Ein Pfarrer muss sich nicht schämen


Ende November 1998 schrieb ich, Heike Jackler, einen Brief an die Gemeinde, in der ich konfirmiert wurde, die „Lutherkirchengemeinde“. Ich erwähnte die Zitate Luthers (siehe „Ein Interview mit Luther“) und wollte folgendes wissen:
Nun meine Fragen:
1) Stimmen die angegebenen Zitate und weiteren Angaben, die ich erfahren habe?
2) Wenn es stimmt, wann benennen Sie ihre Kirchengemeinde nicht mehr nach Luther, sondern überlegen sich einen passenderen Namen?

Ich muss sagen, ich war sehr entsetzt, als diese Dinge über Martin Luther las. So etwas haben wir weder in der Schule noch im Konfirmandenunterricht gelernt. Ich schäme mich in einer „Luther“-Kirche konfirmiert worden zu sein. Über eine Antwort würde mich mich sehr freuen.


Nun, die Antwort lies nicht lange auf sich warten: [rote Anmerkungen von mir]

Sehr geehrte Frau Jackler,

Ihr Schreiben haben wir erhalten. Sie schreiben an die Gemeinde - das ist eine sehr anonyme Größe. Nach unserem Verständnis gehören zur christlichen Gemeinde alle Getauften. Als Pfarrer der Lutherkirche versuche ich mal eine Antwort auf Ihre vielen Fragen. [Es waren nur 2, aber die hatten's wohl in sich.]
1) Sie brauchen sich nicht zu schämen, in der Lutherkirche konfirmiert worden zu sein. Luthers Name ist ein guter Name und er war auch ein bedeutender Mensch. Nur war er nicht sehr pflegeleicht und in seinem Charakter wohl auch sehr schroff - das wissen wir von Zeitzeugen. Durch seine Art war er auch nie bequem, sonst hätten sich nicht „Kaiser und Reich“ und auch „der Papst und die römische Kirche“ mit ihm so ausführlich befassen müssen.
2) Die Zeit, in der Luther lebte war schwierig und in sich widersprüchlich: [Natürlich, mit der "Zeit" läßt sich alles erklären. Wie die Bibel. Die Zeit ist aber nur so, wie die Menschen sind.] - Das alte Weltbild zerbrach (Die Erde als Scheibe und der Himmel wie eine Glocke darüber = ein in sich geschlossenes System). Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus beschleunigte diesen Vorgang. – „Die Türken vor Wien“ – dieser Schreckensruf beunruhigte in dieser Zeit immer wieder das gesamte christliche Abendland. – Die Entdeckung des Buchdrucks durch Gutenberg machte es erst möglich, daß viele Menschen mit Schriften, Flugblättern, Bildern und Büchern in Berührung kamen. Nachrichten konnten übermittelt und aufbewahrt werden. - Die Menschen am Ausgang des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit hatten ein gar wichtiges Thema und eine große Sorge: ihr Seelenheil! Die Erwartung der Endzeit war allgegenwärtig. Eine furchtbare Angst vor Fegefeuer und Hölle bestimmte das Denken. Luther selbst hat immer wieder gefragt: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Die Tatsache, daß er als Dr. der Theologie ein Mönch wird und ins Kloster eintritt, ist nicht eine Masche, sondern hängt mit seiner Gottesfurcht zusammen.
3) In die Zeit der härtesten Auseinandersetzungen um Luthers Lehre (nach dem Reichstag zu Worms 1520) fällt der Bauernkrieg. Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die sich auf reformatorische Grunderkenntnisse bezog, wurde z.T. falsch verstanden: Freiheit wurde als Willkür mißverstanden! So kam es, daß die Bauern mit aller Gewalt gegen die Fürsten aufbegehrten. Das erzeugte wiederum Gewalt mit viel Blutvergießen. Luther stellte sich schließlich auf die Seite der Fürsten, nachdem er anfangs ganz offen mit den Bauern sympathisiert hatte. Er tat das, um der maßlosen Gewalt entgegenzuwirken und um die bis dahin gültige Gesellschaftsordnung einigermaßen zu sichern. [Denn die war ja von Gott gegeben.] In seinen Stellungnahmen ist Luther ganz klar über das Ziel hinaus geschossen. Seine Schrift Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern ist dafür ein Beleg. Wenn Sie ihn zitieren mit den Worten „Prediger sind Totschläger“, dann ist dies ja eine sehr selbstkritische Äußerung, die etwa so zu verstehen ist: 'Wenn ich als Prediger andere Menschen anstifte zu bestimmten Handlungen (womöglich unter dem Schein des Rechts), dann bin ich für die Folgen verantwortlich.' Luther hat also um seinen Einfluß gewußt und unter den angedeuteten Mißverständnissen sehr gelitten. [Alles nur Mißverständnisse!] Von daher hat er es auch abgelehnt, seinen Namen zu gebrauchen: „Man soll sich nicht lutherisch nennen!“ [Warum nennt sich dann die Kirche in Ihrer Gemeinde „Lutherkirche“, Herr Pfarrer?]
4) Luther und die Juden - das ist in der Tat ein unerschöpfliches und zugleich auch sehr kritisches Kapitel. Luther war ja nicht von Anfang an der strahlende Glaubensheld und Begründer der Evangelischen Kirche [gegen die Juden hat er aber nicht am Anfang seiner Karriere, sondern eher im reifen Alter gehetzt] – er war auch und vor allem ein Kind seiner Zeit (vgl. das zu 2 Gesagte). [Und wieder muß die „Zeit“ herhalten. Was anderes fällt nicht ein.] Seine Äußerungen sind für uns sehr extrem [allerdings], jedoch aus seiner Zeit verständlich. [Der Herr Pfarrer hat für alles Verständnis.] Im Mittelalter machte man die Juden verantwortlich für den Tod des Herrn Jesus. Solche Äußerungen finden sich bereits im Neuen Testament. Man glaubte sich also in guter Gesellschaft. Einem Christenmenschen stand es von daher gut an, wenn er mit Juden nichts gemein hatte. So dachten alle und fanden nichts dabei. [Ja, so sind die Christen.] Das hatte Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft: Die mittelalterlichen Zünfte z.B. nahmen keine Juden auf. Damit war ihren verwehrt, ein Handwerk auszuüben, sie durften lediglich Handel treiben, auch Handel mit Geld. Die Juden führten ihr eigenes Leben und mußten in Ghettos wohnen. Luther hat diese Praxis sehr unkritisch gesehen. [„unkritisch“ ist gelinde ausgedrückt. Er hat zur Verfolgung und Tötung aufgerufen.]
5) Sie fragen, ob die Nazis sich mit Recht auf Luther berufen? Ich antworte mit einem glatten 'Nein'. [Warum? Sonst müßte er vielleicht doch seine Kirche umbenennen.] Aber weil Luther eine große Autorität war und ist, haben sie gerne auf ihn zurückgegriffen. Dabei haben sie natürlich Äußerungen Luthers angeführt, die wir sehr kritisch betrachten müssen und auch nicht gutheissen können. [Luther hat exakte Anweisungen gegeben, wie mit den Juden zu verfahren sei. Das haben die Nazis in die Tat umgesetzt.] Ähnlich geht es ja auch mit anderen großen Leuten: immer wieder einmal schreiben irgendwelche Schmierfinken [Schmierfinken!!!] über bestimmte Macken im Leben großer Menschen. [Ach, das waren alles nur „Macken“ bei Luther. Na denn war es ja nicht so schlimm.] Und im Leben jedes Menschen findet sich ja bekanntlich manches, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. [Wäre dem Pfarrer wohl lieber gewesen, wenn Luthers Aussagen geheim blieben. Deshalb haben wir im Konfirmandenunterricht auch nichts davon erfahren.] Aber weil solche Sachen ja gelesen werden, werden sie auch gedruckt, werden sie vor allem verkauft. Oft muß man genau hinschauen, um eine seriöse Nachricht von purer Sensationslust noch zu