen auf die päpstliche Krone. Als Innozenz VIII. starb, bestach er von 27 Kardinälen 22 durch Versprechungen und wurde Papst. Als er sein Ziel erreicht hatte, ermahnte er die bestechlichen Kardinäle zur Besserung und räumte sie als ihm unbequem allmählich durch päpstliche Hausmittelchen aus dem Wege. Für das Schicksal seiner Kinder war Alexander VI. auf das zärtlichste bedacht. Er verheiratete sie alle vortrefflich und sorgte für ihr Fortkommen. Cäsar Borgia wurde zum Kardinal gemacht und hatte die Freude, seinen Bruder Gottfried mit Sanzia, der Tochter des Königs Karl VIII. von Frankreich zu verheiraten, der noch weit größere Opfer bringen mußte, um den Papst zu bewegen, seine Absichten auf das Königreich Neapel zu unterstützen. Karl mußte unendlich viele Dukaten opfern, denn Geld war bei Alexander VI. die Losung. Um Geld zu erlangen, verschmähte dieser Papst kein Mittel. Einen Beweis für seine Handlungsweise liefert sein Betragen gegen den unglücklichen Prinzen Dschem. Dieser hatte sich gegen seinen Bruder, den Sultan Bajazet, empört, war gefangen und dem Papst Innozenz gegen ein Jahrgeld von 40 000 Dukaten zur Aufbewahrung anvertraut worden. Um Geld zu gewinnen, ließ Alexander VI. dem Sultan weismachen, daß Karl VIII., wenn er Neapel erobert habe, gegen ihn ziehen wolle und sich bereits seinen Bruder Dschem erbeten habe, um ihn an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Zugleich erbat sich Alexander die fälligen 40 000 Dukaten. Der wirklich besorgte Sultan schickte gleich 50 000 und schrieb an den "ehrwürdigen Vater aller Christen", so nannte er Alexander, einen sehr freundschaftlichen Brief, in welchem er ihn aufmuntert, "seinen Bruder sobald als möglich von dem Elend dieser Welt zu befreien und ihm zu einem glücklichen Leben zu verhelfen". Wenn der Papst diese seine Bitte erfüllen wolle, so verspreche er ihm feierlich und eidlich 300 000 Dukaten, die kostbare Reliquie des Leibrocks Jesu und ewige Freundschaft. Alexander wollte aber noch mehr Nutzen aus dem Heiden ziehen, der in seinem Gewahrsam war; er lieferte ihn Karl VIII. für 20 000 Dukaten aus, aber bereits mit einem Trank im S. 164
Leibe, der ihn in Mohammeds Paradies beförderte. Einer der Geschichtsschreiber sagt: "Er starb an einer Speise oder einem Trank, die ihm nicht gut bekam." - Bajazet war ebenso ehrlich wie der Papst und zahlte mit Freuden das Blutgeld. Alexander erhob seinen ältesten Sohn Franz, Herzog von Gandia, den er am liebsten hatte, zum Herzog von Benevent. Dies war dessen Tod, denn sein eifersüchtiger Bruder Cäsar ließ ihn ermorden. Man zog den von neun Dolchstichen durchbohrten Leichnam aus dem Tiber, und die Römer sagten spottend: "Alexander ist der würdigste Nachfolger Petri, denn er fischt aus dem Tiber sogar Kinder." - Alexander war über den Tod seines Lieblings außer sich; aber er vergab Cäsar den kleinen Mord sehr bald und übertrug auf diesen würdigsten Sprößling all seine väterliche Zärtlichkeit. Um nicht daran gehindert zu sein, durch Heirat zur Macht zu gelangen, verließ der Kardinal Cäsar Borgia den geistlichen Stand - ein bis dahin nie vorgekommener Fall -, wurde von dem Könige von Frankreich zum Herzog von Valence in der Dauphiné ernannt und heiratete bald darauf eine Tochter der Königin von Navarra. Seine anderen Kinder vergaß der zärtliche Vater aber auch nicht. Lukretia hatte schon viel herumgeheiratet, als sie an Alfons, Herzog von Bisceglia, gelangte, der aber ermordet wurde und einem Prinzen von Ferrara Platz machen mußte. Die päpstliche Familie führte ein äußerst gemütliches Familienstilleben. Die Brüder und der Vater schliefen abwechselnd bei der schönen Lukretia, und der letztere hatte die Freude, ihr einen Sohn zu erzeugen, der Roderich genannt wurde und welcher demnach der Bruder seiner Mutter und der Sohn und Enkel seines glücklichen Vaters war, der das Wunderkind zum Herzog von Sermonata machte. Die italienischen Fürsten, welche von dem Heiligen Vater und seinem Sohn Cäsar auf das schamloseste geplündert wurden, vereinigten sich gegen diese Ungerechtigkeiten, allein sie wurden fast sämtlich gegen ihre bessere Überzeugung zur Seligkeit befördert. Ein halbes Dutzend von ihnen besorgte Cäsar zur Ruhe und einen andern der Herr Papa. Cäsar würde sich wahrscheinlich unter dem Schutze seines Heiligen Vaters ein ganz artiges Reich zusammengeraubt haben, wenn dieser Musterpapst nicht aus Versehen gestorben wäre. Das ging auf folgende Weise zu. Alexander hatte die Gewohnheit, solche reichen Leute, die S. 165
er gern beerben wollte, in die bessere Welt zu befördern, und eins seiner Lieblingsmittel dazu war Gift, welches er höchst gemütlich "Requiescat in pace" nannte. - Der Kardinal Corneto, ein unchristlich reicher Mann, sollte so beruhigt werden und wurde zu diesem Zweck vom Papst zum Abendessen geladen. Durch ein Versehen reichte ein Diener dem Papst den "in der Hölle gewürzten", für den Kardinal bestimmten Wein, und dieser endete am anderen Tage sein heiliges Leben im 72. Lebensjahre. Cäsar, der auch von dem vergifteten Wein getrunken, hatte ein volles Jahr daran zu verdauen. Mit den Schandtaten dieses Papstes könnte man ein ganzes Buch füllen, aber ich will den Lesern nur einige mitteilen. Von der Macht und der Stellung der Päpste hatte Alexander die höchsten Begriffe, denn er sagte: "Der Papst steht so hoch über dem König wie der Mensch über dem Vieh", und mit der Religion, welche damals die christliche hieß, war er vollkommen zufrieden, denn er äußerte: "Jede Religion ist gut, die beste aber - die dümmste", und es würde schwer geworden sein, etwas Dümmeres als das Christentum der römischen Kirche jener Zeit aufzufinden. Alexander selbst hatte gar keine Religion. Höchst originell ist eine Unterredung, welche der gelehrte Prinz Piko di Mirandola mit dem Papste nach der Niederkunft der Lukretia mit Roderich hatte. Alexander fragte ihn: "Kleiner Piko, wen hältst du für den Vater meines Enkels?" "Nun, Ihren Schwiegersohn!", nämlich den für impotent bekannten Alfons. "Wie kannst du das glauben?" "Der Glaube, Ew. Heiligkeit, besteht ja darin, Unmögliches zu glauben", und nun kramte der Prinz eine solche Menge geglaubter Unmöglichkeiten aus, daß der Heilige Vater sich beinahe vor Lachen ausschüttete. "Ja, ja", sagte der Papst, "ich fühle wohl, daß ich nur durch Glauben, nicht aber durch meine Werke selig werden kann." "Ew. Heiligkeit", antwortete der Prinz, "haben ja die Schlüssel des Himmelreichs; aber ich - wie ginge es mir dort, wenn ich bei meiner Tochter geschlafen, mich des Dolches und der Cantarella (Gift) so oft bedient hätte!" "Ernsthaft, sage mir", fuhr der Papst fort, "wie kann Gott am Glauben Vergnügen finden? Nennen wir nicht den, der da sagt, er glaube, was er unmöglich glauben kann, einen Lügner?" S. 166
