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Ein Dinosaurier kehrt zurück

Die Firma Netscape versucht, mit einer neuen Version ihres Browsers die Vorherrschaft des Internet Explorer von Microsoft anzugreifen. Den einzigen Teil des Programms, der ordentlich funktioniert, haben freie Programmierer entwickelt

von ERIK MÖLLER

Wer heute neu ins Internet einsteigt, lernt zunächst nur ein einziges Programm kennen: den Browser. Er nimmt von den Web-Servern Instruktionen entgegen, wie Dokumente darzustellen sind. An dieser Schnittstelle können Inhalte gefiltert, manipuliert, verschlüsselt oder abgehört werden - wer den Browser programmiert, entscheidet über die Art, wie wir das Netz nutzen, er kann neue Entwicklungen fördern oder blockieren.

Kein Wunder, dass vor drei Jahren der Browserkrig ausbrach. Bis dahin beherrschte den Markt das (für private Anwender kostenlose) Programm von Netscape - ein Klassiker bis heute. 1997 nahm der Windows-Hersteller Microsoft den Kampf auf. Die Version 4.0 seines davor allen Varianten von Netscape weit unterlegenen Internet Explorer wurde veröffentlicht.

Auch Microsoft verschenkte das mit Millionenaufwand produzierte Programm, das überdies fest mit der Oberfläche des Betriebssystems verknüpft wurde. Der Gerichtsprozess, den Netscape gegen diese technisch fortschrittliche Lösung anstrengte, ist immer noch nicht abgeschlossen, aber die Folgen des Browserkrieges sind auf jedem PC sichtbar: Die Programmpakete wurden immer fetter. Mehr und mehr Funktionen wurden integriert. Der Netscape Communicator 4.0 trieb mit einem E-Mail-Programm, einem Webseiten-Editor, einem Newsreader und vielen weiteren Zutaten die Downloadzeiten in die Höhe, Microsoft konterte mit kostenlosen Leichtversionen seiner Programme Outlook und Frontpage. Auch die Browser selbst wuchsen, immer mehr Darstellungsmöglichkeiten wurden implementiert, manchmal auf Grundlage von Standards, die vom W3-Konsortium (www.w3.org) festgelegt werden, manchmal aber auch völlig willkürlich.

Probleme bei der Stabilität und bei der Sicherheit waren die Folge. In der Hochphase des Browser-Kriegs wurden fast wöchentlich neue Sicherheitslöcher vermeldet. Manche wanderten daraufhin zum norwegischen Browser-Hersteller "Opera", der ein kleines, schnelles Programm als Alternative anbot. Es konnte vieles nicht, aber eines schon: Webseiten anzeigen. Allerdings war es nicht kostenlos.

Microsoft dagegen setzte auf eine noch stärkere Integration von Browser und Betriebssystem. Auch hausfremde Softwareentwickler bekamen die Möglichkeit, den Internet Explorer in ihre eigenen Produkte einzubetten. Selbst skeptische Anwender wurden damit gezwungen, den Browser von Microsoft zu nutzen, der in Windows 98 ohnehin enthalten war.

Das Ende von Netscapes Vorherrschaft schien nicht mehr aufzuhalten zu sein. In einer Art Verzweiflungsaktion wollten sich die Verlierer an den Erfolg des freien Betriebssystems Linux anschließen - der einzigen nennswerten Alternative von Windows. Netscape gab im Januar 1998 den Quellcode der bereits geplanten nächsten Generation seines Browsers frei. Die Nutzer selbst sollten das Programm nunmehr weiterentwickeln können, um Microsoft doch noch den Rang ablaufen zu können.

Die Entscheidung wurde im ganzen Internet begrüßt, doch bald machte sich Ernüchterung breit. Der Quellcode von Netscape war unvollständig und entstammte einem völlig unfertigen Produkt. Die Entwickler, die teils von Netscape bezahlt wurden und sich teils aus Idealismus an dem Projekt beteiligten, sahen sich einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber: innerhalb kürzester Zeit aus dem chaotischen Codehaufen eine brauchbare Alternative zu Microsoft zu entwickeln. Das Projekt trug den Namen Mozilla, benannt nach den Urversionen des Netscape-Browsers.

Ende 1998 wurde die Firma Netscape von AOL übernommen. Obwohl der Onlinedienst sich dazu verpflichtete, die Browser-Entwicklung fortzuführen, war das Interesse an einem offenen Kampf mit Microsoft eher gering. Dennoch arbeitete die Mozilla-Gemeinde unermüdlich weiter, in der Hoffnung, die Nutzer eines Tages von Microsoft erlösen zu können - die letzte Netscape-Version war dem aktuellen Microsoft-Browser in fast jeder Hinsicht unterlegen.

In regelmäßigen so genannten "Milestones" konnten die Mozila-Fans den Erfolg des Projektes verfolgen. Schon bald wurde Kritik laut: Zu viele webfremde Funktionen würden integriert, der Speicherverbrauch sei viel zu groß und das Programm strotze nur so von Fehlfunktionen aller Art. Die Mozilla-Entwickler bemühten sich um Beschwichtigung, doch die Probleme konnten sie oft nicht lösen.

So zog sich die Entwicklungszeit hin, denn man wollte kein Produkt freigeben, das die eigenen Qualitätsstandards nicht erfüllte. Doch Netscape drängte darauf, Microsoft zuvorzukommen. So wurde der unfertige Mozilla-Code um einige AOL-Anwendungen erweitert und letzten Monat als "Netscape 6" veröffentlicht. Es hagelte Kritik. Die neue Version sei langsam, übergewichtig, speicherhungrig und strotze von großen und kleinen Fehlern.

Fast einhelliges Lob fand dagegen ein Kernstück des neuen Browsers, die "Gecko-Engine", die für die eigentliche Darstellung von Webseiten verantwortlich ist. Sie arbeitet schneller und zuverlässiger als das Gegenstück des Internet Explorer. Einige Entwickler bemühen sich deshalb, den "Gecko" von "Mozilla" zu trennen und auf dieser Basis kleinere, stabilere Browser zu entwickeln, die wirklich nur Webseiten anzeigen. Für Unix gibt es inzwischen das Galeon-Projekt (galeon.sourceforge.net), für Windows K-Meleon (www.kmeleon.org). Das Mozilla-Projekt selbst war mit dem übereilten Vorgehen Netscapes nicht zufrieden. Die aktuelle Mozilla-Version trägt die Nummer 0.6, was besagt, dass sie alles andere als fertig ist.

Aber auch die Entwickler von "Opera" sind derweil nicht untätig geblieben. Die neuste Version des Alternativbrowsers (www.opera.com) kann als "Adware" ebenfalls kostenlos genutzt werden - sie wird durch eingeblendete Werbebanner finanziert. Ebenfalls im November ging die neuste Version des Internet Explorer von Microsoft in den Beta-Test. Der Krieg der Browser steht vor einer neuen Schlacht. Das schlanke und nun auch kostenlose Modell aus Norwegen dürfte dabei eine ernsthaftere Konkurrenz für Microsoft sein als der Dinosaurier Mozilla. moeller@scireview.de

taz Nr. 6322 vom 14.12.2000, Seite 17, 214 Zeilen, TAZ-Bericht ERIK MÖLLER