unterscheiden. Da sind dann Heilige gar nicht mehr so heilig [ja, das soll's geben], Päpste sind moralisch fragwürdig [Hört, hört!], Politiker eo ipso unglaubwürdig, Pfarrer nicht ohne Makel [ja, das kommt vor] und sogar unter Polizisten gibt es Schwarze Schafe usw. usf. ... So geht das bis in unsere Zeit: denken Sie bitte nur an die Kampagne um den amerikanischen Präsidenten! [Wo die Christen allerdings am meisten hetzen.] Wenn alle sich an das Wort Jesu erinnern ließen "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein", dann würden sich manche dieser angeblich so moralischen Zeigefinger gar nicht erst erheben, dann hätten viele Menschen ganz viel mit sich selbst zu tun. [Na, so kann man alles rechtfertigen. Jetzt verstehe ich auch, warum die Evangelen die Beichte nicht brauchen. Jesus hat durch seine Aussage jegliche Schuld relativiert und somit hinfällig gemacht.]
Sehr geehrte Frau Jackler, lassen Sie sich nicht irritieren und ziehen Sie bitte keine falschen Schlüsse. [Die habe ich schon vorher gezogen, und sie waren sicher nicht falsch.] Luther war kein Heiliger - er war ein Mensch wie wir. [Ich protestiere. Luther ein Mensch wie ich? Ich habe niemals dazu aufgerufen, Juden totzuschlagen, Bauern zu würgen und Hexen zu brennen.] Er hat sich geirrt wie wir, war traurig wie wir, hatte falsche Gedanken, war lieblos und ungerecht alles wie wir. Aber ich bin davon überzeugt, daß Gott ihn gebraucht hat als ein gutes Werkzeug, um sein Evangelium unter den Menschen neu zum Leuchten zu bringen. Deswegen spricht man heute noch von ihm. Und dafür sind wir Gott dankbar für diesen Mann und sein Wirken. [Und alle schlimmen Worte sind vergeben und vergessen!] Schließlich liegt ja Luther mit seiner Einschätzung (die Sie ja auch zitieren) gar nicht so falsch, „daß der Teufel immer mehr Einfluß auf der Erde bekommt“. Wir rechnen heute nicht mehr so direkt mit dem Teufel. Aber wenn wir darunter alle Mächte verstehen, die lebensfeindlich sind, dann müssen wir Luther schon Recht geben. Wenn man sieht, wie es in der Welt drunter und drüber geht, wie die moralischen Werte verkommen, wie das Böse scheinbar immer mehr die Oberhand gewinnt... - man muß Luther zustimmen. [Das war früher natürlich alles viel moralischer. Bei den Päpsten z.B., die so viele moralische Kriege führten und Bordelle unterhielten.] Und was die Politiker nicht sehen (und auch die Theologen nicht) - die Dichter sehen es: Ich glaube, sie sind die Propheten unserer Zeit! Ich hoffe, ich konnte Ihnen einige Dinge beantworten. Der Dichter Conrad Ferdinand Meyer hat von Luther gesagt: „Sein Geist ist zweier Welten Schlachtgebiet. Mich wundert's nicht, daß er Gespenster sieht.“ Damit ist angedeutet, daß Luther in keine Schablone paßt und daß er mit 'normalen' Maßstäben nicht zu messen ist. Seine Gottesfurcht hat ihn zu einem wahrhaft frommem Menschen gemacht. [Nur mit ein paar klitzekleinen „Macken“.] Wir glauben daher, daß unsere Lutherkirche seinen Namen zu Recht trägt und wir uns nicht dafür schämen müssen. Ich danke Ihnen für Ihre Anfrage und grüße Sie freundlich.



Soweit die Antwort. Zur Luthers Verhältnis zu den Frauen („Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes.“) und seine Ansichten zur Kindererziehung („Ein toter Sohn ist besser als ein ungezogener.“) fiel dem Pfarrer wohl auch nichts ein. Aber auch das ist sicher nur ein Ausdruck der „damaligen Zeit“, womit man natürlich alles rechtfertigen kann, selbst die schlimmsten Greuel.


Copyright 1999, Der Humanist