"Großer Gott!" rief der Prinz und schlug ein Kreuz, "ich glaube, Ew. Heiligkeit sind kein Christ!" "Nun, ehrlich gesprochen, ich bin's auch nicht." "Dacht' ich's doch!" sagte der Prinz, und damit endete die seltsamste Unterredung, die wohl je zwischen einem Papst und einem Laien stattgefunden hat. Die Liederlichkeit Alexanders läßt sich in unserer keuschen Sprache nicht wohl beschreiben; sie kommt nur der Cäsar Borgias und seiner Schwester Lukretia gleich. Alle Abarten der Wollust, welche wir Deutschen meistens nicht einmal dem Namen nach kennen und welche von den früheren Päpsten einzeln getrieben wurden, dienten diesem Papst gewordenen Priap zur Unterhaltung. Burkhard, der Zeremonienmeister Alexanders VI., hat in seinem Diarium das Leben am päpstlichen Hofe geschildert, und die üppigste Phantasie kann nichts erdenken, was hier nicht getrieben wurde. Burkard sagt: "Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit schandvolleres Bordell, als je ein öffentliches Haus sein kann." "Einst wurde", so erzählt Burkard, "auf dem Zimmer des Herzogs von Valence (Cäsar Borgia) im apostolischen Palast eine Abendmahlzeit gegeben, bei welcher auch fünfzig vornehme Kurtisanen gegenwärtig waren, die nach Tische mit den Dienern und anderen Anwesenden tanzen mußten, zuerst in ihren Kleidern, dann nackend. Darauf wurden Leuchter mit brennenden Lichtern auf die Erde gesetzt und zwischen denselben Kastanien hingeworfen, welche die nackten Weibsbildet, auf allen vieren zwischen den Leuchtern durchkriechend, auflasen, während Seine Heiligkeit, Cäsar und Lukretia zusahen. Endlich wurden viele Kleidungsstücke für diejenigen hingelegt, die mit mehreren dieser Lustdirnen ohne Scheu Unzucht treiben würden, und sodann diese Preise ausgeteilt. Diese schöne Szene fiel vor an der Allerheiligen-Viglie 1501." Einst ließ Alexander rossige Stuten und Hengste vor sein Fenster führen und ergötzte sich mit Lukretia an dem Schauspiel. - Dieses Weib war über alle Beschreibung liederlich, ob sie aber nach dem Papstrecht das Prädikat Hure verdient, weiß ich nicht, denn einige Glossatoren desselben haben aufgestellt, daß man nur diejenige eine wahre Hure nennen könne, die 23 000mal gesündigt habe! Lukretia genoß das unbeschränkte Vertrauen ihres Vaters; S. 167
in dessen Abwesenheit erbrach sie alle Briefe, beantwortete sie nötigenfalls und versammelte die Kardinäle nach Gefallen. Man schrieb ihr folgende Grabschrift: "Hier liegt, die Lukretia hieß und eine Thais war, Alexanders Weib, Tochter und Schwiegertochter"; letzteres, weil einer ihrer vielen Männer ein anderer Sohn des Papstes, also ihr Halbbruder war. Die zu jener Zeit auflebenden Wissenschaften und die immer weiter um sich greifende Anwendung der höllischen Erfindung der Buchdruckerkunst machte den Papst sehr besorgt. Er fürchtete, daß eine freie Presse dem Schandleben der Päpste ein Ende machen möchte, und hatte daher nicht Unrecht zu fürchten. Er führte daher die Bücherzensur ein, die bis auf die neueste Zeit geblieben ist und wo sie endlich vor der öffentlichen Meinung weichen mußte und in die fast noch schlimmere Phase der Preßprozesse übergegangen ist, die sehr häufig im Sinne Richelieus geführt werden, der behauptete, kein Schriftsteller könne fünf Worte schreiben, ohne sich eines Verbrechens schuldig zu machen, welches ihn in die Bastille bringt. Derjenige, zu dem er dies sagte, schrieb: "Zwei und eins macht drei!" - "Unglücklicher!" rief der Kardinal, "Sie leugnen die Dreieinigkeit!" Seitenstücke dazu liefern manche moderne Prozesse. Julius II. (1502-1513) gelangte ebenfalls durch List und Bestechung auf den Päpstlichen Stuhl. Er war ein tüchtiger Soldat, das ist das einzige, seltsame Lob, welches man diesem Statthalter Gottes geben kann. Er hetzte alle Fürsten gegeneinander, ließ Armeen marschieren, kommandierte sie selbst und belagerte und eroberte Städte. Seine Gegner beriefen eine Synode nach Pisa, um dem martialischen Sohn der Kirche sein unberufenes Handwerk zu legen. Von dieser Kirchenversammlung wurde er "als Störer des öffentlichen Friedens, als ein Stifter der Zwietracht unter dem Volke Gottes, als ein Rebell und blutdürstiger Tyrann und als ein in seiner Bosheit verhärteter Mensch" aller geistlichen und weltlichen Verwaltung entsetzt. Julius kehrte sich natürlich nicht an dieses Urteil; es erbitterte ihn nur noch mehr gegen seine Feinde und besonders gegen den vortrefflichen König von Frankreich, Ludwig XII., den er absetzte. Ganz Frankreich wurde ebenfalls mit dem Interdikt belegt; aber die aus dem Vatikan geschleuderten Blitze zündeten nicht mehr. Julius II. handelte nach dem Ausdrucke des berühmten Ge- S. 168
schichtsschreibers Mezeray "wie ein türkischer Sultan und nicht wie ein Statthalter des Friedensfürsten und wie ein Vater aller Christen". In den Kriegen, die er aus Rachbegierde und Blutdurst führte, verloren zweimalhunderttausend Menschen ihr Leben. Er starb mitten unter Vorbereitungen zu neuen Kriegen. Er war so liederlich wie Alexander VI., und vor diesem hatte er noch voraus, daß er ein Trunkenbold war. Kaiser Maximilian I. sagte einst: "Ewiger Gott, wie würde es der Welt gehen, wenn du nicht eine besondere Aufsicht über sie hättest, unter einem Kaiser wie ich, der ich nur ein elender Jäger bin, und unter einem so lasterhaften und versoffenen Papst, als Julius ist!" Der Zeremonienmeister dieses Papstes, de Grassis, erzählt, daß der Heilige Vater einmal so heftig von der Krankheit angesteckt war, welche der Ritter Bayard le mal de celui qui l'a nennt, daß er am Karfreitag niemand zum Fußkuß lassen konnte. Ein ebenso liederlicher Mensch war sein Nachfolger Leo X. (1513-1521), welcher seine Erhebung zum Papste derselben Krankheit verdankte, die Julius am Fußkusse verhinderte. Als er zur neuen Papstwahl ins Konklave kam, litt er an einem venerischen Geschwür am Hintern, welches einen pestilenzialischen Geruch verbreitete. Die anderen Kardinäle, welche angesteckt zu werden fürchteten, befragten die Ärzte des Konklaves, und diese erklärten einstimmig, daß Leo gewiß bald sterben würde. Um nur baldigst von dem Geruch befreit zu werden, erwählten ihn die Kardinäle zum Papst. Leo X., ein Sprößling der berühmten Fürstenfamilie der Medicis, war ein gescheiter Mann, welcher Künste und Wissenschaften liebte und manch andere Eigenschaft hatte, die wir an einem weltlichen Fürsten recht hoch schätzen würden. Er lebte "vergnügt wie ein Papst" und kümmerte sich ebensowenig um die Christenheit wie um Geschäfte, wenn er nicht durch seine ungeheuren Geldbedürfnisse dazu gezwungen war. Er soll während der acht Jahre seiner Herrschaft 14 Millionen Dukaten verbraucht haben, was sehr glaublich ist, da er das so leicht erworbene Geld ebenso leicht ausgab. Bei seiner Krönung verschenkte er 100 000 Dekaten. Dichter und Maler erhielten von ihm sehr bedeutende Summen; aber die guten Christen deckten das alles. Einst sagte Leo zum Kardinal Bambus: "Wieviel uns und den unsrigen die Fabel von Christo eingebracht hat, ist aller Welt bekannt." S. 169
Sein Hof war der prächtigste, den es gab, und das Geld wurde mit vollen Händen weggeworfen, wie an denen der altrömischen Kaiser. So war es denn kein Wunder, daß er trotz seines Ablaßkrams noch bedeutende Schulden hinterließ. Leo verkaufte alles, was nur Käufer fand, und sein Finanzminister Armellino war der unverschämteste Blutsauger. Einst sagte Colonna von letzterem. "Man ziehe diesem Schinder das Fell über die Ohren und lasse ihn für Geld sehen, was mehr einbringen wird, als wir brauchen." Leo wurde durch einen plötzlichen Tod aus seinem üppigen Leben hinweggerissen und hatte nicht einmal Zeit, die kirchlichen Sakramente zu empfangen. Dieses gab einem Dichter Veranlassung zu einem Epigramm, welches in der Übersetzung lautet: "Ihr fragt, warum Leo in der Sterbestunde die Sakramente nicht nehmen konnte? - Er hatte sie verkauft." Leos Ablaßkram, von dem ich bereits geredet habe, gab die nächste Veranlassung zur Reformation. Die Geschichte derselben ist unendlich oft geschrieben worden und befindet sich in den Händen des Volkes; ich darf sie also als bekannt voraussetzen. Die gefährliche Lage des Päpstlichen Stuhls hätte einen recht kräftigen Papst erfordert; aber Leos Nachfolger, Hadrian VI. (1521-1523), war dies durchaus nicht. Er war ein bornierter Gelehrter, mehr geeignet, "sich und die Jungens zu ennuyieren", als das lecke Schifflein Petri über Wasser zu erhalten, obwohl sein Vater Schiffszimmermann in Utrecht war. Seiner Gelehrsamkeit wegen hatte man ihn zum Lehrer Karls V. gewählt, und als sein Zögling Kaiser war, machte man ihn zum Rektor der Universität Löwen. Luther sagt von ihm: "Der Papst ist ein Magister noster aus Löwen, da krönt man solche Esel." Man möchte geneigt sein, dies summarische Urteil zu bestätigen, wenn man liest, daß Hadrian bei den herrlichsten Kunstwerken Roms, wie Laokoon, Apoll von Belvedere usw., mit einem flüchtigen Seitenblick vorüberging, indem er sagte: "Es sind alte Götzenbilder." Als dieser "deutsche Barbar" zu Fuß nach Rom kam und zu seinem Unterhalt täglich nicht mehr als zwölf Taler verbrauchte und - horribile dictu - Bier dem Wein vorzog, da machten die Kardinäle sehr lange Gesichter und kamen zu der Einsicht, "daß der Heilige Geist keinen als einen Italiener verstehe". Hadrian war ein hölzerner Pedant und viel zu ehrlich, als S. 170
daß man ihn lange auf dem Päpstlichen Stuhl hätte dulden können. Die Satiriker nahmen ihn scharf mit. Der Dichter Berni charakterisierte dieses Papstes Regierung sehr ergötzlich. Die bezügliche Stelle heißt in der Übersetzung: "Eine Regierung voll Bedacht, Rücksicht und Gerede, voll Wenn und Aber, Jedennoch und Vielleicht, und Worten in Menge ohne Saft und Kraft, voll Glauben, Liebe, Hoffnung, das heißt voll Einfalt - wird Hadrian allgemach zum Heiligen machen." Hadrian beging ein in den Augen aller Kardinäle und Geistlichen gräßliches Verbrechen; er gestand nämlich ein, daß Lutber mit seinem Verlangen nach einer Reformation gar nicht so unrecht habe, indem er ehrlich genug war zu schreiben: "Gott gestattete die Verfolgung um der Sünde willen; die Sünde des Volkes stammt von den Priestern, die daher Jesus auch zuerst im Tempel aufsuchte, und dann erst in die Stadt ging. Selbst von diesem unserem Heiligen Stuhl ist so viel Unheiliges ausgegangen, daß es kein Wunder ist, wenn sich die Krankheit vom Haupt in die Glieder, von Päpsten in die Prälaten gezogen hat. Wir wollen allen Fleiß anwenden, damit zuerst dieser Hof, von dem vielleicht alles Unheil ausging, reformiert werde, je begieriger die Welt solche Reformen erwartet." So etwas war unerträglich, und Hadrian "wurde gestorben". Der Jubel der Römer bei seinem Tode war sehr groß, und sie begingen die Unschicklichkeit, die Tür seines Leibarztes zu bekränzen und mit der Inschrift zu versehen: Liberatori Patriae S.P.Q.R. (Der Senat und das Volk Roms dem Befreier des Vaterlandes). Damit man nicht in Versuchung kommt, das Schicksal dieses ehrlichen, gelehrten Dummkopfes gar zu sehr zu beklagen, bemerke ich, daß er fünf Jahre lang Großinquisitor in Spanien war und dort 1020 Menschen lebendig und 560 im Bildnis verbrennen ließ und 21 845 andere zu Vermögenskonfiskation, Ehrlosigkeit usw. verurteilte. Clemens VII. (1523-1534), wieder ein Medici, folgte dem "Magister noster Esel" und verstand es besser als dieser, den Kirchenmonarchen zu spielen; aber die Reformation konnte er ebensowenig unterdrücken. - Er hatte große Not auszustehen, denn der Konnetable Karl von Bourbon stürmte mit seinem unbezahlten Heer Rom. Der Feldherr wurde zwar bei dem Sturm erschossen, allein dies diente nur dazu, die Wut der beutelustigen Soldaten mehr anzufachen. Unter ihnen be- S. 171
fanden sich 14 000 Deutsche unter Georg von Frondsberg, der es besonders auf den Papst abgesehen hatte und einen goldenen Strick bei sich trug, um Se. Heiligkeit damit eigenhändig in den Himmel zu befördern. Der Papst floh in die Engelsburg, und mit Rom wurde unbarmherzig umgegangen. Die Kardinäle hatten schlimme Zeit, denn selbst die katholischen Spanier gingen hart mit ihnen um. Die Damen nahmen die Sache von der besten Seite; sie waren neugierig auf die stämmigen deutschen Landsknechte, und Geschichtsschreiber erzählen boshafterweise, daß sie es gar nicht erwarten konnten, bis das Notzüchtigen losging. Die Soldaten raubten, wo sie etwas fanden; denn wenn die Krieger der damaligen Zeit Geld witterten, dann suspendierten sie alle Religion, stahlen und mordeten nach Herzenslust und ließen sich dann absolvieren. Die Beute belief sich an Gold, Silber und Edelsteinen auf mehr als zehn Millionen Gold, und an barem Gelde, womit sich die Vornehmen ranzionieren mußten, auf eine noch größere Summe. Ich habe da ein altes Buch von 1569 vor mir, in welchem Adam Reißner, der in Diensten Frondsbergs mit in Rom war, die tolle Wirtschaft, welche die Soldaten dort neun Monate lang trieben, sehr einfach und treuherzig beschreibt. Ich will eine Stelle daraus wörtlich hersetzen: "Die Landsknecht haben die Cardinäls Hüt auffgesetzt, die roten langen Röck angetan, vnd sind auff den Eseln in der Statt vmbgeritten, haben also jr Kurzweil vnd Affenspiel gehalten. Wilhelm von Sandizell ist oftermals mit seiner Rott, als ein römischer Bapst, mit dreyen Kronen für die Engelburg kommen, da haben die andern Knecht in den Cardinäls Rökken irem Bapst Reverentz gethan, ire lange Röck vornen mit den Händen auffgehebt, den hindern Schwantz hinden auff der Erd lassen nachschleyffen, sich mit Haupt und Schultern tief gebogen, niederkniet, Fuß vnd Händ geküßt. Alsdann hat der vermeynt Bapst Clementen einen Trunk gebracht, die angelegte Cardinäl sind auff jren Knien gelegen, haben ein jeder ein Glaßvoll Wein außtrunken, vnd dem Bapst bescheyd gethan, darbey geschrien, Sie wollen jetzt recht fromme Bäpst vnd Cardinäl machen, die dem Keyser gehorsam, vnd nicht wie die vorige widerspenstig, Krieg vnd Blutvergiessen anrichten." "Zuletzt haben sie laut vor der Engelsburg geschrien: Wir wöllen den Luther zum Bapst machen! welchen solchs gefal- S. 172
len, der soll ein Hand aufheben, haben darauff all jre Händ auffgehebt, vnd geschrien, Luther Bapst, und viel dergleichen schimpffliche lächerliche Spottreden gethan." "Grünewald, ein Landsknecht schrey vor der Engelsburg mit lauter stimm. Er hett lust, daß er den Bapst ein stück auß seinem Leib solt reissen, weil er Gottes, deß Keysers, vnd aller Welt Feind sey" usw. Nachdem Papst Clemens an die Truppen noch gegen 400 000 Dukaten bezahlt hatte, ließ man ihn, als Diener verkleidet, aus der Engelsburg entwischen. Clemens hatte kein Glück, aber auch kein Geschick. So viel hätte er mit seinem Verstande erkennen können, daß die Zeit der Innozenze vorüber war; allein er war unpolitisch genug, es mit dem despotischen Heinrich VII. von England zu verderben, den er exkommunizierte und der sich dafür mit seinem ganze Lande von Rom lossagte. Dadurch verlor der Päpstliche Stuhl den Petersgroschen, eine Abgabe, welche seit 740 von jedem englischen Hause nach Rom bezahlt wurde und die bis dahin gegen 38 Millionen Gulden eingebracht hatte. Die Reformation machte unter diesen beiden letzten Päpsten immer weitere Fortschritte, und die 1522 auf dem Reichstage, zu Nürnberg versammelten Reichsstände erklärten: "daß sie die päpstlichen und kaiserlichen Verordnungen nicht vollstrecken lassen könnten, weil das Volk, welches den Lehren Luthers in großer Menge zugetan sei, dadurch leicht auf den Argwohn geraten könnte, als wolle man die evangelische Wahrheit unterdrücken und die bisherigen Mißstände unterstützen, und dies könnte leicht zu Aufruhr und Empörung Anlaß geben". Die deutschen Fürsten auf dem Reichstage nahmen diesmal kein Blatt vor den Mund, und in den "hundert Beschwerden der deutschen Nation" sprachen sie geradezu von den Betrügereien der Päpste, was sie nicht einmal heutzutage wagen würden. Überhaupt sagten die Verteidiger der Reformation damals vieles sogar mit dem Beifall der Fürsten, was selbst heute in anständiger Sprache nicht gewagt werden dürfte, aus Furcht vor endlosen Preßprozessen. Man ließ Luthers "Satyren" ungehindert passieren, obwohl sie eigentlich nichts als unflätige Schimpfereien waren. Der "Gottesmann Lutherus" zeigte wenig Respekt vor Päpsten oder Fürsten, wenn es die Verteidigung seiner Sache galt. Er ging mit ihnen um, als ob sie Bettelbuben gewesen wären, S. 173
und sagte sowohl dem Könige von England als dem Herzog Georg von Sachsen auf das allerderbste Bescheid. Den Herzog von Braunschweig nannte er nur den "Hansworst" - aber am schlimmsten kam der Papst weg. In seinem Buche: "Das Papsttum, vom Teufel gestiftet" nennt er die Kirche "die Lerche" und den Papst "den Kuckuck, der die Eier fresse und dafür Kardinäle hinscheiße". Er nennt Se. Heiligkeit "einen Gaukler, das Leckerlein von Rom, päpstliche Höllischkeit und Spitzbube, ein epikurisch Schwein, das vom Teufel hintenaus geboren, und will, daß man ihm den Hintern küsse, einen beschissenen und furzenden Papstesel, vor dessen Fürzen sich der Kaiser fürchtet und der alle Fürze der Esel binden und die selbsteigenen angebetet haben will, und daß man ihm dabei noch den Hintern lecke". Wenn es heutzutage ein Schriftsteller wagen würde, so gegen den Papst zu schreiben oder gegen einen Fürsten, dann fiele halb Europa in Ohnmacht und dem Verfasser winkte ein Preßprozeß mit darauffolgendem Gefängnis, so lang wie das Fegefeuer. Seine Gegner blieben Luther indes nichts schuldig, und Dr. Eck, den der Reformator stets Dreck nannte, zahlte ihm mit gleicher Münze. Die gewöhnlichen Titel, die man ihm gab, waren Doktor Dreck-Märten, Doktor Saubund von Wittenberg und dergleichen. Der Jesuit Weislinger sagt von ihm in bezug auf die Tischreden: "Luther ist Zeremonienmeister bei Hofe, wo man Mist ladet, Advokat zu Sauheim, wo nicht gar Stadtrichter zu Schweinfurt; - gäbe es ein Mistingen, Schmeisau oder Dreckberg, so gehöre der Sauluther dahin." Das war, wie bemerkt, im sechzehnten Jahrhundert "Satyre". Clemens VII. war ein großer Freund der Mönche. Unter ihm entstanden die Kapuziner, eine Abart der Franziskaner, welche sich von den letzteren nur durch ihre größere Dummheit und Schweinerei auszeichneten. Die spitzen Kapuzen, die sie tragen und einem Lichtauslöscher sehr ähnlich sehen, können zugleich als ihr Feldzeichen dienen, denn Clemens hoffte durch sie das Licht auszulöschen, welches durch Luther angezündet war. Paul III. (1539-1549), der nach Clemens Papst wurde, war schon im 26. Jahre Kardinal geworden, und zwar, weil er seine schöne Schwester Julia Farnese an Alexander VI. verkuppelt hatte. Er war einer der liederlichsten Päpste. Blutschande, Mord und ähnliche Verbrechen waren ihm geläufig. Er vergiftete sowohl seine eigene Mutter wie seine Schwester! S. 174
Doch das sind eigentlich Familienangelegenheiten, die uns weniger angehen. Weit wichtiger war es für die Welt, daß Paul am 27. September 1540 den Orden der Jesuiten bestätigte. Wir werden diese Fledermäuse noch näher kennenlernen und wollen ihnen dann sagen, was sie waren und was sie sind; denn sie selbst wollten und konnten darüber keine Auskunft geben und sagten, sie wären tales quales; das heißt: diejenigen, welche - - - Julius III. war ein Papst, der noch weniger taugte als seine Vorgänger. Er hielt sich mit dem Kardinal Creszentius gemeinschaftlich Beischläferinnen, und die Kinder, welche dieselben bekamen, erzogen sie gemeinschaftlich, da keiner von beiden wußte, wer der Vater sei. Seinen Affenwärter, einen häßlichen Jungen von sechzehn Jahren, machte er zum Kardinal, und als ihm die andern Kardinäle deshalb Vorwürfe machten, rief er: "Potta di Dio! was habt ihr denn an mir gefunden, daß ihr mich zum Papst machtet?" Der Heilige Vater ließ einst in Rom Musterung über alte Freudenmädchen halten, und es fanden sich nicht weniger als 40 000 in der Stadt. Unter einem so liederlichen Papst wie Julius mußte ihr Handwerk natürlich gedeihen. Sein Nuntius Johann a Casa, Erzbischof von Benevent, schrieb ein Buch über die Sodomiterei, worin er diese lebhaft in Schutz nimmt. Dies Buch ist 1552 in Venedig gedruckt und - dem Papst dediziert! Paul IV. war ein vor Stolz halb wahnsinniger, achtzigjähriger Narr und nebenbei ein mordlustiger Pfaffe. Unter ihm konnte die Inquisition nicht genug Opfer erwürgen. Hören wir, was Pasquino über ihn sagte. Aber vorher noch einige Worte über Pasquino. Nach der Sage war dieser ein lustiger Schneider in Rom, dessen Schwänke viele Leute nach seiner Bude lockten. Dieser gegenüber stand eine verstümmelte Statue, an welcher man häufig Satiren angeklebt fand, die man dem Schneider Pasquino zuschrieb. Daher das Wort Pasquill. Es gibt indessen noch andere Traditionen darüber. Bald wurde nun eine andere Statue am Kapitol dazu ausersehen, Antworten auf die Fragen aufzunehmen, die man an der ersten Statue fand, und so entstand das Frage- und Antwortspiel, welches nicht nur sehr ergötzlich, sondern auch von großem Nutzen war. Es war der römische Kladderadatsch in primitiver Gestalt. Als Paul IV. 1559 gestorben war, schlug Pasquino folgende Grabschrift vor.- "Hier liegt Caraffa (aus dieser Familie S. 175
stammte der Papst), verflucht im Himmel und auf Erden, dessen Seele in der Hölle, dessen Aas im Boden ist. Der Erde mißgönnte er den Frieden, dem Himmel Gebet und Gelübde; ruchlos richtete er Klerus und Volk zugrunde; vor den Feinden kroch er, gegen Freunde war er treulos; wollt ihr alles auf einmal wissen? - er war Papst!" Der Name Papst war damals in Rom zum Schimpfwort herabgesunken. Pasquino erwiderte einem Fragenden: "Warum jammerst du?" - "Ach, der Schimpf bricht mir das Herz!" - "Nun, was ist's?" - "Du errätst es nicht? Sie haben mich", ruft er unter Schluchzen, "sie haben mich einen Papst genannt." Paul war Kaiser Karls V. erbitterter Feind gewesen und wollte nach dessen Abdankung Kaiser Ferdinands Wahl nicht anerkennen, weil dessen Sohn und Thronfolger, Maximilian, meist unter Lutheranern aufgewachsen sei. Der Kaiser kehrte sich wenig an den Papst, dazu angeregt durch den Reichs-Vizekanzler Dr. Seld, den Beust Ferdinands I. Dieser Minister sagte in einem Gutachten: "Man lacht jetzt über den Bann, vor dem man sonst zitterte; man hielt sonst alles, was von Rom kam, für heilig und göttlich, jetzt speiet männiglich, er sei alter oder neuer Religion, darÜber aus. Die alten Kaiser haben die Päpste beim Kopfe genommen, gestöcket, gepflöcket und abgesetzt; wir haben selbst erlebt, wie Karl mit Clemens umgegangen; solchen Ernstes sind Ew. Majestät nicht einmal benötigt. Übrigens weiß man, daß Se. Heiligkeit die Kardinäle, welche Wahrheiten sagen, Bestien und Narren gescholten, solche mit Stecken geschlagen, woraus anzunehmen, daß dieselben Alters oder anderer Zufälle wegen nicht wohl bei Vernunft und Sinnen seien." Unter Pius IV. wurde das berühmte Trientiner Konzil geschlossen (im Dezember 1563), welches achtzehn Jahre versammelt gewesen war, um die schon längst als notwendig erkannte Reformation der Kirche an "Haupt und Gliedern" vorzunehmen. Das Konzilium stand unter der unmittelbaren Beaufsichtigung des Papstes. Kardinal del Monte stand mit ihm durch eine ununterbrochene Kurierlinie zwischen Trient und Rom in fortwährender Verbindung, und des Papstes Instruktionen hatten auf alle Beschlüsse den entschiedensten Einfluß. Alle Welt schrie, das Konzil sei nicht bei Trost, aber niemand konnte das ändern. S. 176
Der Bischof Dudith von Tina in Dalmatien und mehrere andere sagten: "Der Heilige Geist, der die versammelten Väter in Trient belehrte, kam im römischen Felleisen." Die Heiligen Väter strengten sich nicht übermäßig an. Alle Monate einmal eine Sitzung, wenn nicht Ferien oder Festlichkeiten die Zeit wegnahmen, und hielt man einmal eine Sitzung, so verging dieselbe meistens mit sehr viel unnützen Redereien. Man disputierte mit allem Ernst, der so wichtigen Dingen gebührt, über den Rang der Abgeordneten, über Kleidung, Siegel und dergleichen. Dann fragte man, ob man vom Glauben oder von der Reformation anfangen wolle? Endlich entschied man sich dann für den Glauben, da einige Vorwitzige unverschämt genug waren, die Meinung zu äußern, daß die Reformation bei den Häuptern beginnen müsse! Die Franzosen und selbst die so geduldigen Deutschen verloren die Geduld. Ein kaiserlicher Gesandter behauptet gar, der Papst und seine Legaten "hätten die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, um sich den Schein zu geben, vorwärts zu gehen, während sie doch rückwärts gingen". Wenn das Volk, welches sich nach all den schönen Versprechungen auf die Konziliumsbeschlüsse wie Kinder auf den Heiligen Christ freute, durch seine Vertreter deshalb anfragen ließ, dann erhielt es immer zur Antwort, daß der Bericht noch nicht fertig sei". Als aber der Bericht endlich fertig war, da machte alle Welt ein langes Gesicht und "entsatzete" sich. Beim Schluß der Synode stand der Kardinal von Guise auf und rief: "Verflucht seien alle Ketzer!" "Verflucht! verflucht! verflucht!" brüllten die Herren Gesandten im Chorus, und der "Heilige Geist" in Rom lachte ins Fäustchen. Dies war freilich nicht der Weg, die Protestanten in den Schoß der Kirche zurückzuführen, welches eigentlich der Hauptzweck der langen Synode war. Es bedarf in der Tat keiner großen Prophetengabe, um vorhersagen zu können, daß das in diesem Jahr abzuhaltende Konzil (1868) ganz denselben römischen Stuhlgang haben wird wie das Trienter. Der alte Mann, der jetzt die wurmstichige Tiara trägt (Pius IX.), leidet an der Einbildung, daß wir 1368 schreiben, und handelt demgemäß. Es ist ein Glück, daß es ziemlich gleichgültig ist, was das Konzil beschließt, da sich niemand daran kehren wird, und daß die Tage des Landvogtes Gottes gezählt sind: S. 177
Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Landvogt, Das Trienter Konzil war das letzte, welches gehalten wurde, und seine Beschlüsse sind bis auf den heutigen Tag das Gesetz für die römische Kirche. Hume sagt bei der Geschichte der Königin Elisabeth von England: "Das Trienter Konzil ist das einzige, das in einem Jahrhundert beginnender Aufklärung und Forschung gehalten wurde; die Wissenschaften müßten tief sinken, wenn das Menschengeschlecht aufs neue zu einem solchen groben Betruge geschickt würde." Der protestantische Schriftsteller Haidegger verglich das Papsttum mit einer Hure, die immer unverschämter wird, je länger sie mitmacht. Dieser Vergleich ist zwar nicht sehr höflich; aber wenn man die Beschlüsse des Trientiner Konzils durchliest, muß man ihm beistimmen. Aller Unsinn, welcher sich allmählich in die christliche Kirche eingeschlichen hatte, wurde dadurch feierlich sanktioniert, und was von der Trientinischen Glaubensformel abwich, hatte "den Verlust der Seligkeit zu erwarten". Daß aus der Synode nicht viel werden konnte, lag auf der Hand, denn die Jesuiten nahmen sich ihrer an und soufflierten dem Heiligen Geist. Dieses Konzil hatte große Folgen, und die allerschlimmste war wohl die, daß die Päpste, welche bisher beständig gegen die weltliche Macht Opposition gebildet hatten, von nun an gemeinschaftliche Sache mit ihr machten, um das sichtbare Streben nach einem besseren Zustande und nach politischer Freiheit zu lähmen. Pius IV. "gab seine Seele durch den Teil des Leibes von sich, durch welchen er sie empfangen hatte". Ihm folgte Pius V., ein ehemaliger Großinquisitor. Bei seiner Wahl soll er geäußert haben - "Als Mönch hoffe ich selig zu werden; als Kardinal zweifle ich daran, und als Papst halte ich die Sache für unmöglich." Dieser Pius V., der als Großinquisitor eine geeignete Vorschule gehabt hatte, war der grausamste unter allen Päpsten. Ihn belebte nur eine Idee: Ausrottung der Ketzer. Er ist der Urheber der Pariser Bluthochzeit, der schrecklichen Verfolgungen in den Niederlanden unter Herzog Alba, der sich rühmte, daß er in sechs Jahren 18 000 Personen hinrichten ließ, und aller Verschwörungen in Schottland und England. Das Motiv der Grausamkeit dieses Papstes war nicht allein S. 178
religiöser Fanatismus. Er ließ zum Beispiel Nik. Franko wegen eines unschuldigen Distichons hängen, welches er auf dem im Lateran (päpstlichen Palast) neuerbauten Abtritt machte! Past Pius V., der beladenen Bäuche sich erbarmend, Das ist die Übersetzung der Zeilen, die den Poeten an den Galgen brachten. Der arme Mensch rief mit Recht: "Das ist zu arg!", und noch auf der Leiter wollte er nicht glauben, daß die Sache ernst sei, und fragte: "Wie, Nikolaus an den Galgen?" Als Pius unter gräßlichen Steinschmerzen seine Henkerseele ausgehaucht hatte, herrschte allgemeine Freude. Die während seiner Regierung beinahe in den Ruhestand versetzten öffentlichen Mädchen versammelten sich jubelnd um seine Leiche, und sogar der türkische Sultan ließ Freudenfeste wegen dieses Todes anstellen. Doch ich darf nicht das Gute unerwähnt lassen, was von diesem Papst zu melden ist, und um so weniger, als es auf dem "Apostolischen Stuhl" eine Seltenheit ist. Er führte ein sehr strenges Leben, wie ein Einsiedler, trug einen handbreiten, stachligen Drahtgürtel (Zilizium genannt) auf dem bloßen Leibe und kein Hemde. Seine Speise bestand aus Gemüse und sein Getränk aus Wasser. Gregor XIII. war seinem Vorgänger an fanatischem Ketzerhaß gleich, wenn auch nicht an Sittenstrenge. Er eröffnete dem spitzbübischen Jesuitengeneral Aquaviva, daß es Protestanten, besonders Gelehrten, Fürsten, höheren Beamten und anderen einflußreichen Personen, wenn sie zur römischen Kirche übergingen, aus besonderer päpstlicher Gnade gestattet sein sollte, ihren neuangenommenen Glauben verleugnen und noch alle protestantischen Kirchengebräuche mitmachen, kurz, nach wie vor sich als Protestanten benehmen zu dürfen. Nach Gregor kam Sixtus V. (1585-1590) auf den Päpstlichen Stuhl. Sein Vater war Weingärtner, seine Mutter eine Magd, und er selbst hütete in seiner Jugend die Schweine. Deshalb scherzte er oftmals: "Ich bin aus einem durchlauchtigen Hause; Sonne, Wind und Regen hatten freien Zugang in die Hütte meiner Eltern." Sein Name war Felice Peretti, und er wurde 1521 zu Grotta a Mare, nicht weit von Montalto in der Mark Ankona geboren. Ein Franziskaner, dem der Junge gefiel, nahm ihn von den Schweinen weg und brachte ihn in ein Kloster und somit auf die Leiter, die ihn zum Apostolischen Stuhl führte. - Er S. 179
stieg schnell. Papst Pius V. war ihm gewogen und machte ihn zum Kardinal Montalto; aber Gregor konnte ihn nicht leiden, und so hielt er es denn für zweckmäßig, sich ganz zurückzuziehen und dem Anscheine nach ein völliger Franziskaner zu werden. Er spielte seine Rolle so gut, daß sämtliche Kardinäle angeführt wurden. Er stellte sich äußerst demütig, einfältig und körperlich hinfällig, ließ sich geduldig "der Esel aus der Mark" nennen und dachte, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Die Kardinäle waren bei der Papstwahl in sechs Parteien geteilt, und da keine der andern den Willen tun wollte, rief die größte Zahl der Kardinäle, "daß der Esel aus der Mark Papst sein solle". Kaum wurde der an seiner Krücke einherschleichende Montalto gewahr, daß er die meisten Stimmen für sich habe, als er sogleich seine Krücke wegwarf, sich kerzengerade in die Höhe richtete, bis an die Decke der Kapelle spuckte und mit einer Stentorstimme ein Tedeum anstimmte, daß die Fenster zitterten. Man kann sich den Schrecken der überlisteten Kardinäle denken. Als der Zeremonienmeister den neuen Papst dem Gebrauch gemäß fragte, ob er die Würde annehme, antwortete er: "Ich hätte noch Kraft zu einer zweiten", und als ihm einer der stolzesten Kardinäle wegen seines guten Aussehens Komplimente machte, sagte er lachend: "Ja, ja, als Kardinal suchten wir gebückt die Schlüssel des Himmelreiches; wir fanden sie und sehen nun aufrecht gen Himmel, da wir auf Erden nichts mehr zu suchen haben." Einer der Kardinäle, der sich immer für ihn interessiert hatte, wollte seine verschobene Kapuze in Ordnung bringen, aber Montalto wies ihn zurück und sagte: "Tut nicht so vertraut mit dem Papste." Kardinal Farnese, der dem nunmehrigen Papst niemals recht getraut und ihn stets den Paternosterfresser genannt hatte, äußerte nun zu seinen Kollegen: "Ihr meintet, einen Gimpel zum Papst zu machen; ihr habt einen dazu gemacht, der mit uns allen wie mit Gimpeln umgehen wird!" - Pasquino erschien mit einem Teller voll Zahnstocher. Sixtus V. blieb auch als Papst ein strenger Mönch und griff nun mit Energie in die bisher so jämmerlich schlaff gehandhabten Zügel der Regierung. Zuerst war er darauf bedacht, das Land von den unzähligen Räuberbanden zu reinigen, die unter Gregor XIII. so überhand genommen hatten, daß kein Mensch seines Lebens sicher war. Fünfhundert Verbrecher er- S. 180
warteten, wie es bei einem Regierungsantritte gewöhnlich war, ihre Befreiung; allein Sixtus ließ ihnen den Prozeß machen, und die Galgen wurden nicht leer. "Ich sehe lieber die Galgen voll als die Gefängnisse", pflegte er zu sagen. Ganz Rom geriet in Entsetzen, denn seine Strenge traf Reiche und Arme, was man bisher gar nicht gewohnt gewesen war. Graf Pepoli, welcher die Banditen beschützt hatte, wurde zu Bologna enthauptet, und die Villa des Prälaten Cesarino ließ der Papst niederreißen, weil sie ein bekannter Banditenschlupfwinkel war. "Ich verzeihe", sagte er, "was unter Montalto geschehen ist; aber als Sixtus muß ich dieses Haus niederreißen und einen Galgen an die Stelle setzen." Cesarino wurde vor Angst Karthäuser. Einer der Bargellos (Landhäscher), die nur zu oft mit den Banditen gemeinschaftliche Sache machten, wollte sich verbergen, als er Sixtus gewahr wurde. Dieser ließ ihn in Ketten legen und gab ihn nur unter der Bedingung frei, daß er ihm innerhalb acht Tagen eine bestimmte Anzahl Banditenköpfe einliefere. Ja, der Papst ging in seiner grausamen Gerechtigkeitsliebe zu weit, daß er, um Verbrecher zu entdecken, die alten Kriminalakten durchstöbern ließ. Einen gewissen Blaschi, der schon vor 36 Jahren wegen eines Mordes nach Florenz entwischt war, ließ er requirieren und enthaupten. Diese Strenge gab Pasquino hinlänglich Stoff. Einst sah man an der Bildsäule die Engelsbrücke abgebildet, mit den sich gegenüberstehenden Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Petrus war in Stiefeln und Reisemantel. Paulus äußerte sein Erstaunen und fragte nach der Ursache des Reisekostüms, und Petrus antwortete: "Ich will mich fortmachen, denn ich habe vor 1500 Jahren Malchus das Ohr abgehauen." Sixtus trieb seine Justiz mit förmlicher Leidenschaft, und einst nach einer großen Hinrichtung äußerte er bei Tische: "Mir schmeckt es nie besser als nach einem solchen Akt der Gerechtigkeit." - Pasquino erschien wieder mit einem Becken voll kleiner Galgen, Räder, Beile usw. und sagte: "Diese Brühe wird dem Heiligen Vater Eßlust geben." Die Mütter schreckten jetzt ihre Kinder mit dem Papst, und wenn dieser sich auf der Straße blicken ließ, so drückte sich jeder beiseite. Ein Zeichen, daß es in Rom viele Spitzbuben und andere Leute gab, welche die Strenge des Papstes zu S. 181
fürchten hatten. Er verfolgte nicht allein Banditen, sondern auch die Menschenfleischhändler oder die Kuppler, welche den Kardinälen und liederlichen Reichen ihre Weiber und Töchter zu verhandeln pflegten. Eine berühmte Buhlerin, Pignaccia, welche man nur die Prinzessin nannte, ließ er hinrichten und von ihrem Vermögen ein schönes Hospital erbauen. Für die Armen sorgte er in bedrängter Zeit väterlich und ließ nicht allein Lebensmittel austeilen oder die Preise derselben herabsetzen, sondern auch Seiden- und Tuchfabriken anlegen; den Adel nötigte er, seine Schulden zu bezahlen, was demselben hart genug ankam. Ein schöner Zug von Sixtus war es, daß er sich früher erhaltener Wohltaten erinnerte. Einem Schuster hatte er einst für ein Paar Schuhe nur sechs Paoli bezahlt und gesagt: "Das übrige werde ich bezahlen, wenn ich Papst bin." Nun bezahlte er seine Schuld mit Interessen und gab dem Sohne des Schusters - ein Bistum. Ebenso belohnte er einen Prior, der ihm vor vierzig Jahren vier Skudi geborgt hatte. Seine Verwandten vergaß er übrigens auch nicht, aber trotz dieser Ausgaben und der nun bedeutend geringer gewordenen Einnahmen des Päpstlichen Stuhles legte er doch drei Millionen Skudi im päpstlichen Schatz nieder, während andere Päpste Schulden machten. Sixtus besaß Verstand und selbst Witz, aber gegen den anderer war er sehr empfindlich. Pasquino trocknete einst sein Hemd am Sonntag. - "Warum wartest du nicht bis Montag?" - "Ich trockne es, bevor die Sonne verkauft wird", und sein ungewaschenes Hemd entschuldigte er: "Der Papst hat mir meine Wäscherin (seine Schwester Camilla) zur Prinzessin gemacht." Dieser Spott beleidigte Sixtus sehr. Er versprach dem Entdecker des Verfassers tausend Dukaten, indem er dem letzteren das Leben zusicherte. Der Spötter dachte die Belohnung selbst zu verdienen und war dumm genug, sich zu melden. Sixtus ließ ihn am Leben, wie er versprochen, allein er ließ ihm die Zunge ausreißen und die Hände abhauen, dann tausend Dukaten auszahlen. Trotz seiner mancherlei guten Eigenschaften und seines Hasses gegen die Jesuiten und gegen den spanischen Tyrannen Philipp II. blieb er doch immer ein fanatischer Mönch und fand es ganz in der Ordnung, daß die Ketzer brennen müßten. Die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich billigte er, und S. 182
als die rachsüchtige Elisabeth von England Maria Stuart hatte hinrichten lassen, rief er aus: "Glückliche Königin! Ein gekröntes Haupt zu ihren Füßen!" König Heinrich IV. und Elisabeth wußte er übrigens zu würdigen und äußerte einst: "Ich kenne nur einen Mann und nur eine Frau, würdig der Krone." Elisabeth erfuhr es und scherzte: "Wenn ich je heirate, muß es Sixtus sein." Dieser rief, als man ihm die Äußerung hinterbrachte: "Wir brächten einen Alexander zustande!" Die Jesuiten wollten Sixtus überreden, daß er einen Jesuiten als Beichtvater annehmen solle, wie die andern Großen; er aber meinte: "Es würde beser für die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papste beichten wollten." Er tat außerordentlich viel für die Verschönerung Roms und legte mehrere nützliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der große ägyptische Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei höchst merkwürdige Inschriften hat: "Cäsar Augustus Pontifex Maximus unterwarf sich Ägypten und weihete ihn der Sonne" auf der einen Seite und auf der anderen: "Sixtus V. Pontifex Maximus weihet diesen Obelisken, nach dessen Reinigung, dem Kreuze". Sixtus V. war den Kardinälen und den Römern zu strenge, und so ist es denn nicht zu verwundern, daß er bald anfing zu kränkeln. Sein Leibarzt fühlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Höhe und rief: "Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?" Der arme Doktor ward krank vor Schrecken. Im Jahre 1590 starb dieser letzte gefürchtete Papst. Er hätte immer noch länger leben können, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er ging damit um, die meisten Mönchsorden aufzulösen. Vielleicht starb er an diesem Vorsatz. Die Römer waren froh, daß sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben ihre Freude dadurch zu erkennen, daß sie die auf dem Kapitol stehende Bildsäule des Papstes in Stücke schlugen. Pasquino sagte: "Mache ich je wieder einen Mönch zum Papste, so soll mir ewig der Rettich im Hintern bleiben." Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewählt wurde. Er hätte gern Sixtus V. nachgeahmt, aber die Reformation hatte das Ansehen der Päpste mächtig erschüttert. Paul wollte Venedig seine Macht fühlen lassen, aber der Senat S. 183
dieser Republik kehrte sich wenig an den Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war. Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische Gesandte klärte ihn über seinen Standpunkt in bezug auf Regierungen und Fürsten auf und sagte ihm geradezu: "Das Wort Gehorsam ist unschicklich, wenn von einem Fürsten die Rede ist. Alle Welt würde es für vernünftig halten, wenn Ew. Heiligkeit Mäßigung gebrauchten." Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur Empörung zu verleiten, und endlich verließen sie mit einer Menge anderer Mönche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwünschungen nach. Der Senat benahm sich überhaupt gegen die geistlichen Anmaßungen mit großer Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das Interdikt. Nur der Großvikar des Bischofs von Padua ließ dem Senat auf sein Verbot des Interdikts antworten, daß er tun werde, was Gott ihm eingebe, als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben, einen jeden Ungehorsamen hängen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu Kreuze. In diesem Kampfe zwischen Venedig und der päpstlichen Gewalt zeichnete sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit seiner gewandten Feder die Anmaßungen des Papstes mit großer Geschicklichkeit bekämpfte. Die Kardinäle Bellarmin und Baronius strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem sie die ganze Päpstliche Rüstkammer von Lügen zu Hilfe nahmen. Um den gefährlichen Feind los zu werden, beschloß man, Sarpi zu ermorden. Eines Abends (1607) überfielen ihn Banditen und versetzten ihm fünfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Märtyrer der Wahrheit: "Ich kenne den Griffel der römischen Kurie!" Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren Schriftsteller für das, was er gelitten hatte. Da man den "römischen Kurialstil" kannte, so mußte eine Sicherheitswache Sarpi begleiten, wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St. Markusritter ernannt. Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht fehlte, ein großer zu sein. Die Ketzer aller Art haßte er gründlich und war eifrig bemüht, überall das Feuer des Fanatismus gegen sie anzuschüren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini beginnt und in welcher S. 184
alle Spielarten der Ketzer bis in den allertiefsten Abgrund der Hölle "im Namen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" verflucht werden. Diese Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljährlich am Gründonnerstag zur Erbauung der Gläubigen in allen römischen Kirchen öffentlich vorgelesen. Nebenbei war auch dieser liebenswürdige Papst, was man beim Militär einen "Gamaschenfuchser" nennt. Er bekümmerte sich um die geringsten Kleinigkeiten und behandelte sie mit der größten Wichtigkeit. So verbot er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder zu rauchen. Aber der spätere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen würde! - Urban befahl auch, daß sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im Scherze - kitzeln sollten und daß man am Feste des heiligen Markus keine - Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, daß neben den 52 Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsünde gefeiert werden sollten. Er scharrte 20 Millionen Skudi zusammen, die er aber meistenteils für seine Familie verwandte, und hinterließ noch eine Schuldenlast von 8 Millionen. Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mätresse, leiten ließ. Dieses unverschämte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelt ohne Scheu Ämter und Pfründen. Um nur Geld zu bekommen, säkularisierte sie zweitausend Klöster, das heißt, sie hob sie auf und zog deren Güter ein. Noch in den letzten zehn Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine halbe Million Skudi beiseite geschafft haben. Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie lachend: "Ach, es sind ja nur die Sünden der Deutschen." Eine ähnliche Äußerung erzählte man sich von Alexander VI. Der Papst protestierte gegen den Westfälischen Frieden, welcher der Welt nach dreißigjährigem Kriege den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn Stifte säkularisiert werden sollten. Selbst Österreich war empört über solche Niederträchtigkeit, und die Bulle, welche der päpstliche Nuntius an allen österreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler gestraft. S. 185
Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: "Der Papst hat gut reden; im Reiche geht es bunt zu, während er sich von Olympia krabbeln läßt." Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann, der im Vergleich zu den anderen Päpsten ziemlich vernünftig genannt zu werden verdient. Er erlebte die Freude, daß der Fürst, in dessen Lande die Reformation entstanden war, wieder in den Schoß der "allein seligmachenden" römischen Kirche zurückkehrte, nämlich Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, der diesen Schritt tun mußte, wenn er König von Polen werden wollte und der wie Heinrich IV. von Frankreich dachte, "daß eine Königskrone schon eine Messe wert sei". Im Innern dachte Friedrich August gar nicht römisch-katholisch, das heißt, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser klagte, daß ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen, wenn er sich nicht bessere. Der sächsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu dürfen, denn er hatte große Lust, die nähere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so kräftig, daß das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus, Maria, Joseph! stöhnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus und siehe! - es war Se. Hochwürden, der Beichtvater! Von den Päpsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen, als daß sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es versuchten, ihre so ziemlich gestürzte öffentliche Macht auf Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwürfe, unterminieren ließen, welche aber nur soweit für das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem ihrigen übereinstimmte. Im allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Väter an, menschlicher |